Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der Oberverwalter hatte, obgleich er ein ganz dummer, hinterlistiger Mensch war, den klugen und arglosen Grafen dennoch gänzlich durchschaut und spielte mit ihm wie mit einer Puppe. Als er den Eindruck sah, den seine gemachten Empfänge auf Pierre hervorbrachten, wandte er sich mit noch größerer Entschiedenheit an ihn und bewies ihm, daß es unmöglich, ja hauptsächlich völlig zwecklos wäre, die Bauern zu befreien, die ja! auch ohnedies vollkommen glücklich seien.
Obgleich Pierre im Grunde seines Herzens dem Verwalter darin rechtgeben mußte, daß man sich kaum glücklichere Menschen vorstellen könne und daß nur der Himmel allein wisse, was für ein Los sie nach der Befreiung erwarte, bestand er doch, wenn auch mit Widerstreben, auf dem, was er für recht und billig hielt. Der Verwalter versprach, zu tun, was in seinen Kräften stehe, um den Willen des Grafen zu erfüllen, wußte aber zu gleicher Zeit ganz genau, daß der Graf niemals imstande sein werde nachzuprüfen, ob wirklich alle Maßnahmen zum Verkauf der Wälder und des Gutes sowie zur Deckung der Hypothekenzinsen getroffen worden waren, ja, daß er sogar aller Wahrscheinlichkeit nach niemals danach fragen und auch nicht erfahren werde, daß die neuerrichteten Gebäude leer standen und die Bauern an Frondiensten und Abgaben noch dasselbe zu entrichten hatten wie bei anderen Gutsbesitzern auch, das heißt eben alles, was sie zu entrichten vermochten.
11
Auf der Rückkehr von seiner Reise nach dem Süden kam Pierre in seiner glücklichen Gemütsstimmung auf den Gedanken, einen Vorsatz, den er schon lange gehegt hatte, auszuführen: seinen Freund Bolkonskij zu besuchen, den er zwei Jahre nicht gesehen hatte.
Bogutscharowo lag in einer wenig reizvollen, flachen Gegend. Ringsum sah man nichts als Felder, Birkenhaine und Tannenwälder, die zum Teil abgeholzt waren. Das Herrenhaus lag ganz am Ende eines an der großen Landstraße geradlinig angelegten Dorfes, hinter einem neugegrabenen Teich, der sehr hoch mit Wasser gefüllt und an den Ufern noch nicht mit Gras bewachsen war, inmitten eines neuangepflanzten Wäldchens, in dem sich auch ein paar Fichten befanden.
Der Herrenhof bestand aus einem Dreschspeicher, den Wirtschaftsgebäuden und Ställen, einem Badehaus, einem Seitenflügel und einem großen steinernen Wohnhaus mit halbkreisförmiger Front, an dem noch gebaut wurde. Rings um das Haus war ein neuer Garten angepflanzt. Die Zäune und Eingangstüren waren ebenfalls neu und fest gefügt. Unter einem Schutzdach standen zwei Feuerspritzen und ein Wasserfaß, das mit grüner Farbe angestrichen war. Die Wege waren gerade, die Brücken stabil und mit Geländern versehen. Alles trug den Stempel einer sorgsamen Bewirtschaftung. Pierre fragte ein paar Leute vom Gutsgesinde, die ihm über den Weg liefen, wo der Fürst wohne, und sie zeigten auf ein kleines neues Seitengebäude, das dicht am Teich stand. Der alte Anton, der den Fürsten Andrej schon als Kind gehütet hatte, half Pierre aus dem Wagen, sagte ihm, daß der Fürst zu Hause sei, und führte ihn in ein kleines, sauberes Vorzimmer.
Pierre wunderte sich im stillen über die Schlichtheit dieses kleinen, allerdings blitzsauberen Häuschens, wenn er an die prächtige Umwelt dachte, in der er seinen Freund das letztemal in Petersburg gesehen hatte. Hastig trat er in den kleinen Salon, wo der Stuck noch fehlte und alles noch nach Fichtenholz roch, und wollte noch weitergehen, aber Anton lief auf den Zehenspitzen voran und klopfte an die Tür.
»Nun, was gibt’s?« hörte man eine Stimme scharf und unfreundlich fragen.
»Es ist Besuch da«, erwiderte Anton.
»Bitte ihn, einen Augenblick zu warten.« Man hörte das Rücken eines Stuhles.
Pierre ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu und stieß beinahe mit dem Gesicht auf den mit finsterer Miene eintretenden Fürsten Andrej, der recht alt aussah. Pierre umarmte ihn, nahm die Brille ab, küßte ihn auf die Wangen und betrachtete ihn aus allernächster Nähe.
»Das hätte ich nicht erwartet! Wie freue ich mich!« rief Fürst Andrej.
Pierre erwiderte nichts, er sah seinen Freund nur verwundert an, ohne die Augen von ihm abwenden zu können. Er staunte darüber, wie Fürst Andrej sich verändert hatte. Seine Worte waren freundlich, auch lächelten seine Lippen und sein Gesicht, aber sein Blick war tot und erloschen, obwohl es sichtlich sein Wunsch war, ihm einen frohen, freudigen Ausdruck zu verleihen. Nicht daß sein Freund magerer, blasser und reifer geworden war, setzte Pierre in Erstaunen, sondern dieser Blick und jene Falte auf der Stirn, die von einem Sinnen und Grübeln immer über denselben Gegenstand Zeugnis ablegten, waren es, die Pierre befremdeten, solange er noch nicht daran gewöhnt war.
Wie das bei einem Wiedersehen nach langer Trennung immer der Fall ist, wollte auch bei ihnen das Gespräch anfänglich lange nicht in Gang kommen. Sie fragten und antworteten sich nur in aller Kürze über Dinge, von denen sie selber wußten, daß sie ausführlicher darüber sprechen mußten. Doch endlich faßte das Gespräch auf den anfänglich nur abgerissen behandelten Themen etwas festeren Fuß, auf den Fragen nach vergangenen Erlebnissen, nach Zukunftsplänen, nach Pierres Reise und seiner Beschäftigung, nach dem Krieg und so weiter. Jene innere Sammlung und Niedergeschlagenheit, die Pierre in den Blicken des Fürsten Andrej wahrgenommen hatte, prägte sich jetzt noch stärker in dem Lächeln aus, mit dem er seinem Freund zuhörte, besonders dann, wenn Pierre mit freudiger Begeisterung von Vergangenem und Zukünftigem sprach. Es war, als könne Fürst Andrej an dem, wovon Pierre sprach, nicht teilnehmen, obgleich es sein sehnlichster Wunsch war. Pierre fing an zu merken, daß seine Begeisterung, seine Träume, seine Hoffnungen auf alles Gute und ein künftiges Glück dem Fürsten Andrej gegenüber nicht recht am Platz waren. Er schämte sich, alle seine neuen freimaurerischen Gedanken auszusprechen, die er auf seiner letzten Reise wieder ganz besonders aufgefrischt und in sich wachgerufen hatte. Er hielt sich zurück, um nicht naiv zu erscheinen, dabei wollte er aber doch unbedingt so bald wie möglich seinem Freunde zeigen, daß er jetzt ein ganz anderer geworden sei, ein besserer Pierre als der, den Fürst Andrej in Petersburg gekannt hatte.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wieviel ich in dieser Zeit durchlebt habe. Ich kenne mich selber gar nicht mehr wieder.«
»Ja, wir haben uns beide sehr, sehr geändert seit jenen Tagen«, erwiderte Fürst Andrej.
»Sie auch?« fragte Pierre. »Was sind nun Ihre Pläne?«
»Pläne?« wiederholte Fürst Andrej ironisch. »Meine Pläne?« sagte er noch einmal, als wundere er sich über die Bedeutung dieses Wortes. »Du siehst ja, ich baue. Im nächsten Jahr will ich ganz hierher übersiedeln …«
Pierre sah schweigend und aufmerksam in das altgewordene Gesicht des Fürsten Andrej.
»Nein«, sagte Pierre, »ich meine …«
Aber Fürst Andrej unterbrach ihn.
»Wozu von mir reden? Erzähle mir lieber etwas von deiner Reise und von dem, was du dort auf deinen Gütern getan hast.«
Pierre fing an zu erzählen, was er auf seinen Gütern angefangen hatte, bemüht, so viel wie möglich seinen Anteil an den von ihm getroffenen Verbesserungen zu verschweigen. Fürst Andrej griff Pierre ein paarmal in dem, was er erzählen wollte, vor, als wäre all das, was Pierre getan hatte, eine längst bekannte Geschichte, und hörte nicht nur ohne jedes Interesse zu, sondern schien sich sogar dessen zu schämen, was Pierre ihm erzählte.
Pierre empfand das Zusammensein mit dem Freunde als peinlich und drückend und schwieg.
»Weißt du was, mein Lieber?« sagte Fürst Andrej, der sich sichtlich durch den Gast ebenso in Verlegenheit gesetzt und bedrückt fühlte. »Ich habe hier nur mein Biwak aufgeschlagen und bin bloß hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Ich fahre heute wieder zu meiner Schwester hinüber. Ich werde dich mit ihr bekannt machen. Aber du kennst sie ja schon, glaube ich«, sagte er, sichtlich um den Gast bemüht, mit dem er keinerlei gemeinsame Interessen mehr hatte. »Gleich nach Tisch fahren wir. Aber willst du dir jetzt nicht einmal mein Gut ansehen?«