Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Auf das Nicken des Königs hin nahm ich den Becher und wandte mich mechanisch dem Comte zu. Vielleicht anderthalb Meter Teppich. Ich ging den ersten Schritt, dann noch einen, und meine Knie zitterten heftiger als vorhin, als ich in dem kleinen Vorzimmer mit dem König allein gewesen war.
Die Weiße Dame sieht die wahre Natur der Menschen. Wirklich? Wusste ich die Wahrheit über einen von ihnen, Raymond oder den Comte?
Hätte ich es verhindern können? Das fragte ich mich hundertmal, tausendmal – später. Hätte ich anders handeln können?
Ich erinnerte mich an meinen zufälligen Gedanken bei meiner ersten Begegnung mit Charles Stuart; wie praktisch für alle, wenn er einfach starb. Doch man kann doch einen Menschen nicht seiner Überzeugungen wegen töten, selbst wenn die Ausführung dieser Überzeugungen Unschuldigen den Tod bringen wird – oder?
Ich wusste es nicht. Ich wusste nicht, ob der Comte schuldig war, ich wusste nicht, ob Raymond unschuldig war. Ich wusste nicht, ob ein ehrenwertes Ziel den Einsatz unehrenwerter Mittel rechtfertigte. Ich wusste nicht, was ein Leben wert war – oder tausend. Ich wusste nicht, was der wahre Preis der Rache war.
Ich wusste, dass der Becher, den ich in den Händen hielt, der Tod war. Der weiße Kristall hing an meinem Hals, und sein Gewicht erinnerte mich an Gift. Ich hatte nicht gesehen, wie Raymond etwas in den Becher gab; niemand hatte es gesehen, dessen war ich mir sicher. Doch ich brauchte den Kristall nicht in die blutrote Flüssigkeit zu tauchen, um zu wissen, was sie jetzt enthielt.
Der Comte sah die Gewissheit in meinem Gesicht; La Dame Blanche kann nicht lügen. Er zögerte und richtete den Blick auf den schäumenden Becher.
»Trinkt, Monsieur«, sagte der König. Seine dunklen Augen waren jetzt wieder verhangen und gaben nichts preis. »Oder habt Ihr Angst?«
Möglich, dass man dem Comte einiges nachsagen konnte, aber Feigheit zählte nicht dazu. Sein Gesicht war bleich und gefasst, doch er erwiderte den Blick des Königs unverwandt mit einem kleinen Lächeln.
»Nein, Majestät«, sagte er.
Er nahm mir den Becher aus der Hand und leerte ihn, die Augen auf die meinen gerichtet. Dort verharrten sie, auf mein Gesicht geheftet, noch als sie glasig wurden, weil sie den Tod spürten. Die Weiße Dame kann die Natur eines Menschen zum Guten wenden oder zur Vernichtung.
Der Körper des Comte ging zuckend zu Boden, und ein Chor von Ausrufen und Schreien erhob sich von den Zuschauern und übertönte jedes Geräusch, das er womöglich ausstieß. Seine Absätze hämmerten kurz und lautlos auf den Blumenteppich; er bäumte sich auf, dann erschlaffte er. Die Schlange, die jetzt wirklich genug hatte, befreite sich aus den zerwühlten weißen Satinfalten und glitt hastig davon, um Zuflucht zwischen Louis’ Füßen zu suchen.
Die Hölle brach los.
Kapitel 28
Und es ward Licht
Ich kehrte aus Paris zu Louises Haus in Fontainebleau zurück. Zur Rue Tremoulins wollte ich nicht – und auch nirgendwo anders hin, wo Jamie mich finden konnte. Er würde nicht viel Zeit zum Suchen haben; er musste mehr oder weniger sofort nach Spanien aufbrechen, sonst riskierte er das Scheitern seines Plans.
Als gute Freundin, die sie nun einmal war, verzieh mir Louise meine List und verzichtete dankenswerterweise auch darauf zu fragen, wo ich gewesen war oder was ich dort getan hatte. Ich sprach kaum mit jemandem, sondern blieb in meinem Zimmer, aß nicht viel und starrte zu den fetten, nackten putti hinauf, die die Zimmerdecke verzierten. Die schiere Notwendigkeit der Reise nach Paris hatte mich kurzfristig aufgeweckt, doch jetzt gab es nichts mehr, was ich tun musste, keinen regelmäßigen Tagesablauf, der mir Halt gab. Wieder begann ich, steuerlos dahinzutreiben.
Dennoch, dann und wann versuchte ich, mich aufzuraffen. Auf Louises hartnäckige Bitten begab ich mich manchmal zu einem Dinner hinunter oder schloss mich an, wenn eine Freundin zum Tee zu Besuch kam. Und ich versuchte, mich um Fergus zu kümmern, den einzigen Menschen auf der Welt, für den ich mich noch verantwortlich fühlte.
Als ich also während meines pflichtbewussten Nachmittagsspaziergangs hörte, wie sich seine Stimme auf der anderen Seite eines Nebengebäudes im Streit erhob, betrachtete ich es als meine Aufgabe nachzusehen, was los war.
Er stand Nase an Nase mit einem der Stalljungen, der größer und breitschultriger war als er und eine finstere Miene trug.
»Halt den Mund, Dummkopf«, sagte der Stalljunge gerade. »Du weißt ja nicht, wovon du redest!«
»Besser als du – deine Mutter hat’s mit einem Schwein getrieben!« Fergus steckte sich zwei Finger in die Nasenlöcher, schob seine Nase hoch und tanzte unter wiederholtem »Oink, oink!« hin und her.
Der Stalljunge, der tatsächlich einen merklich aufwärts gerichteten Rüssel hatte, verschwendete keine Zeit mit nutzlosen Antworten, sondern kam gleich mit geballten Fäusten zur Sache. Innerhalb von Sekunden wälzten sich die beiden kreischend wie die Katzen auf dem matschigen Boden und rissen sich gegenseitig an den Kleidern.
Während ich noch mit mir debattierte, ob ich eingreifen sollte, kam der Stalljunge auf Fergus zu liegen, nahm seinen Hals in beide Hände und fing an, ihm den Kopf auf den Boden zu schlagen. Einerseits war ich zwar durchaus der Ansicht, dass Fergus diese Art der Zuwendung herausgefordert hatte. Andererseits färbte sich sein Gesicht jetzt dunkelrot, und es widerstrebte mir doch, ihn in der Blüte seiner Jahre ableben zu sehen. Ohne große Eile trat ich hinter die beiden Ringkämpfer.
Der Stalljunge kniete rittlings auf Fergus, während er ihn würgte, und ich hatte den zum Zerreißen gespannten Hintern seiner Hose vor mir. Ich holte mit dem Fuß aus und zielte auf die Mittelnaht. Er verlor sein wackeliges Gleichgewicht und fiel mit einem erschrockenen Aufschrei vorwärts auf sein Opfer. Er rollte sich zur Seite und sprang mit geballten Fäusten auf. Dann sah er mich und flüchtete ohne ein Wort.
»Was sollte denn das?«, wollte ich wissen. Ich zerrte Fergus keuchend und japsend hoch und begann, ihm die Kleider auszuklopfen, um ihn zumindest von den schlimmsten Matschklumpen und Heubüscheln zu befreien.
»Sieh dir das an«, sagte ich vorwurfsvoll. »Du hast dir nicht nur das Hemd zerrissen, sondern auch die Hose. Jetzt müssen wir Berta bitten, dir die Kleider zu flicken.« Ich drehte ihn um und befingerte den in Fetzen hängenden Stoff. Anscheinend hatte der Stalljunge seinen Hosenbund zu fassen bekommen und die seitliche Naht aufgerissen; der Leinenstoff hing ihm von den schmalen Hüften, so dass seine Gesäßbacke so gut wie entblößt war.
Ich verstummte plötzlich und starrte ihn an. Es war nicht der entwürdigende Anblick seiner nackten Haut, der mich gefangen hielt, sondern eine kleine rote Stelle darauf. Sie war etwa so groß wie ein Halfpennystück und hatte die dunkelrote Farbe einer frisch verheilten Brandverletzung. Ich berührte sie ungläubig mit dem Finger, und Fergus fuhr alarmiert zusammen. Die Kanten der Verletzung waren eingesunken; was auch immer sie verursacht hatte, war ihm tief in die Haut gedrungen. Ich packte den Jungen am Arm, um ihn am Davonlaufen zu hindern, und bückte mich, um die Wunde genauer zu inspizieren.
Aus einer Entfernung von zwanzig Zentimetern war der Umriss der Verbrennung klar zu erkennen; es war ein Oval, in dessen Inneren sich verschwommene Linien abzeichneten, die einmal Buchstaben gewesen sein mussten.
»Wer hat dir das angetan, Fergus?«, fragte ich. Meine Stimme war mir selber fremd; übernatürlich ruhig und abwesend.
Fergus versuchte, sich loszureißen, doch ich hielt ihn fest.
»Wer, Fergus?«, wollte ich wissen und schüttelte ihn sacht.
»Es ist nichts, Madame; ich habe mich verletzt, als ich vom Zaun gerutscht bin. Es ist nur ein Splitter.« Seine großen schwarzen Augen fuhren hastig hin und her, weil sie einen Ausweg suchten.
»Das ist kein Splitter. Ich weiß, was es ist, Fergus. Aber ich will wissen, wer das getan hat.« Ich hatte so etwas erst einmal zuvor gesehen, und damals war die Wunde frisch gewesen; diese hier hatte schon Zeit zum Heilen gehabt. Doch die Spur eines Brandeisens ist unverwechselbar.