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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Zehn Finger und zehn Zehen. Keine Nägel, aber winzige glänzende Gelenke, Kniescheiben und Fingerknochen wie Opale, wie das Juwelenskelett der Erde selbst. Gedenke, Mensch, dass du Staub bist …

Ich erinnerte mich an die entfernten Geräusche des Hôpital, wo das Leben noch weiterging, und an das nahe, gedämpfte Gemurmel zwischen Mutter Hildegarde und Madame Bonheur, die sich darüber unterhielten, dass der Priester auf Mutter Hildegardes Bitte eine Messe lesen würde. Ich erinnerte mich an Madame Bonheurs abschätzende Miene, als sie sich umdrehte, um mich zu betrachten, und sah, wie schwach ich war. Vielleicht sah sie auch schon das verräterische Glühen des nahenden Fiebers; sie wandte sich zu Mutter Hildegarde zurück, und ihre Stimme wurde noch leiser – vielleicht, weil sie vorschlug zu warten; womöglich wurden es ja zwei Begräbnisse.

Und zu Staub wirst du zurückkehren.

Doch ich war von den Toten zurückgekehrt. Nur durch Jamies Macht über meinen Körper war es möglich gewesen, mich von dieser letzten Barriere zurückzuholen, und Meister Raymond hatte das gewusst. Ich wusste auch, dass mich nur Jamie das letzte Stück zurück ins Reich der Lebenden ziehen konnte. Das war der Grund, warum ich vor ihm davongelaufen war, warum ich alles getan hatte, um ihn von mir fernzuhalten, dafür zu sorgen, dass er mir nie wieder nahekommen würde. Ich hatte nicht den Wunsch zurückzukehren; ich wollte nichts mehr fühlen. Ich wollte keine Liebe mehr erleben, nur, damit sie mir wieder entrissen wurde.

Doch es war zu spät. Ich wusste es, auch wenn ich noch darum kämpfte, das graue Tuch festzuhalten. Meine Gegenwehr beschleunigte seine Auflösung nur; es war, als fasste ich nach Nebelschwaden, die kalt und dunstig zwischen meinen Fingern verschwanden. Ich konnte spüren, wie das Licht nahte, blendend und sengend.

Er hatte sich erhoben und stand über mir. Sein Schatten fiel auf meine Knie, also mussten die Wolken aufgerissen sein, denn ohne Licht gibt es keinen Schatten.

»Claire«, flüsterte er. »Bitte. Lass mich dir Trost spenden.«

»Trost?«, sagte ich. »Und wie willst du das tun? Kannst du mir mein Kind zurückgeben?«

Er sank vor mir auf die Knie, doch ich hielt den Kopf gesenkt und blickte auf meine leeren Hände, die mit den Handflächen nach oben auf meinem Schoß lagen. Ich spürte seine Bewegung, als er die Hand ausstreckte, um mich zu berühren, zögerte, zurückwich, sie wieder ausstreckte.

»Nein«, sagte er, und seine Stimme war kaum zu hören. »Nein, das kann ich nicht. Aber … so Gott will … vielleicht schenke ich dir ein anderes?«

Seine Hand schwebte über der meinen, so dicht, dass ich die Wärme seiner Haut spürte. Ich spürte noch mehr: den Schmerz, den er fest im Zaum hielt, die Wut und die Angst, die ihm den Atem raubten, und den Mut, der ihn trotzdem sprechen ließ. Ich nahm meinen eigenen Mut zusammen, ein kläglicher Ersatz für die dichte graue Wolke. Dann nahm ich seine Hand und hob den Kopf, und ich blickte der Sonne mitten ins Gesicht.

Wir saßen gemeinsam auf der Bank, die Hände fest ineinandergeschlungen, reglos, wortlos, und es kam mir wie Stunden vor, während der kühle Regenwind im Laub der Reben unsere Gedanken flüsterte. Wassertropfen besprühten uns bei jedem Windhauch und beweinten Verlust und Trennung.

»Du frierst ja«, murmelte Jamie schließlich und zog seinen Umhang um mich, der die Wärme seiner Haut mitbrachte. Im Schutz des Umhangs kam ich ihm langsam näher und erschauerte mehr über seine verblüffende Unverrückbarkeit, seine plötzliche Hitze, als vor Kälte.

Ich legte meine Hand auf seine Brust, zögernd, als könnte ich mich verbrennen, wenn ich ihn berührte, und so saßen wir noch eine ganze Weile länger da und ließen das Weinlaub für uns reden.

»Jamie«, sagte ich schließlich leise. »Oh, Jamie. Wo bist du gewesen?«

Sein Arm legte sich fester um mich, doch es dauerte eine Weile, bis er antwortete.

»Ich dachte, du wärst tot, a nighean donn«, sagte er so leise, dass ich ihn im Rascheln des Obstgartens kaum hören konnte.

»Ich habe dich dort gesehen – am Boden, ganz am Ende. Gott! Du warst so weiß, und deine Röcke waren so voller Blut … Ich habe versucht, zu dir zu gehen, Claire, sobald ich dich gesehen habe – ich bin auf dich zugelaufen, aber dann hat mich die Garde ergriffen.«

Er schluckte krampfhaft; ich konnte spüren, wie ihm die Bewegung über das ganze Rückgrat lief.

»Ich habe mich gewehrt … mich gewehrt, und, aye, ich habe sie angefleht … aber sie wollten sich nicht aufhalten, und sie haben mich mitgeschleppt. Und sie haben mich in eine Zelle gesteckt und mich dort in dem Glauben gelassen, du wärst tot, Claire – in dem Bewusstsein, dass ich dich umgebracht habe.«

Das leise Beben setzte sich fort, und ich wusste, dass er weinte, obwohl ich sein Gesicht über mir nicht sehen konnte. Wie lange hatte er allein in der Dunkelheit der Bastille gesessen, allein bis auf den Blutgeruch und die leere Hülle seiner Rache?

»Ist ja gut«, sagte ich und drückte meine Hand fester gegen seine Brust, als wollte ich den hastigen Schlag seines Herzens zur Ruhe bringen. »Jamie, es ist gut. Es … es war nicht deine Schuld.«

»Ich habe versucht, meinen Kopf vor die Wand zu rammen – nur um nicht weiter nachdenken zu müssen«, sagte er beinahe flüsternd. »Also haben sie mich an Händen und Füßen gefesselt. Und am nächsten Tag hat de Rohan mich gefunden und mir gesagt, dass du noch am Leben warst, wenn auch vermutlich nicht mehr lange.«

Dann schwieg er, doch ich konnte den Schmerz in seinem Inneren spüren, scharf wie Kristallspitzen aus Eis.

»Claire«, murmelte er schließlich. »Es tut mir leid.«

Es tut mir leid. Das waren die Worte auf der Note, die er für mich zurückgelassen hatte, ehe die Welt in Scherben ging. Doch jetzt verstand ich sie.

»Ich weiß«, sagte ich. »Jamie, ich weiß. Fergus hat es mir erzählt. Ich weiß, warum du gegangen bist.«

Er holte bebend Luft.

»Aye, nun ja …«, sagte er und verstummte.

Ich ließ meine Hand auf seinen Oberschenkel fallen; seine Reithose, die vom Regen kalt und feucht war, fühlte sich rauh an.

»Hat man dir gesagt – als du entlassen wurdest –, warum man dich gehen lässt?« Ich bemühte mich, ruhig zu atmen, doch es gelang mir nicht.

Sein Oberschenkel spannte sich unter meiner Hand an, doch er hatte seine Stimme jetzt besser unter Kontrolle.

»Nein«, sagte er. »Nur dass es … das Pläsier Seiner Majestät sei.« Das Wort »Pläsier« war mit einer wohlgesetzten Heftigkeit unterstrichen, die keinen Zweifel daran ließ, dass er natürlich wusste, auf welchem Weg er freigekommen war, ob seine Wächter es ihm erzählt hatten oder nicht.

Ich biss mir fest auf die Unterlippe und versuchte zu entscheiden, was ich ihm jetzt sagen sollte.

»Es war Mutter Hildegarde«, fuhr er mit gefasster Stimme fort. »Ich bin sofort zum Hôpital des Anges gegangen, um dich zu suchen. Und habe Mutter Hildegarde angetroffen und das Briefchen bekommen, das du für mich dort gelassen hattest. Sie … hat es mir erzählt.«

»Ja«, sagte ich und schluckte. »Ich bin beim König gewesen …«

»Ich weiß!« Seine Hand legte sich fester um die meine, und seine Atemgeräusche verrieten mir, dass er die Zähne aufeinandergebissen hatte.

»Aber Jamie … als ich dort war …«

»Himmel!«, sagte er und richtete sich plötzlich auf, um mich anzusehen. »Weißt du denn nicht, was ich … Claire.« Er schloss kurz die Augen und holte tief Luft. »Ich habe es auf dem ganzen Ritt nach Oviedo vor mir gesehen, seine Hände auf dem Weiß deiner Haut, seine Lippen an deinem Hals, seinen … seinen Schwanz … ich habe ihn beim Lever gesehen … ich habe vor mir gesehen, wie das verdammte dreckige Stummelding in dich … Gott, Claire! Als ich im Gefängnis saß, habe ich gedacht, du wärst tot, und als ich dann nach Spanien geritten bin, habe ich mir gewünscht, du wärst es!«

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