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Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.

Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:

Berlin, 31. August 1948. Die verstümmelte Leiche einer Stadtstreicherin wird in der Nähe des Lehrter Bahnhofs gefunden. Nichts Besonderes im Berlin der Nachkriegszeit und so glaubt Hauptkommissar Tom Sydow zunächst an einen Routinefall. Doch warum sammelte das Mordopfer Zeitungsausschnitte über den stadtbekannten Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten Paul Mertens? Bei seinen Ermittlungen kommt Sydow einer Organisation auf die Spur, deren Verbindungen in höchste Kreise von Justiz und Politik zu reichen scheinen ...
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»Idiot.«

»Komm schon, Harryschatz, hab dich nicht so«, redete Sydow dem Pathologen gut zu. »Wenn der Fall gelöst ist, kriegst du ’ne ganze Stange von mir.«

»Ehrenwort?«

Sydow nickte. »So, und jetzt zeig her.«

Im Licht der Schreibtischlampe, das sich auf der Folie spiegelte, konnte Sydow zunächst nichts erkennen. Ein paar Sekunden später hätte es ihn jedoch beinahe umgehauen.

Gelinde gesagt.

Der Papierfetzen, knapp ein Drittel eines vergilbten Briefbogens, ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. Kreidebleich im Gesicht, musste sich Sydow erst einmal setzen. Um zu erkennen, dass es sich hier um Sprengstoff pur handelte, musste man nicht bei der Kripo sein. Das konnte man zehn Meilen gegen den Wind riechen.

Da der Riss knapp fünf Zentimeter unterhalb der linken oberen Ecke begann und bis zu einem Punkt reichte, der sich in etwa auf halber Höhe am rechten Rand befand, konnte man über den Inhalt des Schreibens allenfalls spekulieren. Absender, Anrede und Datum genügten jedoch vollauf, um Sydows Herz bis zum Hals schlagen zu lassen. Und nicht nur das. Kaum hielt er das Brieffragment in Händen, brach ihm der Schweiß aus allen Poren, und er hatte Mühe, das Zittern seiner Hände vor Peters zu verbergen.

»Na, habe ich Ihnen zu viel versprochen, Durchlaucht?«, flüsterte ihm der Pathologe mit Blick auf die übrigen Seziertische zu, wo man Sydow und ihn jedoch keines Blickes würdigte. »Sieht so aus, als sei der Herr Kriminalhauptkommissar einer Riesensauerei auf der Spur.«

»Das kannst du aber laut sagen, Leichenfledderer.« Sydow glättete das Fragment, ließ sich von Peters ein Vergrößerungsglas reichen und sah sich das Schreiben genauer an. Als Absender vom 12.4.1945 firmierte ein sogenannter ›Reichswerwolf‹, die Ortsangabe lautete ›Feld-Kommandostelle‹. Nichts Weltbewegendes, aber was den Adressaten betraf, hatte dieser es in sich. Unter dem Vermerk ›Geheime Reichssache!‹, ergänzt durch den Stempel ›streng geheim‹ und den Zusatz ›Eine Ausfertigung‹, stand da schwarz auf weiß: ›An den Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei!‹ Und weiter: ›Wie von Ihnen, Reichsführer Himmler, mit Schreiben vom 9.4. gewünscht, anbei die erbetene Liste mit … zwecks Neuaufbau der SS nach dem Krieg … Personalbögen samt Lichtbildern … in der Anlage …‹ Ende der Vorstellung. Sydow fluchte leise in sich hinein. Zu dumm aber auch. Von der dritten Zeile war die Hälfte, von der vierten fast überhaupt nichts übriggeblieben. Mit dem Ergebnis, dass man darüber, welchen Sinn die Worte ›bedingungslos ergeben‹ und ›auszuführen‹ ergaben, allenfalls spekulieren konnte.

»Reichswerwolf«, murmelte Peters, der Sydow über die Schulter spickte, mit dem Ausdruck tiefster Verachtung vor sich hin. »Das darf doch wohl nicht wahr sein.«

»Nach Lage der Dinge schon«, antwortete Sydow, das Kinn auf die Daumenkuppe gestützt. »Na, fängt’s bei Herrn Doktor an zu klingeln?«

»Kann man wohl sagen. Die ganz Fanatischen, des Reichsführers letztes Aufgebot.«

»Genau. Frei nach dem Motto: Retten, wo nichts mehr zu retten ist. HJ, SS-Leute und die Zweihundertprozentigen aus der Partei. Eine im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosive Mixtur. Auftrag: Exekution von Verrätern, Terror und Kampf bis zum letzten Mann.«

»Respektive bis zum letzten Glimmstängel.«

Sydow lächelte gequält. »Deinen Humor wollte ich haben«, raunte er Peters über die Schulter zu. »Die Frage ist nur, ob sich damit etwas anfangen lässt.«

»Negativ«, gab der Gerichtsmediziner zurück. »Es sei denn, Durchlaucht flattert der Rest des Briefes ins Haus.«

»Danke für die trostreichen Worte. Wie immer bist du eine große Hilfe für mich.«

»Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, Tom.« Darauf bedacht, die Wogen zu glätten, öffnete Peters seine Thermoskanne und goss Sydow und sich einen Kaffee ein. »Das hier wird dich wieder auf Vordermann bringen.«

Sydow nahm einen Schluck. »Bohnenkaffee?«, fragte er erstaunt. »Wo hast du den denn aufgetrieben?«

»Aus geheimen Beständen«, erwiderte der Gerichtsmediziner lapidar. »Und was jetzt?«

»Jetzt gilt es, erst einmal was über eine mysteriöse Lebedame namens Lili Marleen rauszufinden. Alles Weitere wird sich hoffentlich ergeben.«

»So woll’n wir uns da wiedersehn, bei der Laterne woll’n wir stehn, wie einst Lili Marleen«, begann Peters ohne Rücksicht auf seine Umgebung zu trällern.

»Wie einst Lili Marleen«, wiederholte Sydow, steckte das Brieffragment in die Plastikfolie und stand ruckartig auf. »Bevor wir noch weiter in Nostalgie schwelgen, Herr Doktor – gibt’s hier vielleicht irgendwo ein Telefon?«

»Droben an der Pforte«, antwortete Peters, Schatten der Sorge auf dem Gesicht. Und ergänzte: »Und pass auf dich auf, Tom.«

Doch da war Sydow bereits verschwunden.

*

»Vorname L und Familienname M – sag mal, willst du mich verarschen, Tom?«, bellte der Diensthabende von der Sitte im Stil eines Feldwebels in den Hörer. »Deine Scherze in Ehren – aber hat das nicht bis später Zeit?«

»Meiner bescheidenen Meinung nach nicht«, parierte Sydow, der es langsam leid war, pausenlos runtergeputzt zu werden. »Es sei denn, die öffentliche Moral wäre in Gefahr.«

»Du kannst mich mal, Sydow!«, gab Albers, für Eingeweihte Der blonde Hans, zurück. »Auf die ironische Tour brauchst du mir gar nicht erst zu kommen.«

»Dann eben auf die unterwürfige, Hans. Hör zu: Wenn du mal kurz nachsiehst, ob ihr eine Dame mit den besagten Buchstaben führt, kriegst du eine Schachtel …«

»… John Player von dir, ich weiß«, vollendete der Leiter der Kriminalinspektion Sittlichkeit in gelangweiltem Ton. »Sydow und seine Versprechungen – na gut, will sehen, was sich machen lässt.«

Sydow ließ den Hörer sinken und atmete tief durch. Der Hausdrache vom Dienst, den er mithilfe seiner Charmeur-Nummer ins Foyer komplimentiert hatte, warf ihm durch die Scheibe finstere Blicke zu, und Sydow beschlich das Gefühl, die Dame könne ihm jedes seiner Worte von den Lippen ablesen.

»So, da bin ich wieder«, meldete sich Albers ein paar Minuten später wieder zurück. »So leid es mir tut, Tom. Was die von Amts wegen registrierten Damen von der horizontalen Zunft angeht, befinden sich zwar etliche namens Müller oder Mayer darunter …«

»Wie originell.«

»Und dann auch noch frech werden. Das haben wir gern. Wie gesagt: Ms haben wir hier genug zu bieten, aber keine, deren Vorname mit L beginnt. Tut mir leid für dich, Tom«, schloss Albers, für den die Angelegenheit damit erledigt zu sein schien. »Bis demnächst.«

»Halt mal, Hans«, bettelte Sydow, während ihm der Hausdrachen, an dem eine Reichsfrauenführerin verloren gegangen war, immer näher auf die Pelle rückte. »Kannst du mir vielleicht einen allerletzten Gefallen tun?«

»Und der wäre?«, tönte es schroff durchs Telefon.

»Sei bitte so gut und bestell mir die Rote Lola ein.« Sydow warf einen Blick auf die Uhr, kritisch beäugt von der Empfangsdame, bei der die Erwähnung der unumstrittenen Kreuzberger Bordellkönigin auf fassungsloses Entsetzen stieß. »So gegen zwölf.«

»Die Rote Lola«, konstatierte Albers, offenbar über den Punkt hinaus, an dem er Gegenwehr leistete. »Um zwölf. Sonst noch was, Herr von und zu Hurtig?«

»Nein, Hans. Und danke.«

»Das kostet dich eine ganze Stange, Sydow. Ist dir ja wohl hoffentlich klar.«

»Isses, Hans, isses«, antwortete Sydow devot.

»Sag mal, Sydow, warum hast du’s denn so eilig?«, mäkelte Albers herum. »Hinter wem bist du eigentlich her?«

»Hinter einem Rudel Wölfe«, antwortete Sydow, legte auf und stürmte zur Pforte hinaus.

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Berlin Document Center, amerikanischer Sektor

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