Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
»Mein Jott, kannst du aber penetrant sein, Sydow«, raunzte die Rote Lola zurück. »Auf gut Deutsch: Det Blondchen is’n paar Mal in meinem Revier aufjetaucht. Ami-Nutte, soviel ich weiß. Hielt sich für was Besseres. Die Flausen hat ihr mein Egon aber janz schnell ausjetrieben.« Misstrauisch geworden, hielt die Bordellkönigin inne und warf Sydow einen ihrer Krokodilsblicke zu. »Was is eijentlich mit ihr? Is sie ermordet worden?«
Sydow nickte.
»Und wieso fragste ausjerechnet mir?«
»Aus keinem anderen Grund als dem, ihren Namen aus dir herauszukitzeln, mein Schatz. Und den Ort, wo die Dame tagsüber logiert haben könnte.«
»Det wees ick nich. Daran kann ich mir wirklich nicht erinnern, Sydow-Schatz.«
»Eine Havanna, und das sofort.« Die eiserne Reserve anbrechen. Sydow hätte sich glatt ohrfeigen können. »Als Gegenleistung für ihren Namen. Adresse inklusive.«
»Hab ick dir schon mal jeflüstert, Schätzchen, dass an dir ein Hausierer verloren jegangen is?«
»Falls das ein Kompliment gewesen sein soll, verbindlichsten Dank.« Obwohl es ihm fast das Herz brach, öffnete Sydow die Schreibtischschublade und förderte die darin befindliche Zigarrenkiste zutage. »Hier, Gnädigste – der verabredete Preis«, flötete er beim Überreichen der Trophäe.
Erna Pommerenke dankte es ihm mit einem Wonnegrunzen. »Lilian heißt sie«, raunte ihm die Rote Lola zu, während sie die Havanna entzündete. »Lilian Matuschek.«
»Ihre Bleibe?«
»Woher soll ick denn wissen, in welcher Bruchbude …«
»Wo sie gewohnt hat, will ich wissen.«
Eingehüllt in Zigarrenrauch, ließ Erna Pommerenke geraume Zeit bis zu ihrer Antwort verstreichen. »So wat Penetrantes wie dich hat die Welt noch nicht jesehn.«
»Ende der Vorstellung, Lola«, hakte Sydow unbarmherzig nach. »Ihre Adresse, bevor ich auf dumme Gedanken komme.«
»Kemperplatz«, gab die Bordellkönigin trotzig zurück. »Oder halt irjendwo in der Nähe. Ob du’s glaubst oder nicht, Sydow, die jenaue Adresse kann ick dir wirklich nicht …«
»Nicht nötig, Lola«, antwortete Sydow, erhob sich und gab seiner Gesprächspartnerin zu verstehen, dass die Unterhaltung hiermit beendet war. »Ob du’s glaubst oder nicht, Lola, falls du keinen auf Grimms Märchen gemacht hast, finden wir die auch so. Und wenn nicht, rückt dir dein Sydow-Schatz noch mal kräftig auf die Bude, klar?«
*
Um zum Leiter der Kripo zu gelangen, der ihn auf halb eins einbestellt hatte, musste Sydow in den nächsten Stock. Im Treppenhaus, das gerade renoviert wurde, roch es penetrant nach Ölfarbe, und nicht zum ersten Mal beschlich ihn das Gefühl, auf einer Großbaustelle zu arbeiten. Gegen den Lärm der Dakotas und C-54 Skymaster war dies jedoch nichts. Das Präsidium lag in der Nähe des Flughafens Tempelhof, und das bekam man hier auch zu spüren. Beziehungsweise zu hören. Vor einer knappen halben Stunde hatte es dort eine Explosion gegeben, aber da sich die Amerikaner nicht in die Karten schauen ließen, waren keinerlei Details nach außen gedrungen.
Kriminalrat Erwin Hattengruber, Leiter der Inspektion M I, logierte in einem Zimmer, das sich in puncto Kargheit durch nichts von den insgesamt acht Abteilungen der Kripo unterschied. Das Mobiliar, wozu unter anderem ein Aktenschrank, diverse Regale und ein ausgefranster Sessel gehörten, stammte noch aus der Vorkriegszeit, genau wie der Schreibtisch, an dem er im Moment von Sydows Eintreten saß. Onkel Erwin, wie er augenzwinkernd genannt wurde, ging auf die 50 zu, hatte Geheimratsecken und hellblondes, nach hinten gekämmtes und stets angefeuchtetes Haar. In Kreisen der hiesigen Beamten war er geradezu eine Legende und darüber hinaus das Schreckgespenst aller Schwarzhändler gewesen, die er während seiner Tätigkeit im Betrugsdezernat gleich reihenweise eingebuchtet hatte. Nach der Währungsreform im Juni war es ruhiger um ihn geworden, doch hatte das seiner Beliebtheit keinen Abbruch getan. Aufgrund einer Kriegsverletzung, derentwegen er das linke Bein nachzog, war er fast ausnahmslos im Innendienst tätig, ließ sich jedoch von seinen Beamten, wie in diesem Fall von Sydow, regelmäßig Bericht erstatten.
»Setz dich, Tom«, begrüßte ihn Hattengruber, unterschrieb eine Akte und wies mit dem Kinn auf den Stuhl, der unmittelbar vor seinem Schreibtisch stand. »So, dann lass mal hören –«, fügte er mit gewinnendem Lächeln hinzu, jeder Zoll die Vaterfigur, an der sich nicht nur Sydow, sondern die meisten Kripobeamten orientierten. »Was hast du über diese Selbstmörderin rausgekriegt?«
»Selbstmörderin?«, fragte Sydow verblüfft, unsicher, ob sich Hattengrubers Frage auf die Tote am Lehrter Bahnhof bezog. »Ich fürchte, da muss ich dich enttäuschen, Erwin. Der Fall, an dem ich arbeite, hat mit Selbstmord nicht das Geringste zu tun.«
»Womit sonst?«, forschte der Kriminalrat. »Eine verhackstückte Leiche auf den Gleisen – um was, wenn nicht Selbstmord, kann es sich in so einem Fall denn schon handeln?«
»Um Mord, Erwin«, gab Sydow postwendend zurück, die Hände immer noch auf die Stuhllehne gestützt. »So zumindest der Zeuge, den ich vorhin ins Gebet genommen habe.«
»Zeuge?«, fragte Hattengruber, verschränkte die Hände unterhalb des Knies und lehnte sich entspannt zurück. »Wo hast du den denn aufgetrieben?«
»Da gab’s nichts aufzutreiben, Erwin. Es handelt sich dabei um einen gewissen Ernst Pawelka, von Beruf Lokführer. Du ahnst, worauf ich hinauswill?«
»Der arme Teufel, der die Tote … wie heißt sie denn eigentlich?«
»Lilian Matuschek.«
»Du willst also damit sagen, dass die Dame vor einen einfahrenden Zug gestoßen worden ist?«
»Geworfen, Erwin. Geworfen.« Um das Gespräch nicht unnötig in die Länge zu ziehen, lieferte Sydow einen detaillierten Bericht, in dessen Verlauf der Kriminalrat immer nachdenklicher wurde. »Wie gesagt«, schloss er und ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken, »nach allem, was wir bis jetzt wissen, haben sich der Kerl und diese Lili Marleen auf der Brücke kräftig in die Haare gekriegt. Mit dem Ergebnis, das ich dir geschildert habe.«
»Irgendwelche Details, was das Aussehen ihres Mörders betrifft? Besondere Kennzeichen oder so?«
»Blond, Bürstenschnitt, um die 30 und überdurchschnittlich groß.« Die Hände im Nacken verschränkt, ließ Sydow die Szene auf dem Bahnsteig zum wiederholten Male Revue passieren. »Ich bin mir fast sicher, dass es sich bei dem Mörder von Lilian Matuschek und dem Mann, der Pawelka abknallen wollte, um ein und dieselbe Person gehandelt hat.«
»Hm.« Im Gegensatz zu der für ihn typischen Spontanität hielt sich Hattengruber merklich zurück, und es dauerte mehrere Sekunden, bis er einen Kommentar abgab. »Fragt sich nur, warum.«
Sydow runzelte die Stirn und sah den Mann, in den letzten eineinhalb Jahren so etwas wie sein Mentor, stirnrunzelnd an. »Weil er einen Zeugen aus dem Weg räumen wollte, der ihm oder wem auch immer hätte gefährlich werden können.«
»Sieht so aus, Tom, als wärst du in einen ziemlichen Schlamassel hineingeraten.«
»Schon möglich«, gab Sydow achselzuckend zurück. »Wie du ja weißt, lässt mich so was ziemlich kalt.«
»Tom, wie er leibt und lebt. Durch nichts und niemanden zu erschüttern.«
»Apropos erschüttern. Kannst du damit was anfangen?« Hattengruber sah sich plötzlich mit einer Klarsichtfolie konfrontiert, die Sydow aus seinem Jackett gekramt hatte. »Schon mal was von einem Reichswerwolf gehört?«
»Wo hast du das denn her?«
»Aus dem Panoptikum. Spaß beiseite: Dank einem gewissen Heribert Peters, dem, wie du weißt, nichts entgeht, haben wir wenigstens so etwas wie eine Spur.« Sydow erhob sich und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. »Aus der Faust der Toten, um es genau zu sagen. Was bedeutet, dass wir die Aussage des Lokführers ernst nehmen müssen. Auf der Brücke muss es demzufolge ein ziemliches Gerangel gegeben haben. Um nicht zu sagen eine wüste Keilerei. Kann sein, dass ich mit meiner Theorie auf dem Holzweg bin, aber vieles spricht dafür, dass die beiden wegen irgendwelcher Dokumente in heftigen Streit geraten sind. Wer weiß, vielleicht war sogar Erpressung im Spiel. Tatsache ist, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Dokumente aus der Nazizeit gehandelt hat. Kein Krimskrams, sondern Informationen, die es in sich haben. Anders kann ich mir den Tod einer gewissen Lilian Matuschek nämlich nicht erklären. Beziehungsweise die Tatsache, dass ihr Mörder den Tatzeugen aus dem Weg räumen wollte.«