Die Saga von Garth und Torian
- Автор: Хольбайн Вольфганг, Winkler Dieter
- Год: 1985
- Язык: немецкий
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saga von Garth und Torian». Краткое содержание книги:
Aber es gab noch anderes, was ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.
Er erhob sich, stampfte ein paarmal mit den Füßen auf und schlenkerte mit den Armen, um die Kälte aus seinen tauben Gliedern zu vertreiben. Es half nicht viel. Inbrünstig wünschte er die Hitze des Tages herbei, die er in ein paar Stunden ebenso inbrünstig verfluchen würde.
Die Nacht hatte sich wie eine schwarze Decke über das Land gelegt, aber trotz der herrschenden Dunkelheit waren im Westen die Umrisse von Bergen zu erkennen: schwarze, spitze Kegel, die sich wie grobe Scherenschnitte gegen das Schwarz des Nachthimmels abzeichneten. Das Gebirgsland von Scrooth, seiner Heimat. Obwohl er Scrooth erst vor wenigen Wochen verlassen hatte, kam es ihm vor, als wäre er seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Zu vieles, das sein Leben – und nicht nur seines – von Grund auf verändert hatte, war in diesen Wochen geschehen.
Unbewußt griff er nach seiner linken Schulter, doch die kleine Schwellung war verschwunden. Ch’tuon hatte Wort gehalten und ihn von dem Parasiten befreit, der sich in seinem Körper eingenistet und sein Denken mehr und mehr beeinflußt hatte. Die Brut der Blutspinne... Das Ding hatte ihm solches Entsetzen eingeflößt, wie er es niemals zuvor verspürt hatte. Er wagte immer noch nicht, sich vorzustellen, was aus ihm geworden wäre, wenn es sich weiterhin in seinem Körper ausgebreitet und noch mehr Einfluß auf sein Denken und Handeln genommen hätte. Aber er hatte sich im Laufe der Zeit auch schon daran gewöhnt, mehr, als ihm selbst bewußt geworden war. Es hatte ihn unempfindlicher gegen Schmerzen werden lassen, und wenn er auch stets davor zurückgeschreckt war, dessen finstere Macht zu entfesseln, hatte der Parasit ihn doch mit der Zuversicht erfüllt, in höchster Not fast unbesiegbar zu sein. Das Ding war zu einem Teil seines Ichs geworden, und sein Verlust schmerzte fast. Er hatte das Gefühl, etwas wäre aus ihm herausgerissen worden und hätte ein Vakuum hinterlassen, eine seelische Wunde, die sich nur sehr langsam wieder schließen würde.
Wenn überhaupt...
Torian verdrängte auch diesen Gedanken. Das alles war Vergangenheit. Die Schwarzen Magier hatten ihre Kräfte weitgehend verloren. Sie würden sterben, und mit ihnen auch ihre Magie und die Erinnerung an die schrecklichen Kreaturen, die sie aus ihrem Gefängnis hinter der Zeit hatten befreien wollen.
Wieder wandte Torian seinen Blick den fernen Berggipfeln zu. Es war seltsam: Scrooth hatte ihm niemals etwas geschenkt, im Gegenteil, die mehr als zwanzig Jahre seines Lebens, die er dort verbracht hatte, waren alles andere als schön und unbeschwert gewesen. Und doch sehnte er sich in dieses Land zurück. Vielleicht lag es daran, daß sich mit wachsendem Abstand die Erinnerungen veränderten, daß sich die seltenen schönen Augenblicke immer stärker in den Vordergrund drängten, während die Erinnerungen an alles Unangenehme mehr und mehr verblaßten.
Vielleicht lag es auch einfach daran, daß er müde geworden war und sich nach einer Heimat sehnte. Selbst wenn diese Heimat ihm noch so feindlich gesonnen war.
War es das? Er erschrak beinahe. Ging es ihm unbewußt wirklich darum, Ordnung in das Chaos zu bringen, das sein Leben darstellte? Sträubte sich etwas in ihm dagegen, so wie bisher weiterzuleben? Zog ihn das gleiche nach Scrooth, das manche Tiere dazu trieb, sich vor dem Tod in ihre heimische Höhle zu verkriechen? Oder war es noch etwas anderes? Hatte es etwas mit der Prophezeiung des närrischen Heilers zu tun, die er seit so langer Zeit erfolglos zu vergessen versuchte?
Hinter sich hörte er ein leises Geräusch. Er riß sich aus seinen Gedanken und wandte sich langsam um. Garth, die Hand, war aufgestanden und trat auf ihn zu. Mit den drei umgehängten Decken und der Fellkapuze sah der hünenhafte Dieb aus wie einer der Eismänner aus den legendenumwobenen Nordlanden.
»Verfluchte Kälte«, schimpfte Garth und rieb sich die Hände. »Warum hast du mich nicht geweckt? Deine Wache ist längst vorbei.« Er öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, klappte ihn dann aber wieder zu und schaute Torian nur scharf an. »Was hast du?« fragte er nach ein paar Sekunden.
»Nichts«, erwiderte Torian ausweichend.
Garth verdrehte gekünstelt die Augen, »Fang nicht wieder mit dem alten Spielchen an. Wir kennen uns wohl ein bißchen zu gut, um uns gegenseitig etwas vorzumachen, findest du nicht?« Wieder verstummte er für einige Sekunden und wandte den Blick ebenfalls nach Westen, bevor er hinzufügte: »Es ist Scrooth, nicht wahr?«
Zögernd nickte Torian. »Ich war lange nicht mehr dort.«
»Und du wirst auch sehr lange nicht mehr dorthin gehen«, sagte Garth mit Nachdruck. »Du weißt, was geschieht, sobald du nur einen Fuß über die Grenze setzt und man dich zu fassen kriegt. Soweit ich die scroothischen Gesetze kenne, springt man auch dort nicht eben sanft mit Mördern um. Oder hoffst du, daß man die Suche nach dir inzwischen aufgegeben hat? Vergiß es. Nach einem anderen vielleicht, aber nicht nach dir.«
»Ich bin kein Mörder«, widersprach Torian heftig. »Zumindest habe ich niemanden heimtückisch ermordet. Es war alles ein abgekartetes Spiel.«
»Darüber kannst du dich ja dann mit dem Henker unterhalten. Ich bin sicher, er wird sich sehr für deine Argumente interessieren«, sagte Garth trocken. »Vielleicht schreibt er es auf deinen Grabstein: Hier ruht Torian. Er war kein Mörder.« Garth schüttelte den Kopf. Als er weitersprach, war der Spott aus seiner Stimme verschwunden. »Ich kann mir vorstellen, was du empfindest. Im Grunde warte ich schon seit Tagen darauf, daß du irgendwelchen Unsinn machst. Ich wünschte, wir hätten gar nicht so nahe an der Grenze vorbeiziehen müssen, aber die einzige Alternative wäre ein Ritt direkt durch die Staubwüste gewesen, und was das bedeutet, weißt du so gut wie ich.«
»Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. In spätestens zwei Tagen haben wir die Berge aus den Augen verloren, und dann werde ich schon wieder vernünftig werden. Das meinst du doch?«
»So ungefähr. Aber ich wollte mit dir über etwas anderes sprechen. Du machst mir momentan viel weniger Sorgen als Shyleen. Mit ihr ist etwas.«
»Sie ist ziemlich wortkarg geworden«, stimmte Torian zu, froh, das Thema wechseln zu können.
»Junge, Junge, diese Berge müssen dir ganz schön das Gehirn vernebeln, wenn das alles ist, was dir an ihr auffällt«, sagte Garth mit einem neuerlichen Kopf schütteln. »Ich weiß nicht mal mehr, wie ihre Stimme klingt. Sie ist so wortkarg, daß sie schon fast Spinnweben am Mund bekommt. Und jede Menge Sorgenfalten. Allerdings glaube ich eher, daß es an etwas anderem liegt, das ihr verdammt zu schaffen macht.«
»Und was soll das deiner Meinung nach sein?«
Garth zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Aber ich finde, wir können nicht die Augen zukneifen und so tun, als würden wir nichts merken. Die Kleine hat ganz gewaltige Probleme.«
»Bei deren Lösung ihr mir aber nicht helfen könnt«, vernahmen sie Shyleens Stimme. Unbemerkt war das Mädchen zu ihnen getreten. »Wenn ihr euch schon über mich unterhaltet, dann solltet ihr nicht so laut reden, daß man euch meilenweit hört.«
Torian musterte sie. Schwarzes, lockiges Haar fiel ihr über die Schultern und rahmte ihr ausdrucksstarkes Gesicht ein, das von den hohen Wangenknochen und den dunklen Augen beherrscht wurde. Wie stets hielt sie den Kopf stolz erhoben, und ihre Haltung spiegelte immer noch etwas von der Überheblichkeit wider, die sie ihnen zu Beginn ihrer Bekanntschaft entgegengebracht hatte. Shyleens Alter war schwer zu schätzen. Sie sah aus wie Anfang Zwanzig, zumindest war sie Torian bislang so vorgekommen. Aber nachdem Garth ihn darauf hingewiesen hatte, fiel auch ihm auf, daß ihr Gesicht älter wirkte als noch vor ein paar Tagen. Es konnte allerdings auch sein, daß die Dunkelheit seinen Augen einen Streich spielte.
»Du täuschst dich nicht«, sagte sie, als würde sie seine Gedanken kennen. Es war wohl kein besonderes Kunststück, in diesem Moment in seinem Gesicht zu lesen. »Und Garth auch nicht. Ich kann es wohl nicht mehr länger geheimhalten. Ich altere. Und das hundertmal schneller als ihr.« Sie sprach beinahe teilnahmslos, und ihrem Gesicht war bei diesen Worten nicht die geringste Gefühlsregung anzumerken.