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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Fürst Andrej hatte seine Gedanken so klar und deutlich ausgesprochen, daß man merkte, er hatte schon oft darüber nachgedacht. Er sprach gern und schnell wie Menschen, die sich lange nicht ausgesprochen haben, und sein Blick belebte sich mehr und mehr, je hoffnungsloser seine Ansichten wurden.

»Aber das ist ja furchtbar, ganz furchtbar!« rief Pierre. »Ich verstehe einfach nicht, wie man mit solchen Ansichten leben kann. Ich habe ebensolche Augenblicke gehabt, es ist noch gar nicht lange her, in Moskau, auf der Reise. Das drückt mich aber immer in solchem Grad nieder, daß ich gar kein Leben mehr in mir fühle und mir alles zum Ekel wird … am meisten aber ich mir selbst. Dann esse ich nicht, wasche mich nicht … Geht Ihnen das auch so?«

»Warum sich nicht waschen? Das wäre doch unreinlich«, entgegnete Fürst Andrej. »Im Gegenteil, man muß bemüht sein, sich das Leben so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Ich lebe, doch dafür kann ich nichts, folglich muß ich, ohne jemandem im Weg zu sein, mein Leben so angenehm wie möglich bis zum Tode verbringen.«

»Aber was regt Sie denn an zu einem Leben mit solchen Ansichten? Da wird man doch schließlich nur noch stillsitzen und nichts mehr unternehmen wollen …«

»So ganz in Frieden läßt einen das Leben ja doch nicht. Ich wäre heilfroh, wenn ich nichts zu tun brauchte, aber siehst du, gleich ein Beispieclass="underline" Da hat mir der hiesige Adel die Ehre angetan, mich zum Adelsmarschall zu wählen, es hat mich Mühe gekostet, mich davon freizumachen. Sie können nicht begreifen, daß ich zu so etwas nicht das Zeug habe, daß ich dieses übliche harmlose, läppische Drauflosleben, das dazu nötig ist, einfach nicht mitmachen kann. Und dann dieses Haus hier, das ich mir bauen muß, um ein Eckchen zu haben, wo ich in Frieden leben kann. Und jetzt die Landwehr.«

»Warum dienen Sie nicht im Heer?«

»Nach Austerlitz?« entgegnete finster Fürst Andrej. »Nein, danke ergebenst. Ich habe mir das Wort gegeben, nicht wieder in der russischen aktiven Armee zu dienen. Niemals, und wenn Bonaparte hier bei Smolensk stünde und selbst Lysyja-Gory bedrohte, auch dann würde ich nicht in die russische Armee eintreten. Soviel kann ich dir sagen. Und dann«, fuhr Fürst Andrej ruhiger fort, »habe ich doch jetzt die Aushebungen zur Landwehr. Mein Vater ist Oberkommandierender des dritten Bezirks, und das einzige Mittel, dem aktiven Dienst zu entgehen, war, bei ihm einzutreten.«

»Folglich dienen Sie also doch?«

»Ja.«

Er schwieg eine Weile.

»Aber warum tun Sie das dann?«

»Aus folgendem Grund. Mein Vater ist einer der hervorragendsten Männer seines Jahrhunderts. Aber er wird alt, und wenn er auch nicht gerade das ist, was man grausam nennt, so hat er doch einen etwas zu tatkräftigen Charakter. Man muß ihn fürchten, weil er an uneingeschränkte Macht gewöhnt ist und jetzt um so mehr, da ihm der Kaiser als Oberkommandierendem über die Landwehr diese Macht selber gegeben hat. Wenn ich vor vierzehn Tagen zwei Stunden später gekommen wäre, hätte er den Schriftführer in Jusdmow an den Galgen knüpfen lassen«, fügte Fürst Andrej lächelnd hinzu. »Ich bin nur deshalb in den Dienst eingetreten, weil außer mir kein Mensch Einfluß auf meinen Vater hat und ich ihn dadurch doch hier und da von einem Schritt zurückhalten kann, der ihm nachher nur zur Qual werden würde.«

»Ah, nun, da sehen Sie es ja.«

»Ja, mais ce n’est pas, comme vous l’entendez«, fuhr Fürst Andrej fort. »Ich wünschte diesem Halunken, dem Schriftführer, der ein paar Landwehrleuten irgendwelche Stiefel geklaut hatte, nicht das geringste Gute und wünsche es ihm auch heute noch nicht, hätte mich sogar gefreut, ihn hängen zu sehen, aber mir tat der Vater leid, das heißt also wieder nur: ich mir selber.«

Fürst Andrej wurde immer lebhafter und lebhafter. Seine Augen strahlten in fieberhaftem Glanz, während er sich bemühte, Pierre zu beweisen, daß seinen Handlungen nie der Wunsch, seinen Nächsten Gutes zu tun, zugrunde gelegen habe.

»Da willst du nun die Bauern befreien«, fuhr er fort, »das ist ja sehr schön, aber nicht für dich – du hast, glaube ich, niemals einen auspeitschen oder nach Sibirien schicken lassen –, noch weniger aber für die Bauern selber. Wenn man sie schlägt, auspeitscht, nach Sibirien verschickt, so fühlen sie sich, glaube ich, deshalb noch um kein Haar schlechter. Der Bauer führt in Sibirien dasselbe viehische Leben wie hier, die Schwielen an seinem Körper vergehen, und er ist dort genauso glücklich, wie er es hier gewesen ist. Nötig wäre die Bauernbefreiung nur für diejenigen Herren, die sittlich dabei zugrunde gehen, Reue empfinden, aber diese Reue mit Füßen treten und hart werden, weil sie es ganz in der Hand haben, gerechte oder ungerechte Strafen auszuteilen. Die sind es, die mir leid tun, und denen würde ich die Bauernbefreiung wünschen. Du hast es vielleicht nie mit angesehen, aber ich habe beobachtet, wie gute Menschen, die in den überlieferten Anschauungen einer uneingeschränkten Macht erzogen worden sind, dann später mit den Jahren, wenn ihre Reizbarkeit zunimmt, hart und grausam werden, und das zwar selber wissen, sich aber nicht beherrschen können und immer unglücklicher und unglücklicher darüber werden.«

Fürst Andrej hatte sich von seinen letzten Worten so fortreißen lassen, daß Pierre unwillkürlich auf den Gedanken kam, der Fürst müsse durch seinen Vater zu dieser Ansicht gekommen sein.

Er antwortete ihm nichts darauf.

»Die sind es, die mir leid tun, ihre Menschenwürde, ihr Gewissensfriede, ihre Seelenreinheit, nicht aber die Buckel und Schädel der Bauern, die, soviel du sie auch verprügeln, soviel du sie auch glattrasieren läßt, doch immer dieselben Buckel und Schädel bleiben.«

»Nein, nein, nein und tausendmal nein! Niemals werde ich mich darin mit Ihnen einverstanden erklären«, erwiderte Pierre.

12

Gegen Abend setzten sich Andrej und Pierre in den Wagen und fuhren nach Lysyja-Gory. Fürst Andrej sah Pierre ab und zu an, und die Worte, mit denen er hier und da das Schweigen unterbrach, bewiesen, daß er sich in der besten Stimmung befand. Er zeigte auf die Felder und erklärte Pierre, was er in seiner Wirtschaft verbessert und vervollkommnet hatte.

Pierre schwieg finster oder antwortete nur einsilbig und schien ganz in seine Gedanken versunken zu sein. Er überlegte sich, daß Fürst Andrej unglücklich sei, irreging, das wahre Licht nicht kenne, und daß er ihm helfen, ihn erleuchten und emporziehen müsse. Aber wie sehr er auch sann und grübelte, was er ihm zuerst sagen solle: immer fühlte er im voraus, daß Fürst Andrej mit irgendeinem Wort, irgendeinem Gegengrund seine Lehre zunichte machen würde, und deshalb scheute er sich, davon anzufangen, scheute sich, das, was ihm lieb und heilig war, der Verspottung auszusetzen.

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