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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Im Jahre 1809 war das Bündnis zwischen den beiden Weltherrschern, wie man Napoleon und Alexander nannte, so eng geworden, daß, als Napoleon Österreich in diesem Jahr den Krieg erklärte, ein russisches Armeekorps bis an die Grenze vorrückte, um seinem früheren Feind Bonaparte gegen seinen ehemaligen Verbündeten, den Kaiser von Österreich, zu Hilfe zu kommen. Ja, in den höchsten Kreisen sprach man sogar von der Möglichkeit einer Heirat zwischen Napoleon und einer Schwester Kaiser Alexanders. Doch neben all diesen Wendungen der äußeren Politik lenkten während dieser Zeit innere Umwälzungen, die damals in allen Teilen der Staatsverwaltung vorgenommen wurden, besonders lebhaft die Aufmerksamkeit der russischen Gesellschaft auf sich.

Indessen ging das Leben der Menschen, das echte, wirkliche Leben mit seinen fühlbaren körperlichen Interessen an Gesundheit und Krankheit, Arbeit und Erholung, und mit seinen geistigen Interessen an Wissenschaft, Dichtung, Musik, Liebe, Freundschaft, Haß und Leidenschaft, wie immer seinen gewöhnlichen Gang, unabhängig von jeder politischen Freundschaft oder Feindschaft mit Napoleon Bonaparte und unberührt von allen nur möglichen inneren Umgestaltungen.

Fürst Andrej hatte zwei Jahre lang auf dem Lande gelebt, ohne aus seinen vier Pfählen herauszukommen.

Alle jene Verbesserungen, die Pierre auf seinen Gütern im Sinne gehabt, aber nicht zur Ausführung gebracht hatte, weil er fortgesetzt von einer Sache auf die andere übersprang, hatte nun Fürst Andrej ohne sonderliche Mühe eingeführt, und ohne sich darüber gegen irgend jemanden groß zu äußern.

Er besaß in hohem Grad jene praktische Ausdauer, die Pierre fehlte, um ohne Mühe und Anstrengung eine Sache in Schwung zu bringen.

Auf dem einen seiner Güter hatte er seine Leibeignen, an die dreihundert Seelen, zu freien Bauern gemacht – eins der ersten Beispiele in ganz Rußland –, auf einem anderen hatte er die Fronarbeit in Pachtzins umgewandelt. Nach Bogutscharowo hatte er auf seine Kosten eine ausgebildete Hebamme kommen lassen und angestellt, die den Wöchnerinnen beistehen mußte, und der Geistliche unterrichtete gegen Besoldung die Kinder der Bauern und des Hofgesindes im Lesen und Schreiben.

Die eine Hälfte seiner Zeit verbrachte Fürst Andrej in Lysyja-Gory zusammen mit dem Vater und dem Sohn, der sich noch in den Händen der Kinderfrauen befand, die andere Hälfte in seiner Klause in Bogutscharowo, wie der Vater seinen Landsitz nannte. Obgleich sich Fürst Andrej vor Pierre allen, Ereignissen gegenüber, die draußen in der Welt vor sich gingen, höchst gleichgültig gezeigt hatte, verfolgte er doch alles mit großem Eifer, ließ sich viele Bücher kommen und merkte zu seiner Verwunderung, daß sich Bekannte, auch wenn sie frisch aus Petersburg, also direkt von der Quelle alles Lebens, zu ihm oder seinem Vater auf Besuch kamen, über alles, was in der inneren und äußeren Politik vorgegangen war, weit weniger orientiert zeigten als er, der, ohne seine vier Pfähle zu verlassen, immer auf dem Lande gesessen hatte.

Außer mit den Unternehmungen auf seinen Gütern und mit dem Lesen der mannigfaltigsten Bücher beschäftigte sich Fürst Andrej während dieser Zeit noch mit einer kritischen Untersuchung unserer beiden letzten unglücklichen Feldzüge und mit der Aufstellung eines Entwurfs zur Abänderung unserer militärischen Reglements und Verordnungen.

Im Frühjahr des Jahres 1809 besuchte Fürst Andrej als Vormund seines Sohnes dessen Güter in Rjasan.

Von der wärmenden Frühlingssonne beschienen, saß er in seinem Wagen und betrachtete die ersten Grashälmchen, die ersten jungen Blättchen der Birken und die ersten, dichten, weißen Frühlingswölkchen, die am klaren, blauen Himmel dahinzogen. Er dachte an nichts, sondern schaute sich nur fröhlich und sorglos nach allen Seiten um.

Er mußte mit derselben Fähre übersetzen, auf der er im vorigen Jahr mit Pierre jenes Gespräch geführt hatte. Dann ging es durch ein schmutziges Dorf, an Scheunen und grün werdenden Feldern vorbei, den Berghang hinab zu einer Brücke, wo unten noch Schnee lag, dann auf ausgewaschenem Lehmboden wieder aufwärts, an endlosen Stoppelfeldern und hie und da schon grün werdendem Gesträuch vorbei in ein Birkenwäldchen hinein, das den Weg an beiden Seiten umsäumte. Im Wald war es fast heiß, vom Wind war hier nichts mehr zu spüren. Die Birken, ganz übersät mit grünen, klebrigen Blättchen, rührten und regten sich nicht. Zu ihren Füßen sproß leise und vorsichtig, die alten Blätter in die Höhe hebend, unter dem vorjährigen Laub das erste grüne Gras, mit lila Blümchen untermischt, hervor. Die zwischen all diesen Birken verstreut stehenden kleinen Tannen erinnerten mit ihrem satten, immergrünen Kleid unliebsam an den Winter. Die Pferde fingen an zu schnaufen, als sie in den Wald kamen, und gerieten sichtlich in Schweiß.

Der Diener Pjotr sagte etwas zum Kutscher, worauf der Kutscher eine bejahende Antwort gab. Anscheinend war aber Pjotr die Zustimmung des Kutschers noch zu wenig: er wandte sich auf dem Bock nach seinem Herrn um.

»Euer Durchlaucht, wie leicht einem wird!« sagte er und lächelte ehrerbietig.

»Was meinst du?«

»Es wird einem so leicht, Euer Durchlaucht.«

Was sagt er? dachte Fürst Andrej. Ach so, wahrscheinlich meint er den Frühling, dachte er und schaute sich um. Wirklich, es ist schon alles grün … wie schnell das gegangen ist! Birken, Faulbaum und auch die Erlen fangen schon an … Eichen gibt es anscheinend hier nicht. Oder doch, da ist ja eine Eiche.

Am Rande des Weges stand eine Eiche. Sie mochte wohl zehnmal so alt sein wie alle die Birken, die den Wald bildeten, und war auch zehnmal so dick und zweimal so hoch wie diese. Es war ein riesiger Baum, den zwei Männer kaum hätten umspannen können, mit Ästen, die offenbar schon vor langer Zeit abgebrochen waren, und mit brüchiger Rinde, die schon vor Jahren gebrochen und dann wieder zusammengewachsen war. Mit ihren riesigen, plumpen, unsymmetrisch verzweigten, knorrigen Armen und Fingern stand sie wie ein altes, grimmiges Ungeheuer mitten unter den jungen, lachenden Birken und sah geringschätzig auf sie herab. Und sie und noch ein paar leblose, immergrüne, kleine Tannen, die hie und da im Walde zerstreut standen, wollten sich dem Frühlingszauber nicht hingeben und weder Lenz noch Sonne sehen.

Frühling, Liebe und Glück! schien die Eiche zu sagen. Wird euch das nicht langweilig, an diesen immer wiederkehrenden, dummen und sinnlosen Betrug zu glauben? Es ist doch immer wieder dasselbe und alles immer nur Betrug. Es gibt keinen Frühling, keine Sonne und kein Glück. Seht diese niedergedrückten, toten Tannen dort, einsam hocken sie da! Und auch ich treibe meine gebrochenen, geknickten Zweige, woher sie gerade kommen: aus dem Rücken, aus den Seiten, und so, wie ich einmal gewachsen bin, stehe ich da und glaube nicht an eure Hoffnungen und an euren Betrug.

Fürst Andrej schaute sich, während er weiter durch den Wald fuhr, noch ein paarmal nach dieser Eiche um, als erwarte er noch etwas von ihr. Blumen und Gras wuchsen auch zu ihren Füßen, und doch stand sie immer unverändert, finster, starr, mißgestaltet und trotzig mitten unter den anderen.

Ja, sie hat recht, diese Eiche, tausendmal recht, dachte Fürst Andrej. Mögen sich andere, jüngere, immer wieder diesem Betrug hingeben, wir aber kennen das Leben, unsere Zeit ist vorbei. Eine ganze Reihe hoffnungsloser, aber wehmütig wohltuender Gedanken keimte im Zusammenhang mit dieser Eiche in Fürst Andrejs Seele auf. Während dieser Reise ließ er sein ganzes Leben noch einmal an seiner Seele vorüberziehen und kam zu demselben beruhigenden, aber hoffnungslosen Schluß wie früher, daß er nichts Neues mehr anfangen dürfe, sondern nur sein Leben zu Ende leben müsse, ohne etwas Böses zu tun, ohne Aufregungen und ohne Wünsche.

2

Auf seinen Gütern in Rjasan mußte Fürst Andrej in Vormundschaftsangelegenheiten den Adelsmarschall des Kreises aufsuchen. Dieser Adelsmarschall war Graf Ilja Andrejewitsch Rostow, und Fürst Andrej begab sich Mitte Mai zu ihm hin.

Es war schon eine recht heiße Zeit im Frühling. Der Wald hatte bereits sein Sommerkleid angezogen, der Staub lag auf den Straßen, und es war so heiß, daß, wenn man an einem Wasser vorüberfuhr, einen die Lust anwandelte, ein Bad zu nehmen.

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