Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Berija senkte seinen Kopf und schwieg.
»Wie schön«, ließ Stalin seinem Sarkasmus freien Lauf. »Dann hören Sie mal gut zu, Sie Schlauberger: In der Nacht von gestern auf heute, vermutlich kurz nach Mitternacht Berliner Zeit, sind vier Wachsoldaten am Sektorenübergang Glienicker Brücke spurlos verschwunden. Spurlos, verstehen Sie?«
Der MGB-Chef nickte. »Deserteure?«, stieß Berija kleinlaut hervor.
»Schon möglich. Nicht genug damit, sind aus dem Depot in Wünsdorf jede Menge Kalaschnikows, Tokarews, Handgranaten, eine 2M-3 und zu allem Überfluss auch Uniformen und Sprengstoff entwendet worden. Und das bereits vor einer Woche. Von den kriminellen Elementen, die sich auf Kosten unseres Vaterlandes bereichert haben, keine Spur.«
»Eine amerikanische Provokation?«
»Falsch geraten, Lawrenti Pawlowitsch. Wie mir Sokolowski versichert hat, haben die momentan genug mit sich selbst zu tun.«
»Und aus welchem Grund?«
»Laut RIAS sollen zwei Grenzposten an der Glienicker Brücke just zum fraglichen Zeitpunkt aufeinander losgegangen sein. Messerstecherei mit Todesfolge. Vermutlich ein Gerangel wegen irgendeiner Nutte. Will heißen: Einstweilen kommen die Amerikaner als Bösewichter nicht infrage. Fehlanzeige, Herr Minister für Staatssicherheit.«
»Falls es sich dabei nicht um eine Finte handelt.«
Stalin zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Um eine Finte?«, wiederholte er.
»Um eine Attacke auf den Grenzposten oder die Desertion beziehungsweise Flucht samt anschließendem Geheimnisverrat jener vier konterrevolutionären Elemente – oder um was auch immer es sich gehandelt haben mag – zu vertuschen.«
»Meinen Sie wirklich, die wollen uns provozieren?«
»Gut möglich, Genosse Stalin. Schon allein deshalb, um nach außen hin einen Erstschlag rechtfertigen zu …«
»Wie auch immer: Sie halten sich da raus, ist das klar?«
Von Stalin war Lawrenti Berija weiß Gott einiges gewohnt. Das hier schlug dem Fass jedoch den Boden aus. »Habe ich Sie da richtig verstanden, Josef Wissarionowitsch«, tastete er sich behutsam voran, »Sie sind der Meinung, man solle den Fall tunlichst auf sich …«
»Das ist ein Befehl, Berija. Keine weiteren Ermittlungen in diesem Fall. Weder durch Sie noch durch den MGB noch durch irgendwen sonst. Keinerlei Gegenmaßnahmen im Falle einer Provokation, auch nicht bei Verletzung des sowjetischen Luftraums. Kein Schuss ohne meine ausdrückliche Genehmigung. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«
»In der Tat, Josef Wissarionowitsch.«
Stalin griff nach seiner Pfeife, lehnte sich in seinen Sessel und paffte nachdenklich vor sich hin. »Merken Sie sich eins, Berija: Wenn es zum Dritten Weltkrieg kommt, werden wir es sein, die den Zeitpunkt dafür bestimmen, verstanden?«
14
Städtisches Krankenhaus Moabit, britischer Sektor
| 11.05 h
»Lili Marleen – sag mal, willst du mich eigentlich verarschen, Tom?«
Doktor Heribert Peters, Gerichtsmediziner und Choleriker aus Passion, bedeckte den Leichnam auf dem Seziertisch mit einem Leinentuch, streifte seine Gummihandschuhe ab und funkelte Sydow wütend an. Mit Dr. Blaffke, so sein Spitzname in der Pathologischen Abteilung, drohte wieder einmal der Gaul durchzugehen. Deshalb war volle Deckung angesagt.
»Eine Art Spitzname«, schob Sydow hinterher, in der Annahme, Peters wolle einfach nur Dampf ablassen. Angesichts eines Zwölf-Stunden-Tages und Arbeitsbedingungen wie in einem Feldlazarett konnte man es ihm wahrlich nicht verdenken. »In gewissen Kreisen, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich verkehre zwar nicht in derartigen Kreisen«, polterte Peters beim Händewaschen, »das heißt aber nicht, dass ich auf dem Mond lebe.«
»Wollte ich damit auch nicht sagen, Heribert«, warf Sydow konziliant ein, die Bluse der Toten, auf deren Kragen ›L. M.‹ eingestickt war, immer noch in der Hand. »Mehr weiß ich über die Dame eben noch nicht.«
»Na, dann wollen wir dir mal auf die Sprünge helfen, Sherlock Holmes«, antwortete das unter sichtbarem Bluthochdruck leidende Exemplar der Spezies zerstreuter Professor, trocknete sich die Hände ab und drehte sich mit selbstgefälligem Grinsen um. Unter der Oberfläche des ehemaligen Stabsarztes, der Sydow höchstens bis zur Schulter reichte, befand sich ein butterweicher Kern, und es gab Tage, an denen der vermeintliche Giftzwerg zum Charmeur mutierte. Dass dem heute nicht so war, konnte Sydow im Hinblick auf die Hektik im Sezierraum gut verstehen. Der Gestank nach Verwesung, diversen Lösungsmitteln und Formaldehyd war kaum auszuhalten, und die Enge und der Kellergeruch gaben ihm den Rest. An Sektionstagen wie heute wurde an sechs Tischen gleichzeitig gearbeitet, wobei Peters lediglich zwei, den Krankenhausärzten die übrigen vier zur Verfügung standen. Die Zustände am ehemaligen Robert-Koch-Krankenhaus waren somit alles andere als befriedigend, für Peters ein Grund mehr, seinem Ärger Luft zu machen.
»Du machst mich neugierig, Heribert«, erwiderte Sydow, heilfroh, dass die Obduktion bereits abgeschlossen war. »Lass hören.«
Peters machte eine affektierte Verbeugung. »Wie Durchlaucht wünschen«, spottete er, wurde jedoch sofort wieder ernst. »In einem Punkt bin ich mir auf jeden Fall sicher: dass die Dame bis kurz vor ihrem Ableben noch im Außendienst tätig gewesen ist. Und das mindestens zweimal.«
An den in Pathologenkreisen üblichen Sarkasmus längst gewöhnt, verzog Sydow keine Miene. »Tatsächlich?«, fragte er und legte die Bluse aus der Hand.
Rot wie eine Ampel, schnappte Peters nach Luft, riss sich aus Sympathie gegenüber Sydow jedoch zusammen. »Sperma auf dem Kleid und im Vaginalbereich – jede Wette, dass sie letzte Nacht noch auf Kundenfang gewesen ist«, konstatierte der rundliche Gerichtsmediziner in ungewohnt sachlichem Ton. »Wann, wo und unter welchen Umständen auch immer.«
»Und weiter?«
»Alter: circa 27, Größe: 1,78 Meter, Haarfarbe: blond. Besondere Kennzeichen: Alkoholikerin.«
»Sicher?«
»Zumindest so was in der Art. Mit der Leber wäre sie jedenfalls nicht alt geworden.« Peters kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. »Bestimmt ein hübsches Ding. Aber ziemlich tief gesunken.«
»Nicht gerade viel.«
Auf dem Gesicht des Pathologen, dessen hervorstechendstes Merkmal die fliehende Stirn darstellte, leuchtete ein ironisches Grinsen auf. »Wusste ich’s doch, dass du mit nichts zufrieden bist«, feixte er, angesichts der Anspannung, unter der er stand, fast ein Wunder. »Aber keine Angst: Jeder kriegt hier, was er verdient.«
»Hahaha.«
»Typisch Sydow – keinen Respekt vor dem Alter«, setzte Peters seine Sticheleien fort, trat an seinen Schreibtisch und öffnete die oberste Schublade. »Sesam, öffne dich!«
»Was ist denn das?«, fragte Sydow, als ihm der Gerichtsmediziner die Plastikfolie, in der sich ein zerknitterter Papierfetzen befand, unter die Nase hielt.
»Ich will ja nichts sagen, Tom. Wenn schon nicht diesem Grünschnabel von der Spurensicherung, hätte es wenigstens dir auffallen müssen.«
»Was denn?«
»Die Tatsache, dass die Dame aus der Abteilung Nahkampf ihre Reise in eine bessere Welt mit geballter Faust angetreten hat. Hast du nicht gesagt, es habe zwischen ihr und dem Kerl, der sie auf die Bahngleise geworfen hat, eine wüste Keilerei gegeben?«
»Doch.«
»Und dass der Stein des Anstoßes vermutlich irgendein Dokument gewesen ist?«
»Komm schon, Heribert, mach’s nicht so spannend.« Sydow griff nach der Plastikfolie, doch Peters schnappte sie ihm im letzten Moment weg.
»Erst eine John Player, dann das Beweismittel.«
»Du bist heute bereits der Dritte, der mich danach fragt, du Schnorrer«, lachte Sydow und bot Peters die leere Schachtel an. Und der, blind vor Gier, fiel prompt auf die Finte herein.