Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Ich versichere Ihnen, lieber Vater, es ist nicht von Belang. Die liebe Gräfin hat um meine Teilnahme für ein armes Mädchen geworben – und ihre Erzählung hat mich tief gerührt.« – »Ist's wirklich nichts weiter?« – »Weiter nichts,« sagte Marienblume und nahm das Bouquet, das Rudolf hastig aus der Hand gelegt hatte. »Welch prächtiger Strauß! Und wenn ich bedenke, daß Sie mir jeden Tag einen bringen – einen selbstgepflückten!« – »Liebes Kind!« sagte Rudolf, ängstlich seine Tochter betrachtend, »du verheimlichst mir etwas. Du lächelst so traurig und gezwungen. Sage mir doch, was dich bedrückt. Laß die Blumen jetzt!«
»O, Sie wissen, ich habe die Rosen von jeher gern gehabt. Sie erinnern sich doch noch,« setzte sie mit schmerzlichem Lächeln hinzu, »des armen, kleinen Rosenstocks, von dem ich die Stücke immer aufbewahrt habe –?« – Bei dieser Erinnerung an die Vergangenheit rief Rudolf: »Unglückliches Kind! Mein Argwohn trifft also zu. Ach, und ich hatte gehofft, du würdest sie über meiner väterlichen Liebe vergessen können.«
»Verzeihen Sie mir, lieber Vater – diese Worte sind mir wider Willen entschlüpft – ich bereite Ihnen Kummer.« – »Nein, armer Engel; doch diese Rückblicke müssen fürchterlich sein. Sie werden dein Leben vergiften, wenn du dich ihnen nicht entreißest.« – »Mein Vater, es geschah durch Zufall – seit wir hier sind, war's das erste Mal –«
»Es ist das erste Mal, daß du mit mir darüber sprichst – aber wohl nicht das erste Mal, daß du daran denkst. Schon längst war mir deine traurige Stimmung aufgefallen, und oft schrieb ich es der Vergangenheit zu. Aber da ich nicht genau wußte, weshalb du betrübt seiest, so konnte ich mich nicht dazu entschließen, von selbst das Gespräch auf diese böse Zeit zu bringen, den vernichtenden Einfluß dieser Erinnerungen zu bekämpfen, dir zu beweisen, wie unbillig es ist, wenn du ihnen Gewalt über dich einräumst. Hätte deine Betrübtheit einen andern Grund gehabt, so fürchtete ich eben, in dir die Gedanken erst zu erwecken, die ich verscheucht sehen wollte. So befand ich mich in schwieriger Lage dir gegenüber. Wenn ich auch kein Wort zu dir sprach, so beschäftigte ich mich stets mit den Dingen, die dich bedrücken mochten. Durch die Eheschließung, die all mein Wünschen erfüllte, glaubte ich deinem Seelenfrieden einen festen Halt zu verleihen. Ich meinte, wenn deine Gedanken bei dem Umgang mit der Frau, die dich in deinem Unglück kannte und mütterlich liebte, etwa doch zu deiner Vergangenheit zurückkehren sollten, so würdest du selber in dem Glauben leben, das Vergangene sei durch deine Leiden hinreichend gesühnt, und gerecht gegen dich sein. Wenn doch meine Frau, die infolge ihrer vorzüglichen Eigenschaften die Achtung aller genießt, dich als Tochter, ja als Schwester liebt, so muß dich das völlig beruhigen. Sagt dir diese Liebe nicht, daß du ein Opfer des Unglücks und keine Sünderin warst, und daß du für das Elend, das dich von der Geburt an verfolgte, nicht zur Verantwortung zu ziehen bist? Und hättest du auch gefrevelt, wäre nicht alles tausendfach abgebüßt durch das Gute, das du getan hast?«
»Lieber Vater – !« – »Bitte, laß mich dir all meine Gedanken mitteilen, da einmal ein glücklicher Zufall das Gespräch auf diesen Gegenstand gelenkt hat. Lange schon wollte ich davon sprechen, nur fand ich das Herz nicht dazu. Möge es nun wenigstens von heilsamem Einfluß sein. Ich habe an dir eine so heilige Aufgabe zu erfüllen, ich habe dich für soviel erlittnen Jammer zu entschädigen, daß ich sogar meine Liebe zu Frau von Harville, meine Freundschaft zu Murph bezwungen hätte, wenn ich hätte glauben müssen, ihre Anwesenheit würde dich zu schmerzlich an die Vergangenheit mahnen.«
»Wie können Sie das glauben, lieber Vater? Die Anwesenheit dieser guten Menschen, die wissen, was ich war, und mich dennoch lieben, bildet ja gerade ein deutliches Zeichen des Vergessens und Verzeihens. Wie können Sie nur von einer Aufgabe mir gegenüber, von Opfern um meinetwillen sprechen?« – »Kind, bis zu dem Augenblick, wo du mir zurückgegeben wurdest, war dein ganzes Leben nichts als Jammer, Schmerz und Not, und alles, was du zu erdulden hattest, werfe ich mir selber vor, als hätte ich's verschuldet. Mein einziger Wunsch ist daher, dich so glücklich zu machen, wie du unglücklich warst, dich so zu erheben, wie du erniedrigt worden, und ich glaube, die letzten Spuren der Vergangenheit sollten ausgemerzt sein, wenn du siehst, daß dir die ehrenhaftesten, vorzüglichsten Personen die Ehrerbietung bezeigen, die dir zukommt –«
»Mir zukommt? O, nein, mein Vater, nicht mir, sondern nur dem Range, oder vielmehr dem, der ihn mir wiedergegeben –« – »Nicht um deines Ranges willen achtet man dich, sondern um deiner selbst willen. Es gibt Huldigungen, die dem Stande, aber auch andere, die der Anmut und Schönheit gebracht werden. Du kannst darin nur deshalb nicht unterscheiden, weil du dich selbst nicht kennst und nicht weißt, wieviel natürlichen Geist und Takt du besitzest – Eigenschaften, die mich stolz auf dich machen. Du findest dich in diese dir so neuen und schweren Formen des Zeremoniells mit einer Würde und Schlichtheit, die dir die Wertschätzung der hochmütigsten Standespersonen erworben hat.«
»Man liebt Sie so sehr, Vater, daß man mir Achtung entgegenbringt, nur um Ihnen zu gefallen –« – »Keinesfalls, mein Kind,« antwortete der Fürst. »Ich wiederhole, du weißt selber nicht, welche göttlichen Eigenschaften du hast. In fünfzehn Monaten war deine Erziehung soweit beendet, daß selbst die gewissenhafteste Mutter entzückt von dir sein mühte. Du gehörst in der Tat zu den wenigen auserlesenen Charakteren, die geboren sind, eine Königin darin zu unterweisen, wodurch Liebe und Verehrung zu erwerben sind, wie man verlassene, entwürdigte Geschöpfe glücklich macht und sich ihre Hingebung und Anbetung gewinnt.«
»O, Vater, haben Sie Mitleid mit mir –« – »Zu lange schon,« versetzte der Fürst, »drängt es mich, dir das zu sagen. Laß mich hinzufügen, daß auch Clemence das gleiche oft geäußert hat. Mit Tränen in den Augen hat sie mehrmals schon zu mir gesagt: Wie wunderbar, daß dieses liebe Kind nach all dem Elend, daß sie durchgemacht hat, noch geblieben, was sie ist, daß das Unglück diese edle Natur nicht gebrochen, sondern vielmehr alle ihre herrlichen Eigenschaften und Vorzüge zur vollen Blüte gebracht hat.«
Bei diesen Worten des Fürsten öffnete sich die Tür, und Clemence, Großherzogin von Gerolstein, trat mit einem Briefe in der Hand herein. »Mein Gemahl,« sagte sie zu Rudolf, »hier ist ein Brief für dich aus Frankreich. Ich bringe ihn dir selber, weil ich mein bequemes Kind heute morgen noch gar nicht zu sehen bekommen habe. Da muß ich mich selbst zu ihr verfügen,« und Clemence schloß Marienblume zärtlich in die Arme. »Der Brief kommt zur rechten Zeit,« sagte der Fürst heiter, nachdem er ihn rasch gelesen. »Wir sprachen eben beide von der Vergangenheit, von diesem Drachen, liebe Clemence. Daher diese Anwandlungen von Schwermut! Doch von wem ist der Brief?« – »Von der guten Lachtaube – der Frau Germains.«
»Von Lachtaube?« rief Marienblume. »O, wie freut es mich, wieder einmal von ihr zu hören!« – »Lieber Freund,« flüsterte Clemence dem Herzog zu, »fürchtest du nicht, daß dieser Brief schmerzliche Erinnerungen in ihr wachrufen könnte?« – »Gerade diese Erinnerungen will ich zunichte machen, und der Brief Lachtaubens gibt mir eine herrliche Waffe dagegen in die Hand; denn dieses seelensgute Weib betete ja stets unser Kind an.« Und mit lauter Stimme las Rudolf:
»Meierei von Bouqueval, 15. August 1841.
Gnädigster Herr!
Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu schreiben, weil ich Ihnen ein großes Glück mitzuteilen habe, das uns beschert wurde, und weil ich Sie, dem wir schon so viel verdanken, um eine Gunst bitten möchte. Seit zehn Tagen bin ich Mutter eines kleinen Engels, einer Tochter, die meinem Germain wie aus den Augen geschnitzt ist. Er freilich meint, sie sähe nur mir ähnlich, und unsere gute Mutter Georges sagt, sie hätte von uns beiden etwas. Uebrigens müssen Ihnen die Ohren tüchtig klingen, denn es vergeht kein Tag, wo wir beide uns nicht anschauen und sagen: Sind wir nicht glücklich? Leben wir nicht im Paradies? Und dann kommt natürlich Ihr Name auf unsere Lippen – verzeihen Sie, daß ich hier was durchstreiche, aber, ich habe aus Versehen »Herr Rudolf« geschrieben, wie ich Sie früher nannte, und das kann ich doch nicht stehen lassen. Nun, also, gnädigster Herr, unsere Bitte lautet: Wählen Sie doch einen Namen für unser Kind. So haben wir es mit den Paten ausgemacht. Und wissen Sie, wer Pate ist? Der Steinschneider Morel und seine Tochter Luise, auch zwei, die Ihnen ihr Glück verdanken. Morel hat mit dem Gelde, das Sie ihm gegeben, einen Handel mit Edelsteinen angefangen. Das Geschäft geht so gut, daß er seine Familie gut ernähren und alle seine Kinder etwas Ordentliches lernen lassen kann. Luise soll einen ehrlichen, arbeitsamen Handwerker heiraten, der Herz genug hat einzusehen, daß sie an ihrem Unglück unschuldig gewesen.