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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Russische und französische dienstbeflissene Hände hatten es im Nu erfaßt und an der Uniform befestigt. Lasarew warf einen finsteren Blick auf den kleinen Mann mit den weißen Händen, der sich da an ihm zu schaffen machte, fuhr fort, starr und unbeweglich das Gewehr zu präsentieren, und sah dann wieder Kaiser Alexander gerade ins Gesicht, als frage er ihn, ob er immer noch stehen bleiben, auf und ab marschieren oder vielleicht sonst noch irgend etwas anderes tun solle. Aber es wurde ihm nichts befohlen, und so blieb er in dieser starren Haltung noch eine ganze Weile stehen.

Die Kaiser stiegen wieder zu Pferde und ritten davon. Die Preobraschenzen traten aus Reih und Glied, vermischten sich mit der französischen Garde und setzten sich an die Tische, die man für sie aufgeschlagen hatte.

Lasarew erhielt den Ehrenplatz. Man umarmte und beglückwünschte ihn, und russische und französische Offiziere drückten ihm die Hand. Offiziere und Volk in Mengen strömten herbei, nur um Lasarew zu sehen. Ein wahres Chaos russischer und französischer Worte erfüllte den Marktplatz rund um die Tische herum. Zwei Offiziere mit geröteten, heiteren und glücklichen Gesichtern gingen an Rostow vorüber.

»Das nenne ich eine Bewirtung, Bruder! Alles auf Silber«, sagte der eine. »Hast du Lasarew gesehen?«

»Gewiß.«

»Es heißt, daß die Preobraschenzen morgen den Franzosen ein Essen geben werden.«

»Nein, dieser Lasarew, so ein Dusel! Zwölfhundert Franken jährliche Pension!«

»Seht mal, das ist aber ein Ding, Kinder!« rief ein Preobraschenze und stülpte sich die zottige Fellmütze eines Franzosen über den Kopf.

»Wunderbar schön! Prachtvoll!«

»Hast du auf die Parole geachtet?« fragte ein Gardeoffizier einen anderen. »Vorgestern: ›Napoléon, France, bravour‹, gestern: ›Alexandre, Russie, grandeur‹.«

»Den einen Tag gibt unser Kaiser die Parole, den anderen Tag gibt sie Napoleon. Morgen wird der Kaiser dem Tapfersten aus der französischen Garde das Georgskreuz senden. Das geht ja nicht anders. Er muß doch diese Aufmerksamkeit in derselben Art erwidern.«

Auch Boris kam mit seinem Freund Szilinski, um sich das Bankett der Preobraschenzen anzusehen. Auf dem Rückweg bemerkte Boris Rostow, der an einer Hausecke stand.

»Guten Morgen, Rostow! Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen«, sagte er zu ihm und konnte sich nicht enthalten, ihn zu fragen, was er habe – so furchtbar finster und verstimmt sah Rostow aus.

»Nichts, nichts«, erwiderte Rostow.

»Du kommst doch dann zu mir?«

»Ja, ich komme.«

Rostow stand lange an der Ecke und sah von ferne den Schmausenden zu. In seiner Seele arbeiteten quälende Gedanken, die er durchaus zu keinem Ende führen konnte. Furchtbare Zweifel stiegen in ihm auf. Bald mußte er an Denissow mit dem veränderten Ausdruck im Gesicht und seiner plötzlichen Ergebenheit denken, bald an das ganze Lazarett mit den abgenommenen Armen und Beinen, mit seinem Schmutz und seinen Krankheiten. Und die Vorstellung, daß er diesen Krankenhaus- und Leichengeruch auch jetzt noch spüre, kam mit solcher Lebendigkeit über ihn, daß er sich umschaute, um festzustellen, woher denn dieser Geruch kommen könne. Dann wieder mußte er an den selbstzufriedenen Bonaparte mit seiner kleinen weißen Hand denken, der jetzt Kaiser war und nun auf einmal vom Zaren Alexander geliebt und geachtet wurde. Was für einen Zweck hatten da nun diese abgenommenen Arme und Beine und all die Gefallenen? Und dann fiel ihm wieder Lasarew mit seiner Auszeichnung ein und Denissow, der bestraft und nicht begnadigt werden sollte. Und er ertappte sich bei so sonderbaren Gedanken, daß er selber darüber erschrak.

Die Düfte vom Festessen der Preobraschenzen und sein eigner Hunger rissen ihn aus diesen Betrachtungen: er mußte irgend etwas essen, ehe er wieder abritt. So trat er in ein Gasthaus ein, das er am Morgen gesehen hatte. Dort hatten sich so viele Menschen und eine solche Masse Offiziere eingefunden, die, ebenso wie auch er, in Zivil hierher gekommen waren, daß er nur mit Mühe und Not ein Mittagessen erhalten konnte. Zwei Offiziere von seiner Division gesellten sich zu ihm. Natürlicherweise sprach man nur vom Frieden. Die beiden Offiziere, Rostows Kameraden, waren, wie ein großer Teil des Heeres überhaupt, mit diesem Frieden, der nach der Schlacht bei Friedland geschlossen worden war, nicht einverstanden. Sie meinten, wenn man sich noch gehalten hätte, wäre Napoleon verloren gewesen, da seine Truppen weder Zwieback noch Munition mehr gehabt hätten. Nikolaj nahm schweigend seine Mahlzeit ein und trank vor allen Dingen. Er leerte für sich allein zwei Flaschen Wein. Die Gedanken, die in ihm aufgestiegen waren und arbeiteten, ohne zu einer Lösung zu gelangen, quälten ihn immer noch. Er fürchtete sich davor, sich diesen Gedanken hinzugeben, und konnte sich doch nicht von ihnen losreißen. Plötzlich aber, als eben ein Offizier gesagt hatte, er empfinde den Anblick der Franzosen wie eine Beleidigung, schrie Rostow mit einer durch nichts zu rechtfertigenden Heftigkeit los, die die Offiziere in höchstes Erstaunen versetzte.

»Wie können Sie ein Urteil darüber fällen, was besser gewesen wäre!« schrie er mit hochrotem Gesicht, da ihm alles Blut zu Kopf gestiegen war. »Wie können Sie sich über die Schritte unseres Kaisers ein Urteil erlauben? Was für ein Recht haben Sie dazu? Wir können weder den Zweck noch die Schritte unseres Kaisers verstehen.«

»Aber ich habe doch kein Wort über den Kaiser gesagt«, rechtfertigte sich der Offizier, der sich Rostows auffahrende Worte nicht anders erklären konnte als damit, daß dieser betrunken war.

Doch Rostow hörte nicht auf ihn.

»Wir sind keine Diplomaten, wir sind Soldaten und weiter nichts«, fuhr er fort. »Wird uns befohlen zu sterben, so sterben wir, werden wir bestraft, so bedeutet das eben, daß wir schuldig sind, ein Urteil steht uns nicht zu. Gefällt es dem Zaren, Bonaparte als Kaiser anzuerkennen und mit ihm ein Bündnis zu schließen, so heißt das für uns, daß dies nötig gewesen ist. Wenn wir aber anfangen wollen, selber über alles zu urteilen, und alles bekritteln, dann wird bald nichts Heiliges mehr übrigbleiben. Dann werden wir auch sagen, daß es keinen Gott mehr gibt und überhaupt nichts mehr!« schrie Nikolaj und schlug mit der Faust auf den Tisch. Seine Worte schienen den Kameraden ganz unangebracht, seinem eignen Gedankengang nach waren sie aber ganz folgerichtig. »Unsere Pflicht zu erfüllen, das ist unsere Sache, dreinzuschlagen und nicht zu grübeln, und weiter nichts!« schloß er.

»Und zu trinken!« warf einer der Offiziere ein, der keinen Streit aufkommen lassen wollte.

»Ja, und zu trinken«, pflichtete Nikolaj bei. »Heda! Noch eine Flasche!« schrie er.

Sechster Teil

1

Im Jahre 1808 war Kaiser Alexander nach Erfurt gefahren zu einer neuen Zusammenkunft mit Kaiser Napoleon, und in der höchsten Petersburger Gesellschaft sprach man viel davon, wie großartig diese feierliche Zusammenkunft gewesen war.

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