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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Martial kommt in Algier sehr gut weiter. Er hat letztens großen Ruhm geeintet, indem er mit seinen Knechten eine Bande raubender Araber mutig zurückgeschlagen. Seine Frau, die tapfer an seiner Seite gefochten hat, ist leicht verwundet worden. Ich glaube, es freut Sie, wenn ich Ihnen Nachrichten von denen schreibe, deren gütige Vorsehung Sie gewesen sind.

Wir befinden uns in Bouqueval bei unserer guten Mutter. Germain geht des Morgens ins Geschäft und kommt abends wieder. Ich konnte früher das Landleben nicht leiden, jetzt finde ich, es gibt nicht Schöneres. Das kommt wohl daher, weil sich mein guter Germain hier draußen so wohl fühlt. Da fällt mir ein – Sie werden wissen, wo das liebe Mädchen, die Schalldirne ist. Wenn Sie Gelegenheit dazu finden, so sagen Sie ihr doch, man gedenkt ihrer hier als des besten, sanftesten, liebsten Wesens von der Welt.

Also, nicht wahr. Sie schlagen unsere Bitte nicht ab? Wenn Sie unserm Mädchen einen Namen aussuchen, so wird ihr das Glück bringen. Zum Schlusse will ich noch vermelden, daß wir mit unsern bescheidnen Mitteln Gutes zu tun trachten, wo immer wir können. Dies sage ich nicht, um zu prahlen, sondern damit Sie sehen, daß Ihre Lehren und Taten auf guten Boden gefallen sind. Wir sagen immer zu denen, die wir unterstützen: Nicht uns dankt, sondern Herrn Rudolf, dem besten, edelsten Menschen, der auf Erden wandelt. Und alle halten Sie nicht für einen Menschen, sondern für einen Heiligen. Glauben Sie mir. wenn unsere Kleine buchstabieren lernt, so wird das erste Wort, das sie lesen lernt, Ihr Name sein, und dann die Worte, die Sie auf meinen Brautkorb schrieben: Arbeit und Tugend! – Ehre und Glück! Ich habe die Ehre, gnädigster Herr, mich Ihnen mit herzlichster Verehrung und Dankbarkeit zu empfehlen

als Ihre untertänigste

Lachtaube, Frau Germain.«

P. S. Indem ich den Brief noch einmal lese, finde ich, daß ich Sie sehr oft als »Herr Rudolf« anrede. Nicht wahr, Sie verzeihen mir das? Haben wir Sie doch unter diesem Namen kennen gelernt, und unter diesem Namen verehren und segnen wir Sie allezeit!«

Zweites Kapitel.

Erinnerungen

»Gute kleine Lachtaube!« rief Clemence gerührt, als Rudolf den Brief vorgelesen hatte. »So einfach schreibt sie und doch so gefühlvoll!« – »Ja,« antwortete Rudolf, »sie hat verdient, was man ihr Gutes erwiesen. Ihr Herz ist wie Gold, und unser Kind hier –« Doch erschrocken über Marienblumen Blässe und Traurigkeit, unterbrach er sich und rief: »Was ist dir?«

»O, wie anders ihr Leben und wie anders meines!« seufzte das Mädchen. »Arbeit und Tugend! Ehre und Glück! Diese vier Worte sagen, was ihr Leben gewesen und was es bleiben wird. Als Mädchen tugendhaft und fleißig, als Frau geliebt und geehrt, als Mutter glücklich – das ist ihr Los, während ich –«

»Lieber Gott, was redest du da?« – »O, verzeihen Sie mir, lieber Vater! Bezichtigen Sie mich nicht des Undanks! Doch was hilft all Ihre unerschöpfliche Zärtlichkeit, was meiner zweiten Mutter Liebe, was all der Glanz um mich her – meine Schande ist doch nicht auszumerzen. Selbst Ihre Fürstenmacht kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Nochmals, verzeihen Sie mir, mein Vater! Ich verschwieg es Ihnen bisher, aber die Erinnerung an mein Dirnentum bringt mich zur Verzweiflung und wird mich töten!«

»Clemence, höre!« rief Rudolf, verzweifelnd. – »Unglückliches Kind!« sagte Clemence und preßte des Mädchens Hände in den ihren, »unsere Zärtlichkeit, die verdiente Liebe aller um Sie her beweisen Ihnen doch, daß die Vergangenheit für Sie nur ein böser, leerer Traum gewesen sein soll! – »O, welch bitteres Verhängnis!« rief Rudolf. »Wie verwünsche ich jetzt meine Zurückhaltung, die mich schweigen ließ! Nur zu lange wuchert schon der unglückliche Gedanke in ihrer Seele, nun ist es zu spät, den beklagenswerten Wahn zu bekämpfen. O, wie unglücklich macht mich das!«

»Mut, mein Gemahl!« sagte Clemence, »du sagtest selber, es sei gut, daß wir nun den Feind kennen, gegen den wir uns zu wenden haben. Wir wissen jetzt, weshalb unser liebes Kind so schwermütig ist, und wir werden ihren Gram besiegen, denn wir haben Vernunft, Gerechtigkeit und Liebe auf unserer Seite.«

Marienblume schwieg und schien nach Fassung zu ringen. Nach einer Weile nahm sie Rudolf bei der einen, Clemence bei der andern Hand und sprach im Tone tiefer Ergriffenheit: »Hören Sie mich, mein lieber Vater, und Sie, meine gute Mutter! Es ist ein feierlicher Tag der Entscheidung. Gott hat nicht gewollt, daß ich Ihnen noch länger verhehlen soll, was ich im Herzen empfinde. Doch auch ohnedies hätte ich Ihnen bald gestehen müssen, was mich quält, denn ich hätte es nicht länger für mich behalten können –« – »O, ich begreife alles,« rief Rudolf voll Schmerz, »nun ist jede Hoffnung verloren!« – »Meine Hoffnung beruht auf der Zukunft, mein Vater,« antwortete Marienblume, »und diese Hoffnung leiht mir Kraft, jetzt so zu Ihnen zu sprechen.«

»Und was kannst du von der Zukunft erwarten, armes Kind, da die Gegenwart nur Schmerz und Trübsal für dich hat?« – »Das will ich Ihnen sagen, lieber Vater. Doch zuvor erlauben Sie mir, Ihnen vor Gott, der mich hört, zu gestehen, was mein Herz bewegt.« – »Sprich, sprich, wir hören,« sagte Rudolf, indem er sich mit Clemence zu Marienblume setzte.

»Solange ich in Paris war, bei Ihnen, mein Vater,« begann Marienblume, »war ich glücklich, so glücklich, daß mich diese schönen Tage durch jahrelanges Leid nicht zu teuer erkauft dünkten. Sie sehen, ich habe da wenigstens kennen gelernt, was es heißt, glücklich zu sein.« – »Nur auf einige Tage?« – »Doch dafür war das Glück ungetrübt. Sie widmeten sich mir mit zärtlichster Liebe, und ich gab meiner Dankbarkeit und Neigung rückhaltlos Raum. Die Zukunft war für mich wie ein Zauber: ich sollte einen Vater haben, den ich anbeten konnte, eine Mutter, die ich doppelt lieben konnte, da ich die erste nie gekannt. Und dann war ich so stolz darauf, Ihr Kind zu sein! Als die, die in Paris Ihre Umgebung bildeten, mich Hoheit nannten, schmeichelte mir dieser Titel. Wenn ich damals einmal der Vergangenheit gedachte, so sprach ich zu mir selbst: Ich, die einst so niedrig stand, so tief gesunken war, ich lebe jetzt in Glanz und Pracht ein königliches Dasein. Das Glück kam mir eben zu überraschend. Ihre Macht wob einen solchen Glanz um mich her, daß man mir wohl nicht verübeln darf, wenn ich mich blenden ließ.«

»Nicht verübeln? Das war ja doch ganz natürlich, armes Kind. Es war nicht unrecht, auf einen Rang stolz zu sein, der dir zukam, dich zu freuen über die Vorzüge des Standes, zu dem ich dich wieder erhoben. Ach, ich erinnere mich gar wohl! Damals warst du von Herzen froh und fielst mir oft, überwältigt von Glück, an die Brust und riefst in einem Tone, wie ich ihn seither nicht mehr von dir vernommen: O, Vater, zuviel, zuviel des Glücks! Leider dachte ich stets nur daran, wie glücklich du damals gewesen, und habe mich dann über die späteren traurigen Stimmungen nicht weiter beunruhigt.«

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