Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Wie wird der Großherzog solch wahnwitziges Begehren auffassen? Wird er sich nicht verletzt dadurch fühlen? Und wird seine Empfindung nicht von der Prinzessin geteilt werden? ... Wird sie nicht alles Recht dazu haben, mir zu zürnen, daß ich meinen Vater mit solcher Erklärung an den Großherzog herantreten lasse, ohne vorher ihre Einwilligung dazu zu erbitten?
O, bedauere mich, Freund! beklage mich! Weiß ich doch nicht, was ich denken soll! Kommt es mir doch vor, wie wenn ich in einen Abgrund hinunter starrte ... als ob mich ein gefährlicher Schwindel erfaßte...
Laß mich schließen, Freund! Der Brief hat eine unheimliche Länge bekommen ... und zehn volle Tage habe ich gebraucht, ihn zu vollenden ... Ich hätte schneller damit fertig sein sollen; aber es ist mir nicht möglich gewesen, anders als bruchstückweis an ihn zu schreiben... Noch einmal, Freund, beklage mich, denn wenn dieses Fieber noch länger in mir rasen sollte, dann fürchte ich um meinen Verstand... Drum lebe wohl, Freund, drum lebe wohl! Von ganzem Herzen und auf alle Zeit
Dein treuer Freund Heinrich, Prinz von Herkausen-Oldenzaal.
Und nun möge uns der Leser nach dem Schlosse Gerolstein begleiten, das unsre schöne und liebe Freundin, früher Schalldirne, dann Marienblümchen, jetzt Prinzessin Amalie als einzige Tochter des Großherzogs Günther Rudolf von Gerolstein beherbergt...
Vierzehnter Teil.
Erstes Kapitel.
Prinzeß Amalie.
Rudolf hatte das Zimmer, das Marienblümchen oder, wie wir sie jetzt ihrem Stande nach nennen müssen, Prinzeß Amalie inne hatte, sehr geschmackvoll und vornehm einrichten lassen. Vom Balkon des Betzimmers erblickte man die beiden Türme des Klosters der heiligen Hermangild. Ueber diesen wieder ragte ein bewaldetes Gebirge, an dessen Fuß die Abtei lag.
Es war an einem schönen Morgen, da sah Marienblümchen über diese reizende Landschaft hin, die sich malerisch vor ihren Augen ausdehnte. Sie hatte sich sehr schlicht frisiert und trug ein hellblau gestreiftes, leichtes Frühlingskostüm. Sie saß in einem kunstvoll geschnitzten Armstuhl aus Ebenholz, der mit rotem Sammet gepolstert war, stützte den Arm auf die Lehne und ließ den Kopf in der weißen, von lichtblauen Adern durchzogenen Hand ruhen.
An ihrer gedrückten Haltung, der Blässe ihres Gesichts, dem starren Blick und einem bittern Lächeln war leicht zu erkennen, daß sie sich in tieftrauriger Stimmung befand. Sie seufzte, die Hand sank in den Schoß, der Kopf fiel auf die Brust herab. Es schien, als neige sie sich unter der Last eines übergroßen Unglücks.
Eine ältliche Dame von ernster, vornehmer Erscheinung trat herein und räusperte sich, um Marienblume auf sich aufmerksam zu machen. Amalie erwachte aus ihrer Träumerei und grüßte die eintretende Frau. »Was bringen Sie, liebe Gräfin?« fragte sie. – »Seine Hoheit lassen bitten, ihn zu erwarten. Er wird in einigen Minuten hier sein,« antwortete die Hofdame der Prinzessin. – »Eben dachte ich voller Verwunderung daran, daß ich heute meinen Vater noch nicht ans Herz drücken durfte. Täglich erwarte ich ihn am Morgen voller Sehnsucht. Hoffentlich habe ich das Vergnügen, Sie, liebe Gräfin, nun zwei Tage nacheinander bei mir zu sehen, mir nicht dahin zu deuten, daß Fräulein von Harneim erkrankt wäre?«
»Euer Hoheit können beruhigt sein,« antwortete die Gräfin, »Fräulein von Harneim hat mich nur gebeten, sie zu vertreten. Sie wird die Ehre haben, morgen wieder den Dienst bei Euer Hoheit selbst zu versehen. Hoheit werden darüber doch nicht ungehalten sein?« – »O, nein! Es ist mir nur lieb, zwei Tage Sie und zwei Tage Fräulein von Harneim um mich zu haben.« – »Sie sind zu gütig, Prinzessin. Ihre Güte ermutigt mich, Ihnen eine Bitte vorzutragen,« – »Sprechen Sie, liebe Gräfin. Sie wissen, ich bin stets bereit, Ihnen einen Gefallen zu tun.«
»Es ist wahr, ich bin es nicht anders gewöhnt, als daß Euer Hoheit sehr gütig zu mir sind,« antwortete die Gräfin. »Allein es handelt sich hier um eine sehr peinliche Sache, von der ich gewiß nicht sprechen würde, wenn sich hier nicht eine große Wohltat verrichten ließe. Es ist da nämlich ein armes, unglückliches Mädchen, das sich leider schon von Gerolstein entfernt hatte, ehe Euer Hoheit Ihr so segensreiches, barmherziges Werk für schutzlose Mädchen begonnen.«
»Und was hat dieses Mädchen getan? was soll für sie geschehen?« – »Ihr Vater, ein Abenteurer, ging nach Amerika und ließ Frau und Tochter im Elend zurück. Die Mutter starb, die Tochter war im Alter von sechzehn Jahren sich selbst überlassen und ging mit einem Manne, der sie verführt hatte, nach Wien. Er ließ sie, wie dies immer geschieht, bald im Stich, und sie geriet nun auf die Bahn des Lasters und wurde binnen kurzem, wie so viele andere, ein Schandfleck ihres Geschlechts.«
Marienblume schlug die Augen nieder, und ein Schauer überflog sie. Die Hofdame bemerkte dies, glaubte, das Ehrgefühl der Prinzessin verletzt zu haben, und fuhr dann fort: »Verzeihen mir Euer Hoheit, daß ich vor Ihnen von Entarteten spreche, allein die Arme bereut ihren Fehltritt so tief, daß ich glaubte, um etwas Mitleid mit ihr bitten zu dürfen.« – »Mit Recht,« antwortete die Prinzeß Amalie. »Erzählen Sie weiter! Alle Verirrungen, die bereut werden, verdienen unser Mitleid.«
»Nachdem die Unglückliche zwei Jahre lang ein Leben der Schande geführt hatte, kam das Licht der Gnade über sie. Von Gewissensbissen gemartert, kehrte sie hierher zurück und mietete sich zufällig bei einer Witwe ein, deren Frömmigkeit und Herzensgute allgemein bekannt sind. Ermutigt durch die Liebe dieser Frau, gestand die Arme ihr alles, was sie verbrochen, versicherte ihr, daß sie den Makel ihrer Vergangenheit durch harte Buße wieder gut machen wolle und bat um das Glück, in ein Kloster aufgenommen zu werden, um sich durch einen frommen Wandel mit Gott und den Menschen wieder zu versöhnen! Die würdige Matrone schrieb nun an mich, da sie wußte, daß ich die Ehre habe, der nächsten Umgebung Euer Hoheit anzugehören, und bat mich, die Arme Euer Hoheit zu empfehlen, damit sie vielleicht durch Ihre Vermittlung von der Oberin des Klosters, der Prinzessin Juliane, als Novizin in St. Hermangild aufgenommen würde. Ich habe mich selbst überzeugt, daß die Reue des Mädchens aufrichtig ist, indem ich vorher erst ein paarmal persönlich mit ihr gesprochen habe. Nicht weil sie zu alt oder zu häßlich wäre, kehrt sie auf den Pfad der Tugend zurück; denn sie zählt kaum achtzehn Jahre, ist sehr schön und besitzt auch einiges Geld, das sie zu einem mildtätigen Zweck hingeben will, wenn sie Aufnahme im Kloster findet.«
»Ich will mich gern für Ihren Schützling verwenden, liebe Gräfin«, antwortete Marienblümchen, nur mit Mühe ihre Bestürzung verbergend, denn sie selber hatte ja ein solches Leben geführt wie die Arme, die um Gnade bat. »Das Mädchen hat gefehlt, doch sie bereut – da ist es nur gerecht, sich ihrer zu erbarmen.« – »Ich höre Seine Hoheit kommen,« sagte die Hofdame, ohne die wachsende Ergriffenheit Marienblümchens zu bemerken.
Rudolf trat mit einem großen Rosenstrauß in der Hand ein. Die Gräfin zog sich zurück. Kaum war sie gegangen, so flog Marienblume an ihres Vaters Brust, lehnte den Kopf an seine Schulter und blieb so ein Weilchen, ohne ein Wort zu sprechen.
»Guten Tag, mein Kind!« sagte Rudolf. »Sieh die Rosen hier! Ich habe sie heute für dich gepflückt. Deshalb konnte ich nicht früher kommen. Das ist wohl der schönste Strauß, den ich dir je gebracht habe.« – Er trat ein paar Schritte zurück, um seine Tochter zu betrachten, und als er sie in Tränen sah, warf er die Blumen auf ien Tisch, nahm ihre Hände fest in die seinen und rief: »Du weinst! Was ist dir denn?« – »Nichts, mein guter Vater,« antwortete Marienblume, trocknete die Tränen und versuchte zu lächeln. – »Ich beschwöre dich, sage mir, was dich betrübt!«