Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Kapitel 30
Lallybroch
Man nannte es Broch Tuarach nach dem betagten Steinzylinder, der einige Jahrhunderte zuvor erbaut worden war und hinter dem Herrenhaus aus dem Berghang ragte. Die Menschen, die auf dem Anwesen lebten, nannten es »Lallybroch«. Soweit ich das verstand, bedeutete das »träger Turm«, was auch nicht sinnvoller war, als eine zylindrische Struktur »Turm, der nach Norden zeigt« zu taufen.
»Wie kann etwas, das rund ist, nach Norden zeigen?«, fragte ich, während wir uns langsam den Weg über einen langgezogenen, mit Heidekraut und Granit übersäten Abhang suchten. Zu Fuß führten wir die Pferde nacheinander den schmalen, gewundenen Pfad hinunter, den das Rotwild durch das federnde Kraut getrampelt hatte. »Mit was denn?«
»Er hat eine Tür«, sagte Jamie in aller Logik. »Die Tür zeigt nach Norden.« Er trat vorsichtig auf, weil der Hang hier plötzlich steil wurde, und zischte dem Pferd, das er hinter sich herführte, warnend zu. Die muskulöse Kruppe vor mir spannte sich plötzlich an, und der bedächtige Schritt des Tiers verlangsamte sich zu zögerlichem Trippeln, weil es mit jedem Huf ein paar Zentimeter über den feuchten Boden rutschte, ehe es den nächsten Schritt wagen konnte. Die Pferde, die wir in Inverness erworben hatten, waren kräftige, hübsche Tiere. Die drahtigen kleinen Highlandponys wären auf dem steilen Hang besser vorangekommen, doch diese Pferde, alles Stuten, waren für die Zucht gedacht, nicht zur Arbeit.
»Also schön«, sagte ich und schritt vorsichtig über ein kleines Rinnsal hinweg, das den Wildwechsel überquerte. »Einverstanden. Aber was ist mit ›Lallybroch‹? Warum ist es ein träger Turm?«
»Er steht ein bisschen schief«, erwiderte Jamie. Ich konnte seinen Hinterkopf sehen, der vorgebeugt war, weil sich Jamie auf den Untergrund konzentrierte, und auf seinem Scheitel hoben sich ein paar rotgoldene Löckchen im Nachmittagswind, der über den Hang wehte. »Vom Haus aus erkennt man es eigentlich nicht, aber wenn man auf der Westseite steht, sieht man, dass er sich ein wenig nach Norden neigt. Und wenn man von ganz oben durch einen der Fensterschlitze über der Tür nach unten schaut, kann man wegen der Schräge die Wand nicht sehen.«
»Nun, vermutlich hatte man im dreizehnten Jahrhundert noch nichts von Senkblei gehört«, meinte ich. »Ein Wunder, dass er noch nicht umgestürzt ist.«
»Oh, er ist sogar schon mehrfach eingestürzt«, sagte Jamie und erhob ein wenig die Stimme, weil der Wind jetzt auffrischte. »Die Leute, die hier gelebt haben, haben ihn einfach wieder aufgebaut; deshalb steht er wahrscheinlich schief.«
»Ich sehe es! Ich sehe es!«, ertönte Fergus’ Stimme schrill vor Aufregung hinter mir. Er hatte auf seinem Pferd sitzen bleiben dürfen, weil es trotz des schlechten Bodens unwahrscheinlich war, dass sein Leichtgewicht dem Pferd irgendwelche großen Schwierigkeiten bereitete. Ich blickte mich um und sah ihn im Knien auf dem Sattel vor Aufregung auf und ab hüpfen. Sein Pferd, eine geduldige, gutmütige braune Stute, grunzte zwar, sah aber freundlicherweise davon ab, ihn ins Heidekraut zu schleudern. Seit seinem Abenteuer mit dem Percheron in Argentan nutzte Fergus jede Gelegenheit, auf ein Pferd zu steigen, und Jamie, der Belustigung und Verständnis für einen seelenverwandten Pferdeliebhaber empfand, hatte ihm oft den Gefallen getan und ihn hinter sich aufsitzen lassen, wenn er durch die Straßen von Paris ritt, oder ihn hin und wieder auf eins von Jareds Zugpferden steigen lassen, kräftigen, unerschütterlichen Kreaturen, die nur verwundert mit den Ohren zuckten, wenn Fergus ihnen unter lauten Rufen in die Flanken trat.
Ich hielt mir die Hand über die Augen und blickte in die Richtung, in die er zeigte. Er hatte recht, von seinem höher gelegenen Aussichtspunkt aus hatte er den dunklen Umriss des alten Steinturms auf dem Hügel erspäht. Das moderne Wohnhaus darunter war schwieriger zu sehen; es war aus weißgekalktem Stein erbaut, und seine Wände reflektierten die Sonne genauso wie die umliegenden Felder. Es stand umgeben von Gerstenfeldern in einer Talmulde und wurde halb durch eine Reihe von Bäumen verdeckt, die am Rand eines Feldes als Windbrecher dienten.
Ich sah, wie Jamie den Kopf hob und erstarrte, als er den Gutshof von Lallybroch unter sich erblickte. Eine Minute lang stand er still, ohne etwas zu sagen, doch ich sah, wie er die Schultern hob und sich aufrichtete. Der Wind fuhr ihm ins Haar und hob die Falten seines Plaids, als könnte er fröhlich wie ein Drachen in die Luft aufsteigen.
Es erinnerte mich daran, wie sich die Segel der Schiffe gefüllt hatten, als sie beim Verlassen des Hafens von Le Havre am Ende der Landzunge in die Fahrrinne einbogen. Ich hatte am Ende des Kais gestanden und dem geschäftigen Treiben von Handel und Kommerz zugesehen. Tauben stürzten sich kreischend zwischen die Masten und lärmten mit den Stimmen der Seemänner um die Wette.
Jared Munro Fraser hatte neben mir gestanden und das Vorübergleiten der verschifften Reichtümer – die zum Teil die seinen waren – wohlwollend beobachtet. Es war eins seiner Schiffe, die Portia, das uns nach Schottland bringen würde. Jamie hatte mir erzählt, dass Jareds Schiffe alle nach seinen Mätressen benannt waren und die Galionsfiguren den betreffenden Damen nachempfunden waren. Ich blinzelte gegen den Wind zum Bug des Schiffes und versuchte, zu entscheiden, ob Jamie mich zum Narren gehalten hatte. Falls nicht, so schloss ich, bevorzugte Jared seine Frauen gut gebaut.
»Ihr werdet mir beide fehlen«, sagte Jared zum vierten Mal in einer halben Stunde. Seine Miene drückte tatsächlich Bedauern aus, und selbst seine fröhliche Nase schien weniger optimistisch nach oben zu zeigen als sonst. Sein Aufenthalt in Deutschland war ein voller Erfolg gewesen; er trug einen großen Diamanten an der Halsbinde, und sein Rock war aus schwerem flaschengrünem Samt, die Knöpfe aus Silber.
»Ah, nun ja«, sagte er und schüttelte den Kopf. »So gern ich den Jungen bei mir behalten würde; ich kann es ihm nicht verdenken, dass er sich auf die Heimkehr freut. Vielleicht komme ich euch ja eines Tages besuchen, meine Liebe; es ist lange her, dass ich in Schottland war.«
»Du wirst uns auch fehlen«, sagte ich wahrheitsgemäß zu ihm. Es gab noch mehr Menschen, die mir fehlen würden – Louise, Mutter Hildegarde, Herr Gerstmann. Vor allem Meister Raymond. Und doch freute ich mich auf die Rückkehr nach Schottland, nach Lallybroch. Ich hatte keinen Wunsch, nach Paris zurückzukehren, und es gab Menschen, die ich ganz gewiss nicht wiedersehen wollte – Louis von Frankreich zum Beispiel.
Und Charles Stuart. Vorsichtiges Nachhorchen unter den Jakobiten in Paris hatten Jamies ursprünglichen Eindruck bestätigt; der kleine optimistische Schub, den Charles mit seinen Prahlereien über sein »großartiges Unternehmen« ausgelöst hatte, war erloschen. Zwar standen König James’ getreue Anhänger unerschütterlich zu ihrem Herrscher, doch es schien keine Chance zu bestehen, dass diese hartnäckige Treue auch zu Taten führen würde.
Sollte Charles doch seinen Frieden mit dem Exil schließen, dachte ich. Das unsere war vorüber. Wir würden heimgehen.
»Das Gepäck ist an Bord«, sagte eine missmutige schottische Stimme neben mir. »Der Kapitän sagt, ihr sollt an Bord kommen; wir segeln mit der Flut.«
Jared wandte sich Murtagh zu, dann sah er sich rechts und links auf dem Kai um. »Wo ist der Junge denn?«, fragte er.
Murtagh wies mit einem Ruck seines Kopfes über das Pier. »Im Wirtshaus. Besäuft sich.«
Ich hatte mich schon gefragt, wie Jamie die Nordseeüberquerung überstehen wollte. Nach einem Blick auf den drückenden roten Himmel der Morgendämmerung, der für später Sturm verhieß, hatte er sich bei Jared entschuldigt und war verschwunden. Als mein Blick Murtaghs Nicken folgte, sah ich Fergus am Eingang einer Spelunke auf einem Pfahl sitzen, wo er eindeutig Wache schob.
Jared, der erst Unglauben und dann Heiterkeit an den Tag gelegt hatte, als er von dieser Schwäche seines Neffen erfuhr, grinste über diese Neuigkeit.
»Oh, aye?«, sagte er. »Nun, dann hoffe ich doch, dass er mit dem letzten Schluck gewartet hat, bis wir ihn holen kommen. Wenn nicht, werden wir ihn kaum über die Laufplanke getragen bekommen.«