Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Anfänglich hatte Fürst Andrej nur mit den Augen gelesen, dann aber hatte unwillkürlich das, was er las, obgleich er wußte, inwieweit er Bilibin Glauben schenken durfte, mehr und mehr angefangen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Als er den Brief bis an diese Stelle gelesen hatte, knüllte er ihn zusammen und warf ihn fort. Ihn ärgerte nicht das, was er aus dem Brief herausgelesen hatte, ihn ärgerte nur das eine, daß jenes fremde Leben dort ihn so erregen konnte. Er schloß die Augen, strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er damit jeden Gedanken der Teilnahme an dem, was er soeben gelesen hatte, verscheuchen, und horchte auf das, was im Kinderzimmer vorging. Plötzlich kam es ihm vor, als höre er hinter der Tür einen sonderbaren Laut. Eine Angst überkam ihn, er fürchtete, es könnte während der Zeit, in der er den Brief gelesen hatte, dem Kind etwas zugestoßen sein. Er schlich auf den Zehen bis an die Tür des Kinderzimmers und öffnete sie.
In dem Augenblick, als er eintrat, sah er, wie die Kindermuhme ganz erschrocken etwas vor ihm versteckte, und daß Prinzessin Marja nicht mehr neben dem Bettchen stand.
»Lieber Andrej«, hörte er hinter sich Prinzessin Marja, wie ihm schien, ganz verzweifelt flüstern.
Wie das nach langen schlaflosen Nächten und großen Aufregungen oft zu geschehen pflegt, überkam ihn auf einmal eine ganz grundlose Angst: es schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, das Kind sei tot. Alles, was er hörte und sah, schien diese Furcht zu bestätigen.
Es ist alles zu Ende, dachte er, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Ganz verstört trat er auf das Bettchen zu in dem Glauben, es leer zu finden, da die Kindermuhme das tote Kind vor ihm versteckt habe. Er schlug die Vorhänge auseinander, und lange konnten seine erschrockenen, irrenden Augen das Kindchen nicht entdecken. Endlich sah er es: der Junge hatte sich herumgewälzt, das Köpfchen war ganz vom Kissen heruntergerutscht, und so lag er nun mit roten Bäckchen quer im Bett, schmatzte, bewegte die Lippen im Schlaf und atmete gleichmäßig.
Fürst Andrej empfand ein Gefühl seliger Freude, als er den Knaben, den er schon verloren geglaubt hatte, so sah. Er beugte sich zu dem Kindchen hinab und fühlte mit den Lippen, ob es noch Fieber habe, wie seine Schwester es ihm gezeigt hatte. Die zarte Stirn war feucht, er strich mit der Hand über das Köpfchen, auch die Härchen waren feucht: so stark schwitzte das Kind. Es war nicht nur dem Tod entronnen, sondern man sah deutlich, daß es die Krisis überwunden hatte und der Genesung entgegenging. Er hätte das kleine hilflose Wesen am liebsten an sich gerissen, geliebkost und an seine Brust gedrückt, aber das wagte er nicht. Über das Kindchen gebeugt, blieb er regungslos stehen und betrachtete sein Köpfchen, seine Händchen, seine Beinchen, die sich unter der Decke abzeichneten. Da hörte er ein Geräusch neben sich, und ein Schatten schien über die Bettvorhänge zu huschen. Aber er sah sich nicht um, verwandte kein Auge von dem Kindergesichtchen und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen. Der dunkle Schatten rührte von Prinzessin Marja her, die mit ihren lautlosen Schritten an das Bettchen herangegangen war, den Vorhang aufgehoben und wieder fallengelassen hatte. Obgleich Fürst Andrej sich nicht umschaute, hatte er sie doch erkannt und streckte ihr die Hand hin. Sie drückte sie ihm herzlich.
»Er hat geschwitzt«, sagte Fürst Andrej.
»Ich suchte dich, um dir das zu sagen.«
Das Kindchen machte im Schlaf eine leise Bewegung, lächelte und rieb sich den Kopf am Kissen.
Fürst Andrej blickte seine Schwester an. Prinzessin Marjas leuchtende Augen erschienen durch die Freudentränen, die in ihnen standen, in dem matten Halbdunkel hinter den Vorhängen noch strahlender als gewöhnlich. Sie beugte sich zu ihrem Bruder herab und küßte ihn, wobei sich der Vorhang etwas verfing. Sie drohten einer dem anderen, blieben aber trotzdem in dem matten Licht unter dem Vorhang stehen, als wünschten sie, sich niemals von dieser Welt trennen zu müssen, in der sie so zu dritt fern von allem Getriebe vereint waren. Fürst Andrej war der erste, der von dem Bettchen fortging, wobei er mit den Haaren in dem Musselinvorhang hängenblieb.
»Ja, das ist das einzige, was mir noch geblieben ist«, sagte er und seufzte.
10
Bald nach seiner Aufnahme in den Freimaurerbund reiste Pierre mit einem vollgeschriebenen Anleitungsheft über all das, was auf seinen Gütern vorgenommen werden mußte, nach dem Gouvernement Kiew, wo er die meisten Bauern besaß. In Kiew angelangt, rief er alle seine Verwalter im Hauptkontor zusammen und klärte sie über seine Absichten und Wünsche auf. Er sagte ihnen, daß unverzüglich Maßnahmen zu treffen seien, die Bauern vollkommen frei und der Leibeigenschaft ledig zu machen, und bis es so weit sei, dürfe man sie nicht mit Arbeit überhäufen. Frauen mit kleinen Kindern solle man überhaupt nicht auf Arbeit schicken, den Bauern müsse man Unterstützungen gewähren, und bestrafen dürfe man sie nicht mehr körperlich, sondern nur durch Ermahnungen. Auf allen Gütern müßten Krankenhäuser, Heime und Schulen errichtet werden. Einige der Verwalter – es waren ziemlich ungebildete Landwirte darunter – hörten ganz erschrocken zu, da sie sich den Sinn von Pierres Worten dahin deuteten, daß der junge Graf mit ihrer Verwaltung nicht zufrieden und der Ansicht sei, sie hätten Geld unterschlagen. Andere wieder fanden, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatten, Pierres vornehmes Lispeln und die ihnen neuen, noch nie gehörten Worte ganz ergötzlich, wieder anderen machte es einfach Spaß, den jungen Herrn reden zu hören, und die übrigen endlich, die pfiffigsten, zu denen auch der Oberverwalter gehörte, entnahmen aus seinen Worten, wie sie mit dem Herrn umzugehen hatten, wenn sie ihre Ziele erreichen wollten.
Der Oberverwalter legte für Pierres Absichten das größte Interesse an den Tag, bemerkte aber, daß man außer auf diese Neuerungen auch auf die anderen geschäftlichen Angelegenheiten der Güter eingehen müsse, die sich nicht gerade im besten Zustand befänden.
Trotz seines gewaltigen Reichtums fühlte sich Pierre von dem Tag an, da er als Erbe des Grafen Besuchow, wie es hieß, fünfhunderttausend Rubel jährliches Einkommen bezog, doch weit weniger reich als früher, als er von seinem verstorbenen Vater nur seine zehntausend Rubel im Jahr erhalten hatte. Er hatte von den Hauptkonten seines Budgets, die ihm nur unklar vorschwebten, etwa folgende Vorstellung: An den Rat hatte er für alle seine Güter zusammen etwa achtzigtausend Rubel zu zahlen, gegen dreißigtausend Rubel kostete ihn der Unterhalt seiner beiden Häuser in und bei Moskau sowie der Unterhalt der Prinzessinnen, etwa fünfzehntausend gingen für Pensionen und ebensoviel für wohltätige Zwecke drauf, der Gräfin wurden für ihren Unterhalt hundertfünfzigtausend Rubel gesandt, gegen siebzigtausend Rubel mußten für Hypothekenzinsen gezahlt werden, der soeben begonnene Bau einer Kirche kostete ihn in den nächsten zwei Jahren ebenfalls gegen zehntausend Rubel, und das, was ihm dann noch übrigblieb, an die hunderttausend Rubel, ging für dieses und für jenes drauf, ohne daß er selber wußte wie, so daß er fast in jedem Jahr sich gezwungen sah, neue Hypotheken aufzunehmen. Zudem schrieb ihm der Oberverwalter jedes Jahr über Feuersbrünste, Mißernten oder über die Notwendigkeit, an einer Fabrik oder einem Hüttenwerk einen Umbau vorzunehmen. Also war die erste Beschäftigung, die Pierre erwartete, gerade das, wozu er die wenigste Fähigkeit und Neigung besaß: die Regelung der geschäftlichen Angelegenheiten.