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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Agil wie selten zuvor, warf Nikolai die Personalakte achtlos auf den Tisch. Was hatte er nicht alles unternommen, um dieser Bestie auf die Spur zu kommen. Das Rote Kreuz konsultiert, sämtliche Bezirksämter abgeklappert, die Melderegister durchforstet, gleich tonnenweise Akten der Nürnberger Prozesse gewälzt – ohne Erfolg. Und jetzt dies. Ein Zufall, wie es ihn nur selten gab.

Und einen, den er sich zunutze machen würde.

Paul Mertens. Endlich. Borodin schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn. So einfach!, fuhr es ihm durch den Sinn. Um nicht zu sagen einfallslos. Untertauchen, den Mädchennamen der Mutter annehmen, gefälschte Papiere besorgen – und fertig war der Saubermann.

Unauffindbar.

Doch nicht mit ihm. Nicht mit Nikolai Borodin.

Was folgte, waren ein paar Handgriffe. So zum Beispiel zu einem Requisit, das mit dem umständlichen Namen ›Amtliches Fernsprechbuch für Berlin‹ betitelt war. Seiner Sache absolut sicher, blätterte Borodin den Wälzer bis zum Buchstaben M durch.

Und wurde fündig.

Als der Archivar, ein Captain der US Army, den unterdrückten Freudenschrei aus dem Lesesaal vernahm, dachte er zunächst, sein einziger Gast an diesem Tage sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Vor allem als dieser die Tür aufriss, auf ihn zustürmte und darum bat, sein Telefon benutzen zu dürfen. Erst recht als der Schlacks auch noch ein ihm unbekanntes Kauderwelsch sprach, war seine Verwirrung perfekt.

»Ich hab ihn, Mutter«, flüsterte Nikolai in den Hörer, kritisch beäugt von dem Archivar, der ihn nicht eine Sekunde aus den Augen ließ.

»Dann komm nach Hause, Junge«, sprach die Stimme am anderen Ende der Leitung, auf Deutsch, wie der

US-Captain aufmerksam registrierte.

»Jetzt nicht, Mutter«, erwiderte Nikolai bestimmt, straffte sich und holte tief Luft.

»Wann dann, Nikita?«

»Sobald ich diesen Wolf in Menschengestalt zur Strecke gebracht habe, Mamuschka«, antwortete Borodin, legte auf und blickte den Captain der US Army, einen pausbäckigen Texaner, mit gewinnendem Lächeln an.

Danach nahm er seine Jacke vom Haken, begab sich zum Ausgang und verschwand.

16

Glienicker Brücke, sowjetischer Sektor | 11.50 h

In der Tat. Schöner hätte ein Spätsommertag nicht sein können. Der Himmel über Berlin war azurfarben, und die Havel, über deren Oberfläche eine sanfte Brise strich, reflektierte das Sonnenlicht. Ab und an tauchte in der Ferne ein Segelboot auf, doch abgesehen von einem Schwarm Wildenten, der sich laut schnatternd aus dem Schilf erhob, blieb es an der Glienicker Brücke ruhig.

Für Juri Andrejewitsch Kuragin, Major des MGB, jedoch zu ruhig. Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Der 32-jährige, stets adrett und gepflegt auftretende Geheimdienstoffizier mit dem südländischen Teint drückte sein Zigarillo aus und legte die Stirn in Falten. Wenn man wie er bereits mehr als 10 Jahre MGB auf dem Buckel hatte, bekam man ein Gespür dafür, wenn sich etwas zusammenbraute. Das fing mit der Luftbrücke an und hörte mit dem Verschwinden der vier Wachsoldaten auf. Kuragin überschattete die Augen und warf einen Blick zum Horizont. Eine C-54 Skymaster nach der anderen, im Abstand von nicht einmal zwei Minuten. Wie Nadelstiche in Stalins Fleisch. Bis zu 10 Tonnen Fracht, vollgestopft mit allem, was Berlin zum Überleben brauchte. Kohlen, Penicillin, Trockenmilchpulver. 2.000 Tonnen am Tag, und die Yankees hatten eine realistische Chance, ihr Ding durchzuziehen. Gut möglich, dass sich die Führung in Moskau in ihnen getäuscht hatte. Mit ihrer Weisheit am Ende waren die nämlich noch lange nicht.

Kein Zweifel also, da braute sich etwas zusammen. Der kleinste Zwischenfall, und hier wäre der Teufel los. Auf der einen Seite die Yankees, im Besitz Dutzender Atomwaffen. Auf der anderen die Rote Armee mit knapp 100.000 Soldaten in und um Berlin. Eine hochbrisante, um nicht zu sagen brandgefährliche Situation. Gut und schön, mit ihren gut 12.000 Mann waren die Alliierten hoffnungslos unterlegen. Angesichts der Waffen, über die sie verfügten, jedoch alles andere als ein Klacks. Kuragin blähte die Backen auf und atmete geräuschvoll aus. Wenn es zum Dritten Weltkrieg kommen würde, dann hier. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Was fehlte, um ihn in Gang zu bringen, war nur irgendein Idiot, dem die Nerven durchgingen. Anschließend würde die Rote Armee Westberlin überrollen. Dass die Amerikaner das nicht auf sich sitzen lassen würden, lag auf der Hand. Das heißt, sie würden eine Atombombe über Moskau abwerfen. Oder über Leningrad. Oder über mehreren Städten gleichzeitig. Gesetzt den Fall, diese Situation würde Wirklichkeit werden, wäre dies das Ende.

Schachmatt, Genosse Stalin.

Es stand also eine Menge auf dem Spiel. Gelinde gesagt. Und genau das war es, was den Auftrag so brisant machte, mit dem er von Sokolowski betraut worden war. Uniformen, die sich anscheinend in Luft aufgelöst hatten, Waffen, die einfach verschwunden waren. Und das gleich in rauen Mengen. Ganz zu schweigen von den vier Soldaten, von denen nach wie vor jede Spur fehlte. Wenn da nichts im Busch war, wollte er nicht Kuragin heißen. Um ehrlich zu sein, er war auf einen Fall wie diesen nicht vorbereitet gewesen. Der Major mit dem Spitznamen Kaukasier schüttelte unwillig den Kopf. Aber wer war das schon. Soweit er sich entsinnen konnte, hatte er während seiner Tätigkeit beim MGB so etwas noch nicht erlebt. Mit Deserteuren, Fahnenflüchtigen oder Überläufern war das etwas anderes. Da wusste er, wie er mit ihnen umzugehen hatte. Aber dass vier Wachsoldaten einfach von der Bildfläche verschwanden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür musste es eine Erklärung geben.

Und die würde er finden.

»Verzeihung, Genosse Major, aber da ist etwas, auf das Sie mal einen Blick werfen sollten.« Beim Klang der Worte, aus der die Beunruhigung ihres Urhebers sprach, schreckte der Geheimdienstoffizier aus seinen Gedanken auf und drehte sich zu seinem Assistenten, wie er aus Leningrad, mit erwartungsvoller Miene um. »Sieht so aus, als gäbe es eine erste Spur.« An der Art, wie er dies sagte, konnte man erkennen, dass der drahtige Hauptmann der gleichen Meinung war wie er. »Wenn Sie mir vielleicht folgen würden.«

Kuragin nickte und heftete sich an seine Fersen. Weit zu gehen brauchte er nicht. Etwa 20 Meter von der Brückenmitte entfernt, wo die Grenze zum amerikanischen Sektor verlief, hielt der flachsblonde Hauptmann inne, beugte das Knie und zeigte mit dem Finger auf den Asphalt.

Von der Sonne geblendet, konnte Kuragin zunächst nichts sehen, und er kam nicht umhin, es seinem Assistenten gleichzutun. Dann aber, auf den zweiten Blick, dämmerte ihm, was sein Landsmann meinte. »Gehirnmasse«, erklärte der MGB-Hauptmann unterkühlt, nachdem sich seine und Kuragins Blicke begegnet waren. Die Blutlache, in der sie sich befand, war eigentlich nicht zu übersehen, und er fragte sich, warum sie von niemandem bemerkt worden war.

Der Hauptmann erriet seine Gedanken. »Kann schon sein, dass man so etwas übersieht«, redete er Kuragin, der verständnislos den Kopf schüttelte, gut zu. »Dafür sind wir ja schließlich da.«

Kuragin holte tief Luft, verkniff sich jedoch die Frage, ob die Bemerkung wirklich ernst gemeint sei. Unter einem MGB-Offizier in geheimer Mission stellte er sich jedenfalls etwas anderes vor. »Ihre Schlussfolgerung, Dmitri Nikolajewitsch?«

»Gewalteinwirkung mit Todesfolge«, tat sein Assistent im Brustton der Überzeugung kund.

Kuragins linker Mundwinkel verzog sich zu einem

Grinsen. »Darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen.«

An seinem Assistenten, der ihn inzwischen zu nehmen wusste, prallte der Seitenhieb jedoch ab. »Fakt ist, dass solche Verletzungen nur dann auftreten, wenn der Schuss aus nächster Nähe abgefeuert worden ist.«

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