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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Alle bei dieser häßlichen Orgie beteiligten Personen, Männer sowohl als Weiber, aufgereizt durch das Gelächter und das Gejohle der an den Fenstern gestauten Volksmenge riefen, ja gröhlten den Musikern zu, den Kehraus zu spielen, und diese, froh, das Ende einer für sie und ihre Lungen so anstrengenden Beschäftigung zu sehen, bequemten sich gern dazu, einen rasenden Galopp zu spielen.

Der wilde Jubel steigerte sich zur bacchantischen Raserei. Alles stellte sich paarweis auf, alles umschlang einander, alle folgten erst hinter dem Skelett und seiner »Dame« her, aber im Nu waren alle Paare zu einem Knäuel verwickelt, der unter wildem Getöse einen richtigen Höllentanz aufführte.

Eine dicke Staubwolke stieg vom Fußboden unter dem wilden Gestampf auf, eine dunkle rötliche Wolke bildend über dem Wirbel der fest ineinander gekeilten, in rasenden Drehungen befindlichen Männer und Weiber ...

Bald war es nicht mehr Trunkenheit, sondern Wahnsinn, Tollheit, Raserei, die in dem Saale herrschte, alles erhitzte sich am eignen Geschrei, niemand fand Platz genug für sich, eines war dem andern ein Hindernis.

Da schrie das Skelett:

»Achtung! Jeder suche die Türe! Hinaus auf den Boulevard! Dort können wir rasen! Dort hindert uns keine Wand! Hinaus! Hinaus auf den Boulevard!«

»Juchhe! Juchhe! Bravo, bravo!« heulte alles, »hinaus, hinaus! Und im Galopp bis zur Linie Sankt-Jakob!«

»Es muß ja bald mit den beiden Weibern losgehen, die geköpft werden sollen!« schrie einer, »wenn die zur Hölle galoppieren, tanzen wir ihnen den Takt dazu!«

»Da kann der Henker mit Doppelschlag arbeiten!« schrie ein anderer.

»Und wir machen die Klapphornbegleitung dazu!« ein vierter.

»Juchhe, juchhe zum Fallbeil-Galopp! Juchhe, juchhe zur Halspolka!«

»Ich tanze den Galopp mit einem der beiden geköpften Weiber,« gröhlte der kleine Lahme ... »die Hexen wollen auch noch was haben! Juchhe, juchhe! Zum Schafott! Zum Schafott!«

»Juchhe! Wir wollen ihnen einen lustigen Abschied bereiten!«

»Ich nehme die Witwe!« – »Und die Tochter gehört mir!« – Juchhe! Wird das ein Gaudium sein für den alten Samiel! Wird sich der Henker gecken, wenn er an den Knopf drückt! Wie wird das Beil hinuntersausen, wenn wir den Galopp dazu tanzen!« – »Samiel soll mit seinen beiden Hexen Chahut tanzen auf seinem Podium!« – »Juchhe, juchhe! Den Chahut auf dem Podium! Kinder, wird das ein Fest! wird das ein Fest!«

»Tod allen ehrlichen Lumpen!« schrien Weiberstimmen aus der wilden Menge. »Hoch alle Diebe und Mörder! Hoch alle Diebe und Mörder!« Dazwischen klangen obszöne Lieder, gräßliches Geschrei und Pfeifen, und als es dem Skelett geglückt war, sich einen Weg durch die vor der Tür gestaute Menge zu bahnen, drängte und stieß alles hinter ihm her, bis alles in einen unentwirrbaren Knäuel verwickelt war, und das Gebrüll, das Fluchen und Johlen von Menschlichem nichts mehr an sich hatte..

Zweierlei Vorgänge steigerten indessen den Tumult ins Unglaubliche..

Am Ende des Boulevards tauchte der Karren mit den beiden Delinquentinnen auf. Kavallerie-Piketts ritten voraus. Die Pöbelhaufen rannten johlend und tobend ihnen entgegen.

Da erschien vor dem dichten Haufen, im raschen Lauf vom Invaliden-Boulevard her, ein Kurier, der in der Richtung nach der Charentoner Linie entlang galoppierte, in einer hellblauen Jacke mit gelbem Kragen und Treffen auf allen Nähten, schwarzen Beinkleidern zum Zeichen tiefer Trauer, desgleichen die breitbordierte Mütze mit Krepp umschlungen...

An dem Zügel kam das großherzogliche Wappen von Gerolstein im schwarzen Relief zum Vorschein ...

Der Kurier ließ sein Pferd im Schritt gehen, mußte es jedoch bald anhalten, da er mitten in die Pöbelmasse hinein geraten war, und trotzdem er »Achtung! Achtung!« in einem fort schrie, so behutsam und geschickt er sein Pferd lenkte, so wurden doch im Nu Drohungen wider ihn laut.

»Der will wohl mit seinem Biest über unsre Köpfe wegreiten?« – »Hat dieser Himmelhund aber Silber auf seinem Leibe!« rief der lahme Junge. – »Er soll uns nicht wild machen,« schrie ein anderer, »sonst reißen wir ihn von seiner Schindmähre in den Straßendreck!« – »Und schneiden ihm die Tressen von den Lumpen, die Micou schon einschmelzen wird!« gröhlte ein vierter. – »Stoßen dem Lakai ein Eisen in den Leib, wenn er nicht parieren will!« rief das Skelett dem Kurier ins Gesicht, während er sein Pferd am Zügel packte, denn das Gedränge war so stark geworden, daß der Räuber darauf verzichtet hatte, seine Galoppade bis zur Linie Sankt-Jakob fortzusetzen.

Der Kurier war ein kräftiger, entschlossener Mann, der sich nicht besann, seinen Peitschenstiel zu schwingen und dem Skelett zuzurufen:

»Losgelassen, oder ich schlage dir den Peitschenstiel über den Kopf!«

»Hund! Riskiers nur!« schrie das Skelett, ohne der Aufforderung Folge zu leisten ...

»Platz da!« rief der Kurier wieder, »wer hat hier ein Recht, mich anzuhalten? Hinter mir her kommt der Wagen meines Herrn. Hörst du nicht schon die Peitschen knallen? Platz hier für mich und meinen Herrn!«

»Was geht mich dein Herr an?« rief das Skelett, »tot steche ich ihn, wenns mir einfällt – hab ohnehin noch keinen wirklich großen Herrn kalt gemacht!«

Da rief der lahme Junge: »Herren gibts nicht mehr – wir machens wie unsre Altvordern – wer Herr sein will, muß aufs Schafott! Das Volk ist Justiz! Das Volk ist Justiz!« – Und während er den Vers aus der Marseillaise sang: »En avant, en avant! Marchons contre leur canons!« packte er einen Stiefel des Kuriers und hing sich mit seiner ganzen Last daran, so daß der Kurier im Sattel wankte. Ein derber Schlag mit der Peitsche züchtigte den frechen Bengel, aber im nächsten Augenblick stürzte sich der Pöbel über den Kurier, und wenngleich er seinem Rosse die Sporen einsetzte, gelang es ihm doch nicht, sich durch die Menschenmasse hindurchzuarbeiten, auch nicht, seinen Hirschfänger zu ziehen. Im Nu war er vom Pferde gerissen und wäre gelyncht worden, hätte nicht die Ankunft von Rudolfs Kutsche die Aufmerksamkeit der Menge abgelenkt.

Der mit vier Pferden bespannte Wagen des Fürsten fuhr schon eine Zeitlang im Schritt, und zwei von den Dienern, die wegen Sarahs Abscheiden in Trauer gingen, waren klugerweise von ihrem Hinterplatz abgestiegen und gingen, da die Kutsche sehr niedrig war, neben dem Verschlage her. »Achtung!« riefen die Postillone wieder und fuhren mit der größtmöglichen Vorsicht.

Rudolf, wie seine Tochter, in Trauer gekleidet, blickte mit inniger Freude in ihr sanftes, liebliches Gesicht, das von einem schwarzen Krepphute umrahmt war, der die blendende Weiße ihres Teints und den Glanz ihres schönen blonden Haars kräftig hervorhob, während in ihren blauen Augen sich das herrliche Blau des Himmels zu spiegeln schien. Zwar zeigte ihr mild lächelndes Gesicht, wenn sie den Blick auf ihren Vater richtete, Glück und Ruhe, wenn aber ihres Vaters Blicke nicht auf ihr ruhten, machte dieser Ausdruck schnell einem melancholischen Anfluge Platz, der sich wie ein Schatten über das Gesicht lagerte.

»Du bist doch nicht ungehalten, liebes Kind,« fragte Rudolf lächelnd, »daß ich dich so zeitig aus deiner Ruhe aufgescheucht habe?«

»Nicht doch, lieber Vater! Wir wollten doch zeitig abreisen, und es ist ja schon so früh hell!«

»Ich dachte, die Reise würde sich besser einrichten lassen,« sagte Rudolf, »wenn wir uns beizeiten auf den Weg machten, auch daß sie dich weniger angreifen möchte. Murph wird dich mit meinem Gefolge, unter dem sich auch deine Bedienung befindet, auf der ersten Raststation treffen!«

»Sie denken immer nur an mich, mein lieber Vater!«

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