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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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Er hatte aufgehört zu weinen, zu lachen oder sich zu freuen. Er hatte aufgehört, auf die Welt, in der er lebte, neugierig zu sein. Und er hatte aufgehört, Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Es gab nur eines, das ihn aufrechterhielt: Die Suche nach den Männern, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war. Ein lebender Leichnam, rastlos, ruhelos – und seelenlos.

Und der Drang, Vergeltung zu üben.

Um jeden Preis.

Seit dem Tag, an dem ihn die SS lebendig begraben hatte, war nichts mehr so gewesen, wie es war. Die Erinnerung an jenen Abend, an dem Vaters Leben und das von mehr als 30.000 seiner Landsleute innerhalb weniger Stunden ausgelöscht worden war, hatte ihn in einen Zustand der Lähmung versetzt, aus dem er sich nicht wieder hatte befreien können. Alles, was vor dem 29. September 1941 lag, war ausradiert, aus dem Tagebuch seiner Erinnerungen getilgt. Fast schien es, als sei er niemals Kind gewesen, als habe sein Leben erst mit 15 begonnen. Sämtliche Reminiszenzen an seine frühere Existenz waren hinter einem undurchdringlichen Schleier verborgen, und es hatte Tage gegeben, an denen er Mühe gehabt hatte, sich an den Namen seiner Mutter zu erinnern.

Wie er es geschafft hatte, seinen Häschern zu entkommen, war ihm nach wie vor ein Rätsel. Im Verlauf der nun bald sieben Jahre, in denen er der Fährte der Mörder gefolgt war, hatte er sich häufig gefragt, warum ausgerechnet er, Nikolai Borodin, zum Überleben verdammt gewesen war. Doch sooft er sich die Frage gestellt hatte, so oft hatte er keine Antwort darauf gefunden. Außer der vielleicht, dass er, der Überlebende, die Aufgabe hatte, die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass er es war, der sie zu vollziehen hatte.

Um jeden Preis.

Der fast 22-jährige Ukrainer, den man ebenso gut hätte auf 30 schätzen können, stieß einen gequälten Seufzer aus und fuhr sich mit der Hand durch das opulente pechschwarze Haar. »Auf ein Neues«, murmelte er, beugte sich über die Unterlagen, die vor ihm auf dem Tisch des Lesesaales lagen, und setzte die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen fort. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass er sich ein Leben ohne die Jagd nach den Mördern seines Vaters fast nicht mehr vorstellen konnte. Sie war zu einem Teil seines Ichs geworden, angefangen mit dem Tag, an dem seine Heimatstadt befreit worden war. Dieser Tag hatte sich ihm auf unauslöschliche Art und Weise eingeprägt, nicht nur, weil er endlich wieder frei und das Leben im Untergrund ein für alle Mal vorbei gewesen war. Das war nur eine, nämlich die glänzende Seite der Medaille gewesen. Die andere, ungleich folgenschwerer, hatte darin bestanden, dass man ihm, dem gerade einmal 17-Jährigen, eine Kalaschnikow in die Hand gedrückt, eine Uniform der Roten Armee verpasst und jeden Tag aufs Neue eingetrichtert hatte, es gebe nichts Wichtigeres, als für Stalin, die Partei und Mütterchen Russland in den Krieg zu ziehen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich das Gemetzel noch eine Weile hingezogen, und als es zu Ende war, hatte er das, was ihn mit der Heimat verband, endgültig aus den Augen verloren. Er war zu dem geworden, der er immer noch war: abgestumpft, in sich gekehrt und desillusioniert.

Ein Gutes hatte sein Martyrium freilich gehabt: Auf diese Weise war er bis nach Berlin gekommen. Dorthin, von wo aus er nach der Trennung seiner Eltern im Alter von acht Jahren geflohen war. Er hatte mehr Glück als Verstand gehabt, umso mehr, als er just an dem Tag, als er sich in die Westsektoren abgesetzt hatte, seiner Mutter über den Weg gelaufen war.

Noch so ein Zufall. Und beileibe nicht der einzige in seinem Leben.

Als sei dies ein Stichwort für ihn, betrachtete Nikolai Borodin das vergilbte Foto, das vor ihm auf dem Lesetisch lag, drehte es um und las die Widmung wohl zum tausendsten Mal. ›Unsere Ehre heißt Treue‹, stand da in geschwungenen Lettern geschrieben, und wie immer, wenn er dies las, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Da war es wieder, dieses Gefühl, lebendig begraben zu sein. Wohin er auch ging, wo immer er sich auch befand. Diese drei Namen, die Bestien, die sich hinter ihnen verbargen – das waren die Männer, nach denen er suchte. Nach denen er weiter suchen würde, falls nötig, bis an sein Lebensende.

»Also dann – auf ein Neues«, wiederholte Nikolai und nahm sich das maschinengeschriebene Blatt auf dem Stapel zu seiner Rechten vor. Und das, obwohl er seinen Inhalt auswendig kannte: ›In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstab und 2 Kommandos des Polizeiregiments Süd hat das Sonderkommando 4a am 29. und 30.9. 33.771 Juden exekutiert … Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen.‹ Reibungslos, aha. Angewidert bis ins Mark, legte Borodin das Blatt beiseite. So nannte man das also. Anstatt sich eine Pause zu gönnen, nahm er sofort den nächsten Bogen zur Hand, auch darauf stand nichts Neues für ihn. ›Während meiner Dienstzeit als Chef des Sondereinsatzkommandos 4a vom Zeitpunkt der Aufstellung im Juni 1941 bis zum Januar 1942, wurde ich verschiedentlich mit den Aufgaben der Hinrichtung von Kommunisten, Saboteuren und anderen unerwünschten Elementen beauftragt. Die genaue Zahl der hingerichteten Personen ist mir nicht mehr erinnerlich.‹ Borodin lachte verächtlich auf. ›Nicht mehr erinnerlich‹ – wie sich das anhörte.

Einfach zum Speien.

Wie immer, wenn er an diesem Punkt angelangt war, stellte er sich die Frage, ob der Gerechtigkeit nicht schon längst Genüge getan sei. Der SS-Standartenführer, um den es hier ging, war vor gut vier Monaten zum Tode verurteilt worden. Wozu also überhaupt weitermachen, wenn der Mann, nach dem er suchte, womöglich längst über alle Berge war? Wie so viele, die zu Mördern geworden und einfach von der Bildfläche verschwunden waren? Warum sich nicht damit zufriedengeben, wo die Wahrscheinlichkeit, seinen Peiniger ausfindig zu machen, höchstens bei eins zu tausend lag?

Eine Antwort hierauf zu finden war schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Da war etwas in ihm, das ihn zum Weitermachen drängte, sämtlichen Hindernissen, die ihm im Weg waren, zum Trotz.

Um jeden Preis.

Zurück also zu dem Mann, nach dem er suchte. Nikolai setzte seine Nickelbrille auf und nahm das Foto, das er all die Jahre mit sich herumgetragen hatte, erneut zur Hand. ›Unsere Ehre heißt Treue‹ – in Abwandlung des Mottos der SS. Und der Zusatz ›Kiew, den 19.9.1941‹. Mehr war auf der Rückseite nicht zu lesen. Da konnte er sie sooft studieren, wie er wollte.

Obwohl er es nicht wahrhaben wollte, war Nikolai an einem toten Punkt angekommen. Zugegeben, er hatte es geschafft, aus über 300.000 Personalbögen den richtigen herauszufischen. Das allein schon war eine reife Leistung, hatte ihn jedoch keinen Schritt weitergebracht. Borodin atmete tief durch. Na schön, dann eben das Ganze noch einmal von vorn. Der Ukrainer steckte das Foto in die Brusttasche, seufzte und vertiefte sich in das Schriftstück mit der Aufschrift ›Personal-Akte‹ und dem Kopf ›Der Reichsführer SS‹ und ›SS-Personalhauptamt‹. Schenkte man den Angaben auf dem braunen Pappbogen Glauben, hieß der Obersturmführer, hinter dem er her war, Paul Ewald, stammte aus Berlin-Reinickendorf und war mittlerweile 36. So er denn überhaupt noch lebte. Er hatte eine fünfstellige SS-Mitgliedsnummer und war am 4. Juni 1931 in die NSDAP eingetreten. Der Eintritt in die SS war kurz darauf erfolgt, und zwar am 11. November 1931. Er war Kaufmann von Beruf, wie im Übrigen auch sein Vater, der am 7. Oktober 1900 eine gewisse Mathilde …

Kaum war er auf den Namen gestoßen, über den er mindestens ein paar Dutzend Mal einfach hinweggelesen hatte, war Nikolai Borodin wie elektrisiert. Der Atem des Ukrainers ging rascher, und ihm war, als setzte sein Herzschlag aus. Keine Spur mehr von der Resignation, die ihn immer wieder ergriffen, zuweilen sogar die Oberhand gewonnen hatte. Keine Spur mehr von dem Mann, für den das Leben immer mehr zur Tortur geworden war. Und keine Rede mehr von dem 21-jährigen Juden aus Kiew, für den Gerechtigkeit zur bloßen Farce geworden war. Das hier war der Moment, auf den er jahrelang gewartet hatte. Ein Fingerzeig Gottes, wie er ihn seit dem Tag, als ihm das Foto seiner Peiniger in die Hände fiel, nicht mehr zuteilgeworden war.

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