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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Bremer wußte, was es war, noch bevor es wirklich Gestalt annehmen konnte. Aus einem perfiden Grund war ihm sogar klar, daß das Ding aus keinem anderen Grund erschien als dem, weil er es wollte. Etwas in ihm gebar dieses Monster, aber nicht einmal dieses Wissen half ihm jetzt noch. Die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn war endgültig niedergerissen, und die Natur der Lawine zu erkennen, schützte ihn nicht davor, von ihr überrollt zu werden.

Der Titan tauchte aus einer brodelnden schwarzen Flut empor, ein gigantischer, schwarzer Koloß mit Klauen aus rasiermesserscharfem Stahl und gewaltigen Schwingen aus schwarzem Eisen. Bremer schrie, bäumte sich auf und warf sich verzweifelt zurück, aber er war zu langsam, gefesselt von dem gleichen, klebrigen Morast, aus dem das Ungeheuer entstanden war.

Der Koloß beugte sich vor. Seine gewaltigen Schwingen entfalteten sich, bis sie den Raum fast zur Gänze ausfüllten, und seine tödlichen Krallen näherten sich Bremers Gesicht, langsam, auf eine fast schon laszive Art, als genieße er jeden Sekundenbruchteil dieses Augenblickes; getrieben von einer unaufhaltsamen, unbarmherzigen und in letzter Konsequenz mörderischen Energie.

Ihre Berührung war beinahe sanft. Bremer spürte nicht den mindesten Schmerz, als der Stahl in seine Haut eindrang und sie ritzte. Trotzdem schrie er in purer Agonie auf, warf sich noch einmal und mit noch verzweifelterer Kraft zurück und geriet mit dem Gesicht unter Wasser.

Zäher, faulig schmeckender Morast füllte seinen Mund. Er versuchte zu atmen und konnte es nicht. Die stählerne Klaue bedeckte sein Gesicht fast vollkommen und drückte ihn tiefer immer tiefer unter Wasser. Seine Lungen schrien nach Luft. Er schluckte den Morast herunter, der in seinem Mund war, versuchte verzweifelt, irgendwo in seinem Rachen noch ein paar Sauerstoffmoleküle zu finden und begriff dann schlagartig und mit entsetzlicher Klarheit, daß er sterben würde. Jetzt. Nicht irgendwann. Nicht in jenem schwammigen wann-auch-immer Augenblick, in den der Gedanke an den Tod immer eingebettet war, sondern jetzt. In einer oder zwei Sekunden.

Er hatte nicht einmal Angst. Alles, was er empfand, war eine immer stärker werdende Empörung, ein wütender Zorn dem Schicksal gegenüber, das ihn all diese schrecklichen Dinge hatte überstehen lassen, nur damit man ihn am nächsten Morgen ertrunken in seiner Badewanne fand.

Die tödliche Klaue zog sich zurück. Statt dessen spürte er plötzlich die Berührung schmaler, aber erstaunlich kräftiger Finger, die sich kurzerhand in sein Haar gruben und ihn mit einem Ruck aus dem Wasser zogen.

Bremer rang qualvoll nach Luft, stemmte sich instinktiv und aus eigener Kraft noch ein Stück weiter in die Höhe und stürzte halb über den Badewannenrand. Das Luftholen war immer noch eine Qual. Er hatte versucht, Wasser zu atmen, und sein Körper präsentierte ihm die Rechnung. Sein Kehlkopf hatte sich zu einem Klumpen aus reinem Schmerz und verkrampften Muskeln zusammengezogen, der sich einfach weigerte, seinen Befehlen zu gehorchen. Zwei, drei Sekunden lang war er fest davon überzeugt, trotz allem immer noch ersticken zu müssen, dann gelang ihm ein erster, qualvoller Atemzug. Er hustete, spuckte Wasser und bitteren Schleim und füllte seine Lungen mit tiefen, gierigen Atemzügen. Alles drehte sich um ihn. Sein eigenes Herz pochte so laut in seinen Ohren, daß jedes andere Geräusch verschluckt wurde. Er begann am ganzem Leib zu zittern.

»Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Soll ich einen Arzt rufen?« Die Stimme hatte etwas so Unwirkliches, daß er sie im ersten Augenblick nicht einmal zur Kenntnis nahm. Sie war nur Teil eines anderen Alptraums. Seine Fantasie begann zu allem Überfluß auch noch schlampig zu werden. »Herr Bremer! Verstehen Sie mich?« Offenbar war es eine ziemlich hartnäckige Vision. Außerdem bekam sie Gesellschaft: Er erinnerte sich plötzlich wieder an die Hand, die ihn unsanft an den Haaren gepackt und aus dem Wasser gerissen hatte. Bremer hob mühsam den Kopf, hustete, versuchte die grauen Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln und fuhr schließlich mit der Hand darüber. Hinterher konnte er kaum besser sehen, aber dafür meldeten sich seine abgebrochenen Fingernägel schmerzhaft zurück.

Immerhin konnte er jetzt ein Gesicht vor sich erkennen; nicht ganz klar, denn sein Blick war immer noch verschwommen, aber eindeutig ein Gesicht, das ihm nicht bekannt war.

Und so ganz nebenbei nicht hierhergehörte. Nicht, wenn er wirklich erwacht und aus dem Alptraum in die Realität zurückgekehrt war.

»Ich glaube, ich hole doch lieber einen Arzt. Sie sind verletzt.«

Bremer kniff die Augen zusammen. Es kostete ihn fast seine ganze Willenskraft, aber als er die Lider nach ein paar Sekunden wieder hob, war sein Blick wieder klar. Er blickte in das Gesicht einer dunkelhaarigen, höchstens fünfundzwanzigjährigen Frau, die ihn besorgt, alarmiert, vor allem aber durch und durch hilflos ansah. »Keine Angst«, brachte er mühsam hervor. »Das ist ... nur ein ... Kratzer.« Sein Atem ging noch immer so schnell, daß er kaum sprechen konnte, und er zitterte nach wie vor am ganzen Leib. Außerdem war ihm erbärmlich kalt. Das Wasser, in dem er lag, war eisig.

Bremer stützte sich mit beiden Handflächen auf dem Badewannenrand ab, um sich vollends in die Höhe zu stemmen, aber dann wurde er sich der Situation bewußt, in der er sich befand. »Sie können sich aussuchen, was Sie zuerst wollen«, sagte er. »Mir meinen Bademantel geben, oder mir sagen, wer Sie sind und wie Sie in mein Badezimmer kommen.« Die junge Frau sah ihn noch eine geschlagene Sekunde auf die gleiche, irritiert-hilflose Weise an, dann stand sie mit einer fließenden Bewegung auf und nahm den schlichten weißen Frotteemantel von seinem Haken neben der Tür. Bremer beobachtete sie sehr aufmerksam, während sie die wenigen Schritte tat. Sie war nicht besonders groß, aber sehr schlank, fast schon dünn. Trotzdem wirkten ihre Bewegungen auf eine schwer zu beschreibende Art weiblich. Aber vielleicht lag das schon an dem ganz profanen Grund, daß sie kaum weniger naß war als er selbst. Die weiße Bluse klebte an ihrer Haut und hatte sich so verhalten, wie es weiße Seidenblusen immer zu tun pflegten, wenn sie naß wurden: Sie strengte sich mit Erfolg an, durchsichtig zu werden.

Gottlob, dachte Bremer spöttisch, saß er ja in einer Badewanne mit eiskaltem Wasser. Er wartete, bis sie zurückkam und den Mantel mit ausgebreiteten Armen vor sich hielt, dann stand er mit einiger Mühe auf, stieg aus dem Wasser und schlüpfte hinein. Er ballte die rechte Hand zur Faust, während er den Arm durch den Ärmel schob. Trotzdem zuckte ein neuer, scharfer Schmerz durch seine Hand, und ein einzelner roter Blutstropfen quoll zwischen seinen Fingern heraus und fiel zu Boden. Als Bremers Blick dem Tropfen folgte, stellte er fest, daß das gesamte Bad fast fingertief unter Wasser stand. Was zum Teufel...?

»Danke«, sagte er, schloß - nur mit der linken Hand, um den Bademantel nicht zu allem Überfluß auch noch mit Blut zu versauen - den Gürtel und drehte sich herum. »Und jetzt Frage Nummer zwei: Wer sind Sie?«

Die junge Frau trat einen halben Schritt zurück - er war sicher, sie wäre ihm noch weiter ausgewichen, wäre das Bad dazu nicht einfach zu klein gewesen -, griff in die Gesäßtasche ihrer Jeans und zog einen in Plastik eingeschweißten Dienstausweis hervor. »Kriminalobermeister Angela West«, sagte sie. »Ich bin Ihre neue Partnerin.« Sie streckte den Ausweis fast wie eine Waffe in seine Richtung. Ihre Hand zitterte ein ganz kleines bißchen. Von ihrer - ohnehin nur geschauspielerten - Selbstsicherheit war nichts mehr geblieben. Den Namen auf ihrem Ausweis konnte er übrigens nicht entziffern, denn er stand auf dem Kopf.

Wortlos nahm er ihr das Plastikkärtchen aus den Fingern, drehte es herum und sagte: »Ich arbeite nie mit einem Partner, und das Foto wird Ihnen nicht gerecht.«

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