Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Edwin O. Herbert runzelte fragend die Stirn. »Darf man fragen, worum …«
»… es geht?«, nahm ihm Gladys McCoy die Worte aus dem Mund. »Man darf. Wie unsere routinemäßige Überprüfung der Berliner Banken ergeben hat, sind seit der Währungsreform erhebliche Summen von Schweizer Konten zurück nach Deutschland geflossen. Auch und gerade nach Berlin.«
»Und an wen?«
»Bedaure, Sir – top secret.« Um ihren Gesprächspartner nicht zu brüskieren, setzte die MI6-Agentin ihr strahlendstes Lächeln auf. »In diesem Punkt sind meine Anweisungen glasklar.«
Der Stadtkommandant pfiff durch die Zähne. »Donnerwetter. Hört sich so an, als sei hier demnächst allerhand los.« In das Gespräch mit seiner mysteriösen Begleiterin vertieft, hatte der Generalmajor den Militärjeep nicht bemerkt, der mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf ihn zugeprescht war. Erst als dieser stehen blieb, tat er es Miss McCoy gleich und richtete den Blick nach vorn. »Was gibt’s, Lieutenant Colonel?«, fragte er den drahtigen Schotten, nachdem dieser eine Vollbremsung gemacht, salutiert und ihn beiseitegenommen hatte. »Bedaure, Sir, Sie unterbrechen zu müssen«, flüsterte der Ordonnanzoffizier in eindringlichem Ton. »Aber es gibt Neuigkeiten.«
»Und welche?«
Mit Blick auf die mysteriöse Schönheit, deren Fan-Club sich in diesem Moment um ein Mitglied vergrößerte, trat der Schotte so nahe wie möglich auf den Stadtkommandanten heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Je länger dies dauerte, umso besorgter wurde die Miene seines Vorgesetzten, und als er geendet hatte, musste sich dieser erst einmal setzen.
»Schlechte Nachrichten?«, fragte Gladys McCoy, nahm neben ihm Platz und schlug die Beine übereinander. Sehr zur Freude des Ordonnanzoffiziers, der die Szene aus gehöriger Distanz beobachtete.
Da die Bank am Rande der Uferpromenade nicht sonderlich bequem war, dauerte es nicht lange, bis die
MI6-Agentin eine Antwort bekam. »Kann man wohl sagen«, grummelte der Generalmajor, kramte sein Zigarilloetui hervor und zündete sich einen John Player an. »Nach allem, was Jenkins mir so geflüstert hat.«
»Mister Unbekannt?«
»Sie haben es erfasst, Miss. Das Problem ist nur, dass wir ihn nicht mehr ausquetschen können.«
»Verstehe«, antwortete Gladys McCoy, schloss die Augen und räkelte sich auf der Bank. Und fügte geraume Zeit später hinzu, das Gesicht der Morgensonne zugewandt: »Bleibt zu hoffen, dass diese Werwölfe eine Fährte hinterlassen haben. Oder zumindest hinterlassen werden. Damit es am Ende nicht noch zum Dritten Weltkrieg kommt.«
»Wie meinen Sie das?«, brach es aus Generalmajor Edwin O. Herbert hervor, dem vor Schreck beinahe der Zigarillo aus der Hand gefallen wäre.
»Ach nichts, Sir, nur so eine Befürchtung«, wiegelte die MI6-Agentin ab, erhob sich und stolzierte auf den wartenden Bentley zu.
13
Moskauer Kreml, Stalins Arbeitszimmer | 12.15 h Ortszeit
»Und was ist mit der Atombombe?«, polterte Josef Stalin und hieb mit der Faust auf den dunklen, mit grünem Filz überzogenen Tisch. In dem holzgetäfelten Raum, zu dem nur etwa ein Dutzend Personen Zutritt hatte, wurde es totenstill, und das Ticken der Wanduhr hörte sich wie ein Menetekel an.
»Meinen Informationen zufolge, Josef Wissarionowitsch …«, ergriff Lawrenti Berija, Chef des MGB und für die Entwicklung der Atombombe zuständiges Politbüromitglied der KPdSU, das Wort, »wird es noch ein paar Monate dauern, bis wir in der Lage sein werden, den Amerikanern …«
»Das Wasser zu reichen, genau!«, ließ ihn der knapp 70-jährige, vom Alter, diversen Herzattacken und Pockennarben gezeichnete Generalissimus gar nicht erst ausreden, umklammerte die Schreibtischkante und knurrte: »Kapieren Sie überhaupt, was das heißt? Oder wollen Sie es nicht kapieren? Solange wir nicht imstande sind, es den Amerikanern mit gleicher Münze heimzuzahlen, sind wir erpressbar, Sie Idiot! Irre ich mich, oder waren nicht Sie es, Lawrenti Pawlowitsch, der mir immer wieder damit in den Ohren gelegen ist? Die Amerikaner, Engländer und Franzosen in Berlin – ohnehin schlimm genug. Plus diese verfluchte Luftbrücke. Und dann noch ein paar Dutzend Atombomben. Von den B-29-Bombern überall in Europa gar nicht zu reden. Wenn Kurtschatow und diese Eierköpfe in Semipalatinsk nicht bald auf einen grünen Zweig kommen, können Sie und ich unser eigenes Grab schaufeln. Verglichen damit wird das, was dieser Hitler auf die Beine gestellt hat, nur ein müdes Kaffeekränzchen sein.«
Der 20 Jahre jüngere, mit Hut, dunklem Anzug und gestreifter Krawatte bekleidete Chef des MGB ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er das Risiko einging, dem Herrn über das Sowjetimperium zu antworten. »Das wird Truman nicht wagen, Genosse Stalin«, gab sich der Georgier und Landsmann Stalins betont sachlich und rückte in einer Geste wohlkalkulierter Verlegenheit seine Nickelbrille zurecht. »Nicht nach Hiroshima und Nagasaki. Das hat seinem Ruf mehr geschadet als alles andere.«
»Und warum nicht, wenn man fragen darf?«, blaffte Stalin, griff nach seiner Pfeife und begann, sie zu stopfen. »Wäre es nicht besser, genau dann zuzuschlagen, wenn wir den Amerikanern noch nicht Paroli bieten können?« Stalin entzündete seine Pfeife und lehnte sich zurück. »Darf man fragen, was Sie in einem solchen Fall tun würden, Berija?«
»Schwer zu sagen«, druckste der Herr über die Straflager herum, bevor er sich zu einer Antwort bequemte. In einer derartigen Stimmung war Stalin unberechenbar. Ein falsches Wort, und er war seinen Posten los. »Hm.« Und seinen Kopf unter Umständen auch. »Also, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Josef Wissarionowitsch, würde ich …«
»… mir zuerst einmal Berlin unter den Nagel reißen, die alte Leier, ganz klar. Falls dazu überhaupt noch Zeit ist. Und abgesehen davon – warum sollte ich? Der nächste Winter kommt ja wohl bestimmt. Ein paar Wochen noch, meinetwegen auch Monate – und Berlin wird uns wie eine reife Frucht in die Hände fallen. Darauf können Sie Gift nehmen, Berija. Um ein paar hunderttausend Tonnen einzufliegen, fehlt den Amerikanern einfach der Schneid. Und den Briten sowieso.« Stalin blies einen Rauchkringel, schnippte ein graues Haar von seiner Marschallsuniform und begann sich zu entspannen. »Wozu also den Dritten Weltkrieg riskieren, wenn wir alle Hände voll zu tun haben, die Folgen des Zweiten erst einmal zu verdauen.«
Heilfroh, aus der Bredouille zu sein, atmete Berija insgeheim auf. Das war ja glimpflicher verlaufen als befürchtet.
Dachte er wenigstens.
Es sollte nämlich nicht lange dauern, bis Stalin die trügerische Ruhe erneut zunichtemachen würde. »Sonst noch irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte er, während sich sein Blick urplötzlich verschärfte. Lawrenti Berija hätte dies eigentlich eine Warnung sein sollen, aber er ließ sich von Stalin täuschen.
Wieder einmal.
»Nichts von Bedeutung«, erwiderte Berija lapidar und ließ den Blick durch Stalins spartanisch möbliertes Arbeitszimmer schweifen, mit Sofa, dunklem Telefon und den Porträts von Karl Marx und den Generälen Kutusow
und Suwarow alles andere als einladend. »Im Westen nichts Neues.«
»Wirklich nicht?«
»Kein Grund zur Beunruhigung.«
»Wie bitte?«, polterte Stalin ohne Vorwarnung los, schnellte aus seinem Ledersessel nach vorn und sah Berija wutschnaubend an. Wäre die Pfeife nicht gewesen, deren er sich entledigen musste, hätte dem MGB-Chef weit Schlimmeres gedroht. »Und was ist mit den vier Soldaten an der Glienicker Brücke?«
»Den was?«, ächzte Berija, Böses ahnend.
»Mal wieder nicht im Bilde, wusste ich’s doch«, übergoss der Sowjetdiktator seinen Geheimdienstchef mit Hohn. »Zu Ihrer Information, Genosse: Vor exakt zwei Stunden hat mich Sokolowski aus dem Bett geklingelt. Ist Ihnen doch wohl ein Begriff, oder?«