Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Verstimmt und in Gedanken an die geschäftlichen Angelegenheiten versunken, die er mit dem Adelsmarschall zu besprechen hatte, fuhr Fürst Andrej durch die Gartenallee auf das Landhaus der Rostows in Otradnoje zu. Rechts hinter den Bäumen hörte er lustige weibliche Stimmen und sah, wie ein Schwarm junger Mädchen auf seinen Wagen zugelaufen kam. Allen voran eilte ein schwarzhaariges, sehr schlankes, auffallend zierliches, schwarzäugiges Mädchen in einem gelben Kattunkleid, ein weißes Taschentuch um den Kopf gebunden, unter dem ein paar lose Haarbüschel hervorquollen. Das junge Mädchen schrie ihm etwas entgegen, als sie aber einen Fremden im Wagen sitzen sah, lief sie, ohne ihn anzusehen, laut lachend wieder zurück.
Fürst Andrej empfand aus irgendeinem Grund ein schmerzliches Gefühl. Der Tag war so schön, die Sonne strahlte so hell, ringsum war alles so heiter, und dieses hübsche schlanke Mädchen wußte nichts von ihm und wollte auch gar nichts von ihm wissen, sie war glücklich und zufrieden für sich allein in ihrem wahrscheinlich törichten, aber heiteren und glücklichen Leben. Worüber ist sie so froh? Woran denkt sie? Sicher nicht an militärische Verordnungen und an die Regelung des Bauernzinses in Rjasan. Woran mag sie wohl denken? Wie kommt es, daß sie so glücklich ist? fragte sich Fürst Andrej mit unwillkürlicher Neugier.
Graf Ilja Andrejewitsch lebte im Jahr 1809 in Otradnoje genauso, wie er früher dort gelebt hatte, das heißt: er empfing fast das ganze Gouvernement bei seinen Jagden, Theaterabenden, Diners und musikalischen Veranstaltungen. Wie über jeden neuen Gast, der zu ihm kam, freute er sich auch über Fürst Andrejs Besuch sehr und nötigte ihn fast gewaltsam, über Nacht zu bleiben.
Der Tag verlief sehr langweilig, Fürst Andrej wurde von den älteren Herrschaften und vornehmen Gästen ganz in Anspruch genommen, von denen das Haus des alten Grafen ganz voll war, da in den nächsten Tagen ein Namenstag gefeiert werden sollte. Ab und zu sah Bolkonskij zu Natascha hinüber, die immer etwas zu lachen hatte und sich mit der anderen Hälfte der Gesellschaft, mit den jungen Leuten, vergnügte, und immer wieder mußte er sich die Frage vorlegen: Woran mag sie denken? Worüber ist sie nur so froh?
Am Abend, als er sich in dem fremden Haus allein auf seinem Zimmer befand, konnte er lange nicht einschlafen. Er las eine Weile, löschte dann die Kerze aus und zündete sie wieder an. In seinem Zimmer mit den von innen geschlossenen Fensterläden war es heiß und schwül. Er ärgerte sich über den alten Dummkopf, wie er Rostow nannte, der ihn mit der Versicherung, die nötigen Papiere seien in der Stadt und noch nicht zu beschaffen gewesen, zurückgehalten hatte, ärgerte sich über sich selber, weil er geblieben war.
Fürst Andrej stand auf und trat ans Fenster, um es aufzumachen. Kaum hatte er die Läden geöffnet, so überflutete das Mondlicht, als hätte es vor dem Fenster Wache gestanden und schon lange darauf gewartet, mit einem Schlag das ganze Zimmer. Er stieß das Fenster auf. Die Nacht war frisch, windstill und klar. Gerade vor dem Fenster stand eine Reihe stark eingeschnittener Bäume, die auf der einen Seite tief dunkel, auf der anderen wie mit silbernem Licht übergossen waren. Unter den Bäumen sproßten saftige, feuchte, krause Pflanzen und Gewächse mit silberschimmernden Blättern und Stielen. Etwas hinter den dunklen Bäumen blinkte ein von Tau glitzerndes Dach, zur Rechten stand ein großer krauser Baum mit grellweißem Stamm und Ästen und darüber der volle Mond an dem hellen, fast sternenlosen Frühlingshimmel. Fürst Andrej lehnte sich mit den Ellenbogen ans Fenster, und seine Augen blieben an diesem Himmel haften.
Sein Zimmer befand sich im mittleren Stockwerk. Über ihm war ebenfalls Leben, auch dort schlief man noch nicht. Von oben her hörte er weibliche Stimmen.
»Nur noch ein einziges Mal«, sagte oben eine weibliche Stimme, die Fürst Andrej sofort erkannte.
»Aber wann wirst du nun endlich schlafen?« erwiderte eine andere Stimme.
»Ich werde nicht schlafen, ich kann nicht schlafen, was soll ich machen? Also zum letztenmal …«
Und zwei Mädchenstimmen sangen ein Bruchstück aus einem Lied, das das Ende von irgend etwas bildete.
»Ach, wie wunderbar! Aber jetzt wollen wir schlafen, nun ist Schluß.«
»So schlaf doch, ich kann nicht«, erwiderte die erste Stimme, die sich jetzt dem Fenster näherte. Das junge Mädchen schien sich ganz aus dem Fenster herausgelehnt zu haben, denn man hörte das Knistern ihres Kleides und sogar ihre Atemzüge. Alles war still und wie versteinert, wie auch der Mond und sein Licht und die Schatten. Fürst Andrej war ebenfalls ängstlich darauf bedacht, sich nicht zu regen, um sich nicht als unfreiwilliger Zeuge zu verraten.
»Sonja! Sonja!« hörte man wieder die erste Stimme. »Wie kannst du nur schlafen! Sieh doch nur, wie entzückend! Ach, wie wonnig! So wach doch nur auf, Sonja«, sagte sie fast mit Tränen. »Eine so entzückende Nacht ist noch nie, niemals gewesen.«
Sonja gab widerwillig irgendeine Antwort.
»Nein, das mußt du sehen, dieser Mond! … Ach, wie bezaubernd! Komm doch nur her! Mein Seelchen, mein Täubchen, komm her. Nun, siehst du es? Jetzt müßte man sich niederducken, siehst du, so, sich fest unter den Knien zusammennehmen, aber fest, so fest wie nur möglich, und sich dann einen Ruck geben und losfliegen. Siehst du: so!«
»Laß doch, du wirst noch fallen …« Man hörte einen Kampf und Sonjas unwillige Stimme: »Nun ist es bald zwei Uhr.«
»Ach, du verdirbst einem auch alles. Geh nur schlafen, geh!«
Wieder war alles still, aber Fürst Andrej wußte, daß sie immer noch dasaß, und hörte zuweilen ein leises Rascheln, manchmal auch einen Seufzer.
»Ach, mein Gott, mein Gott! Was ist nur mit mir!« rief sie plötzlich aus. »Aber nun schlafen gehen, wirklich schlafen gehen!« Und sie schlug das Fenster zu.
Sie kümmert sich nicht darum, ob ich da bin oder nicht, dachte Fürst Andrej, während er ihrer Unterhaltung gelauscht und immer, er wußte selbst nicht warum, gewartet und gefürchtet hatte, daß sie etwas über ihn sagen werde. Und immer wieder sie! Wie absichtlich! dachte er.
In seiner Seele erhob sich plötzlich ein solcher Wirbelsturm junger Gedanken und Hoffnungen, die seinem ganzen Leben so zuwiderliefen, daß er nicht imstande war, sich über seinen Zustand klar zu werden, und sogleich einschlief.
3
Am nächsten Morgen verabschiedete sich Fürst Andrej, ohne das Kommen der Damen abzuwarten, nur vom alten Grafen und fuhr wieder nach Hause.
Es war schon Anfang Juni, als Fürst Andrej auf der Heimfahrt wieder durch jenes Birkenwäldchen fuhr, wo die alte, knorrige Eiche einen so seltsamen, nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Noch tauber als vor anderthalb Monaten tönte das Schellengeklingel der Pferde, alles war belaubt, schattig und dicht, und auch die im Walde zerstreuten jungen Tannen störten nicht mehr die Schönheit ringsum, hatten sich dem allgemeinen Charakter des Waldes angepaßt, und zart schimmerten ihre grünen, wolligen jungen Triebe.
Es war den ganzen Tag über heiß gewesen. Irgendwo hatte sich ein Gewitter zusammengezogen, aber nur eine kleine Wolke hatte die staubige Straße gesprengt und die saftigen Blätter bespritzt. Die linke Seite des Waldes lag ganz im Dunkel, im Schatten, zur Rechten glänzte und glitzerte das feuchte Laub, von einem leichten Wind geschaukelt, im hellen Sonnenschein. Alles grünte und blühte; die Nachtigallen jubilierten und schmetterten ihr Lied bald nah, bald fern.
Ja, hier in diesem Wald war jene Eiche, die so viele gleichartige Gefühle in mir weckte, dachte Fürst Andrej. Aber wo ist sie nur? dachte er weiter, sah sich nach links um und bewunderte, ohne es selber zu wissen und ihn zu erkennen, eben jenen Baum, den er suchte. Wie verzaubert stand diese alte Eiche, das saftige, dunkle Grün wie ein Zelt weit ausbreitend, wohlig und fast ohne sich zu rühren, in den Strahlen der Abendsonne da. Nichts sah man mehr von ihren alten knorrigen Ästen, ihren Wunden und Rissen, ihrem alten Mißtrauen und Leid. Aus der rauhen, hundertjährigen Rinde drangen ohne Äste saftige junge Blätter, so daß man es kaum glauben mochte, daß dieser alte Baum sie hervorgebracht habe. Wirklich, es ist dieselbe Eiche, dachte Fürst Andrej, und plötzlich überkam ihn ohne jeden Grund ein Frühlingsgefühl der Freude und Wiedergeburt. Die schönsten, höchsten Augenblicke seines Lebens fielen ihm plötzlich zur gleichen Zeit ein: er dachte an Austerlitz und an den hohen Himmel, dachte an das vorwurfsvolle Gesicht seiner Frau auf ihrem Totenbett, an Pierre auf der Fähre, an das junge Mädchen, das von der Schönheit einer Nacht so erregt war, an diese Nacht selbst, an diesen Mond … und all das stieg plötzlich vor seinem Gedächtnis auf.