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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Und wie haben wir schon gebeten, Euer Wohlgeboren«, sagte der alte Soldat mit zitterndem Unterkiefer. »Schon heute morgen ist er gestorben. Wir sind doch Menschen und keine Hunde …«

»Sogleich schicke ich jemand, er wird fortgeschafft, er wird fortgeschafft«, sagte der Sanitätsunteroffizier hastig. »Darf ich bitten, Euer Wohlgeboren?«

»Gehen wir, gehen wir«, erwiderte Rostow eilig, senkte die Augen und bückte sich, bemüht, möglichst unbemerkt durch die Reihen der vorwurfsvoll und neidisch blickenden Augen, die auf ihn gerichtet waren, hindurchzukommen, und verließ das Zimmer.

18

Nachdem sie den Korridor durchschritten hatten, führte der Sanitätsunteroffizier Rostow in die Offiziersabteilung, die aus drei durch offene Türen verbundenen Zimmern bestand. Diese Zimmer waren mit Betten ausgestattet, auf denen die kranken und verwundeten Offiziere lagen oder saßen. Einige gingen in Lazarettschlafröcken im Zimmer auf und ab. Der erste, den Rostow in der Offiziersabteilung traf, war ein kleiner magerer Mensch mit nur einem Arm, der in Krankenhausschlafrock und Zipfelmütze, ein Pfeifchen rauchend, durch das erste Zimmer ging. Rostow sah ihn an und suchte sich zu erinnern, wo er ihn schon einmal gesehen hatte.

»Sieh da, wo Gott uns wieder zusammenführt!« sagte der kleine Mann. »Tuschin, Tuschin, erinnern Sie sich nicht? Ich ließ Sie bei Schöngrabern auf meinem Geschütz fahren. Indessen hat man mir ein Stückchen abtranchiert«, und er zeigte lachend auf seinen leeren Rockärmel. »Sie suchen Wassilij Dimitrijewitsch Denissow? Der ist mein Stubenkamerad«, sagte er, nachdem er erfahren hatte, was Rostow wollte. »Hier, hier.« Tuschin führte ihn ins Nebenzimmer, aus dem das Gelächter mehrerer Stimmen herüberdrang.

Wie können sie hier nur lachen, ja, überhaupt leben? dachte Rostow, der den Leichengeruch, mit dem er sich in der Soldatenabteilung vollgesogen hatte, noch immer nicht wieder losgeworden war, und der immer noch um sich herum die neidischen Blicke, die ihn von beiden Seiten begleitet hatten, und das Gesicht des jungen Soldaten mit den verdrehten Augen sah.

Denissow lag im Bett, hatte die Decke über den Kopf gezogen und schlief, obgleich es schon zwölf Uhr mittags war.

»Ah, Rostow! Servus! Servus!« rief er mit derselben dröhnenden Stimme, wie er beim Regiment zu sprechen pflegte, aber Rostow bemerkte zu seinem Leidwesen, wie durch seine gewohnte Ungezwungenheit und Lebhaftigkeit ein neues Gefühl heimlichen Kummers hindurchblickte, das in Denissows Gesicht und im Tonfall seiner Worte zum Ausdruck kam.

Obgleich es mit seiner Wunde nicht viel auf sich hatte, war sie doch immer noch nicht zugeheilt, obwohl es nun schon sechs Wochen her war, daß er die Verwundung erhalten hatte. Sein Gesicht sah ebenso bleich und geschwollen aus wie das aller Lazarettinsassen. Aber das war es nicht, was Rostow auffiel. Ihn befremdete hauptsächlich das eine, daß sich Denissow kaum über seinen Besuch zu freuen schien und ihm nur gezwungen zulächelte. Auch fragte er weder nach dem Regiment noch nach dem allgemeinen Fortgang des Krieges. Sobald Rostow davon anfing, hörte ihm Denissow kaum zu.

Ferner bemerkte Rostow, daß es Denissow unangenehm war, wenn er ihn an das Regiment und überhaupt an das freie Leben außerhalb des Lazarettes erinnerte. Er schien sich Mühe zu geben, nicht mehr an jenes frühere Leben zu denken, und interessierte sich nur noch für seine Angelegenheit mit den Beamten der Proviantstation. Auf Rostows Frage, wie denn die Sache stehe, zog er sogleich unter seinem Kopfkissen ein Schreiben hervor, das er von der Kommission erhalten hatte, und seine Antwort darauf, die er im Konzept entworfen hatte. Sobald er anfing, diese Schreiben vorzulesen, wurde er ganz lebhaft und machte Rostow ganz besonders auf all die Spitzen aufmerksam, die er darin gegen seine Feinde angebracht hatte. Denissows Lazarettgenossen, die Rostow als einen neu von draußen Angekommenen sogleich umringt hatten, fingen wieder an, auseinanderzugehen, sobald Denissow seine Papiere vorzulesen begann. Aus ihren Gesichtern erkannte Rostow, daß diese Herren sämtlich dies alles schon mehr als einmal gehört hatten und ihnen die ganze Geschichte nachgerade langweilig geworden war. Nur sein Bettnachbar, ein dicker Ulan, blieb bei ihm auf der Matratze sitzen und rauchte mit finster zusammengezogener Stirn seine Pfeife. Auch der kleine einarmige Tuschin blieb stehen und hörte zu, wobei er mißbilligend den Kopf hin und her wiegte. Mitten im Vorlesen unterbrach der Ulan Denissow.

»Meiner Ansicht nach«, sagte er, an Rostow gewandt, »brauchte man bloß den Kaiser um Begnadigung zu bitten. Es sollen ja jetzt, wie es heißt, so viele Auszeichnungen verteilt werden, da würde er ein solches Gesuch doch sicherlich gewähren …«

»Ich soll den Kaiser um Gnade bitten!« rief Denissow in einem Ton, dem er die frühere Energie und Hitze verleihen wollte, aus dem man aber nur eine zwecklose Gereiztheit heraushörte. »Wofür denn? Wenn ich ein Räuber wäre, dann könnte ich den Kaiser um Gnade bitten, so aber werde ich vor Gericht gestellt, weil ich ein paar Räuber ans Tageslicht gebracht habe. Mögen sie mich nur richten, ich fürchte mich vor niemand: ich habe meinem Kaiser und dem Vaterland ehrlich gedient und nicht gestohlen. Und mich wollen sie degradieren und … Hör mal, ich werde ihnen geradeheraus schreiben; paß mal auf, was ich schreiben werde: Wenn ich ein solcher Staatsräuber wäre, wie …«

»Geschickt ausgedrückt, dagegen läßt sich gar nichts sagen«, versetzte Tuschin. »Aber das ändert nichts an der Sache, Wassilij Dimitritsch«, fuhr er, ebenfalls an Rostow gewandt, fort. »Man muß sich fügen, und das ist es, was Wassilij Dimitritsch nicht will. Der Auditor hat es Ihnen doch gesagt, daß Ihre Angelegenheit noch übel ablaufen wird.«

»Meinetwegen, mag sie übel ablaufen«, sagte Denissow.

»Der Auditor hat Ihnen doch eine Bittschrift aufgesetzt«, fuhr Tuschin fort. »Die brauchen Sie bloß zu unterschreiben, und da haben Sie gleich jemanden, durch den Sie sie übersenden können. Ihr Freund«, er wies auf Rostow, »hat sicherlich irgendwelche Beziehungen zum Stabe. Eine bessere Gelegenheit könnte sich gar nicht finden …«

»Ich habe Ihnen aber gesagt, daß ich eine so entwürdigende Handlung niemals begehen werde«, unterbrach ihn Denissow und fuhr im Vorlesen seiner Schriftstücke fort.

Rostow wagte nicht, Denissow zuzureden. Obgleich er instinktiv fühlte, daß der Weg, den Tuschin und die anderen Offiziere vorgeschlagen hatten, der allerrichtigste war, und obgleich er sich glücklich geschätzt hätte, Denissow diesen Freundschaftsdienst erweisen zu können, kannte er doch den unbeugsamen Willen und den heftigen Wahrheitsdrang Denissows nur zu gut.

Als Denissow mit dem Vorlesen seines giftigen Schreibens, das über eine Stunde gedauert hatte, zu Ende war, sagte Rostow kein Wort und verbrachte den Rest des Tages in der gedrücktesten Stimmung im Kreis von Denissows Lazarettgenossen, die sich wieder um ihn geschart hatten, erzählte, was er wußte, und hörte den Geschichten anderer zu. Denissow hüllte sich im Verlauf des ganzen Abends in ein düsteres Schweigen.

Spät am Abend machte sich Rostow auf, um fortzugehen, und fragte Denissow, ob er irgendwelche Aufträge habe.

»Ja, warte«, sagte Denissow, sah sich nach den anderen Offizieren um, zog unter seinem Kopfkissen ein Schreiben hervor, trat ans Fenster, auf dem ein Tintenfaß stand, und setzte sich hin, um zu schreiben.

»Ich sehe ein, mit der Peitsche schlägt man keinen Klotz entzwei«, sagte er, kam vom Fenster zurück und überreichte Rostow einen großen Brief. Es war jene Bittschrift an den Kaiser, die der Auditor ihm aufgesetzt hatte, in der Denissow, ohne die Vorfälle auf dem Proviantamt zu erwähnen, den Kaiser um Gnade bat.

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