Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Ei,« sagte ich darauf zu meiner Tante, »da scheint die Prinzessin ja eine richtige Zauberfee zu sein!«
»In meinen Augen ist,« wiederholte die Tante, »eben die schon erwähnte Mischung von Würde mit Sanftmut und Bescheidenheit der eigentliche Reiz, mit dem sie alle Gemüter bestrickt und ihrer physischen Schönheit eine ganz eigentümliche Steigerung verleiht. Ihr liebliches Antlitz gewinnt dadurch tatsächlich einen himmlischen Anstrich.«
»Und daß solche Eigenschaft bei Prinzessinnen nicht gerade häufig vertreten ist, erfahren wir jungen Männer leider recht oft zu unserm lebhaften Bedauern und nicht minder lebhaften Verdrusse.«
»Du darfst nicht vergessen, Neffe, daß diese Eigenschaft bei ihr um so höher anzuschlagen ist, als sie ja erst seit kurzem zu ihrem Range erhoben worden ist. Ganz sicher läßt es auf einen hohen Grad von Gemütsstärke schließen, daß sie sich von aller Hoffart freizuhalten verstanden hat.«
»Hat sie, wenn sie mit Ihnen sprach, liebe Tante, ihrer früheren Schicksale niemals erwähnt?«
»Nein, aber als ich ihr sagte, welche Achtung wir ihr als der Tochter unseres Landesherrn und Familienoberhauptes schuldig seien, und daß da Altersrücksichten nicht mitzusprechen hätten, da hat mich die Unbefangenheit, verschmolzen mit Erkenntlichkeit und Verehrung, ganz unsagbar ergriffen, zeigte mir doch ihre so liebenswürdige wie edle Zurückhaltung, daß sie ihre jetzigen Verhältnisse nicht etwa derart berauschten, daß sie alle Vergangenheit vergäße, daß sie im Gegenteil meinem Alter all die zarte Rücksicht entgegenbrachte, die ich ihrer höheren Stellung bereitwilligst einräumte.«
»Es gehört wirklich,« bemerkte ich zu meiner Tante, »ein feiner Takt dazu, um diese zarten Nuancen zu unterscheiden.«
»Liebes Kind! je öfter ich die Prinzessin gesehen habe, desto mehr gratulierte ich mir zu dem ersten Eindrucke, den sie auf mich gemacht hatte. Was sie, seitdem sie hier ist, Gutes gestiftet hat, ist unglaublich; – und alles dieses mit einer Ueberzeugung, mit einer Reife des Urteils, die mich bei einer Person ihres Alters staunen machen. Urteile selbst! – auf ihre Bitte hat der Großherzog in Gerolstein eine Anstalt für arme kleine verwaiste Mädchen von fünf bis sechs Jahren, und für jene verwaisten oder verlassenen Mädchen gegründet, die sechzehn Jahre alt sind, dieses verhängnisvolle Alter für die Unglücklichen, die schutzlos sind gegen Verführung oder Not. Edle geistliche Frauen meiner Abtei beaufsichtigen und unterrichten die Zöglinge. So oft ich das Haus besuche, sehe ich, wie diese armen Mädchen die gute Prinzessin anbeten. Jeden Tag bringt sie einige Stunden in der Anstalt zu, die unter ihrem besonderen Schutze steht, und ich wiederhole es Ihnen, liebes Kind! es ist nicht bloß Achtung, Erkenntlichkeit, was die Mädchen und die geistlichen Frauen für die Prinzessin fühlen, sondern weit eher fanatische Schwärmerei.«
»Also ist die Prinzessin tatsächlich ein Engelsgeschöpf!« rief ich.
»Wie du sagst, ja, wie du sagst!« erwiderte meine Tante, »denn du kannst dir nicht vorstellen, mit welch rührender Liebenswürdigkeit sie ihre Schutzbefohlenen behandelt, und mit welch frommer Sorgfalt sie über ihnen wacht. Ich habe Unglück noch nie mit solchem Zartgefühl, mit solcher Schonung behandeln sehen – man möchte sagen, daß die Prinzessin sich von schier unwiderstehlichem Mitgefühl zu dieser Klasse armer, verlassener Wesen hingezogen fühlt. Können Sie es glauben, daß die Tochter eines regierenden Großherzogs die armen Dinger immer nur »meine lieben Schwestern« anredet?«
Zwei Stunden später.
Ich muß Dir bekennen, lieber Max, daß mir bei diesen Worten meiner Tante Tränen in die Augen treten wollten. Meinst Du nicht auch, daß solches Wesen ein Fürstenkind mehr ziert als alles andere? Du weißt, wie aufrichtig ich bin, und ich versichere Dir, daß ich die Worte meiner Tante Dir buchstäblich genau mitgeteilt habe, und daß ich kein Jota vom Tatsächlichen auch fürderhin abweichen werde.
»Aber, liebe Tante,« bemerkte ich, »wenn die Prinzessin wirklich ein so reizendes Wesen ist, dann wird es mir schwerlich leicht fallen, morgen bei der Vorstellung gleichgiltig zu bleiben. Du kennst ja meine hochgradige Schüchternheit und weißt recht gut, daß mir ein vornehmer Charakter immer mehr imponiert als ein vornehmer Rang, und daß ich der Prinzessin deshalb morgen als recht blöder Simpel gegenüber treten werde, erscheint mir als ausgemacht ... Nun, komme es so oder anders: ich füge mich im voraus in mein Schicksal!«
»Laß nur gut sein, mein lieber Neffe,« versetzte darauf die Tante, »Prinzessin Amalie wird nachsichtig gegen dich sein. Zudem bist du ja auch für sie gar nicht einmal eine neue Bekanntschaft.«
»Was sind das für Reden, Tante!«
»Na, anders ist's doch nicht, Neffe!«
»Aber wieso?« fragte ich eifrig.
»O, du besinnst dich doch, daß du in deinem sechzehnten Jahre aus Oldenzaal mit deinem Vater nach Rußland und England reistest, und daß ich damals von dir ein Bild malen ließ in dem Kostüm, das du auf dem ersten Maskenballe trugst, den die verwitwete Frau Großherzogin gab.«
»O ja, darauf besinne ich mich allerdings noch, Tante,« sagte ich, »auch auf das Kostüm eines Pagen aus dem sechzehnten Jahrhundert, das ich damals trug.«
»Nun, der wackre Künstler, der das Bild malte, hat dich damals vorzüglich getroffen. Kurz nachdem die Prinzessin mit dem Großherzog in Deutschland angekommen, machten sie beide bei mir Visite, und dein Bild fiel ihr sogleich auf. Sie fragte mich ganz ungeniert, wer denn der hübsche Page aus verwichener Zeit sei. Der Großherzog lächelte und meinte: »Es stellt einen Vetter von uns dar, der jetzt wohl, nach der Tracht zu schließen, meine Liebe, an die dreihundert Jahre alt sein könnte, der jedoch zu seiner Zeit ein Ritter ohne Furcht und Tadel war und immer das Herz auf dem rechten Flecke gehabt hat ... Sage es doch selbst: Spricht aus seinem Blicke nicht Mut, und aus seinem Lächeln nicht Herzensgüte?«
Erlaube, lieber Max, daß ich mich hier unterbreche: ich möchte aber nicht, daß Du hier ungeduldig und geringschätzig die Achseln zucktest! und ich glaube fast, Du tust es, wenn Du merkst, was für wunderliche Begriffe ich über mich selbst zu entwickeln anfange ... Aber es fällt mir schwer, anders zu schreiben, glaub mir! und in der Folge meines Berichtes werden Dir noch all die Umstände klar werden, die mich zu solchen Empfindungen bewegen mußten ... Drum breche ich den Zwischensatz hier wieder ab und fahre fort:
Meine Tante sagte weiter: »Unsre Prinzessin Amalie, getäuscht durch diesen harmlosen Scherz, teilte mir die Ansicht ihres Vaters über den so stolzen und doch wieder so sanften Gesichtsausdruck von dir mit und vertiefte sich eine Zeitlang in das Bild ... Als ich sie später wieder in Gerolstein traf, hat sie mich mit schelmischem Lächeln gebeten, ihr doch zu sagen, ob über jenen »Neffen aus der guten alten Zeit« wieder etwas zu hören gewesen sei? Da habe ich ihr den kleinen Betrug offen bekannt und ihr gesagt, daß der schmucke Page aus dem 16. Jahrhundert kein anderer sei als mein Neffe, Prinz Heinrich von Herkausen-Oldenzaal, und daß er, vom Kostüm abgesehen, dem Originale täuschend ähnlich sei, in seinem 21. Lebensjahre stehe und Gardekapitän Seiner k. k. Apostolischen Majestät des Kaisers von Oesterreich sei ... Ich sage dir, Neffe, wie die Prinzessin diese Aufklärung aus meinem Munde hörte, ist sie kirschrot geworden, gleich darauf aber wieder bitter ernst, wie sie es gewöhnlich ist. Aber gesprochen hat sie seitdem von dem Bilde kein einziges Mal mehr. Daraus aber kannst du ersehen, lieber Neffe, daß du ihr gar nicht so wildfremd erscheinen wirst, wie du es dir gedacht hast, im Gegenteil deiner Cousine ein recht bekanntes Gesicht zeigen wirst ... Mach dir also keinerlei Sorge, sondern bestrebe dich vielmehr, deinem Konterfei alle mögliche Ehre anzutun.«