Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Überbringe es, ich sehe ein …«
Er sprach nicht zu Ende und lächelte schmerzlich und gezwungen.
19
Zum Regiment zurückgekehrt, meldete Rostow dem Kommandeur, wie Denissows Angelegenheit stehe, und ritt mit dem Brief an den Kaiser nach Tilsit.
Am 13. Juni hatte der Zar von Rußland mit dem Kaiser von Frankreich eine Zusammenkunft in Tilsit. Boris Drubezkoj hatte die hochgestellte Persönlichkeit, deren Adjutant er war, darum gebeten, dem Gefolge beigezählt zu werden, das sich nach Tilsit begeben sollte.
»Je voudrais voir le grand homme«, sagte er von Napoleon, den er bisher, wie alle anderen auch, immer nur Bonaparte genannt hatte.
»Vous parlez de Buonaparte?« fragte ihn lächelnd sein General.
Boris sah den General fragend an, begriff aber sogleich, daß dieser ihn nur scherzend prüfen wollte.
»Mon prince, je parle de l’empereur Napoléon«, erwiderte er.
Der General klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.
»Du wirst es noch einmal weit bringen«, sagte er und nahm ihn mit.
Boris befand sich unter den wenigen, die am Tag der Zusammenkunft der beiden Kaiser mit auf der Memel fuhren. Er sah das Floß mit den Anfangsbuchstaben der beiden Kaisernamen, sah Napoleon am anderen Ufer an der französischen Garde entlang reiten, sah das versonnene Gesicht Kaiser Alexanders, als er schweigend in einer Schenke am Ufer der Memel saß und auf Napoleons Ankunft wartete, sah, wie die beiden Kaiser in die Boote stiegen, und wie Napoleon, der zuerst auf dem Floß angekommen war, mit schnellen Schritten nach vorn ging, Alexander entgegenkam, ihm die Hand reichte, und wie dann beide im Pavillon verschwanden. Seit Boris in den höchsten Kreisen Zutritt erlangt hatte, war es ihm zur Gewohnheit geworden, alles aufmerksam zu beobachten, was um ihn vorging, und sich darüber Notizen zu machen. Während der Zusammenkunft in Tilsit fragte er nach den Namen aller Persönlichkeiten, die mit Napoleon zusammen angekommen waren, ließ sich die Uniformen erklären, die sie trugen, und horchte aufmerksam auf jedes Wort, das über irgendeine hochgestellte Persönlichkeit verlautete. Als die beiden Kaiser in den Pavillon traten, sah er nach der Uhr und vergaß auch nicht, dann noch einmal nachzusehen, als Alexander wieder aus dem Pavillon trat. Die Zusammenkunft hatte eine Stunde und dreiundfünfzig Minuten gedauert, das notierte er sich zusammen mit anderen Tatsachen, von denen er fühlte, daß sie historische Bedeutung hatten, gleich am selben Abend noch. Da das Gefolge des Kaisers nur sehr klein war, so war es für einen Menschen, der für sein Vorwärtskommen im Dienst zitterte, von äußerster Wichtigkeit, bei der Zusammenkunft der beiden Kaiser in Tilsit zugegen sein zu dürfen, und Boris fühlte, daß jetzt, wo er nun einmal mit nach Tilsit gekommen war, seine künftige Karriere vollkommen gesichert sei. Man kannte ihn nicht nur, sondern schenkte ihm sogar Beachtung und hatte sich an ihn gewöhnt. Zweimal hatte er dem Kaiser selber eine Meldung überbringen dürfen, so daß auch dieser ihn von Ansehen kannte, und alle, die dem Zaren nahestanden, übersahen Boris als neu aufgetauchten jungen Mann nicht mehr wie früher, sondern hätten sich sogar gewundert, wenn er nicht dabei gewesen wäre.
Boris lag mit einem anderen Adjutanten, dem polnischen Grafen Szilinski, zusammen in einem Quartier. Szilinski, ein reicher Pole, war in Frankreich erzogen worden und liebte die Franzosen leidenschaftlich. Deshalb versammelten sich bei Szilinski und Boris während ihres Aufenthaltes in Tilsit fast alle Tage französische Gardeund Generalstabsoffiziere zum Frühstück oder zum Mittagessen.
Am 22. Juni gab Boris’ Quartiergenosse, Graf Szilinski, seinen französischen Bekannten ein Essen. Der Ehrengast dieses Abends war ein Adjutant Napoleons, dann sollten noch ein paar Gardeoffiziere kommen und ein ganz junger Abkömmling einer alten französischen Aristokratenfamilie, ein Page Napoleons. Gerade an diesem Abend kam auch Rostow in Zivilkleidung in Tilsit an und begab sich, die Dunkelheit benutzend, um nicht erkannt zu werden, sogleich nach Boris’ und Szilinskis Quartier.
Rostow sowie die ganze Armee, aus der er kam, hatte den Standpunkt Napoleon und den Franzosen gegenüber noch nicht geändert und konnte in den Feinden nicht plötzlich Freunde sehen, ein Umschwung, der sich im Hauptquartier und in Boris’ Seele bereits vollzogen hatte. In der Armee fuhr man fort, Napoleon und den Franzosen wie früher jenes aus Feindseligkeit, Verachtung und Furcht gemischte Gefühl entgegenzubringen. Erst kürzlich noch hatte sich Rostow im Gespräch mit einem Platowschen Kosakenoffizier darüber gestritten, ob man Napoleon, wenn er in Gefangenschaft geriete, wie einen Kaiser oder wie einen Verbrecher behandeln müsse. Und eben noch, unterwegs, hatte Rostow einem verwundeten französischen Oberst, mit dem er zusammen gekommen war, mit großem Eifer zu beweisen versucht, daß zwischen einem rechtmäßigen Kaiser und diesem Verbrecher Bonaparte ein Friede gar nicht geschlossen werden könne. Deshalb berührte es Rostow sonderbar, als er in Boris’ Wohnung die französischen Offiziere in jenen selben Uniformen sah, die er gewöhnt war, von der Vorpostenkette aus mit ganz anderen Augen anzusehen. Als er einen dieser französischen Offiziere bei Boris aus der Tür herauskommen sah, kam plötzlich das kriegerisch feindselige Gefühl, das er immer beim Anblick eines Feindes empfand, mit aller Gewalt über ihn. Er blieb auf der Schwelle stehen und fragte auf russisch, ob hier Drubezkoj wohne. Boris hatte die fremde Stimme im Vorzimmer gehört und kam heraus und auf ihn zu. Im ersten Augenblick, als er Rostow erkannte, zeigte sein Gesicht einen ärgerlichen Ausdruck.
»Ach, du bist es, freue mich sehr, freue mich sehr, dich zu sehen«, sagte er aber trotzdem, lächelte und trat auf ihn zu. Doch Rostow hatte seinen ersten Ausdruck bemerkt.
»Ich komme dir wohl ungelegen«, sagte er. »Ich wäre nicht gekommen, wenn ich nicht eine wichtige Sache mit dir zu besprechen hätte«, fügte er kalt hinzu.
»Nein, ich wundere mich nur, wie du von deinem Regiment hierherkommst. Dans un moment je suis à vous«, rief er einer Stimme, die ihn gerufen hatte, zu.
»Ich sehe, ich komme ungelegen«, wiederholte Rostow. Der Ausdruck des Ärgers war auf Boris’ Gesicht schon wieder verflogen; er hatte sichtlich nachgedacht und sich entschlossen, was er tun wolle. Mit außerordentlicher Ruhe nahm er Rostows beide Hände und führte ihn in ein Nebenzimmer. Es schien, als ob Boris’ Augen, die ruhig und fest auf Rostow gerichtet waren, wie mit einem Filter oder der blauen Brille des gesellschaftlichen Lebens bedeckt wären. So kam es Rostow wenigstens vor.
»Aber ich bitte dich, hör doch auf! Kannst du mir denn je ungelegen kommen?« sagte Boris.
Er führte ihn in das Zimmer, wo die Abendtafel gedeckt war, machte ihn mit seinen Gästen bekannt, nannte seinen Namen und erklärte, daß er kein Zivilist, sondern ein Husarenoffizier und alter Freund von ihm sei.
»Graf Szilinski, le comte N.N. le capitaine S.S.«, stellte er seine Gäste vor. Rostow sah die Franzosen finster an, verbeugte sich unwillig und schwieg.
Szilinski schien sich nicht allzu sehr zu freuen, noch einen Russen in seinen Kreis aufzunehmen, er sagte kein Wort zu Rostow. Boris schien die durch den neuen Gast verursachte Gezwungenheit gar nicht zu bemerken und bemühte sich mit derselben liebenswürdigen Ruhe und derselben Schutzbrille vor den Augen, mit der er Rostow empfangen hatte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Einer der französischen Offiziere wandte sich mit der gewohnten französischen Höflichkeit an den hartnäckig schweigenden Rostow und sagte zu ihm, er wäre mutmaßlich aus dem Grund nach Tilsit gekommen, um den Kaiser zu sehen.
»Nein, ich habe hier zu tun«, erwiderte Rostow kurz. Rostow hatte sogleich, als er die Verstimmung auf Boris’ Gesicht gesehen hatte, seine gute Laune verloren, und es schien ihm, wie das allen Leuten, die schlechter Laune sind, so geht, als ob ihn alle mißgünstig ansähen und er allen nur störend sei. Und wirklich störte er auch alle und blieb allein an der wieder sich belebenden allgemeinen Unterhaltung unbeteiligt. Warum sitzt er eigentlich hier? fragten die Blicke, die die Gäste auf ihn warfen. Er stand auf und trat auf Boris zu.