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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Das Lazarett befand sich in einer kleinen preußischen Ortschaft, die zweimal von russischen und französischen Truppen zerstört worden war. Gerade weil es jetzt Sommer und draußen im Feld so schön war, bot dieser kleine Flecken mit seinen durchschossenen Dächern und Zäunen, seinen schmutzigen Straßen, den zerlumpten Bewohnern und betrunkenen und kranken Soldaten, die hier herumschlenderten, ein besonders düsteres Bild.

Das Lazarett befand sich in einem steinernen Haus, dessen Fensterrahmen und Fensterscheiben zum Teil herausgeschlagen waren. Der Hof war von den Überresten eines zerbrochenen Zaunes umfriedet. Ein paar blasse Soldaten mit geschwollenen Gesichtern und verbundenen Gliedern saßen dort in der Sonne oder gingen auf und ab.

Kaum war Rostow durch die Tür eingetreten, so umfing ihn sogleich der Fäulnisgeruch eines Krankenhauses. Auf der Treppe traf er einen russischen Militärarzt mit der Zigarre im Mund. Hinter ihm ging ein Sanitätsunteroffizier.

»Ich kann mich doch nicht zerreißen«, sagte der Arzt. »Komm heute abend zu Makar Alexejewitsch, ich werde dort sein.«

Der Sanitätsunteroffizier fragte ihn noch etwas.

»Ach was. Tu das nur, wie du schon weißt. Ist das etwa nicht ganz gleich?« Der Arzt gewahrte Rostow, der die Treppe heraufstieg. »Was wünschen Sie, Euer Wohlgeboren? Was wünschen Sie?« fragte der Arzt. »Da die Kugeln Sie verschont haben, wollen Sie sich wohl hier den Typhus holen. Dies ist ein Haus der Aussätzigen, mein Herr.«

»Inwiefern?« fragte Rostow.

»Wir haben Typhus hier, mein Herr. Wer da hineingeht, kommt lebend nicht wieder heraus. Nur wir beide, Makjejew und ich«, er zeigte auf den Sanitätsunteroffizier, »haben noch standgehalten. Von uns Ärzten sind hier schon fünf Mann gestorben. Kaum kommt ein neuer an, in acht Tagen ist er schon wieder erledigt«, erzählte der Arzt mit sichtlichem Behagen. »Man hat jetzt preußische Ärzte angefordert, aber unsere Verbündeten scheinen so etwas nicht zu schätzen.«

Rostow setzte ihm auseinander, daß er einen Major von den Husaren namens Denissow zu sehen wünsche, der hier liegen solle.

»Kenne ich nicht, weiß nichts von ihm, mein Herr. Sie müssen bedenken, daß ich als einziger Arzt drei Lazarette mit über vierhundert Kranken habe. Nur gut, daß uns wohltätige Damen aus Preußen jeden Monat zwei Pfund Kaffee und Scharpie schicken, sonst wären wir ganz verloren.« Er lachte. »Vierhundert Kranke, mein Herr, und dabei schickt man mir immer noch neue. Vierhundert waren es doch wohl, nicht wahr?« wandte er sich an den Sanitätsunteroffizier.

Der Sanitätsunteroffizier sah sehr abgespannt aus. Er war sichtlich ärgerlich und wartete, daß der geschwätzige Doktor bald fortgehen solle.

»Major Denissow«, wiederholte Rostow. »Er ist bei Molitten verwundet worden.

»Der ist, glaube ich, gestorben. Nicht wahr, Makjejew?« fragte der Arzt gleichmütig den Sanitätsunteroffizier.

Doch der Sanitätsunteroffizier bestätigte die Worte des Arztes nicht.

»War das so ein Langer, Rothaariger?« fragte der Arzt.

Rostow beschrieb Denissows Aussehen.

»Der war da, ja, so einer war da«, rief der Doktor, als freue er sich. »Doch der muß gestorben sein. Übrigens kann ich ja mal nachsehen, wir hatten doch Listen darüber. Hast du die bei dir, Makjejew?«

»Die Listen liegen bei Makar Alexejewitsch«, sagte der Sanitätsunteroffizier. »Aber bitte gehen Sie doch nach der Offiziersabteilung, dort können Sie ja selber sehen«, fügte er, an Rostow gewandt, hinzu.

»Ach, gehen Sie lieber nicht hin, mein Bester«, sagte der Arzt, »sonst müssen wir Sie am Ende auch noch hierbehalten.«

Rostow verabschiedete sich durch eine Verbeugung von dem Arzt und bat den Sanitätsunteroffizier, ihn hinzuführen.

»Aber hören Sie, daß Sie mir dann keine Vorwürfe machen!« rief ihm der Doktor noch von der Treppe aus nach.

Rostow ging mit dem Sanitätsunteroffizier in den Korridor hinein. Der Krankenhausgeruch war in diesem dunklen Gang so stark, daß sich Rostow die Nase zuhalten und stehen bleiben mußte, um alle seine Kräfte zum Weitergehen zusammenzunehmen. Rechts ging eine Tür auf, und ein abgezehrter, gelb aussehender Mensch schleppte sich auf Krücken heraus, barfuß und nur mit Unterwäsche bekleidet. An den Türpfosten gelehnt, starrte er die Vorübergehenden mit fiebernden, neidischen Augen an. Rostow warf einen Blick durch die Tür und sah, daß die Kranken und Verwundeten dort auf Stroh und Mänteln auf dem Fußboden lagen.

»Darf man einmal hineingehen, um sich das anzusehen?« fragte Rostow.

»Was gibt es da zu sehen?« sagte der Sanitätsunteroffizier.

Aber gerade deshalb, weil der Sanitätsunteroffizier ihn offenbar nicht gern hineinlassen wollte, trat Rostow in das Soldatenkrankenzimmer ein. Der Geruch, an den sich zu gewöhnen er auf dem Korridor schon genügend Zeit gehabt hatte, war hier noch ärger. Er war hier etwas anders und noch bedeutend schärfer, und man merkte, daß gerade hier die Stelle war, von wo er ausging.

In dem langen Zimmer, durch dessen große Fenster die Sonne grell hereinschien, lagen, mit den Köpfen an der Wand, die Kranken und Verwundeten in zwei Reihen, so daß in der Mitte ein Gang frei blieb. Die meisten von ihnen waren teilnahmslos und schenkten den Eintretenden keine Beachtung. Diejenigen, die bei Bewußtsein waren, richteten sich auf oder hoben nur ihre abgezehrten, gelben Gesichter, und sahen alle mit demselben Ausdruck der Hoffnung auf Hilfe, des Vorwurfs und Neides auf die Gesundheit anderer den Besucher unverwandt an. Rostow ging bis in die Mitte des Zimmers, warf durch die offenstehenden Türen einen Blick in die Nebenzimmer rechts und links und sah auf beiden Seiten dasselbe. Er blieb stehen und sah sich schweigend um. So etwas zu sehen, hätte er niemals erwartet. Dicht vor ihm lag fast quer über dem Mittelgang auf dem blanken Fußboden ein Kranker, wahrscheinlich ein Kosak, da sein Haar rund abgeschoren war. Dieser Kosak lag rücklings da, die mächtigen Arme und Beine von sich gestreckt. Sein Gesicht war blaurot, seine Augen ganz verdreht, so daß man nur noch das Weiße sah, und an seinen bloßen Füßen und roten Händen traten die Adern wie Stricke hervor. Er schlug mit dem Hinterkopf auf den Boden, murmelte mit heiserer Stimme etwas vor sich hin und schien immer wieder nur ein Wort zu wiederholen. Rostow horchte auf das, was er sagte, und verstand das Wort, das er immer wiederholte. Es hieß: »Trinken, trinken, trinken!« Rostow sah sich um und suchte jemand, der diesen Kranken wieder auf seinen Platz legen und ihm Wasser geben könnte.

»Wer pflegt hier die Kranken?« fragte er den Sanitätsunteroffizier.

In diesem Augenblick trat aus dem Nebenzimmer der Krankenwärter, ein Trainsoldat, ging militärisch auf Rostow zu und stand vor ihm stramm. »Wünsche Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!« brüllte der Soldat und starrte Rostow mit weit aufgerissenen Augen an, da er ihn offenbar für einen vorgesetzten Lazarettinspektor hielt.

»Trage den dort fort und gib ihm Wasser!« sagte Rostow und zeigte auf den Kosaken.

»Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte der Soldat bereitwillig, gab sich noch mehr Mühe, die Augen herauszudrehen und stramm zu stehen, rührte sich aber nicht von der Stelle.

Nein, hier kann man nichts ausrichten, dachte Rostow, schlug die Augen nieder und wollte schon hinausgehen, als er von der rechten Seite einen bedeutsamen Blick auf sich gerichtet fühlte und nach dieser Seite hinsah. Fast ganz in der Ecke saß auf einem Mantel ein alter Soldat mit gelbem, wie zum Skelett abgezehrtem, ernstem Gesicht und einem unrasierten grauen Bart und starrte Rostow unverwandt an. Sein Nachbar auf der einen Seite flüsterte ihm irgend etwas zu, indem er auf Rostow zeigte. Rostow verstand, daß der Alte ihn um etwas bitten wollte. Er ging näher heran und sah, daß dieser Soldat nur das eine Bein angezogen hielt, da ihm das andere bis über das Knie hinauf fehlte. Der andere Nachbar des Alten, der mit zurückgesunkenem Kopf starr und unbeweglich etwas weiter von ihm entfernt lag, war ein noch junger Soldat mit wachsbleichem, sommersprossigem Gesicht, einer Stumpfnase und ganz verdrehten Augen unter den Lidern. Rostow sah den stumpfnasigen Soldaten genauer an, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. »Aber es scheint doch, daß dieser …« wandte er sich an den Sanitätsunteroffizier.

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