Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Doch sobald sich nur die Tür auftat, spiegelte sich auf allen Gesichtern ein und derselbe Ausdruck wider: die Furcht. Fürst Andrej hatte den Offizier vom Dienst schon zum zweitenmal darum gebeten, ihn doch zu melden, aber man sah ihn nur spöttisch an und sagte ihm, daß er warten müsse, bis die Reihe an ihn komme. Nachdem verschiedene Personen vom Adjutanten in das Zimmer des Ministers hineingeführt und wieder herausgeleitet worden waren, wurde durch die schreckliche Tür ein Offizier eingelassen, der durch seinen bedrückten und verängstigten Gesichtsausdruck dem Fürsten Andrej aufgefallen war. Die Audienz dieses Offiziers dauerte ziemlich lang. Plötzlich hörte man hinter der Tür das Grollen einer unangenehmen Stimme, und der Offizier trat bleich und mit zitternden Lippen heraus, griff sich an den Kopf und eilte quer durch das Empfangszimmer.
Nach ihm wurde Fürst Andrej hineingeführt, und der Offizier vom Dienst flüsterte ihm zu: »Nach rechts, ans Fenster.«
Fürst Andrej trat in das nicht gerade reich ausgestattete, aber saubere Arbeitszimmer und erblickte am Tisch einen Mann von etwa vierzig Jahren, mit langem Oberkörper, länglichem, kurzgeschorenem Kopf, mit dicken Falten auf der Stirn und finster zusammengezogenen Augenbrauen, braungrünlichen, ausdruckslosen Augen und nach unten ragender, rötlicher Nase. Araktschejew wandte den Kopf nach ihm um, ohne ihn anzusehen.
»Um was bitten Sie?« fragte Araktschejew.
»Ich bitte um nichts, Euer Erlaucht«, erwiderte Fürst Andrej ruhig.
Araktschejew wandte seine Augen zu ihm hin.
»Setzen Sie sich«, sagte er. »Fürst Bolkonskij?«
»Ich bitte um nichts, aber Seine Majestät der Kaiser haben geruht, Euer Erlaucht einen Entwurf zu überreichen, der von mir eingereicht wurde …«
»Sehen Sie, mein Wertester, ich habe Ihren Entwurf gelesen«, unterbrach ihn Araktschejew, wobei er nur die ersten Worte in liebenswürdiger Weise sagte und dann mehr und mehr, ohne ihm ins Gesicht zu sehen, in einen brummigen, geringschätzigen Ton verfiel. »Sie schlagen neue Militärgesetze vor? Verordnungen haben wir so viele, daß wir die alten nicht einmal alle befolgen können. Jedermann schreibt heute Gesetze. Schreiben ist leichter als ausführen.«
»Ich bin auf Weisung Seiner Majestät des Kaisers gekommen, um mich bei Euer Erlaucht zu erkundigen, was nach Euer Erlaucht Wünschen mit meiner Denkschrift geschehen soll«, sagte Fürst Andrej höflich.
»Ich habe einen Beschluß über Ihren Entwurf gefaßt und diesen dem Komitee übersandt. Ich kann Ihren Entwurf nicht gutheißen«, fuhr Araktschejew fort, stand auf und nahm ein Papier vom Schreibtisch, das er dem Fürsten Andrej überreichte.
»Da, sehen Sie.«
Auf dem Papier war quer mit Bleistift ohne große Anfangsbuchstaben und Interpunktionszeichen unorthographisch folgendes geschrieben: »Ungründlich zusammengestellt, da als Abklatsch von französischen Militärverordnungen abgeschrieben, von unserem Militärreglement ohne Notwendigkeit abweichend.«
»Welchem Komitee haben Sie den Entwurf überwiesen?« fragte Fürst Andrej.
»Dem Militärgesetzkomitee, und ich habe vorgeschlagen, Euer Wohlgeboren als Mitglied in dieses Komitee aufzunehmen. Aber ohne Gehalt.«
Fürst Andrej lächelte.
»Gehalt verlange ich auch nicht.«
»Also unbesoldetes Mitglied«, wiederholte Araktschejew. »Habe die Ehre. Heda, rufe den nächsten! Wer kommt noch?« rief er und verbeugte sich vor dem Fürsten Andrej.
5
Während Fürst Andrej auf die offizielle Bestätigung seiner Ernennung zum Mitglied dieses Komitees wartete, erneuerte er einige alte Bekanntschaften, besonders mit Personen, von denen er wußte, daß sie mächtig waren und ihm nützlich sein konnten. Er empfand jetzt hier in Petersburg ein ähnliches Gefühl, wie er es am Vorabend der Schlacht empfunden hatte, als ihn eine ruhelose Neugier gequält und unwiderstehlich zu jenen höchsten Kreisen hingezogen hatte, wo alles Zukünftige, von dem das Schicksal von Millionen Menschen abhing, vorbereitet wurde. Aus dem Ingrimm der alten Herren, aus der Neugier der Unwissenden und der Zurückhaltung der Eingeweihten, aus dem hastigen, geschäftigen Treiben aller, aus der unzähligen Menge der Komitees und Kommissionen, von denen er alle Tage neue entdeckte – aus alledem fühlte Fürst Andrej heraus, daß sich jetzt hier in Petersburg im Jahre 1809 eine gewaltige innere Schlacht vorbereitete, deren Oberkommandierender eine geheimnisvolle, ihm unbekannte, aber genial erscheinende Persönlichkeit war – Speranskij. Und sowohl die ihm dunkel bekannte Reorganisation selber als auch ihr Hauptleiter Speranskij erregten in ihm ein so leidenschaftliches Interesse, daß die Angelegenheit der Militärverordnungen in seinem Kopf bald die zweite Stelle einnahm.
Fürst Andrej befand sich in der höchst günstigen Lage, in den allerverschiedensten und höchsten Kreisen der damaligen Petersburger Gesellschaft mit offenen Armen empfangen zu werden. Die Partei der Neuerer begrüßte ihn freudig und suchte ihn an sich zu locken, weil er erstens in dem Ruf eines klugen, sehr belesenen Mannes stand und zweitens durch die Freilassung seiner Bauern bereits als Liberaler von sich reden gemacht hatte. Die Partei der unzufriedenen alten Generation wandte sich ihm zu, weil sie in ihm einfach den Sohn seines Vaters sah und folglich bei ihm Verständnis voraussetzte, wenn sie alle Neuerungen verurteilte. Die Gesellschaft der Damen, die große Welt, nahm ihn mit Freuden auf, weil er ein reicher und hochangesehener Heiratskandidat und eine fast neue Persönlichkeit war, umstrahlt vom Heiligenschein der romantischen Geschichte von seinem vermeintlichen Tod und dem tragischen Ende seiner Frau. Außerdem waren alle, die ihn früher gekannt hatten, einstimmig der Ansicht, daß er sich in diesen fünf Jahren sehr zu seinem Vorteil verändert habe, milder und männlicher geworden sei, das frühere gemachte, stolze und spöttische Wesen abgelegt und sich jene Ruhe angeeignet habe, die die Jahre mit sich bringen. Man sprach von ihm, interessierte sich für ihn, und alle wünschten ihn zu sehen.
Am Tag nach seiner Audienz beim Grafen Araktschejew war Fürst Andrej beim Grafen Kotschubej zu einer Abendgesellschaft eingeladen und erzählte dem Grafen die Szene bei »Sila Andrejewitsch«. Auch Kotschubej nannte Araktschejew mit diesem Spitznamen und sprach von ihm in demselben Ton des Spottes, von dem man nicht recht wußte, worauf er sich bezog, und den Fürst Andrej schon im Empfangszimmer des Ministers gehört hatte.
»Mon cher, auch in dieser Angelegenheit kommen Sie nicht um Michail Michailowitsch herum. C’est le grand faiseur. Ich werde es ihm erzählen. Er hat mir versprochen, heute abend zu kommen …«
»Was hat denn Speranskij mit Militärverordnungen zu tun?« fragte Fürst Andrej.
Kotschubej lächelte und wiegte den Kopf hin und her, als staune er über Bolkonskijs harmlose Unbefangenheit.
»Ich habe dieser Tage mit ihm über Sie gesprochen«, fuhr Kotschubej fort, »über Ihre freigelassenen Bauern …«
Ungehobelte, ausländerfeindliche Persönlichkeit aus einer 1807 von Rastoptschin veröffentlichten satirischen Broschüre. (Anm. d. Übers.)