Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Wie kam denn der Ordensstern plötzlich auf das Heiligenbild?« fragte Pierre.
»Da ist eben die Gottesmutter auch einmal General geworden«, sagte Fürst Andrej und lachte.
Pelagea wurde plötzlich ganz blaß und schlug die Hände zusammen.
»Väterchen, Väterchen, versündige dich nicht, du hast doch einen Sohn!« rief sie, und ihre Blässe ging plötzlich in dunkle Röte über. »Möge dir Gott verzeihen, Väterchen, was du gesagt hast!« Sie bekreuzigte sich: »Herrgott, verzeihe ihm! Mütterchen, wie ist das möglich …« wandte sie sich an Prinzessin Marja. Sie stand auf und machte sich fast weinend daran, ihre Siebensachen zusammenzusuchen. Man sah, es war ihr ebenso furchtbar wie beschämend, daß sie in einem Hause Wohltaten genossen hatte, wo man solche Worte aussprechen konnte, und doch tat es ihr wiederum auch leid, daß sie nun auf die Wohltaten in diesem Hause verzichten mußte.
»Sagt, was habt ihr nun davon?« sagte Prinzessin Marja. »Seid ihr deshalb zu mir gekommen?«
»Nein, nein, das war doch nur ein Scherz, Pelagea«, ereiferte sich Pierre. »Princesse, ma parole, je n’ai pas voulu l’offenser. Ich habe das nur so gesagt. Du darfst das nicht so ernst nehmen, das war doch nur Spaß«, sagte er wieder zu der Alten und lächelte schüchtern in dem Wunsch, seine Schuld wieder gutzumachen. »Siehst du, das habe ich nur so gesagt, und er auch, er hat nur einen Spaß machen wollen.«
Pelagea blieb noch eine Weile mißtrauisch stehen, aber Pierres Gesicht drückte eine so aufrichtige Reue aus, und Fürst Andrej blickte so sanftmütig bald auf Pelagea, bald auf Pierre, daß sie allmählich etwas ruhiger wurde.
14
Nachdem sich die Betfahrerin beruhigt hatte und wieder zum Reden veranlaßt worden war, erzählte sie lange vom Vater Amphilochius, der ein so heiliges Leben geführt hatte, daß seinen Händen ein Weihrauchduft entströmte, erzählte, wie ihr Mönche, die sie kannte, auf ihrer letzten Wallfahrt nach Kiew die Schlüssel zu den Höhlen gegeben hätten und sie etwas Zwieback zu sich gesteckt und dann zwei Tage und zwei Nächte in den Höhlen bei den gottgefälligen Brüdern zugebracht habe.
»Ich bete mit dem einen und bezeige ihm meine Ehrerbietung, und dann gehe ich zu einem anderen. Dann schlafe ich ein Weilchen, und dann gehe ich wieder hin, um das Kreuz zu küssen. Und eine solche Stille herrscht da, Mütterchen, ein solch seliger Friede, daß man gar nicht wieder auf die Gotteswelt hinaufsteigen möchte.«
Pierre hörte ihr aufmerksam und ernsthaft zu. Fürst Andrej ging aus dem Zimmer. Prinzessin Marja folgte ihm, ließ ihre Gottesleute den Tee allein austrinken und führte Pierre in den Salon.
»Sie sind ein sehr guter Mensch«, sagte sie zu ihm.
»Ach, es war wirklich nicht meine Absicht, der Frau weh zu tun, ich verstehe diese Gefühle sehr wohl und weiß sie zu schätzen.«
Prinzessin Marja sah ihn schweigend an und lächelte sanft.
»Ich kenne Sie ja schon so lange und habe Sie immer wie einen Bruder geliebt«, sagte sie. »Wie haben Sie Andrej gefunden?« fragte sie dann hastig, ohne ihm Zeit zu lassen, etwas auf ihre freundlichen Worte zu erwidern. »Er macht uns rechte Sorge. Im Winter fühlte er sich gesunder und wohler, aber im vergangenen Frühjahr brach dann die Wunde wieder auf, und der Arzt sagte, er solle verreisen und eine Kur gebrauchen. Und auch in seelischer Hinsicht fürchte ich für ihn. Er hat einen anderen Charakter als wir Frauen, er kann seinen Kummer nicht so ausweinen und ausklagen. Er trägt ihn in seinem Innern mit sich herum. Heute ist er heiter und angeregt, aber das ist nur Ihre Ankunft, die ihn so beeinflußt hat, sonst ist er selten so. Wenn Sie ihn doch überreden könnten, ins Ausland zu reisen! Er muß einen Wirkungskreis haben. Dieses eintönige, stille Leben bringt ihn noch ganz um. Andere bemerken das nicht so, aber ich sehe es.«
Um zehn Uhr eilte die Dienerschaft auf die Freitreppe hinaus, da sie das Schellengeläut des heimkehrenden Wagens des alten Fürsten gehört hatten. Fürst Andrej und Pierre traten ebenfalls vor das Haus.
»Wer ist das?« fragte der alte Fürst, als er aus dem Wagen stieg und Pierre erblickte. »Ah! Freue mich sehr! Küsse mich!« sagte er dann, als er erfahren hatte, wer der unbekannte junge Mann war.
Der alte Fürst war bei guter Laune und zeigte sich gegen Pierre sehr freundlich.
Als Fürst Andrej dann kurz vor dem Abendessen wieder in das Zimmer seines Vaters hineinkam, fand er den alten Fürsten in heißem Disput mit Pierre vor. Pierre legte dar, daß eine Zeit kommen werde, wo es keinen Krieg mehr gebe. Der alte Fürst stritt dagegen und machte sich über Pierres Ansichten lustig, jedoch ohne sich dabei zu ärgern.
»Wenn man den Menschen das Blut aus den Adern abzapft und dafür Wasser hineingießt, dann wird es vielleicht keinen Krieg mehr geben. Alles nur Weibergewäsch, nur Weibergewäsch«, wiederholte er, klopfte aber dabei Pierre wohlwollend auf die Schulter und trat an den Tisch, an dem Fürst Andrej stand und in den Papieren blätterte, die der alte Fürst aus der Stadt mitgebracht hatte. Fürst Andrej hatte sichtlich keine Lust, sich an ihrem Gespräch zu beteiligen. Der alte Fürst trat auf ihn zu und fing an, von geschäftlichen Dingen mit ihm zu reden.
»Der Adelsmarschall Graf Rostow hat nur die Hälfte Mannschaften gestellt. Kommt in die Stadt und läßt sich einfallen, mich zum Essen einzuladen – na, dem habe ich ein schönes Essen eingebrockt … Aber das hier, das mußt du dir mal ansehen … Na, mein Junge«, wandte sich Fürst Nikolaj Andrejewitsch an seinen Sohn und klopfte Pierre auf die Schulter, »ein Prachtkerl, dein Freund, habe ihn ordentlich liebgewonnen. Hat mir tüchtig eingeheizt. Andere führen kluge Reden, und doch hat man keine Lust, ihnen zuzuhören. Er aber lügt drauflos und hat mich alten Knaben doch ganz warm gemacht. Na geht nur, geht«, sagte er. »Vielleicht komme ich nach dem Abendessen hinüber und setze mich noch ein bißchen zu euch. Dann können wir wieder disputieren. Daß du mir auch mein Schäfchen, die Prinzessin Marja, liebgewinnst!« rief er Pierre noch in der Tür nach.
Erst jetzt, seit seiner Ankunft in Lysyja-Gory, erkannte Pierre seine Freundschaft für den Fürsten Andrej in ihrer ganzen Stärke und ihrem ganzen Reiz. Dieser Reiz kam nicht nur in seinem Verkehr mit dem Fürsten Andrej selber, sondern auch im Umgang mit allen seinen Angehörigen und Hausgenossen zum Ausdruck. Pierre fühlte, daß sowohl der alte, mürrische Fürst als auch die sanfte, schüchterne Prinzessin Marja mit einemmal seine alten, lieben Freunde geworden waren, obgleich er sie doch fast gar nicht kannte. Und auch sie alle liebten ihn bereits. Nicht nur Prinzessin Marja, deren Herz er durch seine sanfte Behandlung ihrer Gottesleute gewonnen hatte, sah ihn mit leuchtenden Augen an, auch der kleine Fürst Nikolaj, der Einjährige, wie ihn der Großvater nannte, lachte Pierre an und ließ sich von ihm auf den Arm nehmen. Und auch Michail Iwanowitsch und Mademoiselle Bourienne hörten freundlich lächelnd zu, wenn er sich mit dem alten Fürsten unterhielt.
Der alte Fürst kam wirklich zum Abendessen, offensichtlich nur wegen Pierres. Während der beiden Tage, die Pierre in Lysyja-Gory blieb, behandelte er ihn außerordentlich freundlich und forderte ihn wiederholt auf, ihn zu besuchen.
Als nach Pierres Abreise alle Familienglieder zusammensaßen und ein Urteil über ihn abgaben, wie sie es zu tun pflegten, wenn ein neuer Bekannter abgefahren war, sprach man einstimmig nur Gutes von ihm, was sonst selten der Fall war.
15
Als Rostow dieses Mal vom Urlaub zurückkehrte, empfand und erkannte er zum erstenmal, wie eng er mit Denissow und seinem ganzen Regiment verbunden war.
Während er auf das Lager zuritt, hatte er ein ähnliches Gefühl, wie er es damals empfunden hatte, als er seinen ersten Urlaub antrat und in sein Vaterhaus in der Powarskaja heimkehrte. Als er den ersten Husaren mit aufgeknöpftem Rock in der Uniform seines Regiments erblickte, als er den rothaarigen Dementjew erkannte, die zusammengekoppelten Füchse sah, als Lawruschka seinem Herrn freudig zurief: »Der Graf ist gekommen«, und als Denissow zerrauft vom Bett, wo er geschlafen hatte, aufsprang, aus der Erdhütte herauseilte und ihn umarmte, als alle Offiziere herbeiliefen und den Ankommenden umringten: da empfand Rostow dasselbe Gefühl wie damals, als Vater, Mutter und Schwestern ihn umarmt hatten, und Tränen der Freude stiegen ihm im Halse auf und hinderten ihn zu sprechen. Auch das Regiment war ein Heim, ein stetes, liebes und gutes Heim, gerade wie das Elternhaus.