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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Ich glaube,« sagte sie mit Bezug auf die von ihrem Vater beschlossene Verbindung, »daß uns das Glück von Menschen, denen unsere Liebe gehört, noch süßer ist, als unser eigenes Glück; denn in dem Genusse persönlichen Glückes liegt immer ein Teil von Selbstsucht.«

Wenn ich Dir diese Bemerkung meiner Base anführe – lieber Freund, so geschieht es, damit Du das Gemüt dieses anbetungswürdigen Geschöpfes kennen lernest, das, wie das ihres Vaters, den Geist der Güte in sich trägt.

Am siebenten Tage, morgens.

Ein paar Tage nach der feierlichen Hochzeit zog mich der Großherzog in ein längeres Gespräch, fragte mich, welche Pläne ich für meine Zukunft hätte, wie sich mein bisheriges Leben gestaltet hätte. Er gab mir weise Ratschläge, die schmeichelhaftesten Ermutigungen, brachte die Rede auf verschiedene Maßnahmen, die er in seinem Lande zu treffen gedachte, und bewies mir dabei ein so hohes Vertrauen, daß ich gerechterweise stolz sein durfte. Daß ich mich dadurch außerordentlich geschmeichelt fühlte, werde ich Dir, lieber Freund, nicht erst zu sagen brauchen. Aber daß mich auf Augenblicke doch ein Gedanke beschlich – nenne ihn meinetwegen töricht, Freund! – kann ich Dir ebenfalls nicht verhehlen ... Ich meinte auf Momente, der Fürst habe erraten, was in meinem Herzen vorging, und verfolge mit seiner Weise, sich mit mir zu befassen, die Absicht, mich zu sondieren, vielleicht sogar, mich zu einer Offenbarung zu bestimmen?

Leider war diese vage Hoffnung von keiner langen Dauer. Der Fürst beendigte das Gespräch mit der Meinung, er halte die Zeit der großen Kriege für beseitigt, und er möchte es für gut halten, wenn ich meinen Namen, die Bildung, die ich genossen, und die Freundschaft, die meinen Vater mit dem Fürsten Metternich verbände, wahrnähme, um an Stelle der militärischen die diplomatische Laufbahn zu verfolgen, denn alle Fragen, die einst auf der Walstatt ausgetragen worden, dürften hinfort in den Kanzleien der Diplomatie zur Lösung gelangen, zudem ja solche Form der Erledigung weit mehr im eigentlichen Interesse der Völker läge; darum glaube er mit Bestimmtheit, daß es in Zeit von wenigen Jahren einem erhabenen, erleuchteten Geiste vorbehalten sein werde, eine große, herrliche Rolle in der Politik zu spielen und für die Welt mehr Segen zu stiften als all seine Vorgänger ...

Er bot mir seine Verwendung und Fürsprache an, soweit er mir die Anfänge der neuen Laufbahn erleichtern könne, und bat mich mit wirklich recht dringenden Worten, seinem freundlichen Rate zu folgen ...

Daß mir der Großherzog, falls er andere Pläne mit mir gehabt hätte, derartige Mitteilungen nicht gemacht hätte, wirst Du ebensogut begreifen, Freund, wie ich mir das auf der Stelle sagte ... Ich dankte ihm lebhaft für seine Güte und erklärte, daß ich mich seinem Rate selbstverständlich fügen würde ...

Am siebenten Tage, abends.

In den ersten Tagen hatte ich bei all meinen Besuchen im Palaste mich der größten Zurückhaltung befleißigt. Der Großherzog bestand jedoch darauf, daß ich mich größerer Ungezwungenheit befleißige, und so fügte es sich bald, daß ich fast immer schon um drei Uhr nachmittags mich einfand.

Das Leben im großherzoglichen Schlosse spielte sich in der anmutigen, überaus schlichten Weise der deutschen Höfe ab, an das Leben in den großen Schlössern Englands erinnernd, indessen noch anheimelnder durch den wirklich gemütvollen Ton und die wohltuende Ungezwungenheit der deutschen Sitte.

Sobald es das Wetter erlaubte, unternahmen wir lange Spazierritte mit dem Großherzoge und seiner jungen Gemahlin, meiner Base und den Kavalieren des Hauses. Waren wir gezwungen, im Schlosse zu verweilen, unterhielten wir uns mit der Musik. Die Großherzogin sang vorzüglich. Mir fiel in der Regel die Aufgabe zu, sie zu begleiten. Auch meine Base sang vieclass="underline" sie hatte eine sehr hübsche Stimme, sang unvergleichlich rein, und ich muß sagen, daß ich mich von keinem Gesange so im tiefsten Inneren erschüttert gefühlt habe wie durch den ihren. Oft auch besuchten wir die höchst wertvollen Sammlungen des Fürsten, die Gemälde- und Kupferstich-Sammlungen oder seine überreiche Bibliothek. Wurde im Hoftheater eine Oper gespielt, begleitete ich in der Regel die großherzogliche Familie in ihre Loge.

Die Tage vergingen mir wie ein schöner Traum; allmählich behandelte mich meine Base mit geschwisterlicher Vertraulichkeit, sie machte kein Hehl aus ihrem Vergnügen, mich um sich zu sehen, vertraute mir, was sie interessierte, bat mich hin und wieder sie zu begleiten, wenn sie mit der Großherzogin die Waisenhäuser besuchte, sprach mit mir von meiner Zukunft mit einem ernsten und überlegten Interesse, das mich bei einem jungen Mädchen von ihrem Alter befremdete, liebte es, mich über meine Kindheit, über meine, ach, so oft beweinte Mutter zu befragen. So oft ich meinem Vater schrieb, bat sie mich, ihn von ihr herzlich zu grüßen; – zuletzt übergab sie mir für ihn eine herrliche Stickerei, an der sie lange gearbeitet hatte. Was soll ich Dir noch sagen, mein Freund! ein Bruder und eine Schwester, die sich nach jahrelanger Trennung wiedergefunden haben, können sich nicht vertrauter bewegen. –

Am achten Tage, morgens.

Vielleicht wunderst Du Dich über ein derartiges Verhältnis, Freund, zwischen zwei jungen Leuten, besonders nach den Bekenntnissen, wie ich sie gemacht, je offener und vertrauensvoller mir meine Base aber entgegentrat, desto eifriger war ich auf meiner Hut, desto schärfer hielt ich mich im Zügel, weil mich die Furcht ergriff, dieser traute Umgang könne sonst abgebrochen werden – und, ach! er war mir Lebensbedürfnis geworden. –

Was meine Zurückhaltung noch mehrte, war der Umstand, daß meine Base mir so ganz ungezwungen, so wahrhaft freundschaftlich entgegentrat, daß ich mir kaum noch zweifelhaft darüber war, daß sie meine Leidenschaft für sie überhaupt nicht geahnt hat ...

Immerhin bin ich mir in dieser Hinsicht noch nicht so unbedingt sicher, und zwar infolge eines Umstandes, den ich Dir auf der Stelle auseinandersetzen will ...

Hätte nämlich unsre geschwisterliche Vertraulichkeit unbeanstandet fortbestehen können, dann wäre mir solches Glück vielleicht ausreichend gewesen. Aber eben weil ich in Wonne darüber schwebte, kamen mir Gedanken, daß mein Dienst in der neuen Laufbahn, die der Fürst mir anempfohlen hatte, mich nach Wien oder anderswohin ins Ausland rufen könnte; auch, daß der Tag kommen könnte, an welchem der Großherzog sich hinsichtlich einer standesgemäßen Vermählung seiner einzigen Tochter entscheiden möchte.

Mir bereiteten diese Gedanken eine um so größere Qual, als der Augenblick meiner Abreise von Gerolstein immer näher rückte. Meiner Base fiel die Veränderung, die mit mir vor sich ging, sehr bald auf. Sie sagte mir, es käme ihr so vor, als ob ich seit einiger Zeit verdrießlich, verstimmt sei. Ich suchte ihren Fragen auszuweichen, erklärte meine trübe Stimmung damit, daß mich seit ein paar Tagen eine gewisse Unruhe über die Gestaltung meiner Zukunft befallen hätte.

»Aber daran zu glauben,« erwiderte sie, »fällt mir recht schwer, denn soviel ich weiß, will doch mein Papa sich an verschiedene ihm befreundete Herren wenden, um Ihnen die Wege ebnen zu helfen ... Ich dächte, er behandelte Sie liebevoll wie seinen Sohn? Und kommt Ihnen nicht sonst alles mit Liebe entgegen? Ich sollte meinen, Sie hätten doch weder einen Grund, sich um Ihre Zukunft zu sorgen, noch sich anderswie unglücklich zu fühlen!«

Ich konnte meiner Stimmung nicht Herr werden und antwortete: »Nun, Mißstimmung ist's ja eigentlich auch nicht, die mich beherrscht, sondern mehr ein Kummer, der auf mich wirkt.«

»Und weshalb?« fragte sie mich teilnahmsvoll, »ist Ihnen denn etwas Unangenehmes passiert?«

»Liebe Base, eben sagten Sie, Ihr Herr Vater behandle mich wie einen Sohn, und alles käme mir hier mit Achtung und Liebe entgegen ... Nun, binnen kurzem werde ich mich all diesen Verhältnissen entziehen und – Gerolstein verlassen müssen ... Und das ist's, was mich bedrückt – das ist's, was mir die Lust am Leben verleidet.«

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