Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Rostow wohnte wie früher mit Denissow zusammen, und das Band der Freundschaft, das sie seit ihrer Urlaubszeit verknüpft hatte, war noch fester geworden. Denissow sprach nie von Rostows Familienangehörigen, aber Rostow fühlte aus der zärtlichen Freundschaft, die der Vorgesetzte seinem jungen Kameraden entgegenbrachte, daß die unglückliche Liebe des alten Husaren zu Natascha an dieser starken Zuneigung teilhatte. Denissow bemühte sich sichtlich, Rostow so selten wie möglich einer Gefahr auszusetzen, hütete ihn und war nach einem Treffen immer ganz besonders froh, ihn heil und unversehrt zu sehen.
Als Rostow einmal dazu kommandiert war, in einem verlassenen, zerstörten Dorf nach Proviant zu suchen, fand er dort einen alten Polen mit seiner Tochter, die einen Säugling an der Brust trug. Sie waren nackt und hungrig, konnten nicht mehr laufen und hatten keine Mittel gehabt, fortzufahren. Rostow nahm sie mit ins Lager, brachte sie in seinem Quartier unter und sorgte ein paar Wochen lang für sie, bis der Alte sich wieder etwas erholt hatte. Ein Kamerad Rostows machte sich, als die Rede einmal auf die Frauen kam, über Rostow lustig und sagte, er sei gewiefter als alle anderen, es wäre aber kein Fehler, wenn er auch die Kameraden einmal mit der von ihm geretteten Polin bekannt machen wollte. Rostow faßte diesen Scherz als Beleidigung auf, wurde dunkelrot und sagte dem Offizier so unangenehme Sachen, daß Denissow die beiden nur mit Mühe von einem Duell zurückhalten konnte. Als der Offizier hinausgegangen war und Denissow, der ja von Beziehungen Rostows zu der Polin nichts wußte, diesem wegen seines auffahrenden Benehmens Vorwürfe machte, sagte Rostow zu ihm: »Sage, was du willst … Sie ist mir wie eine Schwester, und ich kann dir gar nicht beschreiben, wie beleidigend es für mich war … weil … nun, eben deshalb …«
Denissow klopfte ihm auf die Schulter und fing an, hastig im Zimmer auf und ab zu gehen, ohne Rostow dabei anzusehen, wie er zu tun pflegte, wenn er sich in seelischer Aufregung befand.
»Närrische Käuze seid ihr Rostows doch«, brummte er, und Rostow bemerkte, daß in Denissows Augen Tränen standen.
16
Im April brachte die Nachricht von der Ankunft des Kaisers bei der Armee neues Leben in die Truppen. Leider glückte es Rostow nicht, zu der Besichtigung, die der Kaiser abhielt, nach Bartenstein zu kommen, weil die Pawlograder auf Vorposten weit vor Bartenstein standen.
Sie hatten dort ein Biwak aufgeschlagen. Denissow und Rostow wohnten in einer mit Reisig und Rasen gedeckten Erdhütte, die die Soldaten für sie gegraben hatten. Diese Erdhütten wurden damals, wie es eben Mode geworden war, folgendermaßen gebaut: man grub einen Graben von etwa einem Meter Breite, anderthalb Meter Tiefe und zweieinhalb Meter Länge. An dem einen Ende des Grabens wurden Stufen angebracht, das war der Eingang, die Freitreppe, der Graben selber bildete das Zimmer, wo bei den vom Schicksal Begünstigten, wie beim Eskadronchef zum Beispiel, in der äußersten, den Stufen entgegengesetzten Ecke auf Pfosten ein Brett lag, das den Tisch vorstellte. Zu beiden Seiten des Grabens war die Erde noch etwa zwei Drittel Meter breit ausgehoben, wodurch zwei Betten oder Sofas entstanden. Das Dach war in der Art darübergedeckt, daß man in der Mitte stehen und auf den Betten sogar sitzen konnte, wenn man ganz an den Tisch heranrückte. Denissow, der die üppigste Wohnung hatte, weil er bei den Soldaten seiner Schwadron allgemein beliebt war, hatte vorn am Dach noch ein Holzbrett, in das eine zerbrochene, aber wieder zusammengekittete Fensterscheibe eingefügt war. Wenn es sehr kalt war, holte man auf einer umgebogenen Eisenplatte etwas Glut aus den Lagerfeuern der Soldaten herbei und legte sie unten neben die Stufen – in das Empfangszimmer, wie Denissow diesen Teil des Unterstandes nannte –, und dann wurde es so warm, daß die Offiziere, von denen immer eine Menge bei Denissow und Rostow zu Besuch waren, in Hemdsärmeln dasitzen konnten.
Im April war Rostow eines Tages Offizier vom Dienst gewesen. Nachdem er die ganze Nacht nicht zum Schlafen gekommen war, kehrte er gegen acht Uhr morgens nach Hause zurück, ließ sich glühende Kohlen bringen, wechselte seine vom Regen völlig durchnäßte Wäsche, betete, trank Tee, erwärmte sich, brachte seine Sachen in seiner Ecke auf dem Tisch in Ordnung, legte sich mit seinem vom Wind und der frischen Luft brennenden Gesicht in Hemdsärmeln auf den Rücken und schob die Arme unter den Kopf. Er dachte mit Vergnügen daran, daß er für seinen letzten Erkundungsritt wohl in den nächsten Tagen befördert werden würde, und wartete nun auf Denissow, der irgendwohin gegangen war. Rostow hätte gern mit ihm gesprochen.
Da hörte man hinter der Baracke die polternde Stimme Denissows, der anscheinend sehr aufgebracht war. Rostow beugte sich nach dem Fenster hinüber, um zu sehen, mit wem er verhandele, und erblickte den Wachtmeister Toptschejenko.
»Ich habe dir doch befohlen, nicht zuzulassen, daß sie diese Wurzeln, dieses Maschazeug fressen!« schrie Denissow. »Und nun sehe ich selber, wie Lasartschuk sie vom Feld hereinschleppt.«
»Ich habe es ihnen verboten, Euer Hochwohlgeboren, aber sie hören ja nicht«, erwiderte der Wachtmeister.
Rostow legte sich wieder auf sein Bett zurück und dachte mit großer Befriedigung: Mag er sich nur jetzt schinden und plagen, ich habe meinen Dienst hinter mir und kann mich nun langlegen. Tadellos! Durch die Wand hindurch hörte er, daß außer dem Wachtmeister noch Lawruschka, der fixe und geriebene Bursche Denissows, sprach. Er erzählte etwas von irgendwelchen Fuhren mit Zwiebäcken und Ochsen, die er gesehen hatte, als er nach Proviant ausgeritten war.
Wieder hörte man hinter der Baracke, diesmal schon etwas weiter weg, Denissows Stimme und das Kommando: »Pferde satteln! Der zweite Zug!«
Wohin geht denn das? dachte Rostow.
Fünf Minuten später trat Denissow in die Hütte, warf sich mit seinen schmutzigen Stiefeln aufs Bett, rauchte grimmig seine Pfeife, kramte alle seine Sachen aus, hängte die Kosakenpeitsche und den Säbel um und wollte wieder hinausgehen. Auf Rostows Frage, wohin er wolle, erwiderte er ärgerlich und unbestimmt, er habe zu tun.
»Gott und der große Zar mögen meine Richter sein«, sagte Denissow beim Hinausgehen, und Rostow körte, wie hinter der Hütte ein paar Pferde durch den schmutzigen Boden stampften. Aber er kümmerte sich weiter nicht darum, in Erfahrung zu bringen, wohin Denissow reite. Nachdem er sich in seiner Ecke ein bißchen erwärmt hatte, schlief er sogleich ein, und kam erst am Abend wieder aus der Hütte heraus. Denissow war noch nicht zurückgekehrt. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, vor einer benachbarten Erdhütte spielten zwei Offiziere mit einem Junker Ringwerfen und pflanzten unter Gelächter »Rettiche« in die lockere, sumpfige Erde. Rostow gesellte sich zu ihnen. Mitten im Spiel sahen die Offiziere plötzlich ein paar Fuhren ankommen, die von etwa fünfzehn Husaren auf mageren Pferden begleitet wurden. Diese von Husaren geleiteten Fuhrwerke fuhren nach den Koppelweiden zu, wo sie sogleich von einer Menge Husaren umringt wurden.
»Na, da hat sich Denissow immer gegrämt«, sagte Rostow, »und nun ist doch Proviant da.«
»Schau, schau«, sagten die Offiziere, »da werden sich aber die Soldaten freuen.«
Etwas hinter den Husaren ritt Denissow, begleitet von zwei Infanterieoffizieren, mit denen er über etwas verhandelte.
Rostow ging ihm entgegen.
»Ich warne Sie, Herr Rittmeister«, sagte der eine von den Offizieren, ein magerer, kleiner Mensch, der sichtlich sehr erzürnt war.
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nichts wieder hergebe«, erwiderte Denissow.
»Das werden Sie zu verantworten haben, Herr Rittmeister, das ist ein Gewaltakt, den eignen Landsleuten die Transporte wegzunehmen! Unsere Soldaten haben seit zwei Tagen nichts gegessen.«