Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Nein, wie kommt es nur, daß Sie so denken«, fing Pierre auf einmal an und senkte den Kopf wie ein Ochse, der zustoßen will. »Warum denken Sie so? Sie dürfen nicht so denken.«
»Wie denke ich denn und über was?« fragte Fürst Andrej verwundert.
»Über das Leben, über die Bestimmung des Menschen. Das ist unmöglich. Ich habe früher ebenso gedacht und bin gerettet worden, und wissen Sie wodurch? Durch die Freimaurerei. Nein, lächeln Sie nicht. Die Freimaurer sind keine religiöse, Zeremonien liebende Sekte, wie auch ich früher glaubte. Nein, die Freimaurerei ist der beste und einzige Ausdruck aller guten und ewigen Seiten der Menschlichkeit.«
Und er erklärte dem Fürsten Andrej das Wesen der Freimaurerei, so wie er es verstanden hatte. Er sagte, die Freimaurerei sei eine christliche Lehre, die sich von staatlichen und religiösen Fesseln freigemacht habe, eine Lehre der Gleichheit, Brüderlichkeit und Liebe.
»Nur durch unsern heiligen Bund kann man im wahren Sinne leben, alles übrige ist bloß ein Traum«, sagte Pierre. »Sie wissen doch, lieber Freund, außerhalb dieses Bundes ist alles voller Lügen und Ungerechtigkeit, und ich kann Ihnen darin nur recht geben, daß dann einem guten und klugen Menschen gar nichts anderes übrigbleibt, als so, wie Sie sagten, sein Leben herunterzuleben in dem einzigen Bestreben, anderen nicht im Weg zu sein. Aber eignen Sie sich unsere grundlegenden Überzeugungen an, treten Sie in unsere Brüderschaft ein, geben Sie sich uns hin, lassen Sie sich lenken und leiten, und sogleich werden Sie sich, wie auch ich es empfunden habe, als ein Glied jener gewaltigen, unsichtbaren Kette fühlen, deren Uranfänge im Himmel verborgen liegen.«
Fürst Andrej sah schweigend vor sich hin und hörte Pierre zu. Ab und zu fragte er Pierre nach ein paar Worten, die er beim Rattern der Räder nicht verstanden hatte. Und Pierre ersah aus Fürst Andrejs Schweigen und aus dem besonderen Glanz, der aus seinen Augen strahlte, daß seine Rede nicht umsonst war, und daß Fürst Andrej ihn nicht unterbrechen und sich nicht über ihn lustig machen werde.
So gelangten sie bis zu einem aus seinen Ufern getretenen Fluß, über den sie sich mittels einer Fähre übersetzen lassen mußten. Während man Wagen und Pferde auf der Fähre verstaute, gingen sie selber zu Fuß nach dieser hin.
Auf das Geländer gestützt, betrachtete Fürst Andrej schweigend die in den Strahlen der untergehenden Sonne glitzernde, weit ausgetretene Flut.
»Nun, wie denken Sie darüber?« fragte Pierre. »Warum schweigen Sie?«
»Was ich denke? Ich höre dir zu«, sagte Fürst Andrej. »Das mag ja alles so sein. Aber du sagst: ›Tritt in unsere Brüderschaft ein, dann werden wir dir das Ziel und die Bestimmung der Menschheit und die Gesetze, die die Welt regieren, zeigen.‹ Aber wer sind diese ›wir‹? Doch auch nur Menschen. Woher wißt ihr denn das alles? Warum sehe ich allein das nicht, was ihr alle seht? Ihr seht auf Erden ein Reich des Guten und Wahren, ich aber sehe es nicht.«
Pierre unterbrach ihn.
»Glauben Sie an ein künftiges Leben?« fragte er.
»An ein künftiges Leben?« wiederholte Fürst Andrej, aber Pierre ließ ihm gar nicht die Zeit zu antworten. Er hielt diese Wiederholung seiner Worte für eine Verneinung, um so mehr, als er die früheren atheistischen Überzeugungen des Fürsten Andrej kannte.
»Sie sagen, Sie können das Reich des Guten und Wahren auf Erden nicht sehen. Auch ich sah es nicht, ja, es ist ganz unmöglich, es zu sehen, wenn man des Glaubens ist, daß mit dem Leben alles zu Ende sei. Auf der Erde, hier auf dieser Erde«, Pierre zeigte auf die Felder, »gibt es keine Wahrheit, hier ist alles böse und verlogen, aber im All, im großen, ewigen All regiert die Wahrheit. Und wenn wir auch jetzt Kinder der Erde sind, so sind wir doch gleichzeitig auf ewig Kinder des großen Alls. Fühle ich es nicht im Innersten meines Herzens, daß ich ein Teil dieses großen, harmonischen Ganzen bin? Fühle ich nicht, daß in dieser gewaltigen, zahllosen Menge von Wesen, in denen sich die Gottheit oder die höchste Kraft – nennen Sie es, wie Sie wollen – offenbart, auch ich ein Glied, eine Stufe bin, die von einem niederen zu einem höheren Wesen hinaufleitet? Wenn ich sehe, mit aller Deutlichkeit sehe, wie diese Stufenleiter von der Pflanze bis zum Menschen heraufführt, warum soll ich da annehmen, daß dieses Aufwärtssteigen bei mir, dem Menschen, abbricht und nicht noch weiter und weiter geht. Ich fühle nicht nur, daß ich nicht vergehen kann, wie nichts in der Welt vergeht, ich fühle auch, daß ich ewig sein werde und ewig gewesen bin. Ich fühle, daß außer und über mir noch Geister wohnen, und daß in ihrer Welt die Wahrheit herrscht.«
»Ja, das ist Herders Lehre[92]«, sagte Fürst Andrej. »Aber nicht das ist es, lieber Freund, was mich überzeugt, sondern das Leben und der Tod selber. Das überzeugt, wenn du siehst, wie ein dir teures, engverbundenes Wesen, demgegenüber du dich schuldig fühlst und diese Schuld wiedergutzumachen hoffst«, Fürst Andrejs Stimme zitterte, und er wandte sich ab, »plötzlich anfängt zu leiden, sich quält und nicht mehr ist … Warum? Es kann nicht sein, daß es darauf keine Antwort gibt. Und so glaube ich, daß es eine gibt … Siehst du, das ist es, was überzeugt, und das hat auch mich überzeugt«, schloß Fürst Andrej.
»Nun ja, ja«, erwiderte Pierre, »das ist doch dasselbe, was ich sage.«
»Nein. Ich sage nur, daß man von der Notwendigkeit eines künftigen Lebens nicht etwa durch Lehren oder Beweise überzeugt werden kann, sondern nur dann, wenn man im Leben Hand in Hand mit einem Menschen gegangen ist und dieser Mensch plötzlich in jenes Nichts hinübergeht und man allein vor diesem Abgrund zurückbleibt und hinabschaut. Auch ich habe hinabgeschaut …«
»Nun, da sehen Sie es ja! Sie wissen, daß es ein Jenseits gibt und daß dort jemand ist. Das Jenseits ist das künftige Leben, und dieser Jemand ist Gott.«
Fürst Andrej gab keine Antwort. Die Pferde hatte man mit dem Wagen schon lange auf das andere Ufer hinaufgeführt und wieder eingespannt. Die Sonne war bereits zur Hälfte untergegangen, und der Abendfrost hatte schon die sumpfigen Stellen beim Flußübergang mit Reifsternchen überzogen, doch Pierre und Andrej standen zur Verwunderung der Diener, Kutscher und Schiffer immer noch auf der Fähre und unterhielten sich.
»Wenn es einen Gott und ein künftiges Leben gibt, dann gibt es auch Wahrheit und Tugend, und das höchste Glück des Menschen liegt in dem Streben, diese zu erreichen. Man muß leben und lieben«, sagte Pierre, »und glauben, daß wir nicht nur jetzt auf dieser Erdscholle leben, sondern schon immer gelebt haben und ewig leben werden, dort, im All.« Und er zeigte gen Himmel.
Immer noch stand Fürst Andrej an das Geländer der Fähre gelehnt, hörte Pierre zu und sah starr in den rötlichen Widerschein der Sonne auf der blauen Flut. Pierre schwieg. Ringsum war alles still. Die Fähre hatte längst am Ufer angelegt, und nur die Wellen der Flut brachen sich mit leisem Plätschern an dem Boden der Fähre. Dem Fürsten Andrej schien es, als ob dieses Plätschern der Wellen die Worte Pierres bestätigte: Ja, es ist wahr, glaube ihm nur!
Fürst Andrej seufzte und sah mit einem leuchtenden, zärtlichen, kindlichen Blick auf den vor Begeisterung ganz rot gewordenen Pierre, der dem überlegenen Freunde gegenüber doch sonst immer etwas schüchtern war.
»Ja, wenn es doch so wäre«, sagte Fürst Andrej. »Doch komm, wir wollen einsteigen.« Aber während er aus der Fähre stieg, warf er einen Blick zum Himmel, auf den ihn Pierre hingewiesen hatte, und sah zum erstenmal nach Austerlitz wieder jenen hohen, ewigen Himmel über sich, den er gesehen hatte, als er auf dem Schlachtfeld lag, und ein Gefühl, das beste, das in ihm war und das lange in ihm geschlafen hatte, regte sich plötzlich freudig und mit junger Kraft in seinem Herzen. Dieses Gefühl war vergangen, als Fürst Andrej wieder in seine gewohnten Lebensbedingungen eingetreten war, aber er wußte, daß diese Empfindungen, die er nicht zur Entfaltung bringen konnte, noch in ihm lebten. So wurde das Wiedersehen mit Pierre für den Fürsten Andrej der große Einschnitt, an dem für ihn ein Leben begann, das zwar äußerlich seinem alten ganz ähnlich, innerlich aber ein ganz neues war.
92
das ist Herders Lehre: Pierre äußert hier Gedanken, die auf J. G. Herders Geschichtsphilosophie zurückgehen, wie sie in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-91) entwickelt werden.