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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Jenny schüttelte den Kopf, und ihre schwarzen Locken hüpften unter dem Häubchen.

»Nein, er war ein eigensinniger Mann, der alte John Murray. Er hat gesagt, wenn der Herr sich entschieden hätte, Jamies linken Arm zu stärken, wäre es eine Sünde, diese Gabe zu verschmähen. Und er war ein Schwertkämpfer, wie man ihn nicht oft findet, der alte John, also hat mein Vater auf ihn gehört, und Jamie durfte lernen, mit links zu kämpfen.«

»Ich dachte, Dougal MacKenzie hätte Jamie beigebracht, mit links zu kämpfen«, sagte ich. Ich war sehr neugierig, was Jenny von ihrem Onkel Dougal hielt.

Sie nickte und leckte am Ende ihres Fadens, ehe sie ihn mit einer schnellen Bewegung zielsicher durch das Nadelöhr stieß.

»Aye, aber das war später, als Jamie schon größer war und als Ziehsohn bei Dougal gelebt hat. Es war Ians Vater, der ihm die Anfänge beigebracht hat.« Sie lächelte, ohne den Blick von dem Hemd auf ihrem Schoß zu heben.

»Ich weiß noch, wie sie klein waren und der alte John zu Ian gesagt hat, es wäre seine Aufgabe, Jamie zur Rechten zu stehen, denn er müsste seinem Anführer im Kampf die schwächere Seite freihalten. Und das hat er auch getan – die beiden haben das sehr ernst genommen. Und der alte John hat anscheinend recht gehabt«, fügte sie hinzu, während sie das Fadenende abschnitt. »Nach einer Weile wollte niemand mehr gegen sie antreten, nicht einmal die MacNabs. Jamie und Ian waren beide groß, und sie konnten so herrlich kämpfen. Und wenn sie Schulter an Schulter standen, waren sie unbesiegbar, selbst wenn sie in der Unterzahl waren.«

Sie lachte plötzlich und strich sich eine Locke hinter das Ohr.

»Beobachte sie einmal, wenn sie zusammen über die Felder gehen. Ich glaube nicht, dass ihnen bewusst ist, dass sie es heute noch tun, aber so ist es. Jamie geht immer links, so dass Ian seinen Platz an seiner Rechten einnehmen und ihm die schwächere Seite freihalten kann.«

Jenny blickte aus dem Fenster, das Hemd auf ihrem Schoß für den Moment vergessen, und legte die Hand auf die kleine Rundung ihres Bauches.

»Ich hoffe, es ist ein Junge«, sagte sie und richtete den Blick auf ihren schwarzhaarigen Sohn auf dem Hof. »Linkshänder oder nicht, es ist gut für einen Mann, wenn er einen Bruder hat, der ihm hilft.« Ich sah, wie ihr Blick auf das Bild an der Wand fiel – auf dem ein sehr junger Jamie zwischen den Knien seines älteren Bruders Willie stand. Die beiden Jungengesichter waren stupsnasig und ernst; Willies Hand lag schützend auf der Schulter seines kleinen Bruders.

»Jamie kann sich glücklich schätzen, dass er Ian hat«, sagte ich.

Jenny wandte den Blick von dem Gemälde ab und kniff die Augen zusammen. Sie war zwei Jahre älter als Jamie; sie wäre drei Jahre jünger als William gewesen.

»Aye, das kann er. Und ich auch«, sagte sie leise und griff erneut nach dem Hemd.

Ich nahm ein Kinderkittelchen aus dem Korb mit den reparaturbedürftigen Kleidungsstücken und drehte es auf links, um an die gerissene Naht unter dem Ärmel zu gelangen. Draußen war es zu kalt für alle, außer spielenden Kindern oder Männern bei der Arbeit, aber in der Stube war es warm und gemütlich; die Fenster beschlugen schnell und isolierten uns von der eisigen Welt im Freien.

»Apropos Brüder«, sagte ich und blinzelte, um ebenfalls eine Nadel mit einem Faden zu bestücken, »hast du Dougal und Colum MacKenzie oft gesehen, als du Kind warst?«

Jenny schüttelte den Kopf. »Ich bin Colum noch nie begegnet. Dougal ist ein paar Mal hier gewesen, etwa um Jamie zum Hogmanay heimzubringen, aber ich kann nicht sagen, dass ich ihn gut kenne.« Sie hob den Kopf von ihrer Flickarbeit, und ihre Katzenaugen leuchteten neugierig. »Aber du musst sie doch kennen. Erzähl mir, was für ein Mensch ist Colum MacKenzie? Das habe ich mich schon immer gefragt, nach allem, was ich hin und wieder von Besuchern gehört habe, aber meine Eltern haben nie von ihm gesprochen.« Sie hielt einen Moment inne, eine Falte zwischen den Augenbrauen.

»Nein, das stimmt nicht; mein Pa hat einmal etwas über ihn gesagt. Dougal hatte sich gerade mit Jamie auf den Heimweg nach Beannachd gemacht. Pa lehnte draußen am Zaun und sah ihnen nach, als sie davonritten, und ich bin dazugekommen, um Jamie nachzuwinken – ich war jedes Mal furchtbar traurig, wenn er gegangen ist, weil ich ja nie wusste, wie lange er fortbleiben würde. Jedenfalls haben wir sie über den Hügelkamm reiten sehen, und dann hat sich Pa geräuspert und gesagt, ›Gott steh Dougal MacKenzie bei, wenn sein Bruder Colum stirbt‹. Dann schien ihm wieder einzufallen, dass ich da war, denn er hat sich umgedreht und mich angelächelt und gesagt, ›Und, Kleine, was gibt es denn zum Abendessen?‹, und wollte nicht mehr davon sprechen.« Ihre schwarzen Augenbrauen, fein und kühn wie Kalligraphiezeichen, hoben sich fragend.

»Ich fand das merkwürdig, denn ich hatte gehört – wer hat das nicht? –, dass Colum schwer verkrüppelt ist und Dougal die Arbeit für ihn versieht, die Pacht eintreibt und Streitigkeiten schlichtet – und den Clan in den Kampf führt, wenn es nötig ist.«

»Das tut er auch. Aber …« Ich zögerte, weil ich nicht wusste, wie ich diese seltsame Symbiose beschreiben sollte. »Nun«, sagte ich lächelnd, »am besten kann ich dir erzählen, dass ich sie einmal streiten gehört habe, und Colum hat zu Dougal gesagt: ›Ich sage dir, wenn die MacKenzie-Brüder gemeinsam nur einen Schwanz und ein Hirn haben, bin ich froh über die Hälfte, die ich abbekommen habe!‹«

Jenny lachte überrascht auf, dann sah sie mich an, und in ihren blauen Augen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren, erschien ein berechnender Glanz.

»Och, so ist das also, ja? Ich habe mich schon gewundert, als ich Dougal einmal von Colums Sohn, dem kleinen Hamish, reden gehört habe; er schien ein bisschen mehr an ihm zu hängen als für einen Onkel üblich.«

»Du bist schnell von Begriff, Jenny«, sagte ich und erwiderte ihren Blick. »Wirklich schnell. Ich habe ewig gebraucht, um das herauszufinden, und ich habe sie monatelang jeden Tag gesehen.«

Sie zuckte bescheiden mit den Schultern, doch ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Ich höre zu«, sagte sie schlicht. »Ich höre auf das, was die Leute sagen – und was sie nicht sagen. Und hier in den Highlands wird furchtbar getratscht. Also«, sie biss einen Faden durch und spuckte sich die Enden zielsicher auf die Handfläche, »erzähle mir von Leoch. Die Leute sagen, es ist groß, aber nicht so prachtvoll wie Beauly oder Kilravock.«

Wir verbrachten den ganzen Vormittag damit, zu arbeiten und uns zu unterhalten. Nachdem wir mit der Flickarbeit fertig waren, wickelten wir Strickgarn zu Knäueln auf, dann entwarfen wir das Schnittmuster für ein neues Kleidchen für Maggie. Die Rufe der Jungen im Freien verstummten und wichen leisem Rumpeln an der Rückseite des Hauses, was uns verriet, dass den jungen Herren kalt geworden war und sie nun stattdessen die Küche heimsuchten.

»Ich frage mich, ob es wohl bald schneien wird«, sagte Jenny und warf einen Blick zum Fenster. »Die Luft ist feucht, hast du heute Morgen den Dunstschleier über dem See gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Hoffentlich nicht. Das würde Jamie und Ian den Rückweg erschweren.« Das Dorf Broch Mordha war zwar weniger als zehn Meilen von Lallybroch entfernt, aber der Weg führte über einen steilen, felsigen Hang nach dem nächsten, und die Straße war kaum mehr als ein Wildwechsel.

Schließlich begann es gegen Mittag tatsächlich zu schneien, und die Flocken wirbelten weiter zu Boden, als es längst dunkel war.

»Sie sind wohl in Broch Mordha geblieben«, sagte Jenny und zog den Kopf mit ihrer Nachthaube wieder ein, nachdem sie den bewölkten Himmel inspiziert hatte, der vom Schnee rötlich leuchtete. »Mach dir keine Sorgen um sie; sie haben es sich bestimmt in einer Kate für die Nacht gemütlich gemacht.« Sie lächelte mich beruhigend an und schloss die Fensterläden. Plötzlich scholl ein Jammern durch den Flur, und mit einem unterdrückten Ausruf raffte sie ihren Nachtrock.

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