Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Also Sie waren das, Fürst, der seine Bauern freigelassen hat?« mischte sich ein alter Herr, aus der Zeit Katharinas, ein und wandte sich geringschätzig an Bolkonskij.
»Es war nur ein kleines Gut, das nichts einbrachte«, erwiderte Bolkonskij, bemüht, sein Vorgehen vor ihm abzuschwächen, um den alten Herrn nicht zwecklos zu reizen.
»Vous craignez d’être en retard«, sagte der alte Herr und sah Kotschubej an. »Aber eins kann ich nicht begreifen«, fuhr er fort, »wer soll denn dann das Land pflügen, wenn man die Bauern freiläßt? Gesetze zu schreiben, ist leicht, aber sie anzuwenden, ist schwer. Das ist ebenso wie bei der anderen Sache jetzt: ich frage Sie, Graf, wer kann denn überhaupt noch Vorsitzender einer Behörde werden, wenn alle erst ein Examen machen müssen?«
»Die, welche das Examen bestehen, denke ich«, erwiderte Kotschubej, schlug die Beine übereinander und sah sich um.
»Da steht bei mir im Dienst dieser Prianitschnikow, ein Prachtmensch, nicht mit Gold aufzuwiegen, er ist sechzig Jahre alt. Soll der vielleicht auch noch ein Examen machen?«
»Ja, Mühe wird es kosten, weil die Bildung noch so wenig verbreitet ist, aber …«
Graf Kotschubej sprach nicht zu Ende, stand auf, nahm Fürst Andrejs Arm und ging mit ihm einem soeben eintretenden blonden Herrn von etwa vierzig Jahren entgegen, der sehr groß war, ein auffallend blasses Gesicht mit offner Stirn und eine Glatze hatte. Er trug einen blauen Frack, ein Ordenskreuz um den Hals und einen Stern an der linken Brust. Es war Speranskij. Fürst Andrej hatte ihn sogleich erkannt und fühlte innerlich ein leises Beben, wie das in wichtigen Augenblicken des Lebens immer der Fall zu sein pflegt. War es Ehrfurcht, Neid, Erwartung – er wußte es nicht. Speranskijs ganze Erscheinung hatte etwas Typisches, woran man ihn sofort erkennen mußte. Bei keinem Menschen jener Gesellschaftskreise, in denen Fürst Andrej verkehrte, hatte er bisher solche Ruhe und Selbstsicherheit trotz unbeholfener, stumpfer Bewegungen gesehen, niemand hatte einen so festen und zugleich milden Blick aus solch halbgeschlossenen, feuchtschimmernden Augen, eine so klare, gemessene, ruhige Stimme und vor allen Dingen eine so zarte, blasse Färbung des Gesichts und besonders auch der etwas breiten, aber außerordentlich vollen, zarten und weißen Hände. Solch eine blasse und zarte Gesichtsfarbe hatte Fürst Andrej bisher nur bei Soldaten gesehen, die lange im Lazarett gelegen hatten. Dies also war Speranskij, der Staatssekretär und vortragende Rat des Kaisers, der ihn auch nach Erfurt begleitet hatte, wo er mehr als einmal Napoleon gesehen und mit ihm gesprochen hatte.
Speranskij ließ nicht die Augen von einem Gesicht zum anderen schweifen, wie man es beim Eintritt in eine große Gesellschaft unwillkürlich tut, und hatte es mit dem Reden nicht eilig. Er sprach leise, überzeugt, daß man ihm zuhören werde, und sah nur den an, mit dem er sprach.
Fürst Andrej folgte jedem Wort und jeder Bewegung Speranskijs mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Wie es allen Leuten geht, und besonders denen, die ihren Nächsten streng beurteilen, so erwartete auch Fürst Andrej bei jeder neuen Bekanntschaft, besonders mit Leuten wie Speranskij, die er schon dem Ruf nach kannte, immer in diesen neuen Persönlichkeiten die ganze Vollkommenheit menschlicher Würde zu finden.
Speranskij sagte zu Kotschubej, er bedauere, daß er nicht früher habe kommen können, doch sei er im Palais noch aufgehalten worden. Daß es der Kaiser gewesen war, der ihn zurückgehalten hatte, erwähnte er nicht. Auch diese erkünstelte Bescheidenheit entging dem Fürsten Andrej nicht. Als ihn Kotschubej vorstellte, wandte Speranskij langsam seine Augen Bolkonskij zu und musterte ihn lächelnd, ohne etwas zu sagen.
»Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen; ich habe, wie wir alle, bereits von Ihnen gehört«, sagte er dann.
Kotschubej ließ ein paar Worte über den Empfang, den Bolkonskij bei Araktschejew gefunden hatte, fallen. Speranskij lachte.
»Der Vorstand der Militärgesetzkommission, Herr Magnizkij, ist ein guter Freund von mir«, sagte er, jede Silbe und jedes Wort deutlich aussprechend. »Wenn Sie wollen, kann ich Sie bei ihm einführen.« Er hielt genau die durch den Punkt bedingte Pause ein. »Ich hoffe, Sie werden bei ihm für alles Vernünftige Verständnis und Unterstützung finden.«
Sogleich hatte sich um Speranskij ein Kreis gebildet, und jener alte Herr, der von seinem Beamten Prianitschnikow gesprochen hatte, wandte sich nun auch mit einer Frage an Speranskij.
Fürst Andrej beteiligte sich nicht am allgemeinen Gespräch, beobachtete aber jede Bewegung Speranskijs, dieses Mannes, der noch vor kurzem ein unbedeutender Seminarist gewesen war und jetzt das Schicksal ganz Rußlands in seinen weißen, vollen Händen hielt. Die außerordentlich geringschätzige Ruhe, mit der Speranskij dem alten Herrn antwortete, machte auf Fürst Andrej tiefen Eindruck. Es war, als ob er von einer unermeßlichen Höhe ein paar herablassende Worte an ihn richtete. Als sich der alte Herr noch mehr zu ereifern anfing, lächelte Speranskij und sagte, er könne wohl nicht darüber urteilen, ob das, was dem Kaiser beliebe, vorteilhaft oder unvorteilhaft sei.
Nachdem sich Speranskij eine Zeitlang im allgemeinen Kreise unterhalten hatte, stand er auf, trat auf den Fürsten Andrej zu und ging mit ihm in die andere Ecke des Zimmers. Er hielt es sichtlich für notwendig, sich mit Bolkonskij zu beschäftigen.
»Ich bin infolge jenes lebhaften Gespräches, in das mich dieser ehrbare alte Herr hineingezogen hat, gar nicht dazu gekommen, mich mit Ihnen zu unterhalten, Fürst«, sagte er und lächelte kurz und geringschätzig, als wolle er durch dieses Lächeln zu erkennen geben, daß Fürst Andrej und er über die Nichtigkeit dieser Menschen, mit denen er soeben gesprochen hatte, doch wohl einig seien. Bolkonskij fühlte sich dadurch geschmeichelt. »Ich kenne Sie schon lange, erstens einmal durch diese Sache mit Ihren Bauern, die ein erstes Beispiel in dieser Art darstellt, dem Nachahmer nur zu wünschen wären, und zweitens daher, weil Sie einer jener Kammerherren sind, die sich durch den neuen Erlaß über die Rangstufen bei Hofe, der soviel Rederei und abfälliges Urteil heraufbeschworen hat, nicht beleidigt gefühlt haben.«
»Ja«, erwiderte Fürst Andrej, »mein Vater wollte nicht, daß ich von jenem Recht Gebrauch machte; ich habe von unten herauf gedient.«
»Ihr Herr Vater ist ein Mann des vorigen Jahrhunderts, steht aber offenbar weit über unseren Zeitgenossen, die diese Maßnahmen, die doch nur die natürliche Gerechtigkeit wiederherstellen, so verurteilen.«
»Dennoch bin ich der Ansicht, daß auch jenes absprechende Urteil nicht ganz des Grundes entbehrt«, sagte Fürst Andrej, bemüht, gegen den Einfluß Speranskijs, der sich bei ihm fühlbar zu machen begann, anzukämpfen.
Es war ihm unangenehm, ihm immer rechtgeben zu müssen; er wollte ihm einmal widersprechen. Obwohl Fürst Andrej sonst immer fließend und gewandt zu reden verstand, wurde es ihm jetzt, wo er mit Speranskij sprach, doch schwer, sich auszudrücken. So sehr nahm ihn die Beobachtung der Persönlichkeit des berühmten Mannes in Anspruch.
»Vielleicht ist dieser Grund nur persönlicher Ehrgeiz«, warf Speranskij ruhig ein.
»Es sprechen da wohl zum Teil auch staatliche Interessen mit«, erwiderte Fürst Andrej.
»Wie meinen Sie das?« fragte Speranskij und schlug ruhig die Augen nieder.
»Ich bin ein Verehrer Montesquieus[95]«, erwiderte Fürst Andrej und fuhr dann auf französisch fort: »Sein Grundsatz: ›Le principe des monarchies est l’honneur‹ scheint mir unanfechtbar. Und mich dünkt, gewisse Rechte und Privilegien des Adels sind weiter nichts als die Mittel, dieses Gefühl zu stützen.«
Aus Speranskijs blassem Gesicht schwand das Lächeln, und seine Züge gewannen dadurch sehr. Fürst Andrejs Gedanke interessierte ihn offenbar.
»Sie betrachten also das Problem von diesem Gesichtspunkt aus«, fing er an. Es wurde ihm offenbar schwer, Französisch zu sprechen, und er sprach es noch langsamer als das Russische, aber mit vollkommener Ruhe.
95
Montesquieus: also des französischen Aufklärers, Staatstheoretikers und Philosophen Montesquieu (1689-1755), der für eine »aufgeklärte« konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Englands eintrat.