Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Diese Unterhaltung hat, wie schon gesagt, lieber Max, am Abend vor dem Tage stattgefunden, an welchem ich der Prinzessin, meiner neubacknen Cousine, präsentiert werden sollte ... Ich verabschiedete mich bei meiner Tante und begab mich in meine Wohnung ...
Ich bin immer offen gegen Dich gewesen, lieber Max, und habe aus meinem Herzen zu keiner Zeit eine Mördergrube gemacht. Drum will ich Dir auch jetzt bekennen, welch albernen und törichten Einbildungen ich mich hingegeben habe, als ich nach dieser Unterhaltung mit mir allein war.
Am dritten Tage, morgens.
Du hast mir so oft gesagt, lieber Max, daß ich keinen Schimmer von Eitelkeit an mir hätte, ich glaube auch, daß ich frei von diesem Gebrechen bin, aber ich muß es hier ausdrücklich sagen, denn wenn ich in Deinen Augen nicht als selbstgefälliger Tor erscheinen will, dürfte es mir schwer fallen, in der Schilderung des weiteren Verlaufes dieser Begebenheit fortzufahren.
Als ich allein in meinem Zimmer war, mußte ich wohl oder übel mit dem ewig wiederkehrenden Gedanken an die junge Prinzessin, die sich mein Bild angesehen und beifällig darüber geäußert hatte, fertig zu werden suchen. Am meisten beschäftigte mich die Frage der Prinzessin, ob über den »Vetter aus der guten alten Zeit« bei meiner Tante Weiteres verlautet habe?
Nichts war indessen törichter als die Hoffnung, daß sich auf einen so unbedeutenden Umstand wie diesen irgend welches Luftschloß bauen lasse. Immerhin hatte mich der Fall nicht bloß interessiert, sondern – ich bekenne Dir das ebenso unverhohlen wie alles andere, was zu meinem Berichte gehört – er hatte mich sogar in einen gewissen Grad von Begeisterung versetzt.
Sicher hatten die Lobsprüche, die der Prinzessin aus dem Munde einer so gereiften und urteilsstrengen Dame wie meiner Tante zuteil geworden waren, mir einen noch wesentlich höheren Begriff von ihrem Werte beigebracht, als ich bisher von ihr fassen konnte ... diese Lobsprüche hatten indessen auch mich für die Auszeichnung empfänglicher gemacht, die sie mir – oder vielmehr meinem Bilde – hatte zuteil werden lassen ... Genug! Diese Auszeichnung rief in mir so törichte Gedanken wach, daß ich mich nachdem ich nun gelernt habe, die jüngste Vergangenheit mit kühlerem Blicke zu betrachten, selbst frage, wie es wohl habe geschehen können, daß ich mich von solchen Gedanken derart habe hinreißen lassen können, daß ich im Grunde genommen gar nicht weit mehr vom Rande des Abgrundes war ...
Wenn ich auch mit dem großherzoglichen Hause verwandt bin und von dem Großherzog selber nie anders als mit freundlichem Wohlwollen aufgenommen worden bin, so habe ich doch zu der Hoffnung, mit der Prinzessin eine eheliche Verbindung einzugehen, nicht den allergeringsten Anlaß. Wohl nicht einmal in dem Falle, daß wir beide in Liebe zueinander entbrannt wären ... Und wie konnte ich mir derlei Gedanken einbilden? ... Unsere Familie ist ja makellos, aber sie ist arm im Vergleich zu den bedeutenderen Reichtümern des großherzoglichen Zweiges; es ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man unsern Großherzog für den reichsten aller deutschen Fürsten hält ... Und weiter: war ich nicht gerade erst 21 Jahre alt? Und war ich nicht bloß einfacher Gardekapitän? Wie konnte der Großherzog auch nur im entferntesten daran denken, sich einen solchen Schwiegersohn auszusuchen?
All diese Erwägungen hätten mich freilich wohl abhalten können, mich mit Gedanken zu befassen, denen es an jeglichem Boden fehlte. Aber wenn ich auch eine wirkliche Leidenschaft noch nicht empfand, von der Vorahnung einer solchen war ich durchaus nicht frei ... Leider aber überließ ich mich weiteren kindischen Ideen dieser Art. So trug ich einen Ring am Finger, den mir ehedem die liebe, gute Gräfin Thekla – die Du ja auch kennst – gegeben, und wenn auch solches Pfand einer, gelinde gesagt, törichten Passion mich nur wenig fesseln konnte, so opferte ich es doch ohne weiteres der neu in meinem Herzen erwachten Leidenschaft: der arme Ring verschwand in den Fluten des unter meinem Fenster vorbeirauschenden kleinen Flusses.
Soll ich Dir erzählen, wie ich die Nacht verbrachte? Das wäre wohl unnütz? Denken wirst Du es Dir ja doch können ... Ich hatte erfahren, daß die Prinzessin eine engelschöne Blondine sei ... Ich suchte mir ihre Gesichtszüge, ihre Erscheinung, den Klang ihrer Stimme zu vergegenwärtigen; suchte mir den Ausdruck ihres Bildes vor die Seele zu zaubern; wenn mir dann das Porträt von mir einfiel, das ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte, dann mußte ich mir sagen, daß der Künstler, von dem es herrührte, mir beispiellos geschmeichelt hatte, um sich den Beifall meiner Eltern, besonders meiner in mich verliebten Tante zu sichern. Ja, mehr noch: ich verglich das romantische Pagenkostüm aus dem 16. Jahrhundert mit der nüchternen Uniform eines Gardekapitäns Seiner k. u. k. Apostolischen Majestät und mußte mir sagen, daß ein Vergleich zwischen beiden Trachten zu meinem Vorteil keineswegs ausfallen konnte.
Diesen kindischen Gedanken, lieber Freund, folgten ja, wie ich nicht unerwähnt lassen will, oft auch edlere Empfindungen ... ich fühlte mich tief ergriffen, wenn ich mir die Prinzessin als gütige Fee vor die Augen hielt, die sich der armen verlassenen Geschöpfe, die in der von ihr ins Leben gerufenen Anstalt weilten, so liebevoll annahm, vor die Seele führte ...
Am dritten Tage, mittags.
Wie ich Dir sagen muß, lieber Freund, ich habe die Nacht, von der ich Dir erzähle, und einen Teil des andern Tages in wirklicher Seelenangst verbracht. Du weißt, daß ich niemals im Leben mir auf meine persönlichen Vorzüge das geringste zugute getan habe; immerhin wollte der Gedanke nicht von mir weichen, daß mein Bild einen gewissen Eindruck auf die Prinzessin gemacht habe; ein Glück wenigstens, daß ich mir nach wie vor gegenwärtig hielt, daß mich eine unübersteigliche Kluft von ihr schied. Und doch wollte der Gedanke nicht von mir weichen, daß sie mich nach dem Bilde nicht wiedererkennen möchte, daß ich dem Bilde in natura nicht das Wasser zu reichen vermöchte ... Ich hatte sie noch mit keinem Blicke gesehen, war aber im voraus der festen Meinung, daß sie mich kaum eines Blickes für wert halten werde ... und doch hatte ich es fertig gebracht, ihr das Pfand zu opfern, das ich zur Erinnerung an meine erste Liebe am Finger getragen hatte!
Zwei Stunden später.
Endlich ist sie da, die wichtige Stunde des feierlichen Empfanges bei Hofe! Ich paßte verschiedene Uniformen an, mußte aber zugeben, daß eine immer unvorteilhafter saß als die andere, und fuhr endlich, höchst unzufrieden mit meiner Persönlichkeit, nach dem großherzoglichen Palaste ...
Gerolstein ist zwar nur eine knappe Viertelstunde von der Abtei entfernt – wie ich schon einmal bemerkt habe – und doch bestürmten mich auf dieser kurzen Fahrt tausenderlei Gedanken! all die törichten Betrachtungen, mit denen ich mich befaßt hatte, schwanden hin vor einer einzigen ernsten, trüben, fast bedrohlichen Ahnung, die mich zufolge einer jener seltsamen Krisen überkam, die zuweilen ein ganzes Menschenleben bestimmen: einer Ahnung, daß ich in Liebe, leidenschaftlicher Liebe entbrennen würde – in einer Liebe, wie der Mensch sie nur einmal im Leben empfindet ... und daß mich diese Liebe, um das Maß meines Verhängnisses voll zu machen, weil sie eben auf ein so hohes und würdiges Ziel sich richtete, auf Lebenszeit unglücklich machen würde!
Darüber entsetzte ich mich so, daß ich auf einmal den gescheiten Einfall bekam, den Wagen halten zu lassen, wieder nach der Abtei zu fahren und von da die Rückfahrt zu meinem Vater zu unternehmen, es der Tante überlassend, wie es ihr gelingen werde, meine schnelle Abreise bei dem Großherzoge zu rechtfertigen oder wenigstens zu entschuldigen ...
Leider sollte mich aber eine jener bedeutungslosen Ursachen, wie sie sich oft im Leben finden, die aber häufig von so ernsten Folgen begleitet sind, an der Ausführung dieses Entschlusses verhindern.