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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Ist Ihnen die Erinnerung denn so ganz gleichgiltig? gilt Ihnen die Erinnerung an Personen, die uns einst lieb und wert waren, so wenig?«

»Das will ich nicht sagen,« erwiderte ich, »aber es gibt Ereignisse, die oft gar viele jähe Veränderungen herbeiführen ..«

»Nun, es gibt aber auch Neigungen, die dauerhaft sind, die über dem Wechsel der Zeiten stehen ... und eine solche Neigung dürfte wohl die sein, die mein Vater zu Ihnen hegt ... und wohl auch diejenige, die in meinem Herzen für Sie lebt ... Sie wissen wohl, Vetter, daß Bruder und Schwester sich eigentlich niemals im Leben entfremden sollen!«

Dabei sah sie mich mit ihren großen blauen Augen so innig an, daß wenig fehlte, so wäre ich ihr zu Füßen gestürzt ... Ich stand wirklich auf dem Punkte, mich zu verraten. Ihr Blick machte mich ganz verwirrt. Zum Glück gelang es mir noch einmal, mich zu beherrschen.

»Wohl wahr,« antwortete ich, »daß es Neigungen gibt, die von Dauer sind; aber die Beziehungen zueinander kommen in andere Bahnen, die Stellung, die der Mensch innehat, verändert sich ... Meinen Sie zum Beispiel, Base, daß zwischen uns, wenn ich nach Jahren zurückkäme, dies liebe, traute Verhältnis, wie es jetzt herrscht, fortleben würde?«

»Und warum sollte es nicht der Fall sein können?« fragte sie.

»Weil Sie dann doch gewiß schon vermählt sein würden!« rief ich, »weil Sie dann andere Verpflichtungen, andere Rücksichten haben werden, weil Sie für Ihr armes Brüderchen dann wohl kaum noch einen Gedanken frei haben möchten!«

Am neunten Tage, mittags.

Ich schwöre Dir, Freund! kein Wort weiter habe ich gesagt und weiß nicht, ob sie in den Worten ein Geständnis gefunden, das sie verletzt hat, oder ob sie, wie ich, traurig ergriffen war von dem Gedanken an die Wendungen, die die Zukunft in unsere Beziehungen bringen mußte, – statt mir zu antworten, verharrte sie einen Augenblick in Schweigen, dann stand sie plötzlich auf, sie war bleich, tief ergriffen, und nachdem sie einige Augenblicke lang die Stickerei der jungen Gräfin von Oppenheim, einer ihrer Ehrendamen, betrachtet hatte, die während unsers Gesprächs in einer Fensternische gesessen, ging sie fort.

Am Abend erhielt ich von meinem Vater abermals einen Brief, der mich hierher zurückrief. Am andern Morgen begab ich mich zum Großherzoge, um mich zu verabschieden. Er sagte mir, daß seine Tochter leidend sei, daß er es übernehmen wolle, ihr meine Grüße zu bestellen; dann umarmte er mich väterlich, bedauerte meine schnelle Abreise, beklagte den wankenden Gesundheitszustand meines Vaters, kam wieder auf die neue Laufbahn zu sprechen, die ich antreten sollte, und fügte hinzu, daß er mich gern wieder in Gerolstein sehen werde. Bei meiner Ankunft hier fand ich zu meiner Freude den Vater bei besserer Gesundheit, wenn er auch noch immer recht schwach und angegriffen ist. – Leider entging ihm meine Niedergeschlagenheit nicht, und er drang wiederholt, wenn auch vergebens, in mich, ihm die Ursache meines Kummers anzuvertrauen. Ich wagte es nicht; – Du kennst seinen strengen Widerwillen gegen alles, was irgendwie nach Verstellung oder Heimlichtuerei aussieht.

Am zehnten Tage, morgens.

Gestern habe ich allein bei ihm gewacht. Ich dachte, er sei eingeschlafen. Mich befielen trübe Gedanken, und die Tränen waren mir nahe ... Die Erinnerung an die schönen Gerolsteiner Tage stimmte mich ganz trübselig.

Mein Vater sah, daß ich dem Weinen nahe war, während ich, in meinen Kummer vertieft, nicht merkte, daß er wach war.

Da fragte er mich in seiner rührenden Güte, was mir sei. Ich sagte, die Unruhe über sein Befinden stimmte mich so weich, aber er ließ sich durch diese Ausflucht nicht irre führen ...

Und nun, Freund, da Du alles weißt, nun sage mir selbst: Ist meine Situation nicht verzweifelt? Was soll ich beginnen? Wozu soll ich mich entschließen? ...

Am zehnten Tage, mittags.

Nein, es ist mir nicht möglich, Dir die Angst zu beschreiben, die ich fühle! Was wird noch werden? Für mich ist alles, alles verloren, und ich bin tatsächlich der unglücklichste Mensch, wenn mein Vater die Absicht, mit der er sich trägt, nicht aufgibt...

Latz Dir erzählen, was vorgegangen ist ...

Eben bin ich mit dem Briefe an Dich fertig, und wollte ihn zur Post geben, als der Vater, von dem ich meinte, er schliefe in seinem Zimmer, zu mir in sein Privatkabinett tritt, wohin ich mich zurückgezogen, um Dir zu schreiben. Kaum sah er den vollbeschriebenen Briefbogen liegen, als er mir mit freundlichem Lächeln die Frage stellte, an wen ich geschrieben habe?

»An meinen Freund Max,« antwortete ich.

»O! daß er dir ein guter Freund ist und dein volles Vertrauen genießt, weiß ich ja,« antwortete der Vater, »er ist ein recht glücklicher Mensch!« setzte er hinzu, und mir hörten sich die letzten Worte so an, als ob er einen leichten Vorwurf hineinlegen wolle ...

Mich berührte das so eigentümlich, daß ich, ohne zu überlegen, ihm den Brief, der für Dich bestimmt war, reichte und ihn bat, doch zu lesen, was ich geschrieben hatte.

Freund! Er hat alles gelesen, Wort für Wort; und weißt Du, was er zu mir sagte, nachdem er eine Zeitlang, in Nachdenken versunken, dagesessen hatte?

»Ich will dir was sagen, Heinrich,« sagte er, »ich werde dem Großherzog über alles, was in Gerolstein vorgefallen, unverzüglich berichten.«

»Vater, um Gottes willen nicht!« rief ich erschrocken.

»Es verhält sich doch alles, was du hier niedergeschrieben, der Wahrheit gemäß?«

»Gewiß, Vater!«

»Dann hast du dich wie ein Ehrenmann betragen, Heinrich, und das wird der Großherzog schon zu würdigen wissen. Aber du sollst dich auch weiterhin des dir bewiesenen Wohlwollens würdig zeigen, und das könnte leicht nicht der Fall sein, wenn du von seinem Anerbieten insoweit Mißbrauch triebest, nach Gerolstein zurückzufahren und dich mit seiner Tochter in ein Verhältnis einzulassen.«

»Aber, Vater, wie können Sie glauben?«

»Soviel ich sehe, bist du leidenschaftlich verliebt, und Leidenschaft wird früher oder später zur schlimmen Ratgeberin.«

»Vater, also wollten Sie dem Großherzog schreiben?«

»Daß du in deine Base närrisch verschossen bist!«

»Das würde mich unglücklich machen, Vater!«

»Nun, bist du verliebt in deine Base oder nicht?« fragte der Vater.

»Ich bete sie an – aber –«

»Nun, dann muß ich dem Großherzog schreiben, muß für dich um die Hand seiner einzigen Tochter anhalten.«

»Vater, an diese Möglichkeit zu denken, ist für mich doch Wahnsinn!«

Aber mein Vater fiel mir ins Wort, indem er seinen ersten Gedanken weiter spann: »Mag sein. Und doch muß ich dem Großherzog über die Sache reinen Wein einschenken. Was mich dazu bestimmt, werde ich ihm auseinandersetzen. Er hat dich mit herzlicher Gastfreundschaft aufgenommen, hat dir alle erdenkliche Güte und Liebe erwiesen. Ihn zu täuschen, wäre weder deiner noch meiner würdig. Ich weiß, wie sehr er die Offenheit liebt. Ich zweifle ja nicht im geringsten, daß er deinen Antrag abschlägig bescheiden wird; aber du wirst dann zum wenigsten wissen, daß du dich der Prinzessin nicht mehr in so ungezwungener Weise nähern darfst.« – Nach einer Weile fuhr mein Vater fort: »Du hast mich den Brief, den du an deinen Freund geschrieben hast, unaufgefordert lesen lassen. Das verdient meinerseits unverhohlene Anerkennung... Aber da ich durch diesen Brief alles erfahren habe, was mit dir vorgegangen ist; da ich nun den Zustand deines Herzens kenne, ist es Pflicht für mich, den Großherzog in Kenntnis zu setzen, Pflicht auch gegen dich um deiner Herzensruhe willen... Und diese Pflicht werde ich ohne Säumen erfüllen.« Am zehnten Tage, abends.

Lieber Freund! Du weißt, mein Vater ist der beste Mensch auf Gottes Erde, aber von eisernem Willen, wenn es sich um irgend einen Fall handelt, den er für seine Pflicht hält. Du wirst Dir also ausmalen können, welche Unruhe und Angst mich befallen hat ... Offen und ehrenhaft ist ja der Schritt, den er tun will, ganz ohne Frage, und doch bedrückt er mich unsäglich ...

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