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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Mein Wagen hatte am Eingange der zum Palaste führenden Allee gehalten. Ich bog mich aus dem Schlage, in der Absicht, dem Kutscher zuzurufen, daß er umkehren solle, als mich Baron von Keller erblickte, der mit seiner Gemahlin auch zu Hofe fuhr und auch halten ließ ...

»Mein Prinz, kann ich Ihnen irgendwie gefällig sein?« fragte der Baron diensteifrig, »ist mit Ihrem Wagen was passiert? Steigen Sie doch mit zu uns ein! Sie wollen doch ebenfalls nach dem Schlosse?«

Es wäre doch leicht gewesen, irgend eine Ausrede zu ersinnen; aber – war es Mangel an Willensstärke oder der heimliche Wunsch, mich von dem gefaßten Entschlusse frei zu machen? Kurz, ich erwiderte ziemlich betreten, daß ich meinen Kutscher erst habe Erkundigung einziehen lassen wollen, ob durch den neuen Pavillon oder durch den Marmorhof gefahren werden solle ...

»Ei, durch den Marmorhof, Prinz,« antwortete der Baron, »ist doch heute großer Empfangstag! Sagen Sie doch Ihrem Kutscher, er solle hinter mir herfahren: ich werde Ihnen den Weg zeigen.«

Ich glaube, Max, Du weißt, daß ich an Vorbestimmungen glaube ... Nachdem mir etwas in den Weg gekommen war, meinte ich, das Schicksal wolle nicht, daß ich in die Abtei zurückkehre, mir all das geahnte Herzeleid zu ersparen, und so überließ ich mich meinem Sterne ... Du kennst wohl das großherzogliche Palais nicht? Es wird vielfach behauptet von Leuten, die alle Hauptstädte Europas gesehen haben, daß, Versailles ausgenommen, keine fürstliche Residenz als Ganzes genommen einen so majestätischen Eindruck wecke, wie sie ...

Wenn ich mich hier bei mancherlei Einzelheiten aufhalte, so liegt der Grund lediglich darin, daß ich mich jetzt wieder all der Herrlichkeit erinnere, wobei ich mich freilich auch wieder frage, wie sie mich nicht auf der Stelle an meine Nichtigkeit habe erinnern können: war ja doch die Prinzessin Amalie die Tochter des reichen Fürsten, dem all diese Schätze zu eigen gehörten!

Am vierten Tage, morgens.

Der Marmorhof ist im weiten Halbkreise gebaut und heißt darum so, weil er mit Ausnahme eines breiten Granitweges, auf dem die Wagen zu- und abfahren, ganz mit Marmorplatten aller erdenklichen Farben und Muster belegt ist, die die prächtigsten Mosaiken bilden. In seiner Mitte hat er ein mächtiges Breccia-Bassin, in das aus einer großen Porphyrvase unaufhörlich mächtige Wasserströme herniederstürzen. Der »Marmorhof« benamste Ehrenhof ist kreisförmig mit einer Reihe weißer Marmorstatuen umgeben, die vergoldete Fackeln tragen, aus denen abends blendendes Gaslicht flammt und mit denen medizäische Vasen auf reichgearbeiteten Sockeln abwechseln, aus denen sich mächtige Lorbeerrosen erheben, deren dunkles Laub in der hellen Beleuchtung metallischen Grüns erglänzt ...

Die Wagen hielten am Fuße einer doppelten Terrasse mit Balustraden, die zu der Vorhalle des Palais führt. Am Fuße derselben hielten Reiter vom Garderegimente des Großherzogs, der, wie Du ja weißt, seine Garden unter den größten und schönsten Unteroffizieren seines Kontingents auswählt. Oben vor der Vorhalle, an jeder Seite des Eingangs, standen zwei Grenadiere, zu dem großherzoglichen Garde-Infanterie-Regimente gehörig, bis auf die Farbe des Rockes und der Aufschläge, wie mir gesagt wurde, ganz in der Uniform der Grenadiere Napoleons. In der Vorhalle waren Schweizer in glänzenden Livreen mit ihren Hellebarden postiert. Ich stieg eine prächtige Treppe aus weißem Marmor hinauf, die zu einem von Jaspissäulen getragenen Portikus führte, über den sich eine mit Malereien und Vergoldungen geschmückte Kuppel erhob. Hier stand in zwei langen Reihen die Dienerschaft versammelt.

Ich trat nun in den Garden-Saal, an dessen Tür sich ein Kammerherr und ein Adjutant Seiner Hoheit aufhielten, um die zur persönlichen Vorstellung bestellten Personen zu dem Großherzoge zu führen. Meine Verwandtschaft mit dem großherzoglichen Hause – wenn sie auch ziemlich entfernten Grades war – verschaffte mir diese Ehre; – ein Adjutant schritt mit mir durch eine lange Galerie, die von Kavalieren in Hoftracht und ihren Damen angefüllt war.

Langsam passierte ich diese glänzende Versammlung. Ein paar Worte drangen zu meinen Ohren, die meine Bewegung noch vermehrten. Von allen Seiten erklangen Worte der Bewunderung über die engelhafte Schönheit der Prinzessin Amalie, über die beispiellose Liebenswürdigkeit der Marquise von Harville, über das wahrhaft kaiserliche Aussehen der Erzherzogin Sophie, die mit dem Erzherzoge Stanislaus von München gekommen war und bald wieder nach Warschau weiter zu reisen gesonnen war. Bei aller Gerechtigkeit, die man den beiden Damen zuteil werden ließ und zuteil werden lassen mußte – herrschte nur eine Stimme über den wahrhaft idealen Liebreiz der Prinzessin Amalie, die aller Herzen mit wahrer Zaubergewalt gefangen nahm!

Je mehr ich mich dem Platze näherte, wo der Großherzog mit seiner Tochter weilte, desto heftiger schlug mir das Herz. Als ich in die Salontür trat, – ich vergaß Dir zu sagen, daß Hofkonzert und Ball war – fing Liszt eben an zu spielen, und alles noch so leise Geflüster verstummte jäh. Wartend, bis der berühmte Künstler zu Ende gespielt, verweilte ich an der Türnische.

Von hier aus, Max! sah ich zum ersten Male die Prinzessin Amalie. Einen Moment gestatte mir, diesen Moment zu schildern! Ein unwiderstehlicher Reiz verknüpft sich mir mit dieser Erinnerung ... und ich kann nicht anders, als mich darein zu versenken ...

Stelle Dir einen großen, mit königlicher Pracht möblierten Salon vor, mit reichen, roten Seidentapeten ausgeschlagen, über die eine breite, goldne Guirlande hinläuft ... alles von blendenden Lichtmengen erhellt. In der ersten Reihe auf hohen, reich vergoldeten Armsesseln saßen die Erzherzogin Sophie, neben ihr der Fürst, die Honneurs des Hauses machend; links von ihr die Marquise von Harville, und rechts von dem Fürsten die Prinzessin Amalie. Per Großherzog trug die Obersten-Uniform seiner Garde. Das Glück, sein Kind wiedergefunden zu haben, wie auch die Gegenwart der Marquise, der Geliebten seines Herzens, schien ihn so zu verjüngen, daß er nicht älter als dreißig Jahre zu sein schien. Die Uniform hob die Eleganz seiner Gestalt und die Vornehmheit seiner Gesichtszüge kräftig hervor. Neben ihm stand, in Feldmarschallsuniform, Erzherzog Stanislaus. Dann folgten die Ehrendamen der Prinzessin Amalie, die Gemahlinnen der Großwürdenträger, zuletzt diese selbst.

Soll ich Dir aber- und abermals wiederholen, daß die Prinzessin Amalie nicht sowohl durch den hohen Rang, den sie bekleidete, hervorstach als durch die unbeschreibliche physische Schönheit, mit der sie diese gesamte glanzvolle Umgebung überstrahlte? ... Verdamme mich nicht, lieber Freund, sondern lies erst, was ich Dir hier mitteile. Meine Schilderung steht klaftertief unter der Wirklichkeit, und doch wird es Dich nicht verwundern, daß ich die Prinzessin anbetete, daß ich, kaum daß ich sie gesehen, in Liebe zu ihr entbrannte, und daß der Glut und dem elementaren Ausbruch meiner Leidenschaft nur die Heftigkeit und die ewige Dauer gleichkommen ...

Die Prinzessin erschien in einer schlichten Robe aus weißer Seide, geschmückt wie die Erzherzogin Sophie mit dem großen Bande des Sankt-Nepomukordens, das ihr von der Kaiserin von Rußland verliehen worden war. Ein kostbares Perlendiadem umgab die schöne und edle Stirn, wunderbar zu den breiten blonden Haarflechten stimmend, die ihre leicht geröteten Wangen umrahmten. Die schlohweißen Arme, weißer fast als die sie einhüllenden Spitzen, guckten aus Halbhandschuhen hervor, die bis an den mit schelmischen Grübchen wunderlieb gezierten Ellbogen heranreichten. Aber etwas Herrlicheres als ihren in einem weißen Atlasschuh steckenden Elfenfuß hätte sich schwerlich jemand denken können.

In dem Moment, da ich sie sah, blickten ihre schönen blauen Augen wie träumerisch – ich weiß nicht, ob infolge irgend welches ernsten Gedankens, der sie erfüllte, oder unter der Einwirkung der elegischen Musik, die der Künstler vortrug ... aber ihr leichtes Lächeln schien mir unaussprechlich sanft und zum Herzen zu gehen ... Sie hielt den Kopf leicht geneigt, während sie ein Sträußchen weißer Nelken und Rosen, das sie in der Hand hielt, entblätterte.

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