Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Seltsamer Abstand zwischen damals und heute! Es war gerade drei Tage vor dem blutigen Zweikampfe, zu dessen Sekundanten ich Dich nicht nehmen mochte, denn unter Deinen Augen blessiert zu werden, wäre mir zu schmerzlich gewesen! Saint-Remy, der junge französische Edelmann, der Gesandschaft am Gerolsteiner Hofe attachiert, fiel, von meinem Sekundanten durchbohrt – und was war der frivole Anlaß zu dem Duell? Ein geringfügiger Zwist beim Spiel! Apropos, weißt Du auch, was aus der sakrischen Sirene geworden ist, die Saint-Remy mit nach Oppenfeld brachte, und die, wenn ich mich recht entsinne, Cecily David hieß?
Lieber Freund! Ich sehe, wie Du mitleidig die Lippen kräuselst, daß ich mich in so losen Erinnerungen bewege, daß ich immer und immer wieder mit der Vergangenheit mich befasse, statt zu jenen Mitteilungen ernster Natur zu gelangen, auf die ich Dich vorbereitet habe ... aber es wird mir schwer, Freund, und wenn ich mir auch sage, daß ich unrecht daran tue, so zögere ich doch damit, schiebe doch den Augenblick hinaus, wo ich Dir mein Herz ausschütten sollte, denn ich kenne Deine Sittenstrenge und fürchte böse Worte aus Deinem Munde ... weil ich ohne Ueberlegung – nicht mit klugem Vorbedacht – aber was will das heißen bei einem Alter von 21 Jahren? – sondern ins Gelag hinein, toll und unbesonnen gehandelt habe! weil ich mich blindlings von dem Strome habe hinwegreißen lassen, der mich packte ... Und erwacht aus dem zauberhaften Traume bin ich erst seit meinem Aufbruch von Gerolstein, nachdem ich ein volles Vierteljahr darin gefangen gewesen, mich sorglos ein Vierteljahr lang darin gewiegt habe ... Ach! Und mein Erwachen ist traurig, so traurig. –
Am zweiten Tage, morgens.
Und doch, lieber Max, – ich nehme all meinen Mut zusammen – will ich nun beichten. Höre mich nachsichtsvoll an! – Wenn ich mich auch nicht getraue, die Augen zu Dir aufzuschlagen, denn ich merke, daß Du zwischen den Zeilen liest, daß Deine Züge ernst und streng werden – Du kalter Stoiker!
Ich hatte auf ein halbes Jahr Urlaub erhalten, wandte Wien den Rücken und verweilte einige Zeit bei meinem Vater. Damals stand es um seine Gesundheit noch gut – er empfahl mir, meiner vortrefflichen Tante, der Prinzessin Juliane, die auch Oberin des Gerolsteiner Stiftes ist, einen Besuch zu machen.
Ich habe Dir wohl schon gesagt, daß meine Urgroßmutter eine Cousine des Urgroßvaters des jetzt regierenden Großherzogs war und daß dieser, Gustav Rudolf mit Namen, mich und meinen Vater zufolge dieses verwandtschaftlichen Verhältnisses immer mit der herzlichsten Freundschaft, als seine »Vettern« behandelt hat ..
Du weißt wohl ferner, daß der Großherzog während der langen Reise, die er jüngst nach Frankreich unternahm, meinem Vater die Regierung seines Landes übertrug – als Verweser natürlich nur. –
Daß ich von diesen Nebenumständen, lieber Freund, nicht aus Ehrgeiz spreche, sondern nur, um Dir die Ursachen jener großen Vertraulichkeit zu erklären, in der ich während meines Aufenthaltes in Gerolstein mit dem Großherzog und seiner Familie gelebt habe, weißt Du.
Ebenso wirst Du Dich erinnern, daß wir im vorigen Jahre auf einer Rheinreise erzählen hörten, daß unser Fürst in Frankreich die Gräfin Mac Gregor wiedergefunden und sich mit ihr in extremis habe trauen lassen, um die Geburt einer Tochter zu legitimieren, die ihm besagte Gräfin in heimlicher, nachmals wegen gewisser, dabei unterlaufener Formfehler als ungiltig erklärten Verbindung geboren hatte. Diese Quasi-Ehe hatte unser jetzt regierender Großherzog seinerzeit wider den strengen Willen seines in Gott ruhenden, allerhöchsten Vaters geschlossen.
Dieses junge, jetzt in aller Form anerkannte und in all ihre Rechte feierlich eingesetzte Mädchen ist die liebenswürdige Prinzessin Amalie, – ihren früheren Namen hat der Großherzog fallen lassen, weil er ihm und seiner Tochter eine Reihe recht unangenehmer Erinnerungen wachruft – es ist eine höchst interessante Dame. Lord Dudley, der sie im vorigen Jahre in Gerolstein kennen zu lernen die Ehre hatte, entwarf bekanntlich im vorigen Jahre in Wien eine so begeisterte Schilderung von ihr, daß wir ihn alle der Uebertreibung ziehen – aber – wer mir gesagt hätte, Freund! Nein, es ist tatsächlich nicht zu glauben, wie wunderlich doch das Schicksal mit uns Menschen spielt!
Am zweiten Tage, mittags.
Ich war wirklich so ergriffen, daß ich mein Schreiben schon wieder unterbrechen mußte, Freund ... Ich bilde mir ein, daß Du mein Geheimnis schon witterst und daß ich Dir also kaum noch viel zu sagen haben dürfte ... Immerhin will ich Dir getreu in der Reihenfolge, wie die Ereignisse sich vollzogen haben, weiter berichten ..
Also: Das Kloster von Sankt-Hermangild, dessen Aebtissin meine Tante ist, befindet sich in unmittelbarer Nähe von Gerolstein, man hat kaum eine halbe Stunde Wegs bis dahin – und der Park der Abtei reicht eigentlich bis dicht an die Vorstadt von Gerolstein. – Dort hatte mir meine Tante ein sehr schmuckes, vom Kloster selbst völlig abgeschiedenes Haus zur Verfügung gestellt.
Um Tage meiner Ankunft ließ sie mir sagen, es sei am andern Morgen großer Empfang und Hoffestlichkeit, bei der der Großherzog seine demnächstige Vermählung mit Frau Marquise von Harville, die mit ihrem Vater, dem Grafen von Orbigny, seit einiger Zeit in seiner Residenz weile, offiziell anzeigen werde.
Von verschiedenen Seiten werde der Fürst deshalb getadelt, da es doch nahe gelegen habe, daß er diesmal eine Verbindung mit einem souveränen Hause hätte nachsuchen müssen – denn seine erste Gemahlin, die verstorbene Großherzogin, hatte dem bayrischen Königshause angehört – andere, und zu ihnen gehörte meine Tante, gratulierten ihm, daß er, statt den Lockungen ehrgeiziger Konvenienzrücksichten zu folgen, eine junge liebenswürdige Dame aus einem der ältesten Adelsgeschlechter Frankreichs gewählt habe, da es sich hier doch um eine wahre Liebesheirat handle ...
Daß meine Tante für den Großherzog allzeit die innigste Zuneigung gefühlt hat, weißt Du, auch, daß sie seine trefflichen Eigenschaften besser als mancher andere zu schätzen versteht ...
Als ich mit ihr über die Festlichkeit, der ich am andern Tage beiwohnen sollte, mich unterhielt, sagte sie: »Mein lieber Junge, das merkwürdigste, was dir morgen zu sehen beschieden sein dürfte, wird sicher die Perle von Gerolstein sein.«
»Wen verstehen Sie darunter, liebe Tante?«
»Ei, unsre Prinzessin Amalie!« erklärte sie.
»Das großherzogliche Töchterlein?« fragte ich lachend; »ei, Lord Dudley hat uns ja bereits in Wien eine so enthusiastische Skizze von ihr gegeben, daß ich wirklich gespannt bin!«
»Mein Junge,« erwiderte die Tante, »in meinem Alter exaltiert man sich nicht mehr so leicht für jemand, deshalb wirst du wohl auch an die Unparteilichkeit meines Urteils glauben, Neffe ... Nun, ich muß dir aber sagen, daß mir in meinem Leben noch kein so bezauberndes Wesen vor Augen gekommen ist, wie unsere Prinzessin Amalie ... Ich erzählte dir ja gern von ihrer wirklich engelgleichen Schönheit, wenn sie nicht mit einem schier unwiderstehlichen Liebreize ausgestattet wäre, der hoch über ihrer physischen Schönheit steht: das ist ihre Unschuld und Anmut, ihre Bescheidenheit, ohne daß sie sich in ihrer Würde etwas vergäbe ... Von der ersten Stunde an, daß der Großherzog mich mit ihr bekannt machte, habe ich für dies allerliebste Mädchen die lauterste Zuneigung empfunden ... Und mir geht es nicht allein so: seit einer Woche ungefähr ist Erzherzogin Sophie bei uns in Gerolstein: die stolzeste, hochmütigste Fürstin, die ich kenne ...«
»Das stimmt, Tante! Wenigstens möchte ich ihrer Ironie niemals anheimfallen! Und ihrem beißenden Witze entgehen tatsächlich nur sehr wenige ... In Wien wird die Erzherzogin gefürchtet, ohne Uebertreibung darf man das sagen ... Und vor ihren Augen hat Prinzessin Amalie Gnade gefunden?«
»Sophie schwärmt für sie! Vorgestern machte sie dem Versorgungshause einen Besuch, das bekanntlich unter ihrem Protektorate steht, und da hat sie zu mir gesagt: »Nun, meine Liebe, das muß ich sagen, Ihre neue Prinzessin wirkt ja richtig ansteckend durch ihre Seelengüte ... ein so sanftes, liebenswürdiges, harmloses Wesen wie sie habe ich ja, so alt ich bin, noch nicht gesehen.«