Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nachdem er sich beim Regimentskommandeur gemeldet hatte und seiner fünften Eskadron wieder zugeteilt worden war, den Tages- und Fouragedienst wieder ausgekostet hatte und in all die kleinen Regimentsinteressen eingedrungen war, nachdem er sich an das Gefühl gewöhnt hatte, seiner Freiheit beraubt und in einen engen, starren Rahmen hineingeschmiedet zu sein, empfand Rostow dasselbe Gefühl der Beruhigung, dasselbe Bewußtsein, einen Halt zu haben und hier zu Hause und an seinem Platz zu sein, wie er es unter dem Dach seines Elternhauses empfunden hatte. Hier war nicht dieses Kunterbunt des freien Lebens, wo er für sich selber nie den richtigen Platz gefunden und sich immer am Kreuzweg geirrt hatte, hier gab es keine Sonja, mit der man sich einmal auseinandersetzen mußte, ein anderes Mal aber auch wieder nicht. Hier war die Möglichkeit einer Wahl, ob man hinfahren solle oder nicht, ausgeschlossen, hier hatte der Tag nicht vierundzwanzig freie Stunden, die man auf alle nur mögliche Weise ausfüllen konnte, hier gab es nicht eine solche Unmasse von Menschen, die einem alle gleich nah und gleich fern standen, hier gab es nicht jene unklaren und verworrenen Geldgeschichten mit dem Vater, und vor allem mußte er hier nicht immer an den furchtbaren Spielverlust bei Dolochow denken! Hier im Regiment war alles klar und einfach. Die ganze Welt war in zwei ungleiche Hälften geteilt: auf der einen Seite – unser Pawlograder Regiment, auf der anderen Seite – alles übrige. Und um dieses übrige kümmerte man sich nicht im geringsten. Im Regiment war einem alles bekannt: wer den Rang eines Leutnants, den eines Rittmeisters hatte, wer ein netter, wer ein schlechter Kerl war, und hauptsächlich, wer ein guter Kamerad sein konnte. Der Marketender borgte, wenn man kein Geld hatte, das Gehalt bekam man dreimal im Jahr, es gab nichts zu grübeln und nichts zu wählen, wenn man nur das nicht tat, was im Pawlograder Regiment als unfair galt. Und wenn man nur alle Befehle, die einem kurz, klar und bündig gegeben wurden, ausführte, dann war alles gut.
Nachdem Rostow sich wieder an die bestimmte Ordnung dieses Lebens gewöhnt hatte, empfand er ein ähnliches Gefühl der Freude und Beruhigung wie ein Mensch, der todmüde ist und sich nun langlegt, um auszuruhen. Das Regimentsleben im Felde wirkte auf Rostow um so erquickender, als er sich nach seinem Spielverlust bei Dolochow, einem Fehltritt, den er sich trotz aller tröstenden Worte seiner Angehörigen nicht verzeihen konnte, fest entschlossen hatte, seinen Dienst nicht mehr so zu versehen wie früher, sondern, um seine Schuld wiedergutzumachen, sich noch mehr Mühe im Dienst zu geben, mit Leib und Seele Kamerad und Offizier, das heißt also, ein ausgezeichneter Mensch zu sein, was ihm in der Welt draußen schwer erschienen, aber beim Regiment doch möglich war.
Rostow hatte nach dem Spielverlust den Entschluß gefaßt, diese Schuld seinen Eltern in fünf Jahren wieder zurückzuzahlen. Er hatte bisher zehntausend Rubel jährlichen Zuschuß von ihnen erhalten, von nun an wollte er nur zweitausend Rubel annehmen und das übrige seinen Eltern zur Tilgung der Schuld überlassen.
Nach mancherlei Vormärschen und Rückzügen und den Schlachten bei Pultusk und Preußisch-Eylau hatte sich unsere Armee bei Bartenstein zusammengezogen. Man wartete auf die Ankunft des Kaisers im Feld und den Beginn eines neuen Feldzuges.
Da das Pawlograder Regiment Zu jenen Teilen der Armee gehörte, die den Feldzug von 1805 bereits mitgemacht hatten, mußte es in Rußland erst ergänzt werden und war deshalb zu den ersten Operationen zu spät gekommen. Es war weder bei Pultusk noch bei PreußischEylau dabeigewesen und wurde nun, nachdem es mit der aktiven Armee wieder vereinigt war, für die zweite Hälfte des Feldzuges der Abteilung Platows zugezählt.
Dieses Platowsche Armeekorps operierte ganz unabhängig von dem übrigen Heer. Die Pawlograder wurden ab und zu einmal in ein Feuergefecht mit dem Feinde verwickelt, machten Gefangene und erbeuteten einmal sogar das Gepäck des Marschalls Oudinot. Im April lagen die Pawlograder ein paar Wochen lang bei einem bis in Grund und Boden zerstörten, verlassenen deutschen Dorf, ohne sich von der Stelle zu rühren.
Es taute und war schmutzig und naßkalt, die Flüsse waren aufgebrochen, die Wege unpassierbar, und so gab es tagelang weder Futter für die Pferde noch Proviant für die Mannschaften. Da jede Zufuhr unmöglich geworden war, zogen die Leute nach allen Richtungen in die verlassenen, öden Dörfer, um Kartoffeln zu suchen, aber auch davon fanden sie wenig.
Alles war aufgegessen, alle Bewohner geflüchtet, und die, welche zurückgeblieben waren, waren elender als Bettler, so daß man ihnen gar nichts hätte wegnehmen können, ja, die sonst wenig mitleidigen Soldaten gaben ihnen sogar oft noch ihr Letztes, statt von ihnen Nutzen zu ziehen.
In den Gefechten hatte das Pawlograder Regiment nur einen Verlust von zwei Verwundeten gehabt, durch Hunger und Krankheit aber fast die Hälfte seiner Leute eingebüßt. Alle, die in ein Hospital eingeliefert wurden, starben mit so verbriefter Sicherheit, daß die Soldaten, die infolge der schlechten Ernährung an Fieber und geschwollenen Gliedern litten, lieber den Dienst ertrugen und sich mühselig an der Front weiterschleppten, als sich ins Lazarett begaben. Zu Beginn des Frühlings hatten die Soldaten eine aus der Erde hervorschießende, spargelähnliche Pflanze entdeckt, die sie aus irgendeinem Grund Maschasüßwurzel nannten, und nun schwärmten sie über die Wiesen und Felder aus, suchten nach dieser Maschasüßwurzel, die übrigens ganz bitter schmeckte, gruben sie mit ihren Säbeln aus und aßen sie, obwohl ein Befehl erlassen worden war, dieses schädliche Gewächs nicht zu essen. Zur selben Zeit trat bei den Soldaten eine neue Krankheit auf, ein Anschwellen der Arme, der Beine und des Gesichtes, deren Ursache, wie die Ärzte vermuteten, der Genuß dieser Wurzeln war. Doch trotz des Verbotes aßen die Pawlograder von Denissows Schwadron diese Maschasüßwurzel mit Vorliebe, denn die letzten Zwiebackrationen wurden bereits seit über acht Tagen gestreckt, so daß pro Mann nur noch ein halbes Pfund ausgegeben wurde, und die Kartoffeln der letzten Proviantsendung waren zum Teil erfroren, zum Teil durch Keime verdorben.
Die Pferde, die schon die zweite Woche nichts anderes als das Stroh von Strohdächern zu fressen bekommen hatten, waren furchtbar abgemagert und trugen noch das Winterfell, das stellenweise ganz verfilzt war.
Trotz all dieser Not lebten Soldaten und Offiziere doch ganz so wie immer. Auch jetzt traten sie zur Löhnung an, wenngleich mit blassen, geschwollenen Gesichtern und zerlumpten Uniformen, auch jetzt gingen sie zum Appell, putzten die Pferde und Monturen, rauften Stroh statt Futter von den Dächern, setzten sich zum Mittagessen um die Kessel, von denen sie hungrig wieder aufstanden; ja, sie machten über ihr elendes Essen und ihren Hunger noch Witze. Ganz wie immer zündeten sie in ihrer dienstfreien Zeit Lagerfeuer an, um dann nackend in nächster Nähe der Glut Dampfbäder zu nehmen, ganz wie immer rauchten sie, lasen die keimenden und fauligen Kartoffeln aus, brieten diejenigen, die noch gut waren, und erzählten sich Geschichten von Potemkins und Suworows Feldzügen oder Märchen vom pfiffigen Aljoscha oder vom Popenknecht Mikolka.
Auch die Offiziere hausten wie gewöhnlich zu zweit oder zu dritt in halbzerstörten Häusern ohne Dächer. Die älteren waren emsig besorgt, Stroh, Kartoffeln und überhaupt Lebensmittel für die Leute zu beschaffen, die jüngeren beschäftigten sich wie immer teils mit Kartenspiel – denn Geld hatten sie viel, obgleich es an Proviant mangelte –, teils mit unschuldigerem Zeitvertreib wie Ringspiel und Scheibenwerfen. Über den Verlauf des Feldzuges im allgemeinen sprach man nicht viel, einesteils, weil man nichts Genaues wußte, andernteils aber auch, weil man die dunkle Ahnung hatte, daß es um den allgemeinen Fortgang des Krieges schlecht bestellt war.