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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Ich wollte – an die Linie von Charenton – gehen, um Sie – vorbeifahren zu sehen; – zum Glück wurde ich – von dem Gedränge aufgehalten. Uebrigens mußte mir – das begegnen – ich habe es Martial gesagt; ich ahnte es.«

»Ahntest es? Wirklich?«

»Ja, Herr Rudolf, – der Traum vom Feldwebel, den ich heut nacht wieder gehabt habe –«

»Vergiß das und hoffe; die Wunde wird nicht tödlich sein –«

»Ach, das Skelett hat gut gezielt. – Es schadet aber nichts; ja, ich hatte recht, als ich zu Martial sagte, ein Wurm wie ich – könnte auch manchmal einem – großen Herrn – wie Ihnen – nützlich sein – Wir sind nun quitt – Herr Rudolf. – Sie haben mir gesagt, ich hätte ein Herz und Ehre im Leibe, – und diese Worte, sehen Sie – Ach, ich ersticke. – Gnädigster Herr – ohne Ihnen etwas zumuten zu wollen, das Sie nicht tun können oder dürfen – erweisen Sie mir die Ehre – und reichen Sie mir die Hand; – ich fühle, daß es – zu Ende geht.«

»Nein, es kann nicht sein – es kann nicht sein!« rief der Fürst, indem er sich über den Schuri-Mann bog und die kalte Hand des Verwundeten drückte, – »nein, du wirst leben, du wirst leben!«

»Herr Rudolf – sehen Sie, – es gibt – da oben – etwas! – ich habe gemordet – durch einen Messerstich und – ich sterbe – durch einen – Messerstich,« sagte Schuri mit immer schwächer werdender Stimme.

In diesem Augenblick fiel sein Blick auf Marienblume, die er noch nicht bemerkt hatte. – Auf seinem Gesicht malte sich Erstaunen, er machte eine Bewegung und sagte:

»Ach – mein – Gott! – die Schalldirne! Die – Schall – dir – ne!«

»Ja, – sie ist meine Tochter! Sie segnet dich dafür, daß du ihr den Vater erhalten!«

»Sie – Ihre Tochter! – das – erinnert mich daran – wie – wir miteinander – bekannt – wurden – Herr Rudolf – und – an die – Faustschläge – aber – dieser Messerstoß – ist – auch gut. – Ich habe – das Messer gebraucht – und sterbe durch – ein Messer. – Es ist ganz – recht.«

Noch einmal holte er tief Atem; dann ließ er den Kopf zurücksinken. Er verschied.

Draußen hörte man Pferdegetrappel und Wagengerassel; der Kurier war dem Wagen von Murph und David begegnet, die früher abgefahren waren, als bestimmt gewesen.

David und der Squire traten in die Stube.

»David,« sagte Rudolf, seine Tränen trocknend und auf Schuri zeigend, »ist keine Hoffnung mehr?«

»Keine, königliche Hoheit,« sagte der Arzt nach kurzer Untersuchung.

Während dieser Minute hatte eine schreckliche, stumme Szene sich zwischen Marie und der Wirtin vom »weißen Kaninchen« abgespielt, die Rudolf nicht bemerkt hatte.

Als Schuri halblaut den Namen der Schalldirne ausgesprochen, hatte die Wirtin rasch aufgeschaut und das Mädchen erblickt.

Das schreckliche Weib hatte auch bereits Rudolf erkannt: man nannte ihn »gnädigster Herr, königliche Hoheit«, – und er – er nannte die Schalldirne seine Tochter; – solche Verwandlung ging über die Begriffe der Frau, die ihr ehemaliges Opfer unverwandt anstierte.

Marie stand bleich und unbeweglich da und schien durch diesen Blick wie festgebannt zu sein.

Der Tod Schuris und das unerwartete Erscheinen der Wirtin, das die Erinnerung an ihr früheres Leben schmerzlicher als je heraufbeschwor, bedünkte sie eine traurige Vorbedeutung. Sie konnte von diesem Augenblick an eine Ahnung nicht niederkämpfen, und Ahnungen haben oft auf Charaktere gleich dem ihrigen einen unabweislichen Einfluß.

Bald nach diesen traurigen Begebnissen hatte Fürst Rudolf mit seiner Tochter Paris für immer verlassen.

Dreizehnter Teil.

Briefwechsel zwischen dem Prinzen Heinrich von Herkausen-Oldenzaal und dem Grafen Maximilian von Kaminietz.

Zeit: etwa anderthalb Jahre nach Rudolfs Abreise aus Paris und dem Tode Schuris ...

Oldenzaal, am 25. August 1840. Lieber Max! – Eben komme ich von Gerolstein, wo ich ein Vierteljahr Gast beim Großherzog und seiner Gesippschaft gewesen bin. Ich rechnete darauf, von Dir ein paar Worte hier zu finden, die mir Deine baldige Ankunft in Oldenzaal melden würden. Stelle Dir meine Ueberraschung, meinen Verdruß vor, als ich erfahre, daß Du noch wochenlang im Ungarlande festgehalten sein wirst ..

Ich habe Dir seit vier Monaten nicht schreiben können, wußte ich doch bei Deiner abenteuerlichen Weise, zu reisen, niemals recht, wohin ich meine Briefe richten sollte. Dagegen hattest Du mir feierlich versprochen, als wir uns in Wien trennten, am 1. August wieder hier in Oldenzaal zu sein.

Ich muß also dem Vergnügen, Dich bei mir zu sehen, entsagen; ich hätte gar zu gern mit Dir gesprochen, habe ich Dir doch gewissermaßen mein Herz auszuschütten! Dir, meinem ältesten und liebsten Freunde! Denn wenn wir auch beide noch immer junge Leutchen sind, so datiert doch unsre Freundschaft schon seit »Anno Toback«, hätte ich fast hinzugesetzt ... aber seit unserer frühesten Kindheit, entspricht den Umständen genauer.

Was soll ich Dir sagen? Seit einem Vierteljahre etwa ist mit mir eine förmliche Wandlung vorgegangen, denn ich stehe vor einem jener Momente im menschlichen Leben, die über ein ganzes Dasein entscheiden ..

Urteile also hiernach, wie sehr mir Deine Ratschläge fehlen, wie sehr ich es vermisse, Dich an meiner Seite zu haben!

Freilich, ich weiß ja, daß Du mir nicht mehr so lange fehlen wirst, wie Du mir eben gefehlt hast; und was Dich auch im Ungarlande zurückhalten mag, kommen wirst Du ja, Max! Und Du mußt kommen, ich beschwöre Dich, Freund! Brauche ich doch Trost aus Freundesmund, und kann ich doch nicht zu Dir kommen! Nein, nein! Das ginge unter keinen Umständen! Also, Freund, komm, komm schnell!

Am Nachmittag.

Mich hat mein Vater aus Gerolstein abgerufen, weil seine Gesundheit, die stets zu wünschen läßt, seit kurzem viel Ursache zu Klagen gibt, so daß er täglich schwacher und hinfälliger wird ... Es geht wirklich nicht mehr an, daß ich ihn allein lasse ... Ach, und doch habe ich Dir soviel, so unendlich viel zu erzählen, Freund! Habe Dir zu erzählen von Lebensabschnitten, wie ich sie ereignisvoller und romantischer noch nie gekannt habe!

Es ist wirklich recht bedauerlich und auch recht wunderlich, daß wir gerade jetzt so weit voneinander sein müssen, während wir doch sonst so aneinander hingen, daß man uns die »Unzertrennlichen« oder wohl gar »die Zwillingsbrüder« zu nennen liebte ... Und wir waren auch wirklich ein Freundespaar, wie man es sich inniger kaum wohl vorstellen kann ... Waren wir nicht immer gewissermaßen stolz darauf, den Beweis dafür zu erbringen, daß wir nicht bloß Phantasiefiguren seien wie Schillers Carlos und Posa, sondern den süßen Zauber eines zärtlichen, innigen Freundschaftsbundes zu schätzen, zu genießen verstehen!

Abends.

Ach, mein teuerster Freund, warum bist Du nicht an meiner Seite? Warum warest Du nicht an meiner Seite?

Seit einem Vierteljahre strömt mein Herz über von unaussprechlich traurigen und doch auch wieder so unaussprechlich trauten und süßen Empfindungen!

Und ich mußte alles allein mit mir verarbeiten! Konnte Dich nicht teilhaftig machen all jener seelischen Wandlungen, die sich in mir vollzogen!

Und doch kennst Du all meine launenhafte Empfindsamkeit, hast oft genug die Tränen in meinem Auge gesehen, wenn mir irgend eine liebe Tat, ein Zeichen von menschenfreundlicher Gesinnung zu Ohren kam... oder wenn wir zusammen auf irgend einem Hügel unsers lieben Heimatlandes saßen und dem herrlichen Sonnenuntergange zuschauten oder im stillen Zauber einer milden, klaren Sternennacht schwelgten!

Besinnst Du Dich noch auf unsern prächtigen Ausflug vergangenes Jahr nach den Ruinen von Oppenfeld, am Ufer des mächtigen Sees, und wie wir an dem schönen Abend zusammen träumerisch am Strande saßen und Luftschlösser bauten?

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