Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Komisch«, warf Hattengruber mit Blick auf den Briefkopf ein, »aber ich war immer der Meinung, die Zeiten, in denen Werwölfe ihr Unwesen getrieben haben, seien ein für allemal vorbei.«
»Anscheinend nicht, Erwin.« Auf den Sims eines der beiden Fenster gestützt, ließ Sydow den Kopf nach vorn sacken und blieb geraume Zeit stumm. Hattengruber tat es ihm gleich. Das Schweigen mochte ein, zwei Minuten angedauert haben, als Sydow laut aufseufzte, den Kopf hob und sich zu seinem Vorgesetzten umdrehte. »So lange ist es ja auch nicht her, seit Himmler sein letztes Aufgebot zu den Fahnen gerufen hat.«
»Ich glaube, du siehst Gespenster, Tom.« Ohne Sydows Blick zu erwidern, gab Hattengruber seine entspannte Haltung auf und ließ die Ellbogen auf dem Schreibtisch ruhen. »Das waren noch halbe Kinder, Tom. Und wenn nicht, hatten diese Werwölfe wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. In einer Situation, wo der Krieg längst gelaufen war, noch Leib und Leben zu riskieren, bedeutet für mich, dass man nicht mehr ganz bei Trost sein kann.«
»Oder ganz fanatisch sein muss.«
Hattengruber seufzte kaum hörbar auf. »Du bist dabei, dich in etwas zu verrennen, Tom«, machte er aus seiner Meinung keinen Hehl. »Na schön, nehmen wir mal an, es lungern noch ein paar von diesen Werwölfen rum – denkst du vielleicht, die sind eine Gefahr für uns?«
»Was nicht ist, kann ja noch werden.« Sydow vergrub die Hände in den Taschen und ließ den Blick zwischen den Füßen hin- und herpendeln. »Auf die Gefahr, mich lächerlich zu machen – ich habe vor, weiter in diese Richtung zu ermitteln. Etwas anderes bleibt mir ja wohl auch nicht übrig.«
»Tu, was du nicht lassen kannst«, erwiderte Hattengruber verstimmt und knöpfte sich den nächsten Aktenstapel vor. »Mordsradau vorhin, findest du nicht auch?«
»Die Explosion drüben auf dem Flughafen?«
Der Kriminalrat gab ein zustimmendes Brummen von sich. »Hat sich so angehört, als habe es beträchtlichen Flurschaden gegeben. Wenn die Amis so weitermachen, brennt uns eines Tages vielleicht noch die Bude …«
Ob es das Läuten des Telefons oder die Akte auf dem Tisch gewesen war, die Hattengruber mitten im Satz verstummen ließ, konnte Sydow nicht feststellen. Dem Gesicht nach zu urteilen, das Onkel Erwin nach dem Abheben des Hörers machte, war von seiner Frohnatur nicht viel übrig geblieben. Er wirkte verblüfft, um nicht zu sagen konfus. »Kann schon sein, Herr Polizeipräsident, dass die Briten ihn angefordert haben«, erhob er die Stimme und sah Sydow kopfschüttelnd an. »Aber finden Sie nicht auch, dass wir denen mal zeigen sollten, wer hier der Herr im Hause ist?«
Man konnte Hattengruber ansehen, dass die Antwort nicht so ausfiel wie erhofft. So schnell gab er jedoch nicht nach. »Und wieso ausgerechnet er?«, ereiferte er sich, hart an der Grenze zur Unhöflichkeit. »Als ob wir nichts Besseres zu tun hätten, als diesen Zirkus mitzu…« Wenn Hattengruber etwas nicht leiden konnte, dann die Tatsache, mitten im Satz unterbrochen zu werden. Da es sich bei seinem Gesprächspartner jedoch um den Polizeipräsidenten handelte, schluckte er seinen Ärger hinunter und ließ die Flut der Belehrungen, die auf ihn niederprasselte, mit verkniffener Miene über sich ergehen. »Geht in Ordnung, Herr Polizeipräsident«, stieß der Kriminalrat schließlich hervor, verzog das Gesicht und hängte auf.
Die Frage, die Sydow auf der Zunge lag, sollte ihren Adressaten nicht mehr erreichen, denn kaum hatte Hattengruber aufgelegt, stand er auf und trat auf Sydow zu. »Sieht so aus, als hättest du bei den Briten einen Stein im Brett«, murmelte er wie im Selbstgespräch, außerstande, seinen Groll zu verbergen. »Ums nicht gar so spannend zu machen: Ein Leichenfund im Grunewald. Unserem Herrn Polizeipräsidenten zufolge ist die Rentnerin, die ihren Hund Gassi geführt hat, unmittelbar nach Entdeckung des Leichnams einer britischen Militärstreife in die Arme gelaufen.«
Sydow schwante Übles. »Und was habe ich damit zu tun?«, fragte er.
»Eine Menge, Tom«, gab Hattengruber unbeirrt zurück, auf dessen Stirn sich zwei Runzeln zu einem V vereinigten. »Laut Auskunft des Herrn Polizeipräsidenten haben die Briten darauf gedrängt, Berlins bester Kripobeamter möge sich des Falles annehmen.«
Sydow richtete den Zeigefinger auf sich und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Doch, Tom, du«, versetzte Hattengruber, auf einmal wieder der Alte. »Gut möglich, dass es mit deiner glorreichen Vergangenheit zusammenhängt. Der Fall Heydrich hat dich eben auf einen Schlag berühmt gemacht. Nach dem Krieg.«
»Weißt du was, Erwin – die können mich mal«, trotzte Sydow, dem die Vorstellung, zwei Fälle auf einmal lösen zu müssen, überhaupt nicht behagte.
Auf Augenhöhe mit seinem Untergebenen, blitzte im Gesicht des Kriminalrates ein flüchtiges Lächeln auf. Kurz darauf wurde er wieder ernst und fragte: »Auch dann, wenn sich auf dem Oberarm des Toten eine Wolfsangel befindet?«
19
Washington D. C., Weißes Haus | 06.55 h Ortszeit
»Hiobsbotschaften – und das mitten in der Nacht«, seufzte Harry S. Truman, seit mehr als drei Jahren amerikanischer Präsident, während er in einem Polstersessel versank. Auf schlechte Nachrichten aus Berlin konnte er verzichten, mit 64 sowieso. »Ich hoffe, Sie haben gute Gründe dafür, Jim.«
»Wenn das keine sind, weiß ich nicht mehr«, antwortete US-Verteidigungsminister James V. Forrestal mit unüberhörbarer Sorge und nahm auf eine Handbewegung des Präsidenten hin ebenfalls Platz. »Erst diese Messerstecherei an der Glienicker Brücke – und nun das.«
»Wegen … wegen einer Frau, das muss man sich mal vorstellen«, murmelte Truman, legte den Kopf in den Nacken und fuhr über die grau melierten Schläfen. »Als ob wir mit der Blockade nicht schon genug Probleme am Hals hätten.«
»Mehr als genug«, pflichtete Forrestal, Ex-Marineflieger und acht Jahre jünger als Truman, dem Präsidenten bei. Der smarte Workaholic mit den irischen Wurzeln und dem tadellos sitzenden Nadelstreifenanzug runzelte die Stirn. »Und ich fürchte, sie werden eher noch zunehmen.« Forrestal machte ein betretenes Gesicht. »Um es auf den Punkt zu bringen, Mr. President: Vor knapp einer Stunde ist es auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin zu einem fürchterlichen … nennen wir es einmal Unglück … gekommen.«
Nicht gerade bester Laune, öffnete Truman seinen Kragenknopf und sagte: »Die hat es ja weiß Gott schon häufig genug gegeben.«
»In der Tat, Mr. President«, antwortete Forrestal kühl, ließ die Angelegenheit jedoch nicht auf sich beruhen. In seiner Eigenschaft als Geschäftsmann hatte er sich eine an Arroganz grenzende Selbstsicherheit angewöhnt, auch und gerade in schwierigen Situationen. Und schwierig war die Lage, in der nicht nur er sich befand, allemal. »Bedauerlicherweise haben wir es nicht mit einem Unfall, sondern mit etwas weitaus Schlimmerem zu tun.«
»Und das wäre?«
»Mr. President, Sir. Unseren bisherigen Erkenntnissen zufolge ist eine im Landeanflug befindliche C-54 Skymaster vom Boden aus beschossen worden, Mr. President, Sir.«
Auf einen Schlag hellwach, machte Truman einen Satz nach vorn. »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst, Jim!«, stieß er verdattert hervor.
»Ich fürchte, es kommt noch schlimmer, Sir.« Forrestal öffnete seine Aktentasche und fischte ein Clipboard heraus, auf dem er sich in der Eile ein paar Notizen gemacht hatte. »Wenn Sie erlauben, Sir«, warf er ein und überflog das vollgekritzelte Blatt. »Wie mir Clay9 am Telefon bestätigt hat, ist die Skymaster tatsächlich unter Beschuss geraten. Und jetzt kommt’s, Sir, vermutlich mithilfe eines Flugabwehrgeschützes.«