Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
13
Es dunkelte bereits, als Fürst Andrej und Pierre vor dem Haupteingang des Herrenhauses in Lysyja-Gory vorfuhren. Während sie anfuhren, machte Fürst Andrej Pierre lächelnd auf eine wirre Szene aufmerksam, die an der Hintertür vor sich ging. Eine gebückte Alte mit einem Sack auf dem Rücken und ein kleiner schwarzgekleideter Mann mit langen Haaren liefen, als sie den Wagen vorfahren sahen, spornstreichs wieder nach dem Tor zurück. Zwei Frauen stürzten aus der Haustür auf sie zu, und dann rannten alle vier zusammen ganz erschrocken wieder nach der Hintertür, wobei sie sich immer ängstlich nach dem Wagen umschauten.
»Das sind Maschas Gottesleute«, sagte Andrej. »Sie haben uns für meinen Vater gehalten. Das ist der einzige Punkt, in dem Mascha meinem Vater nicht gehorcht: er hat befohlen, dieses fahrende Betvolk wegzujagen, sie aber nimmt sie auf.«
»Was sind denn das: Gottesleute?« fragte Pierre.
Aber Fürst Andrej kam nicht mehr dazu, ihm eine Antwort zu geben. Ein paar Diener eilten zu ihrem Empfang herbei, und Fürst Andrej erkundigte sich, wo sein Vater sei, und ob man ihn bald zurückerwarte.
Der alte Fürst war noch in der Stadt und wurde jeden Augenblick erwartet. Fürst Andrej führte Pierre in den Flügel, der im Hause seines Vaters immer in aller Sorgfalt für ihn bereitstand, und ging selbst in das Kinderzimmer.
»Komm mit zu meiner Schwester«, sagte Fürst Andrej, als er zu Pierre zurückkehrte. »Ich habe sie noch nicht gesehen. Sie hat sich jetzt unsichtbar gemacht und sitzt sicher bei ihren Gottesleuten. Geschieht ihr schon recht, wenn sie verlegen wird. Da kannst du gleich Gottesleute kennen lernen. C’est curieux, ma parole.«
»Was sind denn das: Gottesleute?« fragte Pierre noch einmal.
»Das wirst du gleich sehen.«
Prinzessin Marja wurde wirklich verlegen, und auf ihrem Gesicht zeichneten sich rote Flecke ab, als die beiden zu ihr ins Zimmer traten. In ihrem gemütlichen Zimmer, wo die Lämpchen vor den Heiligenschreinen brannten, saß neben ihr auf dem Sofa hinter dem Samowar ein junger Bursche im Mönchsgewand mit langer Nase und langen Haaren.
Auf einem Sessel daneben saß eine hagere, runzlige Alte mit einem sanften Ausdruck auf dem kindlichen Gesicht.
»Andre, warum hast du dich nicht vorher bei mir anmelden lassen?« sagte Prinzessin Marja mit sanftem Vorwurf auf französisch zu ihm und stellte sich vor ihre Betfahrer wie eine Glucke vor ihre Küchlein.
»Charmée de vous voir. Je suis très contente de vous voir«, sagte sie zu Pierre, als dieser ihr die Hand küßte. Sie hatte ihn schon als Kind gekannt, jetzt aber fühlte sie sich wegen seiner Freundschaft zu Andrej, wegen seines Unglücks mit seiner Frau, hauptsächlich aber seines guten, einfachen Gesichtes wegen zu ihm hingezogen. Sie sah ihn mit ihren schönen, leuchtenden Augen an und schien sagen zu wollen: Ich sehe Sie sehr gern, aber machen Sie sich bitte nicht über meine Gottesleute lustig. Nachdem sie die ersten begrüßenden Worte gewechselt hatten, setzten sich alle hin.
»Und Iwanuschka ist auch da«, sagte Fürst Andrej und wies mit einem Lächeln auf den jungen Pilgersmann.
»Andre!« flehte Prinzessin Marja.
»Sie müssen nämlich wissen, daß dieser Mönch eine Frau ist«, sagte Fürst Andrej auf französisch zu Pierre.
»André au nom de Dieu«, wiederholte Prinzessin Marja.
Man merkte, daß Fürst Andrejs spöttische Behandlung der Betfahrer und Prinzessin Marjas vergebliches Inschutznehmen zur steten, anhaltenden Gewohnheit zwischen den beiden Geschwistern geworden war.
»Mais, ma bonne amie«, sagte Fürst Andrej, »Sie sollten mir im Gegenteil dankbar sein, daß ich Pierre Ihre Vertrautheit mit diesem jungen Mann erkläre.
»Vraiment?« sagte Pierre und musterte diesen Iwanuschka neugierig und ernst, wofür ihm Prinzessin Marja besonders dankbar war, durch seine Brille. Der Betfahrer, der verstanden hatte, daß man von ihm sprach, sah alle mit verschmitzten Augen an.
Prinzessin Marja war ganz umsonst für ihre Gottesleute verlegen geworden. Sie zeigten sich nicht im geringsten schüchtern.
Die Alte hatte zwar die Augen niedergeschlagen, schielte aber doch von unten her auf die Eingetretenen hin, hatte die Obertasse auf die Untertasse gestülpt, ihr angebissenes Stück Zucker danebengelegt und saß nun ruhig in ihrem Lehnstuhl und wartete, bis man ihr noch mehr Tee anbieten werde. Iwanuschka schlürfte seinen Tee aus der Untertasse und betrachtete dabei verstohlen mit seinen verschlagenen Weiberaugen die jungen Leute.
»Woher des Wegs? Wohl aus Kiew?« fragte Fürst Andrej die Alte.
»Ja, Väterchen«, erwiderte die Alte, die sichtlich gern erzählte. »Gerade zum heiligen Christfest wurde mir die Gnade zuteil, bei den gottgefälligen Brüdern das heilige, himmlische Sakrament zu empfangen. Jetzt aber komme ich aus Koljasin, Väterchen, dort ist ein großes Wunder entdeckt worden …«
»Und Iwanuschka war mit dir zusammen?«
»Ich gehe für mich allein, mein Wohltäter«, erwiderte Iwanuschka, bemüht, mit einer Baßstimme zu reden. »Erst in Juschnow bin ich mit Pelagea zusammengetroffen.«
Aber Pelagea unterbrach ihren Gefährten, sie wollte sichtlich gern davon erzählen, was sie gesehen hatte.
»In Koljasin, Väterchen, ist ein großes Wunder entdeckt worden.«
»Was denn? Wohl wieder eine neue Reliquie?« fragte Fürst Andrej.
»Laß doch das, Andrej«, flehte Prinzessin Marja. »Erzähle nicht weiter, Pelagea.«
»Aber … aber warum denn, Mütterchen, warum soll ich denn nicht erzählen? Ich habe ihn doch so gern. Er ist doch so gut, von Gott auserwählt, hat mir einmal zehn Rubel geschenkt, mein Wohltäter, das weiß ich noch ganz genau. Als ich also in Kiew war, da sagte der fromme Kirjuscha, der gottgefällige Narr, der Sommer und Winter barfuß geht, zu mir: ›Warum gehst du nicht‹, sagte er, ›in deine Heimat? Geh nach Koljasin, dort hat man ein wundertätiges Bild unserer heiligen Mutter Gottes entdeckt.‹ Und als er mir das gesagt hatte, nahm ich gleich von den heiligen Brüdern Abschied und machte mich auf den Weg.«
Alle schwiegen, nur die Betfahrerin sprach mit gemessener Stimme, wobei sie den Atem in sich hineinzog.
»Ich kam also hin, Väterchen, und da sagen die Leute zu mir: Ein großes Wunder ist offenbar geworden, unserer heiligen Mutter Gottes tropft der Balsam aus dem Bäckchen …«
»Schön, schön, erzähle das lieber nachher«, unterbrach sie Prinzessin Marja errötend.
»Darf ich noch eine Frage an sie richten?« sagte Pierre. »Hast du das selber gesehen?« fragte er.
»Wie sollte ich nicht, Väterchen, wurde mir diese Gnade doch zuteil! Ein solcher Glanz lag auf dem heiligen Gesichtchen, es war wie ein himmlisches Licht, und aus dem Bäckchen der heiligen Mutter Gottes tropfte und tropfte es …«
»Aber das ist ja Betrug«, sagte Pierre arglos und sah die Betfahrerin aufmerksam an.
»Aber Väterchen, was sagst du da?« rief Pelagea entsetzt aus und sah sich schutzsuchend nach Prinzessin Marja um.
»So wird das Volk nun betrogen«, wiederholte Pierre.
»Herr Jesus Christus!« rief die Betfahrerin und bekreuzigte sich. »Ach, rede nicht so, Väterchen! Da war auch ein General, der glaubte es auch nicht und sagte: ›Die Mönche betrügen uns.‹ Aber kaum hatte er das gesagt, da wurde er blind. Und ihm träumte, die heilige Mutter Gottes aus dem Höhlenkloster komme zu ihm und sage: ›Glaube an mich, so werde ich dich heilen.‹ Da fing er an zu bitten und zu betteln: ›Führt mich hin, führt mich hin zu ihr!‹ Ich erzähle dir das alles der Wahrheit gemäß, wie ich es selber gesehen habe. Und man führte den Blinden geradewegs zu ihr, und er kam hin, fiel vor ihr nieder und sagte: ›Heile mich‹, sagte er, ›und ich werde dir alles geben, was mir der Zar verliehen hat.‹ Und ich habe selber gesehen, Väterchen, wie da der Ordensstern plötzlich an ihrer Brust war. Und auf einmal konnte er wieder sehen. Es ist eine Sünde, so zu reden, die Gott straft«, schloß sie belehrend zu Pierre gewandt.