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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Ich hatte den festen Vorsatz gefaßt, nie ein Wort zu sprechen – das meiner Cousine die Vermutung nahe legen könnte, daß ihr mein Herz entgegenschlägt ... ich fürchtete jedoch, ich möchte mich durch meine Blicke oder meine Aufregung verraten – und trotzdem ich willens war, diese Empfindung in meinem Herzen zu vergraben, kam ich mir doch schuldbewußt vor.

Die Prinzessin tanzte mit dem Erzherzog Stanislaus die erste Quadrille. Ich hatte also Muße, meine Betrachtungen anzustellen. Wie überall, ist auch hier der Tanz einer Quadrille nichts anderes als ein Spaziergang nach dem Takte der Musik, aber das mußte jedermann erkennen, daß sich eine elegantere Quadrilletänzerin, eine graziösere Figur unmöglich finden ließ, als die Prinzessin Amalie.

Mit einer seltsamen Wonne erwarte ich die Momente der Ruhe im Tanze, die es mir verstatten würden, mich der Unterhaltung mit ihr zu widmen. Ich war genug Herr über mich selbst, die Verwirrung zu verbergen, die über mich gekommen, als ich mich zur Frau Marquise von Harville begab, um meine Partnerin von ihr abzuholen.

Des Vorfalles mit dem Bilde wiederum gedenkend, meinte ich, die Prinzessin möchte meine Verlegenheit teilen. Ich täuschte mich auch nicht. Fast wörtlich entsinne ich mich des ersten kurzen Gesprächs, das wir führten ... Ich setze es für Dich hierher ...

»Hoheit, erlauben also,« sagte ich zu ihr, »daß ich Sie, wie der Herr Großherzog es wünschte, mit dem traulichen Worte Base anspreche?«

»Freilich, Vetter,« erwiderte sie, »meinem Vater zu gehorchen, wird immer das Glück meines Lebens ausmachen.«

»Auf diese Erlaubnis, Base, bin ich um so stolzer, als ich bereits Gelegenheit bekommen habe, Sie durch meine Tante ganz besonders schätzen zu lernen.«

»Das beruht ja dann auf Gegenseitigkeit, Vetter, mir hat mein Papa auch schon mancherlei Schönes von Ihnen gesagt« – und wie wenn sie das Wort bereute, setzte sie schüchterner hinzu: »zudem habe ich Sie ja schon im Bilde gekannt, wenn ich mich so ausdrücken darf. Frau Aebtissin von Sankt-Hermangild hat meinem Papa und mir vor kurzem ein Bild gezeigt, das Sie – wenn ich nicht irre – in Pagentracht zeigt ..«

»Ganz recht, in der Pagentracht des 16. Jahrhunderts,« erwiderte ich beglückt.

»Und ich habe Sie auch auf der Stelle nach dem Bilde wiedererkannt,« sagte sie, »als ich Sie vorhin – während der herrlichen Konzertmusik – zufällig mit dem Blicke traf ... trotz der Kostümverschiedenheit ..« Dann aber, wie wenn ihr darum zu tun sei, das Thema schnell zu wechseln, setzte sie hinzu: »Es ist doch erstaunlich, welch großartiges Talent dieser Musiker hat – Liszt heißt er, nicht wahr?«

»Ganz recht, Hoheit,« antwortete ich, »ein bewunderungswürdiges Talent! Und Sie hörten ihm wirklich andächtig zu!«

»Es war auch entzückend,« sagte sie, »ich könnte nicht sagen, wie mich die klagenden Weisen ergriffen haben.«

»Ein rechtes Glück, Base,« sagte ich, »daß Sie die rechten Worte nicht finden, die solch trauriger Melodie zum Ausdruck verhelfen.«

Ob nun meine Rede sie verletzt hatte, oder ob sie mir ausweichen wollte, oder vielleicht auch gar nicht gehört hatte, was ich sagte, sie zeigte plötzlich auf den Großherzog, der am Arme der Erzherzogin durch den Ballsaal schritt ..

»O, sehen Sie doch nur meinen Papa – sehen Sie nur, wie schön er ist, Vetter, und welch edlen Ausdruck sein Gesicht zeigt ... Mir scheint, jedermann müsse ihn weit mehr lieben als verehren.«

»O,« rief ich, »nicht allein hier am Hofe genießt er Liebe. Klingen Segnungen eines Volkes zur späten Nachwelt hinüber, dann wird der Name Rudolf von Gerolstein mit Recht der Unsterblichkeit angehören.«

Es war aufrichtige Begeisterung, die mir solche Worte in den Mund legte – Du weißt ja selbst, Freund, daß man das Reich des Fürsten als Deutschlands Paradies bezeichnet ...

Dir den dankbaren, liebevollen Blick zu schildern, den meine Base mir zuwarf, wäre, für mich wenigstens, ein Ding der Unmöglichkeit.

Tief ergriffen, sagte sie: »Aus der Verehrung, die Sie meinem Vater entgegenbringen, ersehe ich, wie würdig Sie der Zuneigung sind, die er für Sie im Herzen trägt.«

»Es kann ihn niemand aufrichtiger bewundern, niemand ihn inniger lieben als ich,« versetzte ich, »hat er nicht außer den seltenen Eigenschaften, die einen großen Herrscher ausmachen, auch jenen Geist der Güte, der solche Fürsten zum Gott ihres Volkes macht?«

»O, Sie sprechen ja nur zu wahr,« rief die Prinzessin, abermals tief bewegt.

»Ach, ich weiß es, und jeder seiner Untertanen weiß es ebensogut wie ich ... jeder fühlt mit ihm Freude und Schmerz, und jeder beeifert sich, der Frau von Harville, die er sich zur Gattin erkoren, die innigsten Huldigungen entgegenzubringen ... jeder preist sich glücklich, sie als künftige Großherzogin zu begrüßen.«

»O, diese Frau ist der Liebe meines Vaters würdiger als jede andere, sei sie auf noch so hoher Stufe geboren ... ihr ein schöneres Lob Ihnen gegenüber zu spenden, wäre niemand möglich.«

»Und Sie dürfen sich wohl ein Urteil erlauben,« sagte ich, »denn Sie kannten die Frau Marquise doch schon in Frankreich, Base.«

Kaum waren diese Worte aus meinem Munde, als Amalie die Augen zu Boden senkte und ihre Züge auf die Zeit einiger Sekunden den Ausdruck einer tiefen Traurigkeit zeigten, die mich stumm vor Ueberraschung machte ..

Wir waren gerade mit der letzen Figur der Quadrille zu Ende. Einen Moment hatte sie uns getrennt ... und als ich sie jetzt zu der Marquise zurückführte, hatten sich ihre Züge noch nicht wieder aufgehellt.

Am sechsten Tage, morgens.

Ich war der Meinung und glaube es noch, daß meine Anspielung auf Amaliens Vergangenheit in Frankreich ihr jenen schmerzlichen Eindruck verursacht hatte, von dem ich Dir eben erzählte. Vielleicht, weil sie dadurch an den Tod ihrer Mutter erinnert wurde?

Während dieses Abends bemerkte ich einen Umstand, der Dir kindisch erscheinen mag, mir aber einen neuen Beweis für die Zuneigung, die dieses Mädchen allen einflößt, gebracht hat. – Ihr Perlenreif hatte sich etwas verschoben, die Erzherzogin Sophie, der sie gerade den Arm gab, war so gütig, ihr den Schmuck wieder zu richten. Für den sprichwörtlich gewordenen Stolz der Erzherzogin war eine solche Aufmerksamkeit fast nicht zu glauben. Auch schien die Prinzessin, die ich genau beobachtete, in diesem Augenblick so verlegen, – ich möchte fast sagen, betroffen über diese liebenswürdige Aufmerksamkeit, daß ich eine Träne in ihren Augen zu sehen meinte.

So verlief, Freund! mein erster Abend zu Gerolstein. Wenn ich ihn Dir mit allen seinen Einzelheiten erzählt habe, so habe ich es darum getan, weil alle diese Umstände später für mich von ernsten Folgen sein sollten.

Am sechsten Tage, abends.

Von nun ab werde ich mich kürzer fassen, Dir nur noch ein paar besondere Umstände, die mein öfteres Zusammensein mit der Prinzessin und ihrem Vater betreffen, mitteilen.

Am Morgen nach diesem Feste war ich unter der sehr kleinen Zahl von Personen, die zur Vermählung des Großherzogs mit der Marquise von Harville geladen waren. Nie habe ich Amalien glücklicher und fröhlicher gesehen als während dieser feierlichen Handlung. Sie ließ keinen Blick von ihrem Vater und der Marquise und betrachtete beide mit einer Art frommen Entzückens, das ihrem Antlitz einen neuen Reiz verlieh – man hätte sagen können, das unaussprechliche Glück des Fürsten und der Marquise spiegelte sich darauf wider.

An diesem Tage war meine Base sehr mitteilsam. Ich führte sie auf dem Spaziergange, der nach dem Diner durch die prächtig beleuchteten Gärten gemacht wurde, am Arme.

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