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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Meistens ›Wenn du fertig bist mit Reden, Jamie, dreh dich um und bück dich‹.«

Wir lachten und blieben stehen, um uns auf den Zaun zu stützen. Ich beugte mich vor, um das Holz aus der Nähe zu betrachten.

»Hier bist du also verprügelt worden? Ich sehe gar keine Zahnabdrücke«, sagte ich.

»Nein, so schlimm war es ja nicht«, sagte er lachend. Er fuhr liebevoll mit der Hand über den abgenutzten Zaunbalken aus Eschenholz.

»Manchmal hatten wir Splitter in den Fingern, Ian und ich. Hinterher sind wir zum Haus gegangen, und Mrs. Crook hat sie für uns herausgezogen – und die ganze Zeit geschimpft.«

Er blickte zum Gutshaus hinunter, in dessen unterem Stockwerk das Licht in den Fenstern der nahenden Nacht trotzte. Dunkle Gestalten huschten an den Fenstern vorbei; kleine Schatten bewegten sich eilig in den Küchenfenstern, wo Mrs. Crook und die Mägde das Abendessen zubereiteten. Ein größerer Umriss ragte plötzlich hochgewachsen und gertenschlank in einem der Wohnzimmerfenster auf. Ian blieb einen Moment stehen, das Licht im Rücken, als hätten Jamies Erinnerungen ihn herbeigerufen. Dann zog er die Vorhänge zu, und das Fenster verdunkelte sich zu einem sanfteren, verhüllten Leuchten.

»Ich war immer froh, wenn Ian auch dabei war«, sagte Jamie, ohne den Blick vom Haus abzuwenden. »Wenn wir dabei erwischt wurden, dass wir Unsinn angestellt haben, und wir dafür Prügel bezogen haben, meine ich.«

»Geteiltes Leid ist halbes Leid?«, sagte ich lächelnd.

»Ein bisschen. Ich kam mir nicht ganz so böse vor, wenn wir uns das schlechte Gewissen teilen konnten. Vor allem aber konnte ich mich immer darauf verlassen, dass er jede Menge Lärm machen würde.«

»Was, du meinst, er hat geschrien?«

»Aye. Er hat immer furchtbar geheult und gezetert, und weil ich wusste, dass er das tun würde, habe ich mich selber weniger geschämt, wenn ich nicht an mich halten konnte.« Es war jetzt zu dunkel, um sein Gesicht noch zu erkennen, doch das halbe Achselzucken, das normalerweise seine Verlegenheit oder Beklommenheit verriet, sah ich noch.

»Ich habe natürlich jedes Mal versucht, es nicht zu tun, aber es ist mir nicht immer gelungen. Wenn mein Pa meinte, dass eine Sache Prügel verdiente, dann meinte er auch, dass sie anständige Prügel verdiente. Und Ians Vater hatte einen rechten Arm wie ein Baumstamm.«

»Weißt du«, sagte ich und blickte zum Haus hinunter. »Ich habe noch nie groß darüber nachgedacht, aber warum in aller Welt hat dich dein Vater hier draußen bestraft, Jamie? Es muss doch genug Platz im Haus sein – oder in der Scheune.«

Jamie schwieg einen Moment, dann zuckte er erneut mit den Schultern.

»Ich habe ihn nie gefragt. Aber ich vermute, es war so ähnlich wie beim König von Frankreich.«

»Dem König von Frankreich?« Dieser scheinbare Gedankensprung verblüffte mich ein wenig.

»Aye. Ich weiß ja nicht«, sagte er trocken, »wie es ist, wenn man sich in aller Öffentlichkeit waschen und anziehen und erleichtern muss, aber ich kann dir sagen, dass es eine sehr demütigende Erfahrung ist, dazustehen und einem der Pächter deines Vaters erklären zu müssen, was man angestellt hat, um den Hintern so versohlt zu bekommen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte ich, und Mitgefühl vermischte sich mit dem Drang zu lachen. »Weil du hier einmal Herr werden würdest, meinst du? Deshalb hat er dich dazu hierhergebracht?«

»Ich vermute es. Damit die Pächter wissen, dass ich etwas von Gerechtigkeit verstehe – zumindest davon, wie es ist, sie entgegenzunehmen.«

Kapitel 32

Feld der Träume

Das Feld war zu den üblichen Saatreihen zurechtgepflügt worden, die Erde zu hohen Dämmen aufgehäuft, zwischen denen tiefe Furchen verliefen. Die Dämme waren kniehoch, so dass ein Mann, der die Furchen entlangschritt, sein Saatgut mühelos in den Kamm des Dammes neben ihm setzen konnte. Normalerweise benutzte man diese Dämme zum Anbau von Gerste oder Hafer, und sie hatten keinen Grund gesehen, sie für den Kartoffelanbau zu verändern.

»Es hieß zwar ›Hügel‹«, sagte Ian, während er über das Blättermeer des Kartoffelfelds blickte, »aber ich dachte, mit den Dämmen geht es genauso. Der Zweck der Hügel schien es ja zu sein zu verhindern, dass die Pflanzen zu nass stehen und verrotten, und das schien mir bei einem alten Feld mit Dämmen ähnlich zu sein.«

»Das klingt vernünftig«, pflichtete ihm Jamie bei. »Der obere Teil scheint jedenfalls zu gedeihen. Aber sagt der Mann auch, woran man erkennt, wann man die Knollen ausgräbt?«

Mit der Aufgabe konfrontiert, Kartoffeln in einer Gegend anzupflanzen, die noch nie eine Kartoffel gesehen hatte, war Ian methodisch und logisch vorgegangen und hatte sich nicht nur Saatkartoffeln, sondern auch ein Buch über den Ackerbau aus Edinburgh kommen lassen. Und so war Eine Wissenschaftliche Abhandlung über Methoden des Ackerbaus von Sir Walter O’Bannion Reilly auf der Bühne erschienen, darin ein kleiner Abschnitt über den Kartoffelanbau, wie er gegenwärtig in Irland praktiziert wurde.

Ian trug diesen umfangreichen Band unter dem Arm – Jenny hatte mir erzählt, dass er niemals ohne das Buch in die Nähe des Kartoffelfeldes ging, für den Fall, dass ihm dort eine verzwickte Frage der Philosophie oder Technik kam – und schlug es jetzt auf. Er hielt es auf seinen Unterarm gestützt, während er in seinem Sporran nach seiner Lesebrille tastete. Diese hatte seinem verstorbenen Vater gehört, kleine, in Draht gefasste runde Gläser, die er üblicherweise auf der Nasenspitze trug, was ihm das Aussehen eines sehr ernsten jungen Storches verlieh.

»Das Einbringen der Ernte sollte zugleich mit dem Auftauchen der ersten Wintergänse unternommen werden«, las er, dann hob er den Kopf und blinzelte vorwurfsvoll über die Brille hinweg auf das Kartoffelfeld, als erwartete er, dass eine richtungsweisende Gans den Kopf aus den Furchen und Dämmen hob.

»Wintergänse?« Jamie blickte stirnrunzelnd über Ians Schulter hinweg in das Buch. »Was für Gänse meint er denn? Graugänse? Die gibt es doch das ganze Jahr. Das kann nicht richtig sein.«

Ian zuckte mit den Schultern. »Vielleicht gibt es sie in Irland nur im Winter. Oder vielleicht meint er ja auch gar keine Graugänse, sondern eine irische Art?«

Jamie prustete. »Oh, wie hilfreich. Sagt er auch irgendetwas Nützliches?«

Ian fuhr mit dem Finger über die Zeilen und bewegte lautlos die Lippen. Inzwischen hatten wir eine kleine Gruppe von Pachtbauern angezogen, die alle von dieser neuen Herangehensweise an den Ackerbau fasziniert waren.

»Man soll keine Kartoffeln ausgraben, wenn es nass ist«, teilte uns Ian mit, was Jamie ein noch lauteres Prusten entlockte.

»Hmm«, murmelte Ian. »Kartoffelfäule, Kartoffelkäfer – wir hatten keine Kartoffelkäfer, da hatten wir wohl Glück –, Kartoffelpflanzen … ähm, nein, da steht nur, was man tun soll, wenn die Pflanzen welken. Braunfäule – ob wir das haben, können wir erst sagen, wenn wir die Kartoffeln sehen. Saatkartoffeln, Kartoffellagerung …«

Ungeduldig wandte sich Jamie von Ian ab, die Hände auf den Hüften.

»Wissenschaftlich, wie?«, sagte er aufgebracht. Er warf einen finsteren Blick auf das Feld mit den dunkelgrün belaubten Pflanzen. »Es ist wohl zu wissenschaftlich, um einfach zu erklären, woran man erkennt, wann man die verdammten Dinger essen kann!«

Fergus, der Jamie wie immer auf dem Fuße gefolgt war, hob den Blick von einer pelzigen Raupe, die ihm langsam über den Zeigefinger kroch.

»Warum grabt Ihr nicht einfach eine aus und schaut nach?«, fragte er.

Jamie starrte Fergus einen Moment lang an. Sein Mund öffnete sich, doch es kam kein Ton heraus. Er schloss ihn, tätschelte Fergus sacht den Kopf und ging zum Zaun, um eine Mistgabel zu holen, die dort stand.

Die Pachtbauern, allesamt Männer, die unter Ians Anweisung – assistiert von Sir Walter – dabei geholfen hatten, das Feld anzulegen und zu pflegen, drängten sich dicht umeinander, um die Früchte ihrer Mühe zu sehen.

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