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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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So setzte sich denn Pierre mit dem Oberverwalter alle Tage über die Bücher. Aber er fühlte, daß durch diese Mühe die Sache nicht um einen Schritt vorwärtskam. Er hatte die Empfindung, als ginge seine Arbeit ohne rechte Fühlung neben den Dingen her, als bekämen sie beide die Sache nicht richtig zu fassen, so daß sie nicht von der Stelle kam. Auf der einen Seite malte der Oberverwalter die Dinge in den schwärzesten Farben und wies Pierre auf die unumgängliche Notwendigkeit hin, die Schulden zu bezahlen und durch Frondienste der leibeigenen Bauern neue Arbeiten zu unternehmen, womit Pierre sich nicht einverstanden erklären konnte, auf der anderen Seite forderte Pierre, daß die ersten Schritte zur Befreiung der Bauern unternommen werden sollten, worauf der Verwalter erklärte, erst müßten die Hypothekenzinsen bezahlt werden und deshalb sei eine so schnelle Ausführung seiner Absichten unmöglich.

Der Oberverwalter sagte nicht, daß eine Ausführung seiner Pläne überhaupt unmöglich sei, aber um schneller zu diesen Zielen zu gelangen, schlug er vor, einige Wälder im Gouvernement Kostroma sowie ein paar Ländereien an der Flußmündung und ein in der Krim gelegenes Gut zu verkaufen. Aber alle diese Operationen waren, den Reden des Oberverwalters nach, mit so verwickelten Vorgängen wie Liquidationen, Requisitionen, Permissionen und so weiter verknüpft, daß Pierre ganz wirr im Kopf wurde und nur zu ihm sagte: »Ja, ja, machen Sie das nur so!«

Pierre besaß nicht genug praktische Anpassungsfähigkeit, die ihm ermöglicht hätte, die Dinge unmittelbar anzufassen, und deshalb liebte er auch diese Arbeiten nicht und bemühte sich nur, dem Verwalter vorzutäuschen, daß er sich mit diesen Geschäften abgebe. Der Verwalter hinwiederum gab sich alle Mühe, dem Grafen vorzutäuschen, daß er es für höchst nutzbringend erachte, wenn sich der Herr einmal mit solchen Arbeiten befasse, obgleich es für ihn lästig sei.

In der großen Stadt fand Pierre verschiedene Bekannte, andere drängten sich herbei, um ihn kennenzulernen, und alle nahmen den neuangekommenen Krösus, der der reichste Großgrundbesitzer des Gouvernements war, mit offenen Armen auf. Auch in seiner Hauptschwäche, die Pierre damals beim Eintritt in die Loge eingestanden hatte, war er so starken Versuchungen ausgesetzt, daß er nicht mehr widerstehen konnte. Wieder verlebte er ganze Tage, Wochen, Monate in derselben sorglosen Art, verbrachte seine Tage mit Abendgesellschaften, Mittagessen, Frühstückseinladungen und Bällen, die ihm gar nicht die Zeit ließen, zur Besinnung zu kommen, genau so, wie er es in Petersburg getrieben hatte. Statt eines neuen Lebens, wie es Pierre zu führen gehofft hatte, lebte er ganz in der früheren Art weiter, nur in einer anderen Umgebung.

Es kam Pierre zum Bewußtsein, daß er von den drei Aufgaben der Freimaurerei diejenige nicht erfüllte, die jedem Mitglied vorschrieb, durch sittenreines Leben anderen ein Vorbild zu sein, und daß ihm von den sieben Tugenden zwei vollständig fehlten: die Sittenstrenge und die Liebe zum Tode. Er tröstete sich damit, daß er dafür die andere Aufgabe: zu der Besserung der ganzen Menschheit beizutragen, zu erfüllen bestrebt sei und die anderen Tugenden besitze wie Nächstenliebe und ganz besonders Opferfreudigkeit.

Im Frühling des Jahres 1807 faßte Pierre den Entschluß, nach Petersburg zurückzukehren. Auf der Rückreise beabsichtigte er, alle seine Güter zu besuchen und sich persönlich davon zu überzeugen, was von seinen Anordnungen befolgt worden war, und in was für einer Lage sich jetzt die Menschen befanden, die ihm von Gott anvertraut worden waren, und deren Glück zu begründen er bestrebt war.

Der Oberverwalter, der alle Pläne des jungen Grafen, wenn nicht für Wahnwitz, so doch im höchsten Grad für unvorteilhaft hielt, sowohl für den Herrn als auch für ihn als Verwalter, ja selbst für die Bauern, hatte ihm doch einige Zugeständnisse gemacht. Zwar hielt er die Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft immer noch für ein Ding der Unmöglichkeit, hatte aber trotzdem angeordnet, daß für den Tag der Ankunft des Herrn auf allen Gütern der Bau großer Schulgebäude, Krankenhäuser und Heime in Szene gesetzt und überall Empfänge vorbereitet werden sollten, nicht etwa üppige, feierliche, die, wie er wußte, Pierre nicht gefallen hätten, sondern dankbare, schlichtreligiöse, mit Heiligenbildern und Salz und Brot zum Willkommen, kurz, Empfänge, die, wie er seinen Herrn verstanden hatte, Eindruck auf ihn machen und ihn täuschen mußten.

Der südliche Frühling, die angenehme, schnelle Fahrt in seinem Wiener Reisewagen und das Alleinsein unterwegs hatten Pierre in eine freudige Stimmung versetzt. Von den Gütern, die er noch niemals besucht hatte, war eines immer malerischer als das andere; die Leute schienen alle glücklich und zufrieden und für die ihnen erwiesenen Wohltaten rührend dankbar zu sein. Überall fanden Empfänge statt, die, wenn sie auch Pierre etwas in Verlegenheit brachten, im Grunde seines Herzens doch ein Gefühl der Freude in ihm hervorriefen. In einem Dorf brachten ihm die Bauern Brot und Salz als Willkommensgruß entgegen sowie die Bilder der Heiligen Petrus und Paulus und baten um die Erlaubnis, zum Zeichen ihrer Liebe und Dankbarkeit für die ihnen erwiesenen Wohltaten zu Ehren seiner Schutzpatrone Petrus und Paulus auf ihre Kosten in der Kirche einen neuen Altar errichten zu dürfen. An einem anderen Ort kamen ihm Frauen mit Säuglingen an der Brust entgegen und dankten ihm, daß sie nun nicht mehr zu schweren Arbeiten herangezogen würden. Auf einem dritten Gut empfing ihn ein Priester mit dem Kreuz, umringt von einer Kinderschar, die er, dank der Güte des Grafen, nun in Grammatik und Religion unterweisen konnte. Auf allen Gütern sah Pierre mit eignen Augen nach einem einheitlichen Plan zu errichtende und schon errichtete steinerne Gebäude für Spitäler, Schulen und Armenhäuser, die in kurzer Zeit eröffnet werden konnten. Überall ersah Pierre aus den Büchern der Verwalter, daß die Fronarbeiten gegen früher stark vermindert worden waren, und hörte die rührenden Dankbezeigungen darüber von den Bauern selber, die in ihren blauen Kaftanen zu ihm kamen. Aber das wußte Pierre nicht, daß dort, wo man ihm Salz und Brot entgegengebracht und einen Altar für Petrus und Paulus hatte errichten wollen, am Peter-Pauls-Tag Handel getrieben und Jahrmarkt abgehalten wurde, daß dieser Altar von ebenjenen reichen Bauern, die Pierre empfangen hatten, schon vor Jahren erbaut worden war und daß neun Zehntel aller Einwohner dieses Ortes halb verlumpt und verlottert waren. Er wußte nicht, daß sein Befehl, Mütter von kleinen Kindern nicht mehr zur Fronarbeit heranzuziehen, zur Folge hatte, daß dieselben Mütter jener kleinen Kinder nun eine noch viel schwerere Arbeit für eigne Rechnung annahmen. Er wußte nicht, daß der Priester, der ihn mit dem Kreuz empfangen hatte, die Bauern mit seinen Gebührenforderungen bedrückte und daß die ihn umringenden Kinder von ihren Eltern nur unter Tränen zu ihm geschickt und dann mit beträchtlichen Geldopfern wieder von der Schule losgekauft worden waren. Er wußte nicht, daß die planmäßig ausgeführten steinernen Gebäude durch die Fronarbeit der Bauern errichtet wurden, wodurch diese nur noch vermehrt worden war, während ihre Abnahme nur auf dem Papier stand. Er wußte nicht, daß dort, wo der Verwalter, wie er ihm in den Büchern zeigte, seinem Willen gemäß jedem Bauern ein Drittel des Zinses erlassen hatte, die Fronarbeit um die Hälfte vermehrt worden war. Und deshalb war Pierre von der Fahrt durch seine Güter entzückt, kehrte ganz in derselben philanthropischen Stimmung wieder nach Petersburg heim, in der er abgefahren war, und schrieb einen begeisterten Brief an seinen Bruder Lehrmeister, wie er den Meister vom Stuhl nannte.

Wie leicht ist es doch und wie wenig Anstrengung kostet es, so viel Gutes zu tun, dachte Pierre, aber wie selten denken wir daran.

Er war glücklich über die Dankbarkeit, die man ihm zeigte, schämte sich aber, sie entgegenzunehmen. Sie mahnte ihn daran, daß er ja doch imstande war, noch viel, viel mehr für diese guten, schlichten Leute zu tun.

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