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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Manchmal nahm ich einige der glatten Steinscheibchen in meiner Tasche mit, weil ich sie gern berührte. Sie waren sehr alt, so viel wusste ich. Mindestens aus der Römerzeit, vielleicht sogar noch älter. Und dem Aussehen eines Teils der Kreaturen darauf hatte ihr Schöpfer ihnen magische Kräfte zugedacht. Ob sie wie Kräuter tatsächlich eine Wirkung besaßen oder ob es wie bei den Kabbalazeichen nur Symbolkräfte waren, wusste ich nicht. Doch es schienen gute Kräfte zu sein, und so behielt ich die Steinchen.

Ich hatte zwar durchaus Freude an den täglichen Aufgaben auf dem Hof, doch was ich am meisten liebte, waren die langen Wanderungen zu den Katen des Anwesens. Ich nahm immer einen großen Korb zu diesen Visiten mit, der von kleinen Geschenken für die Kinder bis zu den gebräuchlichsten Arzneien alles Mögliche enthielt. Letztere kamen häufig zum Einsatz, denn Armut und schlechte Hygiene führten häufig zu Krankheiten, und zwischen Fort William und Inverness gab es keine Ärzte.

Manche Erkrankungen konnte ich einfach behandeln wie das Zahnfleischbluten und die Hautausschläge, die typisch für leichten Skorbut waren. Gegen anderes dagegen war ich machtlos.

Ich legte Rabbie MacNab die Hand auf den Kopf. Sein zotteliges Haar war an den Schläfen feucht, doch sein Mund stand entspannt offen, und der Puls in seinem Hals schlug langsam.

»Es geht ihm wieder gut«, sagte ich. Seine Mutter konnte das genauso sehen wie ich; er hatte alle viere im friedlichen Vergessen des Schlafs ausgestreckt, und die Röte auf seinen Wangen stammte von der Hitze des Feuers. Dennoch blieb sie angespannt und wachsam über dem Bett stehen, bis ich es sagte. Erst als ich ihr für das, was sie mit eigenen Augen sah, die Absolution erteilte, war sie bereit, es zu glauben, und ihre Schultern fielen unter ihrem Schultertuch nach vorn.

»Dank der Mutter Gottes«, murmelte Mary MacNab und bekreuzigte sich flüchtig, »und Euch, Mylady.«

»Ich habe doch gar nichts getan«, wandte ich ein. Das war buchstäblich wahr; der einzige Dienst, den ich dem kleinen Rabbie hatte erweisen können, war, dafür zu sorgen, dass seine Mutter ihn in Ruhe ließ. Es war tatsächlich einiges Durchsetzungsvermögen vonnöten gewesen, sie davon abzubringen, ihm Kleie mit Hahnenblut einzutrichtern, ihm brennende Federn unter der Nase zu schwenken oder ihn mit kaltem Wasser zu übergießen – alles Heilmittel, die einem Menschen, der gerade einen epileptischen Anfall erleidet, nicht besonders nützlich sind. Als ich eintraf, bedauerte seine Mutter gerade lautstark, dass es ihr nicht möglich war, das wirksamste aller Mittel zur Anwendung zu bringen: Quellwasser, das aus dem Schädel eines Selbstmörders getrunken wird.

»Ich habe solche Angst, wenn es ihn so packt«, sagte Mary MacNab mit einem sehnsuchtsvollen Blick auf das Bett, in dem ihr Sohn lag. »Beim letzten Mal war Vater MacMurtry bei ihm und hat furchtbar lange gebetet und den Jungen mit Weihwasser bespritzt, um die Teufel auszutreiben. Aber jetzt sind sie wieder da.« Sie verschränkte ihre Hände fest ineinander, als würde sie ihren Sohn gern berühren, könne sich aber nicht dazu durchringen.

»Es sind keine Teufel«, sagte ich. »Es ist nur eine Krankheit, und eigentlich ist sie nicht sehr schlimm.«

»Aye, Mylady, wenn Ihr das sagt«, murmelte sie, um mir nicht zu widersprechen, obwohl sie eindeutig nicht überzeugt war.

»Es geht ihm bald wieder gut«, versuchte ich die Frau zu beruhigen, ohne ihr falsche Hoffnungen zu machen. »Er erholt sich doch nach diesen Anfällen immer, oder?« Die Anfälle hatten vor zwei Jahren begonnen – wahrscheinlich durch eine Kopfverletzung in Folge der Prügel, die er von seinem verstorbenen Vater bezogen hatte, dachte ich –, und sie waren zwar nicht häufig, doch wenn es dazu kam, war es verständlicherweise beängstigend für seine Mutter.

Sie nickte zögernd, wenn auch immer noch skeptisch.

»Aye, obwohl er sich manchmal furchtbar den Kopf stößt, wenn er so um sich schlägt.«

»Ja, das ist nicht ungefährlich«, sagte ich geduldig. »Wenn es wieder vorkommt, seht zu, dass er nicht in die Nähe eines harten Gegenstands kommt, und überlasst ihn sich selbst. Ich weiß, dass es schlimm aussieht, aber danach geht es ihm wieder gut. Lasst dem Anfall einfach seinen Lauf, und wenn es vorüber ist, bringt ihn zu Bett und lasst ihn schlafen.« Ich wusste, dass Worte nur von begrenztem Wert waren, sosehr sie auch der Wahrheit entsprechen mochten. Ich brauchte etwas Konkreteres zu ihrer Beruhigung.

Als ich mich zum Gehen wandte, hörte ich es in meiner Rocktasche leise klicken – und hatte eine plötzliche Eingebung. Ich griff in die Tasche und zog zwei oder drei der kleinen glatten Talismansteinchen heraus, die Raymond mir geschickt hatte. Ich wählte den milchig weißen Stein aus – vielleicht ein Chalzedon –, der auf der einen Seite die winzige Figur eines sich windenden Mannes trug. Dazu ist er also da, dachte ich.

»Näht ihm das in die Tasche ein«, sagte ich und legte der Frau den kleinen Talisman feierlich in die Hand. »Es wird ihn vor … vor Teufeln schützen.« Ich räusperte mich. »Ihr braucht Euch dann nicht um ihn zu sorgen, selbst wenn er einen weiteren Anfall bekommt; er wird ihn gesund überstehen.«

Dann ging ich inmitten einer Flut erleichterter Dankesworte und kam mir gleichzeitig außerordentlich albern und geradezu zufrieden vor. Ich war mir nicht sicher, ob ich allmählich eine bessere Ärztin oder nur eine geübtere Scharlatanin wurde. Dennoch, wenn ich schon nichts für Rabbie tun konnte, konnte ich doch seiner Mutter helfen – oder zumindest dazu beitragen, dass sie sich selber half. Heilung kommt von den Geheilten, nicht von ihrem Arzt. Das zumindest hatte Raymond mich gelehrt.

Dann ging ich aus dem Haus, um mein Tagewerk zu beginnen und zwei Katen an der westlichen Grenze des Anwesens zu besuchen. Bei den Kirbys und den Weston Frasers war alles gut, und schon bald war ich wieder auf dem Rückweg. Am oberen Ende eines Abhangs setzte ich mich unter eine große Buche, um mich vor dem langen Heimweg einen Moment auszuruhen. Die Sonne senkte sich zwar bereits, doch sie hatte die Kiefernreihe auf dem Hügelkamm westlich von Lallybroch noch nicht erreicht. Es war später Nachmittag, und die Welt leuchtete in den Farben des Spätherbstes.

Die Bucheckern lagen als kühle, rutschige Masse zu meinen Füßen, doch das Laub hing zum Großteil noch gelb am Baum. Ich lehnte mich an den Stamm zurück und schloss die Augen, so dass sich das Gleißen der reifen Gerstenfelder hinter meinen Augenlidern in dunkelrote Glut verwandelte.

In der stickigen Enge der Katen hatte ich Kopfschmerzen bekommen. Ich lehnte den Kopf an die glatte Baumrinde und begann, langsam und tief zu atmen. Ich ließ mir die frische Luft in die Lungen strömen und begann mit jenem Prozess, den ich »die Einkehr« nannte.

Dies war mein eigener, alles andere als perfekter Versuch, das Gefühl bei dem Prozess zu reproduzieren, den mir Meister Raymond im Hôpital des Anges gezeigt hatte, indem ich mir jede Stelle meines Körpers ausmalte und mir vergegenwärtigte, wie die einzelnen Organe und Systeme aussahen und wie es sich anfühlte, wenn sie richtig funktionierten.

Ich saß ruhig da, die Hände lose im Schoß, und lauschte dem Schlag meines Herzens. Nach der Klettertour zunächst noch rapide, verlangsamte er sich bald zum Ruherhythmus. Der herbstliche Windhauch hob mir die Haarsträhnen aus dem Nacken und kühlte mir die von den Herdfeuern geröteten Wangen.

Mit geschlossenen Augen saß ich da und folgte dem Weg meines Blutes aus den geheimen, dickwandigen Kammern des Herzens erst bläulich rot durch die Pulmonalarterie, dann immer röter, je mehr es die Lungenflügel mit Sauerstoff anreicherten. Dann im Schwall durch den Bogen der Aorta und als muntere Flut auf und ab durch die Arterien. Bis zu den kleinsten Kapillargefäßen, die unter meiner Hautoberfläche schimmerten, folgte ich dem Weg des Blutes durch die Systeme meines Körpers und machte mir bewusst, wie sich Perfektion und Gesundheit anfühlten. Und Friede.

Still saß ich da, atmete langsam und fühlte mich wohlig und schwer, als hätte ich mich gerade vom Liebesakt erhoben. Meine Haut fühlte sich dünn an, meine Lippen leicht geschwollen, und der Druck meiner Kleider war wie Jamies Berührung. Es war nicht beliebig geschehen, ausgerechnet seinen Namen zu meiner Heilung heraufzubeschwören. Ob für die Gesundheit meiner Seele oder meines Körpers, ich brauchte seine Liebe wie den Atem oder das Blut. Meine Gedanken suchten ihn, ob ich wachte oder schlief, und wenn sie ihn fanden, war alles gut. Mein Körper glühte warm, und überall von Leben erfüllt, hungerte er nach dem seinen.

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