Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Was ich in diesem Augenblick empfand, werde ich nie in Worte kleiden können. Alles, was mir meine greise Tante von der unendlichen Herzensgüte Amaliens gesagt hatte, kam mir wieder in die Gedanken. O, lächle nur, Freund! Als ich das wunderliebliche Mädchen so träumerisch und nachdenklich, ja fast traurig in dieser glänzenden Umgebung sah an der Seite ihres hervorragenden Vaters, mit aller Liebe umgeben, ja man könnte sagen, vergöttert von ihm, da, lieber Freund, wahrhaftig, da war es mir, wie wenn ich weinen müßte ...
Ich habe es Dir schon immer gesagt, Max, meiner Meinung nach ist der Mensch unvermögend, vollständiges Glück zu genießen: seine geistige Fähigkeit ist zu eng bemessen, über ein gewisses Maß reicht seine Fassungsgabe dafür eben nicht aus. Aber aus demselben Grunde meine ich auch, daß es vereinzelte über dieses Durchschnittsvermögen hinaus begabte Individuen gibt, die es zuweilen mit schmerzlicher Bitterkeit empfinden mögen, wie allein und vereinsamt sie hier auf Erden stehen, und die dann das höhere Maß ihres Gemütslebens beklagen, weil es sie eben gar vielen Täuschungen und seltsamen Friktionen aussetzt, für die alle Durchschnittsnaturen gar kein Verständnis haben.
Mir kam es in jenem Augenblicke so vor, als stehe Prinzessin Amalie unter der deprimierenden Empfindung solches Bewußtseins. Ganz unvermutet ... ich glaube, durch einen wunderlichen Zufall veranlaßt, wendete sie die Augen nach der Seite hin, wo ich stand ...
Am vierten Tage, früh.
Du kennst die strenge Etikette am großherzoglichen Hofe, weißt, wie scharf die Rangunterschiede bei uns gezogen werden. Mein Titel und meine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Großherzoge berechtigten mich – während sich die mich im ersten halben Stündchen umgebenden Persönlichkeiten zurückgezogen hatten – zum Verweilen ... so daß ich fast allein, und in auffälliger Weise sichtbar, vor dem Eingange der Galerie stand ...
Auf diese Weise erklärt es sich, daß mich die aus ihrem Sinnen erwachende Prinzessin sehen mußte ... Und daß sie mich sah, entging mir auch nicht, ja ich meinte wahrzunehmen, daß sie eine leichte Bewegung, wie wenn sie überrascht sei, machte und sogar errötete.
Bei meiner Tante hatte sie, wie ich Dir erzählte, mein Bildnis gesehen, und mich wiedererkannt. Nichts ist einfacher als das ... Kaum eine Sekunde lang hat sie mich angesehen, aber dieser einzige jähe Blick zündete bei mir wie ein elektrischer Funken ... Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoß. Ich senkte die Blicke zu Boden, blieb ein paar Minuten lang stehen, ohne daß ich es wagte, zu der holden Erscheinung aufzusehen. Und als ich es endlich wieder wagte, war sie in eine Unterhaltung mit der Erzherzogin Sophie vertieft, die ihr mit der wohlwollendsten Teilnahme zuzuhören schien.
Liszt machte in seinem Spiele eine Pause von ein paar Minuten. Er sollte drei Piècen spielen. Die kurze Unterbrechung nahm der Großherzog wahr, ihm auf die liebenswürdigste Weise seinen Beifall auszudrücken.
Als er auf seinen Platz zurücktrat, sah er mich, nickte mir huldreich zu und sagte, auf mich zeigend, ein paar Worte zu der Erzherzogin, die mich nun auch ansah und dann ihrerseits ein paar Worte zu dem Großherzoge sagte, der sich, wie ich deutlich zu sehen meinte, eines Lächelns nicht enthalten konnte, dann ihr antwortete und ein paar Worte an die Prinzessin richtete. Mir kam es so vor, als ob sie sich verlegen oder doch beklommen fühlte, ja als ob sich wieder eine leichte Röte über ihre Wangen schliche ...
Ich kam mir vor wie auf der Folter. Es war mir im höchsten Grade zuwider, daß mir die Etikette wehrte, vor Beendigung des Konzertes den Platz, den ich inne hatte, zu wechseln. Zum Glück begann Liszt sein Spiel wieder. Ein paarmal sah ich noch verstohlen zu der Prinzessin hinüber, die mir nachdenklich und, wie ich nicht anders sagen kann, fast verstimmt vorkam. Mir schnürte diese Beobachtung das Herz zusammen. Ich meinte nicht anders, als daß ich die Ursache zu der Mißstimmung, die sie fühlte, sei. Irgendwelche Schuld daran traf mich freilich nicht, denn ich hatte mir meinen Platz doch nicht selbst aufgesucht ... aber ich glaubte, die Ursache zu dieser Verstimmung zu erraten ...
Wahrscheinliche hatte der Großherzog sie gefragt, ob sie mich nach jenem Porträt »des Vetters aus alter Zeit« wiedererkenne, ob sie eine gewisse Aehnlichkeit zwischen Bild und Original noch fände ... vielleicht machte sie sich in ihrer Harmlosigkeit einen Vorwurf darüber, mich nicht gleich erkannt und selbst darauf hingewiesen zu haben, daß dies der Fall sei.
Endlich war das Liszt-Konzert vorbei. Ich folgte dem Adjutanten. Er geleitete mich zum Großherzoge, der so liebenswürdig war, mir ein paar Schritte entgegenzukommen, mich huldvoll bei der Hand nahm und zu der Erzherzogin Sophie führte ...
»Sie erlauben wohl, gnädige Hoheit, daß ich Ihnen meinen Vetter, den Prinzen Heinrich von Herkausen-Oldenzaal, vorstelle?«
»Ich meine, den Prinzen schon in Wien gesehen zu haben,« erwiderte die Erzherzogin, »und ihn wiederzusehen, bereitet mir aufrichtige Freude.«
Darauf wandte der Großherzog sich zu seiner Tochter ... »Liebe Amalie,« sagte er, »du mußt nun auch unsern lieben Prinzen Heinrich kennen lernen, den Sohn des Prinzen Paul, meines liebsten Freundes, der zu meinem Leidwesen heute von Gerolstein fern sein muß.«
»Sie lassen Ihren Herrn Vater wohl wissen,« setzte meine Cousine liebenswürdig hinzu, »daß auch ich es lebhaft beklage, ihn zu meinem Ehrentage nicht in meines gütigen Vaters Nähe zu sehen.«
Nie zuvor hatte ich den süßen Klang ihrer Stimme gehört ... Stelle Dir vor, Freund, Du hörtest einen jener harmonischen Herzensakkorde, die alle Fibern einer Menschenseele erzittern machen! ... Aber was für triviale Redensarten schreibe ich da! Du siehst, wie machtlos meine Feder ist, zu Papiere zu bringen, was ich empfunden habe!
Am vierten Tage, mittags.
Es war mir nicht möglich, Freund, Dir weiter zu schreiben. Meine Empfindungen stürmten so wild in der Brust, daß es mich hinaustrieb, mir im Freien Ablenkung zu suchen.
Der Großherzog richtete wieder das Wort an mich.
»Lieber Heinrich,« sagte er, »hoffentlich verweilen Sie einige Zeit bei Ihrer Tante, die ich – ich brauche es Ihnen wohl nicht erst zu sagen – verehre und liebe wie eine Mutter ... Kommen Sie morgen, wenn wir den Empfangstag mit seiner Förmlichkeit hinter uns haben, zu uns aufs Schloß! Verkehren Sie ganz bei uns wie in der Familie. Machen Sie mit uns Ausfahrten, gehen Sie mit uns spazieren, essen Sie bei uns ... Sie wissen ja doch, lieber Heinrich, daß Ihnen meine Wertschätzung immer gehört hat, daß ich in Ihnen eines unserer tüchtigsten Familienmitglieder erblicke.«
»Königliche Hoheit, ich weiß wirklich nicht, wie ich für all dieses Wohlwollen mich dankbar erweisen soll.«
»Das können Sie leicht haben, lieber Heinrich!« erwiderte der Großherzog, und ich meinte, einen schelmischen Zug in sein Gesicht treten zu sehen ... »bitten Sie Ihre Cousine um die zweite Quadrille ... Die erste gehört von Rechts wegen dem Erzherzoge.«
Ich trat zur Prinzessin Amalie, verneigte mich tief und fragte, beklommenen Herzens – wie ich Dir mit heiligem Ernste versichere, lieber Freund:
»Darf ich gnädige Hoheit bitten, mir solche Gunst zu gewähren?«
»Aber, Kinder,« rief der Großherzog launig, »tituliert euch doch nach alter deutscher Sitte einfach Vetter und Base! Solch steifes Zeremoniell schickt sich doch nicht unter engen Verwandten!«
»Nun, liebe Base,« fragte ich noch einmal, »darf ich auf die zweite Quadrille rechnen?«
»Mit Vergnügen tanze ich sie mit Dir, Vetter!« antwortete Amalie.
Am fünften Tage, morgens.
Ich kann Dir wirklich nicht sagen, wie glücklich mich die väterliche Zuneigung des Großherzogs macht ... wie wohl es mich berührt hat, als er mich aufforderte, die strengen Formeln der Etikette beiseite zu setzen und mich als Familienmitglied ungezwungen zu bewegen ... Eine innige Dankbarkeit erfüllt mich. Aber um so ernstere Vorwürfe mache ich mir, daß ich Liebe zu der Prinzessin fühle, denn ich verhehle mir nicht, daß hierdurch ernste Verwickelungen für uns entstehen können ... kann doch der Großherzog sie unter keinen Umständen billigen!