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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Die Kopfschmerzen waren fort. Ich blieb noch einen Moment sitzen und atmete. Dann erhob ich mich und ging bergab nach Hause.

Eigentlich hatte ich noch nie ein Zuhause gehabt. Ich war mit fünf zur Waise geworden und hatte während der nächsten dreizehn Jahre mit meinem Onkel Lamb das Leben der akademischen Vagabunden geführt. In Zelten auf einer staubigen Ebene, in Höhlen in den Hügeln, in den leergefegten, mit dem Nötigsten ausstaffierten Kammern einer leeren Pyramide hatte Dr. phil. Quentin Lambert Beauchamp, Magister Scientiarum, Fellow of the Royal Astronomical Society etc. die provisorischen Quartiere aufgeschlagen, in welchen er seine archäologische Arbeit ausführte. Diese sollte ihn berühmt machen, lange bevor ein Autounfall dem Leben seines Bruders ein Ende setzte und mich in das seine schleuderte. Da es ihm nicht lag, sich lange mit Kleinigkeiten wie einer verwaisten Nichte aufzuhalten, hatte Onkel Lamb mich prompt in einem Internat angemeldet.

Da es mir wiederum nicht lag, die Launen des Schicksals kampflos hinzunehmen, hatte ich mich rigoros geweigert, dieses zu besuchen. Und Onkel Lamb, der etwas in mir erkannte, das auch er im Überfluss besaß, hatte mit den Schultern gezuckt und mich kurz entschlossen für immer aus der Welt der Ordnung und Routine, der Rechenaufgaben, der sauberen Bettwäsche und des täglichen Badens gerissen, um ihm in das Vagabundendasein zu folgen.

Das unstete Leben war mit Frank weitergegangen, wenn es sich auch vom Feld ins Innere der Universitäten verlagert hatte, da sich die Ausgrabungen eines Historikers normalerweise in geschlossenen Räumen abspielen. So kam es, dass der Beginn des Krieges 1939 für mich einen weniger drastischen Einschnitt bedeutete als für die meisten anderen.

Ich war aus unserer jüngsten Mietwohnung in das Schwesternheim des Krankenhauses von Pembroke gezogen, von dort irgendwann in ein Feldlazarett in Frankreich und gegen Ende wieder zurück nach Pembroke. Und dann diese wenigen kurzen Monate mit Frank, ehe wir nach Schottland gefahren waren, um einander wiederzufinden. Nur um uns ein für alle Mal zu verlieren, als ich in einen Steinkreis schritt, mitten durch den Wahnsinn hindurch und am anderen Ende hinaus in die Vergangenheit, die meine Gegenwart war.

Daher war es seltsam und wunderbar, im oberen Stockwerk von Lallybroch neben Jamie aufzuwachen, wenn die Morgendämmerung sein schlafendes Gesicht berührte, und zu begreifen, dass er in diesem Bett zur Welt gekommen war. All die Geräusche, vom Ächzen der Hintertreppe unter dem Fuß einer früh aufgestandenen Magd bis hin zum Trommeln des Regens auf dem Schieferdach, waren Geräusche, die er schon tausendmal gehört hatte; so oft gehört hatte, dass er sie eigentlich gar nicht mehr hörte. Ich hörte sie.

Seine Mutter Ellen hatte die spät blühende Rose neben der Haustüre gepflanzt. Ihr schwacher, süßer Duft stieg jetzt noch an der Hauswand zum Schlafzimmerfenster empor. Es war, als streckte sie selbst die Hand ins Zimmer, um ihn flüchtig zu berühren. Um auch mich zur Begrüßung zu berühren.

Jenseits des Hauses selbst lag Lallybroch; Felder und Scheunen und Dorf und Katen. Er hatte in dem Bach gefischt, der den Hügel hinunterlief, war auf die Eichen und die hohen Lärchen geklettert, hatte am Herd jeder Kate gegessen. Dies war seine Heimat.

Doch auch er hatte Risse und Veränderungen erlebt. Verhaftung, Flucht als Gesetzloser, das entwurzelte Dasein eines Söldners. Erneute Verhaftung. Kerker und Folter und die Flucht ins Exil, das erst so kürzlich geendet hatte. Doch die ersten vierzehn Jahre seines Lebens hatte er an einem Ort verbracht. Und selbst als man ihn dann, der Sitte entsprechend, für zwei Jahre als Ziehsohn zu Dougal MacKenzie, dem Bruder seiner Mutter, geschickt hatte, war es ein Teil des Lebens, das man von einem Mann erwartete, der heimkehren würde, um für immer auf seinem Land zu leben, für sein Anwesen und seine Pächter da zu sein, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Er war zur Beständigkeit bestimmt.

Doch es hatte diese Lücke gegeben, in der er fort gewesen war und Dinge erlebt hatte, die sich jenseits der Grenzen Lallybrochs, ja, jenseits der felsigen Küsten Schottlands zugetragen hatten. Jamie hatte mit Königen verkehrt, hatte mit der Welt des Rechtes und des Handels zu tun gehabt, hatte Abenteuer, Gewalt und Magie erlebt. Wenn die Grenzen der Heimat einmal überschritten waren, so fragte ich mich, würde die Bestimmung ausreichen, um ihn hier zu halten?

Als ich den Hügel hinunterkam, sah ich ihn weiter unten Steine hieven, um ein Loch in der steinernen Umgrenzung eines der kleineren Felder zu flicken. Neben ihm auf dem Boden lagen zwei Kaninchen, sorgfältig ausgenommen, aber noch nicht abgehäutet.

»›Heim kehrt der Seemann, heim vom Meer, und der Jäger heim vom Berg‹«, zitierte ich und lächelte ihn an, als ich ihn erreichte.

Er erwiderte mein Grinsen und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann tat er so, als erschauerte er.

»Sprich nur ja nicht vom Meer, Sassenach. Ich habe heute Morgen zwei kleine Jungen gesehen, die im Mühlteich mit einem Stück Holz Schiffchen gespielt haben, und bei dem Anblick wäre mir fast das Frühstück wieder hochgekommen.«

Ich lachte. »Dann zieht es dich also nicht zurück nach Frankreich?«

»Gott, nein. Nicht einmal des Brandys wegen.« Er hievte einen letzten Stein auf das Mäuerchen und rückte ihn zurecht. »Bist du auf dem Weg zum Haus?«

»Ja. Soll ich die Kaninchen mitnehmen?«

Er schüttelte den Kopf und bückte sich, um sie aufzuheben. »Nicht nötig; ich gehe auch zurück. Ian braucht Hilfe bei unserem neuen Lagerkeller für die Kartoffeln.«

Lallybrochs erste Kartoffelernte stand in den nächsten Tagen bevor, und gerade wurde – auf meinen etwas zaghaften und recht unkundigen Rat hin – ein kleiner Lagerkeller gebaut. Ich fühlte mich hin- und hergerissen, wann immer ich das Kartoffelfeld betrachtete. Einerseits war ich wirklich stolz auf die gesunden Pflanzen, die darauf wuchsen. Andererseits empfand ich Panik bei dem Gedanken, dass möglicherweise sechzig Familien den ganzen Winter lang auf das angewiesen waren, was sich unter diesen Pflanzen befand. Es war auf meinen vor einem Jahr hastig erteilten Rat hin geschehen, dass man eins der besten Gerstenfelder mit Kartoffeln bepflanzt hatte, einer Feldfrucht, deren Anbau in den Highlands bis jetzt völlig unüblich war.

Ich wusste, dass Kartoffeln im Lauf der Zeit zu einem wichtigen Grundnahrungsmittel in den Highlands werden würden, weil sie weniger anfällig waren als Hafer und Gerste. Dies aus einer Textstelle zu wissen, die ich vor langer Zeit in einem Geographiebuch gelesen hatte, war etwas völlig anderes, als bewusst die Verantwortung für das Leben der Menschen zu übernehmen, die den Ertrag des Feldes essen würden.

Ich fragte mich, ob es wohl mit zunehmender Übung leichter wurde, über Gedeih und Verderb anderer zu bestimmen. Jamie tat das täglich und verwaltete das Anwesen und die Pächter, als sei er dazu geboren. Doch er war ja auch dazu geboren.

»Ist der Keller bald fertig?«

»Oh, aye. Ian hat die Türen fertig, und die Grube ist beinahe ausgehoben. Aber an der Rückseite ist der Boden an einer Stelle weich, und sein Holzbein bleibt stecken, wenn er dort steht.« Ian kam zwar sehr gut mit dem Holzbein zurecht, das ihm den rechten Unterschenkel ersetzte, doch hin und wieder kam es zu misslichen Lagen wie jetzt.

Jamie blickte nachdenklich auf den Hügel hinter uns. »Der Keller muss heute Abend fertig werden und abgedeckt sein; es wird vor Tagesanbruch wieder regnen.«

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