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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Nein, das Leben ist noch nicht zu Ende mit einunddreißig Jahren, dachte Fürst Andrej mit endgültiger, unwiderruflicher Entschlossenheit. Es genügt nicht, daß nur ich das weiß, was in mir lebt und wirkt, alle, alle sollen es wissen, sowohl Pierre als auch das junge Mädchen, das in den Himmel fliegen wollte. Sie alle, alle sollen mich kennen lernen, damit mein Leben nicht nur für mich allein verrinnt, und sie nicht abseits von mir stehen. Auf sie alle soll es einen Widerschein werfen, damit wir alle gemeinsam leben.

Von seiner Reise nach Hause zurückgekehrt, entschloß sich Fürst Andrej, im Herbst nach Petersburg zu fahren, und suchte in Gedanken nach Gründen für diesen Entschluß. Eine ganze Reihe vernünftiger und logischer Beweise, warum er unbedingt nach Petersburg fahren und sogar wieder in den Dienst treten müsse, stand ihm jederzeit bereitwillig zu Gebote. Ja, er begriff jetzt sogar nicht einmal, wie er jemals an der Notwendigkeit, am Leben tatkräftigen Anteil zu nehmen, hatte zweifeln können, ebenso wie er vier Wochen früher nicht begriffen hätte, wie ihm der Gedanke kommen könne, jemals vom Lande fortzugehen. Es schien ihm klar, daß alle seine Lebenserfahrungen umsonst und sinnlos vergehen und verwehen würden, wenn er sie nicht in die Tat umsetzte und nicht wieder praktischen Anteil am Leben nähme. Er begriff jetzt nicht einmal mehr, wie er sich früher auf Grund ebenso armseliger Vernunftbeweise hatte klarmachen können, daß es für ihn erniedrigend wäre, wenn er jetzt, nach dieser Schule des Lebens, noch an die Möglichkeit, Nutzen zu stiften oder Glück und Liebe zu finden, geglaubt hätte. Jetzt bewies ihm seine Vernunft etwas ganz anderes. Nach dieser Reise fing Fürst Andrej an, sich auf dem Lande zu langweilen, seine frühere Beschäftigung ließ ihn jetzt kalt, und oft, wenn er allein in seinem Zimmer saß, stand er auf, trat vor den Spiegel und betrachtete lange sein Gesicht. Dann wandte er sich um und blickte das Bild der verstorbenen Lisa an, die mit ihren à la grecque gewickelten Locken zärtlich und heiter aus dem goldenen Rahmen auf ihn niederschaute. Sie sagte schon nicht mehr die früheren, schrecklichen Worte zu ihrem Mann, sondern sah ihn nur einfach und heiter und ein klein wenig neugierig an. Fürst Andrej legte die Hände auf den Rücken, ging lange im Zimmer auf und ab und dachte und überdachte, bald lächelnd, bald finster werdend, immer und immer wieder jene wenig vernünftigen, mit Worten nicht auszudrückenden und wie ein Verbrechen geheimen Gedanken, die bald mit Pierre, bald mit dem Ruhm, bald mit dem Mädchen am Fenster, bald mit der Eiche, bald mit Frauenschönheit und Liebe zusammenhingen und seinem Leben eine so andere Richtung gegeben hatten. Und wenn dann in solchen Augenblicken jemand zu ihm hereinkam, pflegte er ganz besonders trocken, streng entschieden und unangenehm logisch zu sein.

»Mon cher«, sagte Prinzessin Marja dann wohl einmal, als sie gerade in solchem Augenblick ins Zimmer trat, »Nikoluschka kann heute nicht Spazieren gehen, es ist zu kalt.«

»Wenn es warm wäre«, pflegte Fürst Andrej dann seiner Schwester besonders trocken zu erwidern, »so würde man ihn im bloßen Hemdchen an die frische Luft schicken, da es aber kalt ist, muß man ihm warme Kleider anziehen, die zu diesem Zweck erfunden sind. Das ist die Schlußfolgerung aus der Kälte, nicht aber, daß er zu Hause bleiben muß. Ein Kind muß unbedingt frische Luft haben«, führte er ganz besonders logisch aus, als wolle er dadurch jemanden für die ganze geheime, unlogische Gedankenarbeit, die in ihm vorging, bestrafen.

Prinzessin Marja dachte dann immer, wie trocken doch die Männer durch die viele geistige Arbeit werden.

4

Es war im August des Jahres 1809, als Fürst Andrej nach Petersburg kam. Gerade zu dieser Zeit hatte der Ruhm des jungen Speranskij[93] seinen Höhepunkt erreicht, und voller Energie wurden seine Reformen überall vollzogen. Im selben Monat erlitt auch der Kaiser bei einer Wagenfahrt einen kleinen Unfall, verletzte sich den Fuß und mußte drei Wochen in Peterhof bleiben, wo er alle Tage ausschließlich Speranskij empfing. Es waren damals nicht nur zwei recht bedeutsame, die Gesellschaft in Aufregung versetzende Erlasse über die Aufhebung einiger Rangstufen bei Hofe und über die Examina der Kollegienassessoren und Staatsräte in Vorbereitung, sondern auch eine ganze Reichsverfassung, nach der das gesamte gegenwärtige Gerichts-, Verwaltungs- und Finanzwesen in ganz Rußland, vom Staatsrat bis zur kleinsten Gemeindeverwaltung, eine Änderung erfahren sollte. Jene unklaren liberalen Träume, mit denen Kaiser Alexander den Thron bestiegen hatte, und die er mit Hilfe seiner Räte Czartoryski, Nowosilzew, Kotschubej und Stroganow, die er im Scherz als comité du salut publique[94] bezeichnet hatte, zu verwirklichen bestrebt gewesen war, fingen nun an, zur Tatsache zu werden. Alle diese Minister wurden jetzt durch Speranskij und Araktschejew ersetzt, von denen der erste die Zivilangelegenheiten, der zweite das Militärwesen verwaltete.

Kurz nach seiner Ankunft in Petersburg war Fürst Andrej in seiner Eigenschaft als Kammerherr bei Hofe und zur Audienz erschienen. Der Kaiser, dem er zweimal begegnet war, hatte ihn nicht eines Wortes gewürdigt. Fürst Andrej hatte schon früher immer den Eindruck gehabt, daß der Kaiser irgendwelche Abneigung gegen ihn haben müsse, daß ihm sein Gesicht und sein ganzes Wesen unangenehm sei. Aus dem trockenen, abweisenden Blick, den der Kaiser auf ihn richtete, erkannte er die Bestätigung dieser Vermutung noch mehr als früher. Die Herren bei Hof erklärten ihm die Nichtachtung des Kaisers damit, daß Seine Majestät unzufrieden sei, weil Bolkonskij seit 1805 nicht mehr im aktiven Dienst stehe.

Ich weiß ja selber, dachte Fürst Andrej, daß wir nicht Herren unserer Sympathien und Antipathien sind. Deshalb ist auch gar nicht daran zu denken, daß ich dem Kaiser meine Schrift über das Militärreglement persönlich überreiche, aber die Sache wird schon für sich selber sprechen.

Er schrieb einem alten Feldmarschall, der ein Freund seines Vaters war, von seiner Arbeit. Der Feldmarschall bestimmte ihm Tag und Stunde, empfing ihn sehr freundlich und versprach, dem Kaiser davon Mitteilung zu machen. Ein paar Tage später erhielt Fürst Andrej die Nachricht, daß er zum Kriegsminister Grafen Araktschejew befohlen sei.

Am festgesetzten Tag fand sich Fürst Andrej morgens um neun Uhr im Empfangszimmer des Grafen Araktschejew ein.

Fürst Andrej kannte Araktschejew nicht persönlich und hatte ihn noch nie gesehen, aber alles, was er von ihm gehört hatte, flößte ihm wenig Achtung für diesen Menschen ein. Er ist Kriegsminister, die Vertrauensperson des Kaisers, seine persönlichen Eigenschaften gehen keinen etwas an. Ihm ist befohlen worden, meine Schrift durchzusehen, folglich ist er auch der einzige, der meinen Ideen vorwärtshelfen kann, dachte Fürst Andrej, während er zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Persönlichkeiten im Empfangszimmer des Grafen Araktschejew wartete.

Während seiner Dienstzeit, die Fürst Andrej größtenteils als Adjutant verbracht hatte, waren ihm solche Empfangszimmer wichtiger Persönlichkeiten in Menge vor Augen gekommen, und er kannte die mannigfaltigen typischen Eigenschaften dieser Räumlichkeiten recht genau. Das Empfangszimmer beim Grafen Araktschejew jedoch hatte einen ganz besonderen Charakter. Auf den Gesichtern der weniger wichtigen Persönlichkeiten, die hier warteten, bis die Reihe einer Audienz beim Grafen Araktschejew an sie käme, war ein Gefühl der Beschämung und Unterwürfigkeit zu lesen, während die Gesichter der höher im Rang stehenden Personen ein allen gemeinsames Gefühl des Unbehagens ausdrückten, das sie hinter einem ungezwungenen persönlichen Auftreten und Spott über sich selbst, die Situation, in der sie sich befanden, und den hohen Herrn, auf den sie warteten, zu verbergen suchten. Einige gingen in Gedanken versunken auf und ab, andere flüsterten und lachten, und Fürst Andrej hörte, wie sie den Grafen Araktschejew bei seinem Spitznamen Sila Andreitsch

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93

Speranskij: M. M. Speranskij (1772-1839), russischer Staatsmann, seit 1807 engster Berater des Kaisers bei dessen liberalen Vorhaben. Speranskij erarbeitete Pläne für eine Reform des Regierungsapparats, die aber nur zum Teil verwirklicht wurden (im Bereich der Exekutive und der Legislative), die Regierung blieb nach wie vor autokratisch. 1812 fiel er in Ungnade (wegen seines auf dem Code Napoleon aufbauenden Entwurfs für ein russisches Zivilrecht – vgl. Anm. 96), wurde aber später von Nikolai I. erneut für die Kodifizierung des russischen Rechts herangezogen.

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94

comité du salut publique: in Anspielung auf den jakobinischen Wohlfahrtsausschuß (vgl. Anm. 84), mit dem Alexanders Komitee allerdings wohl wenig Ähnlichkeit hatte.

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