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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Ich folgte seiner Blickrichtung. Auf dem Hang war nichts zu sehen außer Gras und Heidekraut, ein paar Bäumen und den felsigen Granitkanten, die wie Knochennähte aus den vergilbenden Pflanzen ragten.

»Woran zum Teufel erkennst du das?«

Er lächelte und wies mit dem Kinn bergauf. »Siehst du die kleine Eiche? Und die Esche daneben?«

Verblüfft richtete ich den Blick auf die Bäume. »Ja. Was ist mit ihnen?«

»Das Laub, Sassenach. Siehst du, dass die Bäume heller aussehen als sonst? Wenn Feuchtigkeit in der Luft liegt, wendet sich das Laub einer Eiche oder Esche, so dass man die Unterseite sieht. Der ganze Baum sieht um einiges heller aus.«

»Möglich«, pflichtete ich ihm skeptisch bei. »Wenn man weiß, welche Farbe der Baum normalerweise hat.«

Jamie lachte und nahm meinen Arm. »Ich mag ja kein Ohr für Musik haben, Sassenach, aber ich habe Augen im Kopf. Und ich habe diese Bäume bestimmt schon zehntausendmal gesehen, bei jedem Wetter.«

Es war ein gutes Stück Weg vom Feld bis zum Haus, und wir legten es zum Großteil schweigend zurück und genossen die flüchtige Wärme der Nachmittagssonne in unserem Rücken. Ich sog mir die Luft in die Nase und dachte, dass Jamie vermutlich recht hatte, was den Regen betraf; die Herbstgerüche schienen alle intensiver zu sein, vom scharfen Harz der Kiefern bis hin zum staubigen Geruch des reifen Korns. Anscheinend bekam ich allmählich selbst ein Gefühl für die Rhythmen, das Aussehen und den Geruch von Lallybroch. Vielleicht würde ich es ja mit der Zeit genauso gut kennenlernen wie Jamie. Ich drückte ihm kurz den Arm und spürte den erwidernden Druck seiner Hand auf der meinen.

»Fehlt dir Frankreich, Sassenach?«, fragte er plötzlich.

»Nein«, sagte ich verblüfft. »Warum?«

Er zuckte mit den Schultern, ohne mich anzusehen. »Nun ja, ich dachte mir nur, als ich dich den Hügel herunterkommen sah mit dem Korb am Arm, was für ein herrliches Bild mit der Sonne auf deinem braunen Haar. Ich habe gedacht, du siehst aus, als wärst du dort gewachsen wie einer der jungen Bäume – als wärst du schon immer ein Teil dieser Landschaft gewesen. Und dann musste ich denken, dass Lallybroch für dich vielleicht nur ein ärmliches Fleckchen ist. Es gibt hier kein Luxusleben wie in Frankreich, nicht einmal interessante Arbeit, wie du sie im Hôpital hattest.« Er blickte schüchtern auf mich hinunter. »Ich mache mir wohl Sorgen, dass es dir hier langweilig werden wird … irgendwann.«

Ich hielt inne, ehe ich antwortete, obwohl ich durchaus auch selbst schon darüber nachgedacht hatte.

»Irgendwann«, sagte ich vorsichtig. »Jamie – ich habe in meinem Leben schon viel gesehen und bin an vielen Orten gewesen. Dort, wo ich hergekommen bin … gab es Dinge, die ich manchmal vermisse. Ich würde gern noch einmal mit dem Omnibus durch London fahren oder zum Telefon greifen und mit jemandem sprechen, der weit fort ist. Ich würde gern an einem Hahn drehen und heißes Wasser bekommen, ohne es vom Brunnen herbeischleppen und es im Kessel erhitzen zu müssen. Das wäre alles schön – aber ich brauche es nicht. Was den Luxus betrifft … den wollte ich nicht einmal, als ich ihn hatte. Schöne Kleider sind nett, aber wenn es sie nur gemeinsam mit Gerede und Intrigen und Sorgen und albernen Gesellschaften und kleinlicher Etikette gibt … nein. Ich lebe lieber im Hemd und sage, was ich will.«

Da lachte er und drückte mir noch einmal den Arm.

»Und was die Arbeit angeht … es gibt hier doch Arbeit für mich.« Ich senkte den Blick auf den Korb mit den Kräutern und Arzneien an meinem Arm. »Ich kann mich nützlich machen. Und wenn mir Mutter Hildegarde oder meine anderen Freunde auch fehlen … nun, es ist langsamer als telefonieren, aber es gibt schließlich Briefe.«

Ich blieb stehen, hielt ihn am Arm fest und blickte zu ihm auf. Die Sonne sank jetzt tiefer, und das Licht vergoldete sein Gesicht auf der einen Seite und betonte seine kräftigen Knochen.

»Jamie … ich möchte nur sein, wo du bist. Sonst nichts.«

Einen Moment stand er still, dann beugte er sich vor und küsste mich ganz sanft auf die Stirn.

»Komisch«, sagte ich, als wir den Kamm des letzten Hügelchens überquerten, der zum Haus hinunterführte. »Ich hatte mich gerade genau das Gleiche gefragt. Ob du hier wohl glücklich sein würdest, nach dem Leben, das du in Frankreich geführt hast.«

Er lächelte reumütig und blickte zum Haus hinunter, dessen weißgekälkte Mauern in Gold und Umbra im Sonnenuntergang leuchteten.

»Ich bin hier zu Hause, Sassenach. Hier gehöre ich hin.«

Ich berührte ihn sacht am Arm. »Du meinst, du bist dazu geboren?«

Er holte tief Luft und streckte den Arm aus, um ihn auf den Holzzaun zu legen, der dieses Feld vom eigentlichen Hofgelände trennte.

»Nun, eigentlich bin ich gar nicht dazu geboren, Sassenach, denn Willie hätte hier der Herr sein sollen. Wenn er noch leben würde, wäre ich wahrscheinlich Soldat geworden – oder vielleicht Kaufmann wie Jared.«

Jamies älterer Bruder Willie war mit elf Jahren an den Pocken gestorben, und der kleine Bruder, der damals sechs war, war Erbe von Lallybroch geworden.

Er deutete ein Achselzucken an, als zwängte ihm das Hemd die Schultern ein – eine Geste, die verriet, dass er verlegen oder unsicher war; ich hatte ihn das seit Monaten nicht mehr tun gesehen.

»Aber Willie ist gestorben. Und so bin ich der Herr.« Er sah mich ein wenig schüchtern an, dann griff er in seinen Sporran und zog etwas heraus. Eine kleine Kirschholzschlange, die ihm Willie zum Geburtstag geschnitzt hatte, lag auf seiner Hand und verdrehte den Kopf, als sei sie überrascht über den Rest, der dahinter folgte.

Jamie strich sanft über die kleine Schlange; das Holz war durch seine Berührungen glatt und dunkel geworden, und die Rundungen des Körpers glänzten wie Schuppen im beginnenden Zwielicht.

»Manchmal spreche ich in Gedanken mit Willie«, sagte Jamie. Er drehte die Schlange auf seiner Hand. »Wenn du am Leben geblieben wärst, Bruder, wenn du hier Herr geworden wärst, wie es dir bestimmt war, würdest du es so machen wie ich? Oder würdest du einen besseren Weg finden?« Er blickte auf mich hinunter und errötete ein wenig. »Hört sich das dumm an?«

»Nein.« Ich berührte den glatten Schlangenkopf mit der Fingerspitze. Der hohe Ruf einer Lerche drang kristallklar von einem weiter entfernten Feld durch die Abendluft.

»Ich mache das auch«, sagte ich kurz darauf leise. »Mit Onkel Lamb. Und meinen Eltern. Vor allem meiner Mutter. Als … als junges Mädchen habe ich nicht oft an sie gedacht, nur hin und wieder habe ich von der warmen Umarmung eines Menschen mit einer schönen Singstimme geträumt. Aber als ich krank war nach … Faith, habe ich mir manchmal vorgestellt, sie wäre da. Bei mir.« Plötzlicher Schmerz durchströmte mich, als ich daran dachte, was ich verloren hatte, jüngst und vor langer Zeit.

Jamie berührte mich sanft im Gesicht und wischte die Träne ab, die sich in meinem Augenwinkel gebildet hatte, aber noch nicht hinuntergerollt war.

»Manchmal glaube ich, die Toten denken genauso in Liebe an uns wie wir an sie«, sagte er leise. »Komm mit, Sassenach. Gehen wir noch etwas spazieren; den Keller bekommen wir auch später noch hin.«

Er verschränkte meinen Arm mit dem seinen, und wir bogen am Zaun ab und folgten ihm langsam durch das trockene Gras, das sich raschelnd an meinem Rock rieb.

»Ich weiß, was du meinst, Sassenach«, sagte Jamie. »Ich höre manchmal die Stimme meines Vaters, in der Scheune oder auf dem Feld. Meistens habe ich in dem Moment nicht einmal an ihn gedacht. Doch dann wende ich plötzlich den Kopf, als hätte ich gerade gehört, wie er draußen mit den Pächtern lacht oder hinter mir ein Pferd beruhigt.«

Er lachte unvermittelt und wies kopfnickend auf eine Ecke der Wiese, die vor uns lag.

»Ein Wunder, dass ich ihn hier nicht höre, aber das ist tatsächlich noch nie vorgekommen.«

Es war ein durch und durch gewöhnlicher Fleck, ein Törchen aus Zaunbalken in der steinernen Mauer, die neben der Straße verlief.

»Ach ja? Was hat er denn hier immer gesagt?«

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