Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Da er begriff, dass es mir ernst war, gab er den Widerstand auf. Er leckte sich zwar zögernd die Lippen, doch er ließ die Schultern hängen, und ich wusste, dass ich ihn hatte.
»Es war … ein Engländer, Milady. Mit einem Ring.«
»Wann?«
»Vor langer Zeit, Madame! Im Mai.«
Ich holte tief Luft und rechnete nach. Drei Monate. Vor drei Monaten hatte Jamie das Haus verlassen, um ein Bordell aufzusuchen und seinen Lagerhausaufseher auszulösen. Begleitet von Fergus. Vor drei Monaten war Jamie Jack Randall in Madame Elises Etablissement begegnet und hatte etwas gesehen, das alle Versprechen null und nichtig gemacht hatte – das in ihm die Entschlossenheit geweckt hatte, Jack Randall umzubringen. Vor drei Monaten war er gegangen – um nie zurückzukehren.
Es erforderte beträchtliche Geduld und einen festen Griff um Fergus’ Oberarm, doch schließlich gelang es mir, ihm die Geschichte zu entlocken.
Bei Madame Elise angekommen, hatte Jamie Fergus aufgetragen, auf ihn zu warten, während er nach oben ging, um das Finanzielle zu regeln. Da er aus Erfahrung wusste, dass dies eine Weile dauern konnte, war Fergus in den großen Salon gewandert, wo eine Reihe junger Damen, die er kannte, miteinander plauderten und sich gegenseitig das Haar frisierten, während sie auf Kundschaft warteten.
»Vormittags ist manchmal nicht viel zu tun«, erklärte er mir. »Aber dienstags und freitags kommen die Fischer die Seine hinauf, um ihren Fang morgens auf dem Markt zu verkaufen. Dann haben sie Geld, und Madame Elise macht gute Geschäfte, also müssen les jeunes filles nach dem Frühstück bereit sein.«
In diesem Fall waren die meisten »Mädchen« eher die älteren Insassinnen des Etablissements; Fischer galten nicht als die ausgesuchtesten Kunden und gingen daher automatisch an die weniger begehrenswerten Prostituierten. Doch dazu zählten auch die meisten von Fergus’ alten Freundinnen, und so verbrachte er eine nette Viertelstunde damit, sich im Salon hätscheln und tätscheln zu lassen. Einige frühe Kunden tauchten auf, trafen ihre Wahl und entfernten sich in die oberen Stockwerke – Madame Elises Haus war zwar schmal, aber dreistöckig –, ohne das Gespräch der verbleibenden Damen zu stören.
»Und dann ist der Engländer mit Madame Elise hereingekommen.« Fergus hielt schluckend inne, und sein großer Adamsapfel hüpfte beklommen in seinem schmalen Hals auf und ab.
Fergus, der schon Männer in jedem Stadium der Trunkenheit und Erregung gesehen hatte, wusste, dass der Hauptmann die Nacht durchgezecht hatte. Randall war rot im Gesicht, seine Kleider waren ungeordnet und seine Augen blutunterlaufen. Ohne Madame Elises Verkuppelungsversuche mit einer der Prostituierten zu beachten, hatte er sich von ihr gelöst und war durch das Zimmer spaziert, während sein rastloser Blick die feilgebotene Ware inspizierte. Dann war sein Auge auf Fergus gefallen.
»Er hat gesagt: ›Du, komm mit‹, und mich beim Arm genommen. Ich habe nein gesagt, Madame – ich habe ihm gesagt, dass mein Brotherr oben ist und es nicht geht –, doch er wollte nicht hören. Madame Elise hat mir zugeflüstert, dass ich mitgehen sollte; sie würde das Geld hinterher mit mir teilen.« Fergus zuckte mit den Schultern und sah mich hilflos an. »Ich wusste, dass die, die kleine Jungen bevorzugen, normalerweise nicht sehr lange brauchen; ich dachte er würde längst fertig sein, bis Milord zum Gehen bereit war.«
»Jesus H. Christ«, sagte ich. Meine Finger ließen los und glitten fühllos an seinem Ärmel hinab. »Heißt das … Fergus, hattest du das schon öfter getan?«
Er sah aus, als hätte er am liebsten geweint. Das hätte auch ich gern getan.
»Nicht sehr oft, Madame«, sagte er und flehte geradezu um Verständnis. »Es gibt Häuser, die darauf spezialisiert sind, und normalerweise gehen die Männer, die so etwas mögen, dorthin. Aber manchmal hat mich ein Kunde gesehen und Lust bekommen …« Seine Nase fing an zu laufen, und er wischte sich mit dem Handrücken darüber.
Ich kramte in meiner Tasche nach einem Taschentuch und reichte es ihm. Inzwischen fing er bei der Erinnerung an jenen Freitagmorgen an zu schniefen.
»Er war viel größer, als ich dachte. Ich habe gefragt, ob ich ihn in den Mund nehmen könnte, aber … aber er wollte …«
Ich zog ihn an mich und drückte ihn fest an meine Schulter, so dass der Stoff meines Kleides seine Stimme dämpfte. Seine zerbrechlichen Schulterblätter fühlten sich unter meiner Hand wie Vogelschwingen an.
»Erzähl nicht weiter«, sagte ich. »Lass es. Es ist gut, Fergus; ich bin nicht wütend. Aber erzähl mir nichts mehr.«
Dies war eine fruchtlose Anweisung; nach so vielen Tagen der Angst und des Schweigens konnte er nicht aufhören zu reden.
»Aber es ist doch alles meine Schuld, Madame!«, platzte er heraus und löste sich von mir. Seine Unterlippe zitterte, und die Tränen stiegen ihm in die Augen. »Ich hätte stillhalten sollen; ich hätte nicht aufschreien dürfen! Aber ich konnte es nicht verhindern, und Milord hat mich gehört, und … und er kam hereingestürzt … und … oh, Madame, ich hätte es nicht tun sollen, aber ich bin zu ihm gelaufen, und er hat mich hinter sich geschoben und den Engländer ins Gesicht geschlagen. Und dann ist der Engländer aufgestanden und hatte den Hocker in der Hand, und er hat damit geworfen, und ich hatte solche Angst, dass ich aus dem Zimmer gerannt bin und mich in der Besenkammer am Ende des Flurs versteckt habe. Dann kam solches Geschrei und Gepolter und ein furchtbarer Knall und noch mehr Geschrei. Und dann hat es aufgehört, und kurz darauf hat Milord die Tür der Besenkammer geöffnet und mich herausgeholt. Er hatte meine Kleider dabei, und er hat mich selbst angezogen, weil ich meine Knöpfe nicht zubekam … meine Finger haben so gezittert.«
Er packte mich mit beiden Händen am Rock, und vor lauter Not, mich zu bewegen, ihm zu glauben, verzog sich sein Gesicht zu einer schmerzerfüllten Äffchenmaske.
»Es ist meine Schuld, Madame, aber ich wusste es doch nicht! Ich wusste nicht, dass er mit dem Engländer kämpfen würde. Und jetzt ist Milord fort, und er kommt nie mehr wieder, und es ist alles meine Schuld!«
Er warf sich heulend vor meine Füße. Er weinte so laut, dass ich nicht das Gefühl hatte, dass er mich hören würde, als ich mich vorbeugte, um ihn hochzuziehen, aber ich sagte es dennoch.
»Es ist nicht deine Schuld, Fergus. Es ist auch nicht die meine – aber du hast recht; er ist fort.«
Nach Fergus’ Beichte versank ich noch weiter in meiner Apathie. Die graue Wolke, die mich seit der Fehlgeburt umgab, schien sich enger um mich zu schließen und hüllte mich in einen schützenden Schleier, der selbst das Licht des strahlendsten Tages dämpfte. Geräusche schienen schwach zu mir vorzudringen wie der leise Klang eines Nebelhorns auf See.
Louise stand vor mir und blickte mit sorgenvoll gerunzelter Stirn auf mich hinunter.
»Du bist viel zu dünn«, schimpfte sie. »Und so weiß wie ein Teller Kutteln. Yvonne sagt, du hast schon wieder nicht gefrühstückt!«
Ich wusste nicht mehr, wann ich das letzte Mal Hunger gehabt hatte. Es schien mir nicht besonders wichtig zu sein. Lange vor dem Bois de Boulogne, lange vor meiner Reise nach Paris. Ich richtete den Blick auf das Kaminsims und verlor mich in den Schnörkeln der Rokokoschnitzereien. Louises Stimme redete weiter, doch ich hörte ihr nicht zu; sie war nur ein Geräusch im Zimmer wie das Rascheln eines Astes, der an der steinernen Wand des Château entlangschabte, oder das Summen der Fliegen, die vom Geruch meines beiseitegeschobenen Frühstücks angelockt worden waren.
Ich sah zu, wie sich eine von ihnen plötzlich von den Eiern erhob, als Louise in die Hände klatschte. Unter wütendem Summen drehte sie kleine Kreise, um sich dann erneut an ihrer Futterstelle niederzulassen. Hinter mir waren herbeieilende Schritte zu hören, Louise bellte einen Befehl, ein unterwürfiges »Oui, Madame«, das plötzliche »Wack!« einer Fliegenklatsche, und das Dienstmädchen begann, die Fliegen eine nach der anderen zu erledigen. Sie ließ die kleinen schwarzen Leichen in ihre Tasche fallen, nachdem sie sie vom Tisch gezupft und die Schmierspur mit einer Ecke ihrer Schürze abgewischt hatte.