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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Sie gingen hinaus und machten bis zum Mittagessen einen Rundgang durch das ganze Gut, wobei sie sich über politische Neuigkeiten und gemeinsame Bekannte unterhielten wie Leute, die sich nur oberflächlich kennen. Etwas lebhafter und angeregter wurde Fürst Andrej nur, wenn er auf die von ihm angelegten Gutseinrichtungen oder auf den Neubau seines Hauses zu sprechen kam, aber auch hier hielt er, während er vom Gerüst aus Pierre die künftige Einrichtung seines Hauses erklärte, plötzlich mitten im Gespräch inne und sagte: »Übrigens ist das ja weiter nicht interessant, wir wollen lieber zum Essen gehen und dann fortfahren.«

Nach dem Essen kam das Gespräch auf Pierres Heirat.

»Ich war sehr erstaunt, als ich es hörte«, sagte Fürst Andrej.

Pierre wurde rot, wie er immer bei der Erwähnung seiner Ehe zu erröten pflegte, und sagte hastig: »Ich erzähle es Ihnen ein andermal, wie das alles gekommen ist. Sie wissen doch, daß jetzt alles auf immer zu Ende ist.«

»Auf immer?« sagte Fürst Andrej. »Nichts in der Welt ist auf immer.«

»Sie wissen doch, wie es zu diesem Ende gekommen ist? Haben Sie von dem Duell gehört?«

»Ja, auch das hast du durchgemacht.«

»Das einzige, wofür ich dabei Gott danke, ist, daß ich diesen Menschen nicht getötet habe«, sagte Pierre.

»Warum?« erwiderte Fürst Andrej. »Einen bösen Hund totzuschlagen ist doch nur gut.«

»Nein, einen Menschen zu töten, ist nicht gut, ist unrecht …«

»Warum denn unrecht?« wiederholte Fürst Andrej. »Über recht und unrecht zu urteilen, ist den Menschen nicht gegeben. Ewig haben sie sich geirrt und werden sich auch künftig irren, und in nichts mehr als darin, was sie für recht und unrecht halten.«

»Unrecht ist das, was einem anderen Menschen schadet«, sagte Pierre, der mit Freuden fühlte, daß Fürst Andrej zum erstenmal nach seiner Ankunft etwas lebhafter wurde, zu reden anfing und sich über das auszusprechen versuchte, was ihn zu einem solchen Menschen, wie er jetzt war, gemacht hatte.

»Wer aber sagt dir denn, daß das dem anderen schadet, also etwas Böses ist?«

»Etwas Böses?« sagte Pierre. »Aber wir wissen doch alle, was für uns etwas Böses ist.«

»Ja, das wissen wir allerdings, aber das, was wir für uns als böse und schädlich empfinden, können wir ja einem anderen Menschen gar nicht antun«, sagte Fürst Andrej, der immer lebhafter und lebhafter wurde und sichtlich den Wunsch hegte, Pierre seinen neuen Gesichtspunkt allen Dingen gegenüber zu zeigen. In seinem Eifer fing er bereits an französisch zu sprechen: »Ich kenne nur zwei wirkliche Übel in der Welt: das böse Gewissen und die Krankheit. Nur da kann es ein Glück geben, wo diese beiden Übel nicht sind. Für mich allein zu leben und diesen beiden Übeln aus dem Weg zu gehen, das ist jetzt meine ganze Lebensweisheit.«

»Aber die Nächstenliebe, die Selbstaufopferung?« fragte Pierre. »Nein, da kann ich Ihnen nicht beistimmen! Nur zu leben, um nichts Böses zu tun, damit man es nicht zu bereuen braucht: das ist zu wenig. Das habe ich getan, habe nur für mich gelebt und mir dadurch mein Leben verdorben. Und erst jetzt, wo ich für andere lebe, oder wenigstens zu leben versuche«, verbesserte sich Pierre bescheiden, »erst jetzt verstehe ich das ganze Glück des Lebens. Nein, da bin ich nicht mit Ihnen einverstanden, und auch Sie glauben nicht an das, was Sie sagen.«

Fürst Andrej blickte Pierre stumm an und lächelte spöttisch.

»Du wirst ja heute meine Schwester sehen, Prinzessin Marja. Mit der wirst du dich verstehen«, sagte er dann. »Vielleicht hast du, was dich anbetrifft, recht«, fügte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, hinzu, »aber jeder lebt das Leben auf seine Weise: du hast nur an dich gedacht und sagst, du hättest dir damit beinahe das Leben verdorben und habest das Glück erst erkannt, als du angefangen habest, für andere zu leben. Ich aber habe das Gegenteil erfahren. Ich habe nur an den Ruhm gedacht. – Und was ist der Ruhm denn anderes? Doch auch nur eine Liebe zu anderen, das Bestreben, etwas für sie zu tun, der Wunsch, von ihnen gelobt zu werden. – So lebte ich für andere und habe mir damit das Leben nicht beinahe, sondern gänzlich verdorben. Und ich bin erst von dem Augenblick an ruhiger geworden, wo ich nur für mich allein lebe.«

»Aber können Sie denn überhaupt nur für sich allein leben?« fragte Pierre, sich ereifernd. »Sie haben doch einen Sohn, eine Schwester, einen Vater?«

»Das sind doch nur Teile meines Ichs, das sind doch nicht die anderen«, erwiderte Fürst Andrej. »Doch die anderen, die Nächsten, les prochains, wie Prinzessin Marja sie nennt, das ist der Hauptquell alles Irrtums und Übels. Les prochains, das sind solche, wie deine Bauern in Kiew, denen du Gutes tun willst.«

Und er sah Pierre spöttisch und herausfordernd an. Er wollte ihn sichtlich zum Widerspruch reizen.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst«, entgegnete Pierre, der immer mehr in Eifer geriet. »Was für ein Irrtum und Übel kann denn darin liegen, wenn ich denen etwas Gutes zu tun gewünscht habe, das ich zwar nur unvollkommen und schlecht ausgeführt, aber doch aufrichtig gewollt und auch zum Teil zustande gebracht habe? Kann das ein Übel sein, wenn jenen armen Leuten, unseren Bauern, die ebensolche Menschen sind wie wir und bisher nur in jener Vorstellung von Gott groß geworden und gestorben sind, die sie aus Heiligenbildern und unverständlichen Gebeten gewonnen haben – wenn jenen Leuten der tröstliche Glaube an ein künftiges Leben, eine Vergeltung nach dem Tode, eine Belohnung im Jenseits und ein Abwischen der Tränen gelehrt wird? Was für ein Übel und Irrtum ist es, wenn ich diesen Menschen, die sonst hilflos an ihren Krankheiten zugrunde gehen, jetzt, wo es so leicht ist, ihnen materielle Hilfe zu leisten, Krankenhäuser und Altersheime bauen lasse und sie mit Ärzten versorge? Und ist es nicht eine fühlbare, zweifellose Wohltat, wenn ich dem Bauer, der Mutter von kleinen Kindern, die Tag und Nacht keine Ruhe haben, ein paar Muße- und Erholungsstunden gönne?« sagte Pierre hastig und lispelnd. »Und das habe ich getan, wenn auch nur schlecht und unvollkommen, aber ich habe doch etwas in diesem Sinn getan, und Sie können mir weder die Überzeugung rauben, daß das, was ich getan habe, gut ist, noch mich glauben machen, daß Sie es selber für schlecht halten. Was aber die Hauptsache ist«, fuhr Pierre fort, »ich habe erkannt und weiß ganz gewiß, daß die Befriedigung, die solche guten Taten gewähren, das einzig wahre Glück im Leben ist.«

»Ja, wenn du die Fragen so stellst, so ist das etwas anderes«, sagte Fürst Andrej. »Ich baue ein Haus, lege einen Garten an, und du – Krankenhäuser. Sowohl das eine wie das andere kann zum Zeitvertreib dienen. Was aber recht und was gut ist, das zu beurteilen überlasse ich dem, der alles weiß, nicht aber uns. Doch ich sehe, du möchtest noch weiter darüber reden«, fügte er hinzu. »Nun, meinetwegen.«

Sie standen vom Tisch auf und setzten sich auf die Freitreppe, die als Balkon diente.

»Nun kann die Diskussion beginnen«, fing Fürst Andrej an. »Du sagst: Schulen«, fuhr er fort und bog als Nummer eins einen Finger um, »Unterricht und so weiter, das heißt, du willst einen solchen Menschen wie den da«, er zeigte auf einen Bauern, der, die Mütze ziehend, an ihnen vorüberging, »aus seinem tierischen Zustand reißen und ihn zu geistigen Bedürfnissen erziehen. Mich aber dünkt, daß das einzig mögliche Glück für ihn das tierische Glück ist, gerade das, was du ihm rauben willst. Ich beneide ihn darum und du willst ihn so machen wie mich, ohne ihm meine Mittel zu geben. Zweitens sagst du, du willst ihm die Arbeit erleichtern. Meiner Ansicht nach ist aber die körperliche Arbeit für ihn ebenso notwendig, bildet für ihn eine ebensolche Daseinsbedingung wie für dich und mich die geistige Arbeit. Du kannst gar nicht anders als denken. Ich gehe um drei Uhr zu Bett, da kommen mir die Gedanken, und ich kann nicht einschlafen, wälze mich herum und tue bis zum Morgen kein Auge zu, nur aus dem Grunde, weil ich denke und denken muß, ebenso wie er gar nicht anders kann als ackern und mähen, weil er sonst in die Schenke laufen oder krank werden würde. Ebenso wie ich seine furchtbaren körperlichen Anstrengungen nicht ertragen könnte und binnen acht Tagen sterben würde, so könnte er mein körperliches Nichtstun nicht aushalten, würde unmenschlich dick werden und zugrunde gehen. Drittens … ja, was sagtest du denn noch?« Fürst Andrej bog den dritten Finger um. »Ach ja, die Krankenhäuser, Arzneien. Nehmen wir an, es rührt einen der Schlag, und er würde sterben, du aber läßt ihn durch einen Aderlaß wieder auf die Beine bringen. Da wird er nun noch zehn Jahre als Invalid herumlaufen und allen zur Last fallen. Viel einfacher und friedlicher wäre es für ihn gewesen, wenn er gleich gestorben wäre. Andere werden geboren, es gibt ihrer ja sowieso so viele. Wenn es dir noch leid täte, daß du dadurch einen Arbeiter einbüßen müßtest – so sehe ich wenigstens die Sache an –, aber du willst ihn nur aus Liebe um seiner selbst willen gesund machen. Doch damit ist ihm nicht gedient. Und dann, was für eine Wahnvorstellung, daß die Kunst irgendeines Arztes jemals imstande gewesen wäre, einen gesund zu machen! Den Tod herbeiführen – das können sie!« sagte er, machte ein finsteres, feindseliges Gesicht und wandte sich von Pierre ab.

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